Forum Gesellschaft Deutsche Schule Prag: 20 Jahre gute Bildung und 10 Jahre gelebte deutsch-tschechische Begegnung
Die deutsche Wiedervereinigung hat es mit sich gebracht, dass auch in Prag einige innerdeutsche Wandlungen vollzogen worden. So ist zum Beispiel aus der ehemaligen Botschaftsschule der DDR die erste deutsche Auslandsschule in Tschechien, die Deutsche Schule Prag (DSP) entstanden. Sie hat am 4. Oktober 1990 ihren Schulbetrieb aufgenommen und deshalb - wie das vereinte Deutschland - jetzt auch ihr 20-jähriges Jubiläum gefeiert.
Die Deutsche Schule Prag hatte gleich einen doppelten Grund zum Feiern.
Denn neben ihrem 20-jährigen Jubiläum kann sie dieser Tage auch auf ihr
zehnjähriges Wirken als deutsch-tschechische Begegnungsschule
zurückblicken. Eine Tatsache, die noch im Jahr 2000 umstritten war und
damals mehrere Fragen aufwarf. Die wesentlichste Frage sprach der
langjährige Vorstandsvorsitzende der DSP, Johannes Lobkowicz, während
seiner Festrede aus und gab auch selbst die Antwort:
„Ist die Begegnungsschule auch das korrekte Ziel für die Deutsche
Schule in Prag? Ich glaube ja, denn in einem Land, das in der Beziehung
Deutschland-Tschechien von einer Vielzahl von Vorurteilen, guten wie
schlechten, geprägt ist, ist das der richtige Schritt. In einem Land, in
dem vor weniger als 65 Jahren, einer knappen Generation also, drei
Millionen Deutsche schmachvoll vertrieben wurden, nachdem zuvor Zigtausende
von Tschechen von deutschen Besatzern umgebracht, eingesperrt und
schikaniert worden waren, in diesem unserem Gastland ist Begegnung mehr als
nur ein hehres Ziel Berliner Kulturpolitik. Die kleinlichen Vorurteile gilt
es durch großzügiges sich kennen- und schätzen lernen zu ersetzen, die
Geschichte muss gemeinsam aufgearbeitet werden. Das war in der
Vergangenheit eines der maßgeblichen Ziele dieser Schule, seines
Vorstandes, seiner Eltern und Lehrer.“
Angefangen hat die Deutsche Schule Prag im Oktober 1990 mit 26 Schülern,
die sich auf die Klassen 1 bis 6 verteilten. Im Schuljahr 1996/97 führte
die Schule ihren ersten Schülerjahrgang zum Abitur, im Jahr 2004 zog sie
in ein neues, modernes Schulgebäude im fünften Prager Stadtbezirk um. Die
gesamten 20 Jahre aber waren nicht nur von sonnigen Tagen geprägt,
schilderte Lobkowicz:
„Die Vergangenheit dieser Schule war aufregend und teilweise dramatisch.
Die markantesten Meilensteine ihrer Entwicklung waren: die Umwandlung von
einer Realschule in ein Gymnasium, die Umwandlung einer untauglichen
Rechtsform in ein dem Kölner Amt damals bisher unbekanntes neues Modell,
das die Elterngelder steuerfrei gestellt hat, was vorher nicht der Fall
war, der Neubau dieses Schulgebäudes in eine Mischung aus staatlichem,
kameralistischem Denken des Hauptgeldgebers, des deutschen Auswärtigen
Amtes, und des privatwirtschaftlichem Denkens der Eltern, sowie
schließlich die Umwandlung einer Expertenschule in eine Begegnungsschule.
Dies alles lief ab mit einer ganzen Reihe von vollkommen unterschiedlich
agierenden und denkenden Direktoren und mit einem sich ständig wandelnden
Lehrkörper.“
Dennoch, die Verleihung des Prädikats „Exzellente Deutsche
Auslandsschule“ im Jahr 2009 durch die Kölner Zentrale für
Auslandsschulwesen belegt: Die Deutsche Schule Prag hat sich zu einem
festen Baustein in der Schulbildung und in den deutschen-tschechischen
Beziehungen gemausert. Einige der Gründe dafür erfahren Sie im Gespräch
mit der stellvertretenden Schulleiterin, Daniela Faude:
Frau Faude, wie viele Schüler hat die Deutsche Schule Prag heute und wie schlüsseln sie sich auf?
Stellvertretende Schulleiterin Daniela Faude mit der Kollegin Jana Kahánková
„Unsere Schule hat zurzeit 420 Schüler. Wir sind eine Schule, die mit
der Grundschule beginnt und bis zur 12. Klasse zum deutschen Abitur führt.
Sie bietet aber auch den tschechischen Schülern die Möglichkeit,
fakultativ die 13. Klasse zu machen und das tschechische Abitur abzulegen.
In der Grundschule sind wir zurzeit einzügig, dort haben wir 90 Schüler.
In der Sekundarstufe eins und zwei lernen etwa 300 Schüler, wobei zirka
178 Schüler im tschechischen Zweig sind.“
Führen eigentlich beide Zweige zum Abitur?
„Beide Zweige führen zum Abitur. Unsere tschechischen Schüler kommen
in der 6. Klasse zu uns, nach Beendigung der tschechischen Grundschule. Sie
können zuvor bei uns einen Vorkurs in Deutsch besuchen, um zu schauen, ob
Deutsch ihnen liegt oder ob es für sie von Interesse ist, unsere Schule zu
besuchen. Beide Zweige machen nach der 12. Klasse das deutsche Abitur, was
sie berechtigt, in der gesamten EU zu studieren.“
Sie sagen, in der 12. Klasse legen beide Zweige das deutsche Abitur ab. Heißt das mit anderen Worten, das tschechische Abitur ist EU-weit nicht anerkannt?
„Das tschechische Abitur ist auch EU-weit anerkannt. Die
Kultusministerkonferenz in Deutschland hat jedoch vor einigen Jahren
beschlossen, dass das deutsche Abitur eben nach zwölf Jahren abgenommen
wird. Die Deutsche Schule Prag hat sich 2006 dazu entschieden, das dann
auch so durchzuführen. Da wir nun aber das deutsche Abitur schon nach
zwölf Jahren abnehmen, die Tschechen aber nicht bereit waren, uns zu
erlauben, das wir das ihrige auch nach zwölf Jahren abnehmen, müssen halt
die Tschechen, die das tschechische Abitur machen möchten, noch ein
weiteres Jahr zur Schule gehen.“
Sie sprechen von zwei Zweigen, doch die gab es ja nicht immer. Erst vor
zehn Jahren transformierte die ehemalige Expertenschule zur heutigen
Begegnungsschule. Wie ist es dazu gekommen?
„Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zunächst eine andere Frage stellen: Warum macht das der deutsche Staat überhaupt, dass er 140 Auslandsschulen betreibt? Die meisten Auslandsschulen wurden als Expertenschulen gegründet, weil man den deutschen Staatsbürgern auch im Ausland die Möglichkeit geben wollte, ihre Kinder an deutschen Schulen beschulen zu lassen. Auf der anderen Seite sind wir natürlich ebenso ein sehr großer Kulturträger, der auch die deutsche Sprache im Ausland vermitteln will. Aus diesem Grund stellt sich schon die Frage: Wie kann man das am besten zu Wege bringen? Hinzu kommt, dass die damaligen Gründungsväter dieser Begegnungsschule sich von Anfang an zum Ziel gesetzt hatten, solch eine deutsch-tschechische Schule ins Leben zu rufen. Gleichzeitig ist es so, dass wir hier in Tschechien einen besonderen Auftrag haben. Wir wissen alle, dass die Geschichte uns schwere Hürden auferlegt hat, die es zu überspringen gilt. Und wenn sich junge Menschen dann hier an der Schule gemeinsam begegnen, sich kennen lernen und Vorurteile abbauen, dann ist das sicherlich eine gute Sache und trägt zur Versöhnung bei.“
Hat sich denn die Begegnungsschule auch bewährt?
„Ich denke, sie hat sich absolut bewährt. Ich stelle wirklich fest, dass die Begegnung hier jeden Tag gelebt wird zwischen den Schülern, aber auch zwischen den Eltern und den Lehrern. Es ist wirklich ein Erlebnis, wenn Sie bei uns durch die Gänge gehen. Natürlich hören Sie dabei sehr viel Tschechisch, aber dass die Tschechen untereinander tschechisch sprechen und die Deutschen deutsch, das ist normal. Da die Integration der beiden Klassen aber sehr früh beginnt, sieht und hört man trotzdem, dass hier eine gelebte Begegnung stattfindet.“
Zehn Jahre Begegnungsschule, das ist das eine Jubiläum. In der
vergangenen Woche wurde aber auch noch ein zweites Jubiläum gefeiert,
nämlich das 20-jährige Bestehen der Bildungsstätte selbst. Hat Sie dabei
etwas besonders beeindruckt?
„Also beeindruckt hat mich vor allem dieses wunderschöne Fest. Wir haben das Fest zweigeteilt gestaltet, mit einem Festakt und unserem Schulfest. Der Festakt wurde am Donnerstagabend in unserer Schule veranstaltet. Zu diesem Festakt hatten wir auch viele ehemalige Gründungsmitglieder der Schule eingeladen, und ich muss sagen, es war eine wirklich tolle Veranstaltung. Toll auch deshalb, weil wir gezeigt haben, was die Besonderheit unserer Schule ist. Die Schüler haben aktiv am Festakt mitgewirkt, sie waren unter anderem für das Catering verantwortlich, kurz und gut: Es war eine wunderschöne Veranstaltung in einem sehr edlen Ambiente. Am Samstag haben wir dann das Schulfest gefeiert, und zwar im Rahmen des deutsch-tschechischen Oktoberfestes. Mich hat dabei unglaublich beeindruckt, was für eine Freude, was für eine Impulsivität an diesem Tag in unserer Schule geherrscht hat. Das Schulfest hatte zahlreiche Besucher, darunter waren sehr viele Gäste. Und wie ich erfahren habe, waren auch viele Gäste von außen da, die mit der Schule ansonsten nichts zu tun haben. Das hat mich am meisten beeindruckt, muss ich ganz ehrlich sagen.“
Abschließend noch eine persönliche Frage: Macht es sie stolz, an dieser
Schule zu unterrichten?
„Es macht mich absolut stolz, hier zu unterrichten. Ich bin ganz bewusst nach Tschechien gekommen, nach Mittel- und Osteuropa, weil ich es sehr spannend finde, dass sich eben genau die Tschechen und die Deutschen begegnen. Ich bin wirklich froh, dass ich hier arbeiten darf und das auch ein bisschen mit gestalten durfte.“
Fotos: www.dsp-praha.org






