Forum Gesellschaft Buchvorstellung: "Die Tschechen und ihre Nachbarn. Studien zu Schulbuch und Schülerbewusstsein"

03-08-2006 16:27 | Silja Schultheis

Im "Forum Gesellschaft" stellen wir diesmal einen neuen Sammelband des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung vor. Die Beiträge in dem Band kreisen um die zentrale Fragestellung: Welches Bild vom Nachbarland vermitteln Schulbücher in Tschechien, Deutschland, der Slowakei, Österreich, Ungarn? Welches Bild von Tschechien zeichnen etwa deutsche Schulbücher und - umgekehrt - welches Deutschlandbild tschechische Lehrwerke? Über diese und weitere Fragen hat sich Silja Schultheis mit Andreas Helmedach, einem der beiden Herausgeber, unterhalten.

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Andreas HelmedachAndreas Helmedach Herr Helmedach, die Publikation "Die Tschechen und ihre Nachbarn" ist Ergebnis einer Arbeitstagung der deutsch-tschechischen Schulbuchkommission aus dem Jahr 2003, mit dem zentralen Thema: "Nach der Wende: Nachbarn im Schulgeschichtsbuch". Können Sie uns kurz einige wesentliche Ergebnisse dieser Konferenz schildern?

Die Konferenz hat in erster Linie ergeben, dass das Bild der jeweiligen Nachbarnation, das in den Schulbüchern gezeichnet wird, ein sehr ungleichgewichtiges ist. Und das hat natürlich mit der Rolle zu tun, die Deutsche in der böhmischen und tschechischen Geschichte spielen, verglichen mit der Rolle, die Tschechen in der deutschen Geschichte spielen. Da besteht natürlich ein Ungleichgewicht, und dieses Ungleichgewicht bildet sich in den Schulbüchern ab. Und bei der Konferenz ist herausgekommen, dass es doch sehr wünschenswert wäre, wenn zumindest in den Schulbüchern der Bundesländer, die der Tschechischen Republik benachbart sind - und das sind ja große Bundesländer mit Bayern und Sachsen - wenn in diesen Bundesländern der tschechischen Geschichte ein etwas größerer Stellenwert eingeräumt würde.

Können Sie das etwas konkreter sagen: Dieses Bild, das über die Tschechoslowakei und Tschechien in deutschen Schulbüchern gezeigt wird, wie sieht das aus? Wo sind die größten Lücken?

Die tschechische Geschichte wird in den deutschen Schulbüchern nicht kontinuierlich erzählt, das ist ein großes Problem. Das Bild wird erst dichter in den schwierigen Zeiten der 1920er und 1930er Jahren, mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus, mit München, der Zerschlagung der so genannten "Rest-Tschechei", mit der Gründung des Reichsgaus Sudetenland und dem Protektorat Böhmen und Mähren - diese Dinge kommen in den Schulbüchern vor. Aber wie es zur Zuspitzung der Lage gekommen ist, wie es sein kann, dass sich auf dem Gebiet Böhmens zwei so große konkurrierende nationale Bewegungen herausgebildet haben, überhaupt die ganze nationale Thematik wird in den deutschen Schulbüchern viel zu wenig beleuchtet. So dass sich deutsche Schulkinder, wenn sie ihre Schulbücher durchgearbeitet haben, nicht erklären können, wie es dazu kommt, dass so viele Deutsche auf dem Staatsgebiet der Tschechoslowakischen Republik gelebt haben, dass sich die nationalen Gegensätze so zugespitzt haben - das wird alles nicht erläutert.

Wie sieht es umgekehrt aus: Welches Deutschlandbild zeichnen tschechoslowakische beziehungsweise tschechische Schulbücher und wie hat sich dieses Bild nach der Wende verändert?

Das Deutschlandbild hat sich nach der Wende immer stärker differenziert. Und wir können heute sagen, dass man eigentlich zufrieden sein kann und gar keine größeren Desiderata anführen muss.

Jetzt geht es in Ihrem Buch ja nicht nur um das tschechisch-deutsche Verhältnis, sondern insgesamt um das Verhältnis der Tschechen zu ihren Nachbarn. Wie stellt sich das aus der Sicht tschechischer Schulbücher dar, kann man hier allgemeine Aussagen treffen? Es geht in dem Sammelband ja auch um "Nachbarn im eigenen Land" - die Beschäftigung tschechischer Lehrbücher mit der jüdischen Minderheit oder den Roma....

Das hat ja Frau Sewering-Wollanek sehr detailliert untersucht. Man kann hier beobachten, dass beide Gruppen - sowohl die Juden als auch die Sinti und Roma - in fast allen Schulbüchern in erster Linie oder fast ausschließlich als Opfer dargestellt werden. Das heißt sie tauchen in dem Moment auf, wo sie Opfer der nationalsozialistischen Verfolgungen werden und werden in der Zeit davor nur ganz sporadisch erwähnt. So dass sich die Kinder erstens überhaupt nicht erklären können, wie es dazu gekommen ist, dass sich die Verfolgungen gegen diese Gruppe richteten. Und zweitens, wenn Sie sich einmal in die Lage eines Roma-Kindes an einer tschechischen Schule hineinversetzen, dann fehlt ihm in den aktuellen Schulbüchern jede positive Identifikationsmöglichkeit, wenn die eigene Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, nur als Opfer präsentiert und thematisiert wird. Das gilt für die deutschen Schulbücher übrigens ganz genauso.

Im Vorwort zu dem Buch vertreten Sie gemeinsam mit Ihrer Co-Autorin Heidrun Dolezel die These, dass Schulbücher eine wichtige Rolle im tschechisch-deutschen Verhältnis und überhaupt im Verhältnis zwischen verschiedenen Ländern spielen. Man könnte dem entgegenhalten, dass die Bedeutung von Schulbüchern als Orientierungshilfe für Jugendliche sinkt - vor dem Hintergrund, dass andere Medien wie Internet und Fernsehen zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Daran kann es überhaupt keinen Zweifel geben, dass das so ist. Und das gilt nicht nur für die Schulbücher, sondern auch für die Schule. Es ist leider so - und gegen diesen Zug der Zeit können wir uns nicht stellen -, dass die Orientierung, die in der Schule gegeben wird, nur noch ein Orientierungsangebot unter vielen ist, das sich die Jugendlichen suchen - in der Familie, im Internet, im Fernsehen. Und das gilt auch für die Geschichte. Aber das heißt ja noch nicht, dass das Schulbuch oder der Geschichtsunterricht deshalb unwichtig wird. Er muss sich halt mit seinem Orientierungsangebot in dieser Konkurrenzsituation behaupten. Und das gilt auch für das Schulgeschichtsbuch. Und da geschieht nach Meinung von vielen sogar schon zuviel des Guten: Wenn Sie Schulbücher aus der Bundesrepublik der 1950er Jahre in die Hand nehmen, werden Sie feststellen, dass sie nur Text enthielten und vielleicht das ein oder andere Schwarz-weiß-Foto. Und wenn Sie heute ein bundesrepublikanisches Schulbuch in die Hand nehmen, dann ist das schreiend bunt und mit allen möglichen Arten von Abbildungen, Farbblöchen, Kästchen etc. Und wenn Sie tschechische Geschichtsbücher in die Hand nehmen, dann ist dieselbe Entwicklung dort in sehr viel kürzerer Zeit auch geschehen. Die Schulbücher dort haben ihr äußeres Bild seit der Wende total verändert. Sie sind, was all diese modernen Darstellungsformen angeht, völlig auf dem europäischen Niveau angelangt. Und durch diese Entwicklung versuchen die Schulbuchautoren natürlich Schritt zu halten mit der Entwicklung der anderen Medien und, wenn Sie so wollen, mit der Medienbildung der Kinder.

Wer ist eigentlich die Hauptzielgruppe für ihre Publikation, sind das überwiegend Lehrer?

Wir würden uns freuen, wenn der ein oder andere Lehrer dieses Buch in die Hand nimmt. Aber die Hauptzielgruppe sind die Schulbuchautoren. Ich hoffe, dass möglichst viele Schulbuchautoren, Verlagskräfte, auch Leute, die sich an der Universität mit Geschichtsdidaktik beschäftigen, dieses Buch in die Hand nehmen, um Folgerungen daraus zu ziehen.

Das Buch spiegelt die Diskussion auf Ihrer Arbeitstagung von vor drei Jahren wider. Wie sieht es gegenwärtig aus - es gab ja auch in diesem Frühjahr eine Arbeitstagung der deutsch-tschechischen Schulbuchkommission und für nächstes Jahr ist eine weitere Schulbuchkonferenz geplant. Welche Themen beschäftigen tschechische und deutsche Schulbuchexperten gegenwärtig am meisten?

In der gemeinsamen deutsch-tschechischen Schulbuchkommission werden wir im nächsten Jahr bei einer Konferenz im mährischen Telc den chronologischen Durchlauf durch die deutsch-tschechische Beziehungsgeschichte beenden. Die Konferenz soll den Titel tragen: "1968 und 1989 - politische und soziale Bewegungen, Ziele und Resultate im deutsch-tschechoslowakisch-europäischen Kontakt und Vergleich". Da geht es darum, diese komplexen Epochen und Umbruchjahre in ihrer Reflexion in den heutigen Schulbüchern zu analysieren.

Heidrun Dolezel und Andreas Helmedach (Hrsg.): Die Tschechen und ihre Nachbarn. Studien zu Schulbuch und Schülerbewusstsein (Studien zu internationalen Schulbuchforschung, Band 113). Hannover 2006

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