Gesund in Europa Gesund in Europa - 1

02-04-2006 | Gerald Schubert

Überbordender Autoverkehr: Einer der Hauptverursacher von Luftverschmutzung in den europäischen Ballungszentren - nicht nur in Prag. Im September 2005 unterbreitete die EU-Kommission Vorschläge für eine Strategie der Luftreinhaltung, den Entwurf einer Luftqualitätsdirektive sowie Obergrenzen für Partikel, also so genannten Fein- und Grobstaub. Genau diesen Partikeln wenden wir uns nun im letzten Beitrag dieser Ausgabe von "Gesund in Europa" zu. Und wir werfen dabei einen Blick in den Norden unseres Kontinents, konkret nach Finnland. In Europa zählt Helsinki zwar zu den Hauptstädten mit der saubersten Luft. Aber besonders im Winter und Frühjahr, da hat die Stadt an vielen Tagen ein Partikelproblem. Stefan Tschirpke berichtet:

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HelsinkiHelsinki Vor Ort am Mannerheimtie, der wichtigsten Zufahrtsstraße Helsinkis. Vierspurig schlängelt sie sich durch Häuserschluchten. Ein Wintertag mit trockener Kälte, klarem Himmel, fast Windstille. Superwetter, freut sich der Bürger. Ein tückischer Tag, sagt Professor Matti Jantunen, Experte für Lufthygiene beim Institut für Volksgesundheit.

"Dann atmen wir Luftverunreinigungen ein, die drei- bis viermal so hoch sind wie normalerweise. Sie gehen ganz tief in die Lunge. Die kleineren gehen durch die Blutzirkulation bis in das Gehirn und in das Herz."

Die kleineren heißen Feinpartikel. Sie entstehen dort, wo Verbrennungsprozesse ablaufen: In den Saunaöfen der Sommerhäuschen, im Kamin beim Verbrennen von Birkenholz, und in den Motoren der PKW und Busse, die sich auf dem Mannerheimintie zum Zentrum schieben. Die für das bloße Auge unsichtbaren Feinpartikel sind ein europaweites Übel. Helsinki schneidet dabei, verglichen mit Giftküchen wie Athen oder Rom, noch gut ab. Aber:

"Alles andere in Helsinki ist meistens viel besser. Nur die Grobpartikel an einigen Winter- und Frühlingstagen, wenn es trocken ist...! Es gibt an solchen Tagen viel Staub, die Belastung durch Grobpartikel kann dann sehr hoch sein", sagt Professor Matti Jantunen.

An diesem perfekten Wintertag wird die EU-Höchstgrenze für Grobpartikel in Helsinki weit überschritten. Das passiert nicht sehr oft. Dann ist es allerdings an bestimmten Ecken in Helsinki unerträglich.

Motorenlärm, überlagert von einem hellen Surren der Spikesreifen. Die PKW sind für den Winter gerüstet. Auf den Straßen erscheinen Streufahrzeuge. Im Laufe eines Winters verteilen sie allein in der Region Helsinki rund 30.000 Tonnen Split.

"Die Spikes führen nicht nur zu starkem Asphaltabrieb, sondern zermalen auch den Streusplit. So bildet sich viel Staub. Das Besprühen der Straßen ist das einzige Mittel, um den Staub und damit Grobpartikel einzudämmen. Bei Frostwetter sind wir aber machtlos", erläutert Päivi Aarnio, Forschungsleiterin der Umweltabteilung der Stadt Helsinki.

Die schädlichen Wirkungen von Feinpartikeln sind relativ gut erforscht. Nach einer Studie des EU-Programms "Clear Air for Europe" starben im Jahr 2000 in den EU-Ländern rund 350.000 Menschen vorzeitig an Herz- und Atemorganerkrankungen. Ursache: Feinpartikel. In Finnland wurden rund 1300 vorzeitige Todesfälle nachgewiesen. Grobpartikel werden als weniger gefährlich betrachtet, sind aber auch weniger erforscht. Besonders gefährdet sind Asthmatiker. Sie sollten an Tagen mit hoher Belastung drinnen bleiben und vorsichtig sein. Und die meisten von ihnen tun dach auch.

"Ein Problem besteht darin, dass wir bei den Partikeln und ihren Quellen keine ausreichenden Prioritäten setzen können", sagt Dozent Raimo Salonen vom Institut für Volksgesundheit. "Auch Grobpartikel sind interessant, denn auf ihrer Oberfläche können sich auch Feinpartikel ablagern. Der Straßenstaub kann ein teuflisches Gemisch sein."

Streuen und Autospikes einerseits, Straßenstaub und Partikelproblem andererseits. Die Helsinkier Stadtväter stecken zwischen Baum und Borke. Professor Matti Jantunen, Experte für Lufthygiene, spitzt es auf diese Formel zu:

"Ohne Spikes bekommt man mehr Unfälle. Also, wie will man sterben? Bei einem Autounfall - da ist die Wahrscheinlichkeit etwas größer. Oder von den Partikeln an einem Herzinfarkt? Ich kann es nicht sagen!"

Es gibt Lösungen, betont Dozent Raimo Salonen. Es ginge nicht allein um den Partikelgehalt der Luft, sondern darum, zu verhindern, dass Menschen diesen Partikeln ausgesetzt sind. Entflechtung von Verkehr und Wohnen, autofreie Zonen im Zentrum, verfeinerte Straßensäuberungstechnik, saubere Dieselmotoren.

"Ich vermisse mehr Mut bei den Stadtvätern. Mut zu wenigstens kleinen Schritten, wie sie die Energiewirtschaft beim Abbau ihrer Emissionen erfolgreich gesetzt hat. Das Partikelproblem wird anerkannt, aber vorbeugende Gesundheitsfürsorge stand bei den Entscheidungsträgern noch nie hoch im Kurs."

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