Die Jan-Evangelista-Purkyne Universität in Usti nad Labem/Aussig

Jedes Jahr im Mai ist es in Tschechien wieder so weit: Tausende von Abiturienten legen die Reifeprüfung ab und bewerben sich anschließend in qualvollen und zunehmend kritisierten Aufnahmeprüfungen um einen Studienplatz. Besonders begehrt, aber auch besonders rar im Vergleich zur Zahl der Bewerber sind dabei die Studienplätze an der Prager Karlsuniversität, der ältesten Universität Mitteleuropas. Doch auch jenseits der Karlsuniversität und anderer traditionsreicher Universitäten wie der im mährischen Brno/ Brünn oder Olomouc/ Olmütz haben sich hierzulande nach der Wende eine Reihe an Hochschulen gegründet, an denen es - wie wir finden - interessante Entwicklungen zu beobachten gibt. Eine von ihnen, die Jan-Evangelista-Purkyne-Universität (UJEP) in Usti nad Labem/ Aussig stellen wir Ihnen in der heutigen Ausgabe von Forum Gesellschaft vor.

"Ich hab jahrelang hier gearbeitet und bin täglich gependelt, weil ich immer gedacht hab: Usti ist nicht die Stadt, in der ich tatsächlich Fuß fassen und leben möchte. Und ich denke: Auch wenn Usti architektonisch nicht die schönste Stadt ist...Und ich hab mich dann immer nach dem Motto gerichtet, dass nicht der Ort die Menschen schön macht, sondern die Menschen den Ort. Und da ich hier inzwischen sehr viele nette Menschen kenne, fühle ich mich in Usti ganz wohl."

Hana Bergerova, Leiterin des Lehrstuhls Germanistik an der Pädagogischen Fakultät der Aussiger Universität, spricht eine unübersehbare Tatsache an: Trotz seiner wunderschönen Lage im Elbetal zählt Usti durch seine bereits von weitem erkennbare Plattenbauarchitektur nicht eben zu den reizvollsten tschechischen Städten - eher im Gegenteil. Ein Kriterium, das auch für Renata Cornejo, stellvertretende Institutsleiterin am Lehrstuhl für Germanistik, längst nicht mehr ins Gewicht fällt. Auch sie hatte ursprünglich - als sie 1991 nach Usti kam - nicht vor, sich längerfristig dort niederzulassen. In den vergangenen zwölf Jahren hat sich durch die Universitätsgründung aber einiges getan in dem verschlafenen Städtchen beobachtet Renata Cornejo:

"Tatsächlich war hier Anfang der 1990er Jahre wenig Studentenleben. Es war auch üblich bei den Studenten, dass sie am Wochenende immer nach Hause waren, und die Stadt war am Wochenende eigentlich so gut wie tot. Aber inzwischen haben sich hier einige Einrichtungen etabliert, auch die Studenten selbst entwickeln Aktivitäten, gründen Studentenklubs, Kinos, Theater... Und ich denke, das Ganze wächst langsam doch zu einer Studentenstadt."

Umso bedauerlicher, findet Institutsleiterin Hana Bergerova, dass die Stadtverwaltung diese Tatsache bislang noch nicht so recht zu registrieren scheint:

"Ich würde sagen, bis jetzt hat die Stadt mit der Universität leider noch nicht soviel gemeinsam unternommen.. Aber es gibt Initiativen, diese Zusammenarbeit zu intensivieren. Denn es ist eigentlich schade, dass Usti als Kommune nicht davon profitiert, dass es auch Universitätsstadt ist."

Die Jan-Evangelista-Purkyne-Universität in Usti nad Labem wurde 1991 gegründet und besteht aus vier Fakultäten und drei Instituten, darunter einem Institut für Roma-Forschung und für slawisch-germanische Forschung. Um die 6.500 Studenten studieren gegenwärtig an der Hochschule. Mit Abstand größte Fakultät ist die pädagogische. Und diese, so sagt die Leiterin der Germanistik, Hana Bergerova selbstbewusst, kann sich gegenüber den alten traditionsreichen Universitäten im Land durchaus behaupten:

"Naja, also ich denke: sicher haben wir da mit harter Konkurrenz zu kämpfen. Aber ich denke nicht, dass wir uns vor diesem Konkurrenzkampf fürchten müssen. Wir haben ja auch gut ausgebildete junge Lehrkräfte. Und ich denke, dass unsere Universität für die ganze nordböhmische Region eine außerordentlich wichtige Rolle spielt. Denn die nächste Universität ist die Prager Universität, wo es aber gar nicht so einfach ist, dort einen Studienplatz zu bekommen. Und unsere Studenten kommen eigentlich aus dem ganzen Land - Südmähren, Nordmähren. Also, es scheint, dass unsere Pädagogische Fakultät gar keinen schlechten Ruf hat."

Einen etwas zu passiven Ruf haben mitunter die tschechischen Studenten. Ekkehart Haaring, DAAD-Lektor an der Uni Usti, vergleicht mit seinen Erfahrungen an deutschen, österreichischen und französischen Universitäten:

"Das, was mir als erstes aufgefallen ist, ist natürlich die Zurückhaltung der Studenten. Da hab ich eigentlich mehr Teilnahme erwartet. Und dann wird man ernüchtert: viele haben die Texte noch nicht einmal gelesen. Aber ich kann eben auch sagen: sehr höfliche Studenten, es gibt nicht diese Art von Arroganz, die ich von anderen Unis kenne. Da muss man wahrscheinlich auch ein bisschen abwägen."

Hana Bergerova beobachtet hier jedoch im Vergleich zu ihrer eigenen Studentenzeit erhebliche Veränderungen und auch Renata Cornejo räumt ein:

"Meiner Erfahrung nach in Österreich oder auch in Deutschland, ist das dort ähnlich: Auch dort ist immer ein aktiver Kern und ich kann auch nicht sagen, dass ich da jetzt immer hyperaktive Gruppen gehabt hätte. Insofern denke ich nicht, dass das hier jetzt so unterschiedlich ist im Vergleich zu Österreich und Deutschland."

Studentische Initiativen jedenfalls gab es in den letzten Jahren in Usti so einige. So wurde beispielsweise 1999 von Germanistikstudenten der Studentenverein JANUA gegründet, der Stipendien für tschechische Studenten nach Deutschland und Polen und umgekehrt für deutsche und polnische Studenten nach Tschechien vermittelt. Weiter organisiert JANUA jährlich u.a. einen trinationalen Sprachkurs und ein trinationales Forum (nähere Informationen unter: www.mujweb.cz/www/janua).

Wissenschaftliche Schwerpunkte des Lehrstuhls für Germanistik sind u.a. die Erforschung der deutschen Literatur in Böhmen sowie die österreichische Gegenwartsliteratur. Seit 2001 bietet der Lehrstuhl die Möglichkeit an, die Zertifikatsprüfung im Fach DaF abzulegen. Weiter wurde an der Fakultät bereits das europäische Kreditsystem eingeführt, das den Studenten u.a. ein Teilstudium im Ausland ermöglicht. Doch trotz dieser pro-europäischen Initiativen stehen in der Hochschule gegenwärtig andere Fragen als der tschechische EU-Beitritt im Vordergrund, erklärt Hana Bergerova:

"Die Unterbezahlung der Lehrkräfte an den Universitäten wirkt sich sehr negativ darauf aus, dass junge ambitionierte Menschen nicht an der Uni bleiben. Die meisten jungen Leute haben aber natürlich ganz pragmatische Ziele, wollen Familie gründen. Und dazu braucht man nun einmal Geld. Und das kann man bei uns im Hochschulbereich immer noch nicht verdienen."

Renata Cornejo hingegen verspricht sich von dem EU-Beitritt schon eine Verbesserung der Situation auch an ihrer Hochschule:

"Ich denke, dass sich die EU auch positiv auswirken kann. Gerade im angesprochenen Bereich der Defizite in der Qualifizierung. Insofern, dass sich dadurch die Möglichkeit ergeben wird, sich auch in Deutschland oder Österreich zu qualifizieren. Es gibt gegenwärtig sogar noch Schwierigkeiten, was etwa die Anerkennung eines deutschen Doktortitels in Tschechien anbelangt usw. Und das dürfte sich mit dem Eintritt in die EU ändern und viele Möglichkeiten eröffnen."