Gesund in Europa Qualm im Parlament des Volkes
Verzicht oder Gewinn - Argumente der Psychologie sind im Kampf gegen das Rauchen wichtig, aber offenbar nicht ausreichend. Wir kommen nach Frankreich: Wenn es um das Werbeverbot für Tabak geht, ist man dort wenig tolerant. Eine Zeitung ist etwa zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil sie ein Sportfoto veröffentlichte, auf dem das Logo einer Zigarettenmarke erkennbar war. Die so genannten "Tabacs" sind dagegen immer gut besucht. Café, Tabakhändler, Spielwiese, Post, Supermarkt oder Zeitschriftenladen: Der Tabac ist nicht nur Treffpunkt für Raucher. Dort trifft sich der Arbeiter zum Kaffee mit seinen Kollegen, der Geschäftsmann zum preisgünstigen Mittagessen oder der Jugendliche zur Happy Hour. Tabac - Der Treffpunkt. Eine Reportage von Nadine Baier von Radio France Internationale:
Sie blinkt, ist orange-rot und länglich: Die Tabakkarotte. Diese rote
Raute ist eines der wohl bekanntesten Schilder in Frankreich. Der Raucher
verbindet mit ihr ein Gefühl der Erleichterung und Befreiung: Die Karotte
weist den Weg zur Sucht, den Weg in ein "Tabac". Viele Märchen
kreisen um die Geschichte der Tabakkarotte, so z.B. dass sie geraspelt den
Tabak länger frisch hält. Die Erklärung ist zwar lustig, aber falsch.
Daniel, der seit dreißig Jahren im Geschäft ist, klärt auf:
"Die Geschichte der Karotte ist sehr, sehr alt und reicht in die Zeit zurück, in der Tabak zum Kauen in roten Behältern angeboten wurde. Diese Behälter hießen Karotten und man konnte den Tabak pfundweise kaufen. Das war in den dreißiger Jahren. Heute erinnert nur noch das Schild an diese Zeit. Es soll die Kunden anlocken und sie eventuell auch in die Bar ziehen, denn ein Tabac ist in den meisten Fällen gleichzeitig eine Bar. Und vielleicht, so denkt sich das der Besitzer, kauft er auch noch etwas anderes. Das wird alles immer schwieriger, heute muss man wirklich mit allen Mitteln arbeiten. Mit dem Tabakverkauf alleine macht man heute keinen Gewinn, aber als Werbemittel hilft es ungemein. Für eine verkaufte Schachtel bekommt der Händler sechs Prozent, der größte Teil geht selbstverständlich an den Staat."
Der Behälter war früher sogar ein Politikum. Für das Volk gab es beispielsweise Behälter mit den Gesichtern von Voltaire, für die Royalisten das Konterfei von Ludwig XIV. Letztendlich brachte ein Franzose, Jean Nicot, die Tabakpflanze - zunächst als Heilmittel und Zierpflanze - nach Europa, gab ihr seinen Namen, Nicotiana, und schickte Ableger dieser Pflanze an Katharina von Medici nach Paris.
Eine lange Schlange bildet sich an der Kasse des "Tabac
Twickenham" am belebten Pariser Boulevard St. Germain. Doch nicht nur
Raucher müssen warten. Ein Tabac hat alles, was das Herz begehrt:
Briefmarken, U-Bahn-Fahrkarten, Taschentücher, Kaugummis, Zeitungen,
Telefonkarten, Spiele und viele Menschen am Tresen nebenan. Die kommen zum
Flippern, zum Bier mit dem Nachbarn, zum Kaffee mit dem Chef oder zur
einsamen Rapido-Partie - nur in Tabacs zu spielen, handelt es sich dabei
um ein lottoähnliches Glücksspiel, bei dem man jedoch alle fünf Minuten
gewinnen bzw. verlieren kann. Geascht wird auf den Boden, wie an jedem
Pariser Tresen - so lautet die Hygienevorschrift in Paris. In einen Tabac
kommt Gott und die Welt, ganz nach dem Motto Balzacs: Der Tresen eines
Cafés ist das Parlament des Volkes.
"Ein Tabac ist das altertümliche System, Zigaretten an einem einzigartigen Ort zu präsentieren, während es in anderen Ländern Automaten gibt", sagt Patrick, Geschäftsführer in der Bar. Willy, ein deutscher Kunde, gibt ihm Recht:
"Es gibt ja keine Automaten in Frankreich. Also müssen alle die, die
gerne rauchen, zum Tabac gehen. Und das bedeutet, dass da viele Leute
vorbeikommen. Ich kann ein bisschen beobachten, wie die Leute angezogen
sind, wie sie sich geben, viele Leute kommen auch mit Wagen dahin, Taxis
laden die Leute ab, die dort nur Zigaretten holen und dann weiterfahren...
Es ist jedenfalls immer sehr interessant, dort zu sitzen."







