1920: Ein sentimentaler Schlager

Eduard Bass und Jiří Červený punkten mit einem Lied über den Verlust ihrer Jugend.

Soňa Červená (Foto: Aerofilms)Soňa Červená (Foto: Aerofilms) Das Jahr 1920 – das Leben nach dem Krieg normalisiert sich langsam wieder. Und vor allem in Prager Kulturkreisen wird es wieder lebhaft. Es entstehen viele Theater und Cabarets, die Menschen wollen sich amüsieren. Das Prager Cabaret-Ensemble „Die Rote Sieben“ (Červená sedma) ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Es eröffnet eine Filiale in Brno / Brünn und bereist sogar die Fans auf dem Land, für die der Weg in die Stadt zu weit ist.

Eines seiner bekanntesten Lieder ist der Schlager „Písnička z mládí“ (auf Deutsch etwa: „Ein Lied aus der Jugend“). Er geht zurück auf einen abendlichen Spaziergang des Texters Eduard Bass und des Komponisten Jiří Červený nach einem Auftritt der Roten Sieben in Kolín. Der Musikwissenschaftler Josef Kotek hat herausgefunden, dass die zwei Autoren einen Tanzabend im dortigen Restaurant Na Zámecké und den Refrain eines dort gespielten Liedes in die Komposition haben einfließen lassen. Bei dem Besuch der Veranstaltung ist ihnen wohl bewusst geworden, dass Tanzabende nichts mehr für sie sind, dass sich dort schon die nächste Generation vergnügt.

Zum Song „Písnička z mládí“
Autoren: Eduard Bass und Jiří Červený
Klavier: Jiří Červený

Daran knüpft eine Merkwürdigkeit an. Außer den gedruckten Ausgaben dieses Chansons wurde im Archiv der Roten Sieben auch eine spätere handschriftliche, fast selbstkritische Bemerkung von Jiři Červený gefunden. Sie lautet: „Dies ist kein sentimentales Lied, es beschreibt eher eine realistische Resignation.“ Dabei war Bass, als er den Text schrieb, erst 32 Jahre alt, Červený war ein Jahr älter… Man könnte sie fast als „junge alte Männer“ bezeichnen, oder?

Das „Lied aus der Jungend“ beschreibt für uns heute die Stimmung der damaligen Generationen. Etwas ganz Besonderes ist die Aufnahme, die sie nun hören. Denn Autor Červený selbst begleitet am Klavier seine Tochter, die weltberühmte Opernsängerin Soňa Červená.

Der Refrain des Liedes lautet:

Ach Lied, das ich so mochte!
Ich spüre es ja, ich weiß es ja,
dass ich nicht mehr, nicht mehr jung bin,
dass ich nicht mehr, nicht mehr jung bin!

Ereignisse 1920
■ 10. Januar: Der neu gegründete Völkerbund trifft sich zum ersten Mal.
■ 29. Februar: Die Verfassung der Tschechoslowakischen Republik wird verabschiedet.
■ Im Laufe des Jahres wird die erste Strophe des slowakischen Liedes „Über der Tatra blitzt es“ (Nad Tatrou sa blýska) ein Teil der tschechoslowakischen Hymne. Und die legendäre tschechische Marionette Spejbl wird geschaffen.

Ab Sonntag bis zum darauf folgenden Samstag können Sie abstimmen, welcher Song aus der Woche Ihnen am meisten gefallen hat. (mehr...)