Bürgermeister unisono: Städtepartnerschaft Kamenz/Kolín ist von unten gewachsen

Tschechen und Deutsche leben nicht nur geografisch nebeneinander, sie sind sich in den zurückliegenden Jahren auch immer näher gekommen. Ihren Teil dazu tragen Städtepartnerschaften bei, die aus tschechischer Sicht besonders intensiv zu Partnern in Sachsen sind. Dies belegte Ende 2016 ein Seminar im Verbindungsbüro des Freistaates in Prag. Ein Musterbeispiel hierfür ist die Partnerschaft zwischen Kamenz in Sachsen und Kolín in Mittelböhmen. Sie währt bereits über 50 Jahre. Wir haben darüber mit den Bürgermeistern beider Städte, Roland Dantz (Kamenz) und Vít Rakušan (Kolín), gesprochen.

Kamenz (Foto: Dabbelju, CC BY-SA 3.0)Kamenz (Foto: Dabbelju, CC BY-SA 3.0) Herr Dantz, Herr Rakušan, Sie beide haben uns heute darüber berichtet, dass sie zwischen Ihren Städten Kamenz und Kolín schon eine mehr als 50-jährige Partnerschaft pflegen. Was ist das Geheimnis dieser langen Partnerschaft?

Dantz: „Ich denke, dass das Geheimnis schlicht und ergreifend darin besteht, dass sie nicht – ich will es in Anführungszeichen setzen - von der Obrigkeit erfunden wurde, sondern von den Menschen selbst. Und dass sie die Besonderheit hat, dass die Muisik Menschen verbindet. In unserem Fall ist dies die klassische Blasmusik aus Kolín. Über diese Schiene ist das Ganze über 50 Jahre getragen worden.“

Rakušan: „Genauso ist es. Diese Freundschaft ist von unten her gewachsen, und das ist das Wichtigste. Die Basis dieser Partnerschaft die in der Tat die Blasmusik, die eine große Tradition der Stadt Kolín ist. Und diese Basis hält wirklich fest.“

Wie ist es 1965 überhaupt zu dieser Städtepartnerschaft gekommen?

Kolín (Foto: melechovsky, CC BY 3.0)Kolín (Foto: melechovsky, CC BY 3.0) Dantz. „Ich selbst bin Jahrgang 1958, war damals also noch sehr jung. Mir ist aber bekannt, dass es damals bereits einen regen Austausch unter den Betrieben gab. So auch mit der Post in Kolín, von der seinerzeit auch das Orchester kam. In der Nachkriegszeit gab es sehr große Aktivitäten, um deutsch-tschechische Freundschaften zu entwickeln. Das geschah nach der deutschen Teilung und insbesondere deshalb, um die Schicksalsschläge in beiden Ländern zu überwinden. Im Zuge dieses Austauschs sind dann die Kolíner im August 1965 in großer Zahl – es waren sicherlich 80 Musikanten nebst Begleitung – in Kamenz gewesen. Die freundschaftlichen Bande hat man so auch beim Forstfest gemeinsam gelebt.“

Und wie hat sich das Ganze weiterentwickelt?

Vít Rakušan (Foto: CS92, CC BY-SA 4.0)Vít Rakušan (Foto: CS92, CC BY-SA 4.0) Rakušan: „Nach dem Jahr 1965 sind die Musikanten aus Kolín immer wieder nach Kamenz gekommen. Daraus ist wirklich eine Tradition geworden. Augenzeugen von damals haben mir auch gesagt, dass sie sich dort vom ersten Moment an gefühlt haben, dass die Treffen sehr gut waren und man in Kamenz immer willkommen sei. Gerade wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit die Beziehungen zwischen Deutschen und Tschechen noch nicht besonders gut waren. Aber gerade über diese freundschaftliche Basis hat sich das wirklich verbessert. Nicht zuletzt aufgrund der unvorstellbaren Gastfreundschaft in Kamenz.“

Herr Dantz, Sie haben in Ihrem Vortrag auch erwähnt, dass Kamenz in der früheren Geschichte bis 1635 zu Böhmen gehörte. War das vielleicht auch ein Grund für Sie und Ihre Stadt, um mal zu schauen, wo eigentlich ihre Vorfahren herkamen? Und was haben Sie dann in Kolín vorgefunden?

Dantz: „Ich habe Anfang der 1990er Jahre Kolín im Rahmen einer städtischen Delegation das erste Mal besucht. Man muss dazu sagen, dass Kolín mehr als doppelt so groß ist wie Kamenz – das sind schon sehr beeindruckende Verhältnisse. Was die geschichtlichen Beziehungen der Region angeht, die spürt man ja bis heute in den deutsch-sorbischen Kulturraum hinein. Natürlich liegt die geschichtliche Episode, in der die Oberlausitz eine böhmische Provinz war, im Grunde viele Jahrhunderte zurück. Wer aufmerksam die Oberlausitz, die Stadt Bautzen oder unsere Stadt besucht, wird die Spuren dieser Geschichte erleben. Damit wird deutlich, dass es schon immer einen großen kulturellen Zusammenhang gab und einen großen Kulturraum, der nur heute manchmal etwas neu erfunden wird. Aber er besteht im Grunde schon seit Jahrhunderten.“

Kmochův Kolín (Foto: David Sedlecký, CC BY-SA 3.0)Kmochův Kolín (Foto: David Sedlecký, CC BY-SA 3.0) Herr Rakušan, wir haben bereits gehört, dass die Kultur und vor allem die Blasmusik beide Städte verbinden. Hier gibt es einen gegenseitigen Austausch, und in Ihrer Stadt findet zudem regelmäßig das populäre Blasmusikfestival Kmochův Kolín statt, zu dem auch die Kamenzer stets hinzukommen. Aber welche Bereiche gibt es noch, in denen die Partnerschaft sehr gelebt wird?

Rakušan: „Natürlich ist das neben der Kultur auch der Sport. Zum Beispiel Kegeln verbindet uns seit Jahren. Zudem fanden auch schon Fußballspiele gegeneinander statt. Jetzt sind wir gerade dabei im Bereich des Jugendsports Vereine zu finden, die Interesse haben, an Turnieren in Kamenz oder in Kolín teilzunehmen. Das ist eines der vielen Themen, die wir heute diskutieren sollten: der Jugendsport. Die Jugendlichen auf beiden Seiten der Grenze sitzen nämlich viel zu häufig nur noch vor dem Bildschirm. Deshalb wollen wir sie auch im Rahmen unserer Partnerschaft zum Sport bringen.“

Autowerk der Marken Toyota, Peugeot und Citroën (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Autowerk der Marken Toyota, Peugeot und Citroën (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Wie sieht es mit der Wirtschaft aus? In Kolín ist ja nach der Wende ein großes gemeinsames Autowerk der Marken Toyota, Peugeot und Citroën entstanden. Hat der wirtschaftliche Aufschwung Ihrer Stadt auch zur Partnerschaft beigetragen?

Rakušan: „Wir hoffen, dass wir in Deutschland einige neue Investoren für unsere Industriezone finden können. Man muss jedoch auch ehrlich sein und sagen, dass die Frage der Arbeitslosigkeit in Sachsen ein Thema ist. Wir haben daher hier noch keine konkreten Partner gefunden. Wir können uns aber vorstellen, dass auch auf dieser Basis unsere weitere Zusammenarbeit laufen könnte.“

Herr Dantz, Sie haben erwähnt, dass es auch in Kamenz vorangeht und in Ihrer Stadt eine große Investition getätigt wird. Was für eine Investition ist das und was versprechen Sie sich von ihr?

Roland Dantz (Foto: Archiv der Stadt Kamenz)Roland Dantz (Foto: Archiv der Stadt Kamenz) Dantz: „Die Daimler-AG hat sich entschieden, den Kompetenzstandort Kamenz für die Elektromobilität auszubauen. Das heißt, hier entsteht derzeit das größte Batteriewerk Deutschlands, das sogar noch weitere Ausbaustufen zulässt. Zur wirtschaftlichen Entwicklung kann man ganz klar sagen, dass jede Region wie auch jede Stadt im Wettbewerb ist und ihren Weg suchen muss. Es kann natürlich sein, dass es auch da entsprechende Beziehungen gibt, beispielsweise direkt über die Unternehmen, wo auch Industriekammern und Städte etwas mit fördern können. Sie können hier die Plattform bieten. Andererseits denke ich aber auch, dass der Wirtschaftsraum um Dresden hinsichtlich der Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren und der zuvor erfolgten Abwanderung erstmal eine grundsätzlich erfreuliche Entwicklung nimmt. Wir haben eine Arbeitslosigkeit von deutlich unter sechs Prozent im Raum Kamenz. Daran sehen wir, dass wir den Austausch von Arbeitskräften in beiderseitiger Richtung in der nächsten Zeit stärker kultivieren müssen und auch sollten.“

Wenn ich den Faden mal etwas weiterspinnen wollte, würde ich sagen: Wenn TPCA eines Tages Elektroautos bauen wird, dann könnten die Batterien dazu aus Kamenz kommen…

Rakušan: „Ich werde sicherlich unseren japanischen Partnern empfehlen, dass dies eine sehr gute Idee wäre. Aber was mein Partner Roland gesagt hat, das stimmt auch. Es gibt beispielsweise viele Ärzte aus unserer Region, die eine Gelegenheit suchen, in Deutschland zu arbeiten. Viel von ihnen haben einige dort schon ihren Platz gefunden. Ich persönlich kenne zwei in Dresden. Und es gibt sogar den kuriosen Fall, dass es an Lehrern für Deutsch als Fremdsprache in Deutschland mangelte. So haben tschechische Deutschlehrer nun auch eine Gelegenheit gefunden.“

50 Jahre sind ein tolles Jubiläum, doch Ihre Partnerschaft wird sicher weitergehen. Deshalb meine abschließende Frage: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dantz: „Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir weiter mit einem positiven Gefühl in das nächste Jahrzehnt gehen. Dafür wünsche ich mir Frieden beiderseitige Verständigung. Ich wünsche mir, dass Spannungen, sofern sie auftauchen, mit Vernunft begegnet wird. Und ich wünsche uns allen - im lessingschen Sinne - eine vorurteilsfreie Begegnung.“

Rakušan: „Das war schon sehr schön gesagt. Ich hoffe zudem, dass auch nach unserer Amtszeit wieder Bürgermeister kommen, für die die Partnerschaft genauso wichtig ist wie für uns beide.“