Kapitel aus der Tschechischen Geschichte Wie fiel der tödliche Schuss? Flugzeugentführung aus Marienbad nach Weiden 1972
Menschen aus dem früheren Ostblock sind auf unterschiedliche Weise in den Westen geflüchtet. Besondere Folgen für alle Beteiligten hatte die Flucht von zehn tschechoslowakischen Jugendlichen im Juni 1972: Mit Pistolen bewaffnet entführten sie ein Flugzeug aus Marienbad. Der Pilot kam dabei zu Tode, und nach der Landung in Weiden wurden die Jugendlichen von der bayerischen Justiz teils zu hohen Haftstrafen verurteilt. Gitter statt Freiheit - das warf einige der Luftpiraten dann aus der Bahn. 40 Jahre nach dem Ereignis hat sich der tschechisch-deutsche Künstler Petr Vrána an die Recherche gemacht – und ist auf Fakten gestoßen, die die Tat neu bewerten und ein schlechtes Licht auf die bundesdeutsche Justiz werfen.
Zehn Jugendliche steigen in Marienbad in ein Flugzeug. Sie sind 17 bis 22
Jahre alt, tragen lange Haare. Sie wollen aus der Tschechoslowakei in den
Westen fliehen. Kurz nach dem Abheben kapern sie die Maschine. Den Piloten
weisen sie mit vorgehaltener Pistole an, Kurs auf Deutschland zu nehmen.
Doch der wehrt sich. Dann trifft eine Kugel den Piloten. Der Kopilot
steuert die Maschine in die Oberpfalz. Die Jugendlichen werden von der
bayerischen Polizei verhaftet, wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt und
zu langen Haftstrafen verurteilt.
Folge von Major Zeman über die Flugzeugentführung
Es war ein spektakulärer Fall, der auch die kommunistischen Machthaber in
Prag inspiriert hat. Die Flugzeugentführung wurde für die Propaganda
verarbeitet – in einer Folge von Major Zeman, dem tschechoslowakischen
Ostblock-Derrick. So wurde propagandistisch die Verfolgung von langhaarigen
und unangepassten Jugendlichen vorbereitet.
Die wirklichen Entführer kamen aus unterschiedlichen Verhältnissen – sieben Männer und drei Frauen. Einige von ihnen waren bei der politischen Öffnung während des Prager Frühlings 1968 ins Ausland gegangen und hatten dort mehrere Jahre gelebt. Sie machten Musik und einige experimentierten auch mit Drogen – wie viele andere Jugendlichen in dieser Zeit. In die Tschechoslowakei kamen sie wegen einer Fehlinformation zurück. Petr Vrána hat zwei Jahre lang zu dem Fall recherchiert. Im Prager Künstlerzentrum Dox ist von ihm derzeit eine Ausstellung mit zeitgenössischen Dokumenten dazu zu sehen:
Petr Vrána (Foto: Archiv von Petr Vrána)
„Fünf von den zehn Entführern waren tatsächlich länger im Ausland,
sie haben sich dann in die Falle hineinlocken lassen von den Eltern. Die
sagten: ‚Es gibt jetzt eine Amnestie, die Ende 1971 zu Ende geht. Wenn
Ihr jetzt nicht kommt, dann wird das nicht mehr gehen.’ Also sind sie
zurückgekommen und dachten, dass es gut geht. Sie kehrten aber in ein
anderes Land zurück, als das, was sie verlassen hatten. Das brachte sie
dann zusammen.“
Als sie sich damals in Prag zusammenfanden, war eine Flugzeugentführung
noch gar nicht geplant. Mehrmals versuchten einige, legal eine Reise nach
Jugoslawien zu beantragen. Die Behörden lehnten das ab, erst später
entstand der Plan der Entführung. Jaromír Dvořák ist einer der
damaligen Täter, er lebt heute in München:
„Ich habe zuerst eine Flugzeugentführung abgelehnt, das war zu viel
für mich, innerlich. Ich dachte mir, das ist spinnert. Nach ein paar
Wochen habe ich das aber akzeptiert. Natürlich steckte eine gewisse
Naivität dahinter, die man als junger Mensch hat. Wir sind natürlich
davon ausgegangen, dass alles glatt läuft, dass nichts passiert. Im
Endeffekt ist dann alles schief gelaufen.“
Zum Schicksalstag wird der 8. Juni 1972. Mehrere Monate hat sich die Gruppe auf die Entführung vorbereitet. Die Wahl fällt auf einen Flug von Mariánské Lázně / Marienbad, denn der Flugplatz in der westböhmischen Kurstadt hat keine Metalldetektoren. Es ist eine kleine Maschine der slowakischen SlovAir mit 15 Passagiersitzen. Sie startet zu einem Inlandsflug ins slowakische Lučenec / Lizenz. Der Co-Pilot Dominik Chrobák schilderte später gegenüber dem tschechoslowakischen Staatsfernsehen:
Dominik Chrobák
„Als wir auf 200 bis 250 Meter Höhe waren, hörte ich, wie plötzlich
die Tür zum Cockpit aufgestoßen wurde. Ich habe mich zum Funker umgedreht
und sehe, wie dort ein junger Mann steht – mit einer Pistole in der
Hand.“
Die zehn Entführer haben zwei Pistolen an Bord geschmuggelt, eine im Slip einer der drei Frauen, die andere im Kinderwagen mit einem einjährigen Baby. Der junge Mann, der auf den Piloten zielt, ist Lubomír Adamica, 22 Jahre alt. Die Vorschriften für das Flugzeugpersonal in solch einem Fall lauten, auch damals in der Tschechoslowakei: den Anweisungen der Entführer zu folgen, niemanden zu gefährden. Doch es kommt zum Handgemenge. Was dabei geschah, beschrieb zum Beispiel Der Spiegel (26/1973):
„Im Handgemenge fiel ein verhängnisvoller Schuss. Adamica schoss den Chef-Piloten Ján Mičica aus 1,5 Zentimetern Entfernung in den Hals. Ko-Pilot Ján Chrobák steuerte die Maschine, den sterbenden Kollegen auf dem Schoß, zum Flugplatz Latsch bei Weiden in der Oberpfalz.“
Folge von Major Zeman über die Flugzeugentführung
Auch alle anderen Zeitungsberichte - ob im Stern, im Hamburger Abendblatt
oder in bayerischen Lokalblättern - schildern einen Mord, und das noch vor
der Urteilsverkündung.
Tatsächlich werden die Entführer von den deutschen Strafverfolgungsbehörden nach der Verhaftung wie Schwerverbrecher behandelt. Sie werden zweitweise in Isolierzellen gesteckt. In ihrer Heimat stellt die kommunistische Propanganda die Jugendlichen als eine verbrecherische Vereinigung dar. Nicht ganz so scharf, aber im Duktus ähnlich klingt das auch von Seiten der deutschen Justiz. Der Spiegel zitierte 1973 Oberstaatsanwalt Wilhelm Meier. Dieser sagte, dass die Flugzeugentführer „aufgrund ihrer in der ČSSR auffälligen Kleidung, schulterlangen Haartracht und ihres Gesamtverhaltens immer wieder in Konflikt mit der Prager Polizei gerieten und sich im westlichen Ausland ein besseres und ungebundenes Leben erwarteten“.
Petr Vrána hat in den Akten der tschechoslowakischen Geheimpolizei StB
recherchiert. Er hat keinen Eintrag gefunden, dass einer der Entführer
vorbestraft gewesen wäre. In der Anklageschrift fanden sich indes Verweise
auf Vorstrafen – sie waren wohl vom StB erfunden worden, vermutet Vrána.
Und der Oberstaatsanwalt durfte die Polizeiakten aus einem Unrechtsstaat
dann einfach so in seine Anklageschrift einbauen. Auch der Ausdruck
„ungebundenes Leben im Westen“ fand seinen Weg in die Anklageschrift.
Der damalige Vorsitzende Richter in Weiden, Anton Oberndorfer, befand
damals zynisch, die jungen Leute seien ja „in die Absperrung
hineingeboren“ worden. Sie hätten sich ja „daran gewöhnen können“.
Jaromír Dvořák:
Lubomír Adamica
„In den Westen wollten wir alle. Denn das Leben in der Tschechoslowakei
wurde immer schwieriger und immer unfreier. Das war offene Schizophrenie.
Man wusste genau, dass überall gelogen wird, aber reden durfte man
darüber nicht. Und wenn man irgendetwas falsch sagte oder falsch tat, dann
war man sehr schnell dran. Aus diesem Grund wollte man halt raus. Und wir
waren jung, deswegen haben wir gedacht: Es ist ein weggeschmissenes Leben
hierzubleiben.“
Die inhaftierten Jugendlichen erhalten im Januar 1973 eine tschechische Übersetzung der Anklageschrift. Die Anklage lautet auf schwere Luftpiraterie und für Adamica zudem auf vorsätzliche Tötung. Aus Verzweiflung erhängt sich der junge Mann mit einem Handtuch in seiner Zelle. An seine Eltern hinterlässt Adamica einen Abschiedsbrief:
„Ihr wisst, wie es passiert ist, und das hat mich bis zum heutigen Tag
am Leben gehalten. Niemand glaubt mir und ich kann nicht mehr weiter. (…)
Glaubt nichts, was ihr hört und die Hälfte von dem, was ihr seht. Das ist
das Letzte, was mir in diesem Moment einfällt.“
Grundlage für die Mordanklage war nur ein eiliger Autopsiebefund aus Weiden. Schon am nächsten Tag war der Körper des toten Piloten in die Tschechoslowakei zurückgebracht worden. In Bayern blieb nur Oberflächengewebe von der Ein- und Austrittsstelle der Kugel zurück, sowie die Kleidung des Piloten. In Prag unternahm ein Arzt dann eine inoffizielle Obduktion. Die Ergebnisse haben 40 Jahren in den Archiven geschlummert. Erst Petr Vrána hat sie bei seinen Recherchen gefunden:
„Hier ist die Obduktion von Weiden. Der Pilot des unglücklichen
Flugzeuges, schreiben sie, wurde in den Hals getroffen, und das Projektil
verließ den Körper auf der rechten Seite unten. Und dabei ist es anders.
Der Körper ist in die Tschechoslowakei gebracht worden, dort hat ein
Professor Šimánek die Obduktion vorgenommen. Und dort sind die Befunde
anders.“
Laut dem Bericht aus Prag ging das Projektil nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben durch den Körper des Piloten. Der Arzt machte dies an der Bruchrichtung einer Rippe fest.
„Somit ist klar, dass der Pilot nach der Waffe gegriffen hat. Beide hielten die Waffe in der Hand, als der Schuss fiel. Der Pilot hat sich praktisch selbst erschossen“, so Vrána.
Die Jugendlichen wurden von der bayerischen Justiz teils zu hohen Haftstrafen verurteilt
Der Künstler hat diese Schlüsse nicht allein gezogen. Er hat sich von
zwei tschechischen Kriminalbeamten helfen lassen. Das Obduktionsergebnis
schließt also einen Mord aus und stellt die gesamte damalige Anklage auf
den Kopf. Wie konnte es aber auf deutscher Seite zu einem anderen Ergebnis
kommen, das die Medien dann auch noch ohne Prüfung übernahmen?
Petr Vrána hat Akten gefunden, die einen regen Kontakt von Staatsanwalt Meier mit der tschechoslowakischen Staatssicherheit belegen. Und sie belegen auch, dass der Kopilot Chrobák unterschiedliche Aussagen zum Tathergang gemacht hat – Meier muss dies aber unterschlagen haben und ließ einen Meineid zu. Petr Vrána resümiert daher:
Jaromír Dvořák (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Wir sind auf das Unglaubliche gestoßen, dass sich beide Seiten –
Bayern und Prag – gegen die Langhaarigen zusammengetan haben, um sie
möglichst streng zu bestrafen.“
Der kommunistischen Führung in der Tschechoslowakei kam das Urteil sehr recht. Wenn selbst der Westen die Republikflüchtigen zu Mördern stempelte, war die Flugzeugentführung auch ohne die eigene Propaganda schon diskreditiert.
Die neun noch lebenden Flugzeugentführer wurden zu Haftstrafen zwischen drei und sieben Jahren verurteilt. Jaromír Dvořák erhielt fünf Jahre Jugendstrafe, von denen er die Hälfte abgesessen hat. Erst vergangene Woche hat er von Petr Vrána erfahren, dass der Tod des Piloten kein Mord war. 40 Jahre lang hat er auf diese Information gewartet:
Ausstellung Úlet 1972
„Ich bin eigentlich erleichtert. Erstmal aus dem Grund, weil ich dies
damals eigentlich auch so erlebt hatte. Ich war im Flugzeug ziemlich weit
vorne, und ich wusste, dass es kein Mord war. Ich habe gesehen, dass der
Pilot sich umdreht und Adamica ihn nicht einfach abgeknallt hat. Ich wusste
das schon immer. Aber dass es offiziell Mord war, das ist jetzt vom Tisch
– und da bin ich total froh. Die Sache ist natürlich: Es ist jetzt 40
Jahre her, wie will man jetzt die Korrektur publik machen? Das wird nicht
einfach. Aber für mich persönlich ist es schon eine Art Genugtuung.“
Die Ausstellung Úlet 1972 ist im Prager Künstlerzentrum DOX noch bis zum 8. Juni zu sehen.






