Widerstand gegen Hitler und Henlein - Deutsche aus Böhmen erzählen

Vor zwei Wochen konnten Sie bei uns einen Beitrag über deutsche Antifaschisten aus Böhmen und Mähren hören. Im Mittelpunkt standen die Aussagen von Fachleuten, die an dem Forschungsprojekt "Vergessene Helden" der tschechischen Regierung beteiligt sind und nach einem Jahr Arbeit erste Ergebnisse präsentiert haben. Wie angekündigt folgt heute der zweite Teil unserer kleinen Serie über deutsche Antifaschisten. Diesmal zwei von ihnen selbst zu Wort und erzählen, wie sie gegen Hitler und Henlein vorgegangen sind.

„Ich war damals Vorsitzender der sozialistischen Jugend und die ersten Auseinandersetzungen, die wir hatten, waren die so genannten Saalschlachten. Das heißt, die Faschisten versuchten unsere Veranstaltungen, also die der Sozialdemokraten beziehungsweise aller Antifaschisten, ob sie deutsch oder tschechisch waren, zu stören. Umgekehrt haben wir von unserer Seite versucht, den Henleins keine Propaganda-Möglichkeiten zu bieten.“

So beginnt der Widerstand von Lorenz Knorr gegen den Nazismus. Man schreibt das Jahr 1933 und Hitler ist in Deutschland gerade an die Macht gekommen. Knorr, geboren 1921 im westböhmischen Eger, wendet sich damals in seiner Heimat Tschechoslowakei gegen die neu entstehende „Sudetendeutsche Heimatfront“ des Hitler-Bewunderers Konrad Henlein. Doch mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sudetengebiete im Oktober 1938 spitzt sich die Lage zu. Lorenz Knorr ist jung und zu allem entschlossen. Zudem steht die sozialistische Jugend nach der Besetzung der Sudetengebiete nicht unter derselben strengen Beobachtung wie viele ältere Parteimitglieder. Politische Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland bringen Knorr bei, wie man vorgehen muss.

„Wir haben damals in Eger beschlossen – und das machte Schule in Asch, Falkenau, Karlsbad, Kraslice und in Jachimsthal – nur in Dreiergruppen zu arbeiten. In diese kann man keine Agenten einschleusen. Und es musste freiwillig sein. Von den 150 Mitgliedern der sozialistischen Jugend in Eger meldeten sich 33, darunter elf Mädchen, die bereit waren, mit einem Bein im Leben und mit dem anderen im Grab zu stehen. Denn antifaschisticher Widerstand konnte den Tod bedeuten.“

Lorenz KnorrLorenz Knorr Knorr wird in den nächsten Jahren eine wichtige Person im Widerstand auf deutsch-böhmischer Seite. Zuerst probiert seine Gruppe mit Plakaten, die in der Nacht geklebt werden, Stimmung gegen Hitler zu machen. Dies bringt allerdings nicht die erhoffte Resonanz. Der Plan ist nun ein anderer:

„Wir beschlossen, weil Eger ein Eisenbahnknotenpunkt war, Gleise zu sprengen. Und wir haben erst einmal dort, wo es am einfachsten schien – in der Nähe des Viadukts – zwei Gleisanlagen, die nach Norden und nach Osten führten, gesprengt. Es dauerte dann zwei Tage, bis die Strecken wieder in Betrieb genommen werden konnten. Sie wurden danach bewacht. Wir haben dann bemerkt, dass auch die Strecken nach Wien und nach Frankfurt Gelegenheit boten unbemerkt zu sprengen – und das haben wir dann auch getan. Es war alles so perfekt, dass die Gestapo auch in den Verhören nichts herausbekam. Wir hatten alle ein wasserfestes Alibi, was eine Voraussetzung für unsere Tätigkeit gewesen war.“

Eine Zäsur bedeuten aber die Einberufungsbefehle in die deutsche Armee, die die jungen Männer nacheinander erhalten. Eine Weigerung hätte KZ-Haft und das Ende jeglicher Widerstandsarbeit bedeutet. Deswegen geht auch Lorenz Knorr als Soldat in den Krieg, allerdings mit der Verpflichtung, weiter Widerstand zu leisten. Er kommt nach Afrika, landet in einem Strafbataillon, wird verwundet und danach zum Funker umgeschult.

„Und das war meine große Stunde, denn jeder Funker war in der Lage, sich mehr Informationen zu verschaffen als jeder deutsche General. Er musste ja Verbindung aufnehmen und dabei kurbeln. Unweigerlich hörte er dabei auch die so genannten Feindsender.“

Lorenz Knorr hat so Kontakt mit Widerständlern in Polen und hilft ihnen, an Sprengstoff heranzukommen. Mehrfach können auf diese Weise die Eisenbahnverbindungen an die Front vor Leningrad unterbrochen werden.

 

Adolf HitlerAdolf Hitler Die Geschichte von Bedřich (Fritz) Dědek klingt hingegen etwas anders. Sie muss es auch, weil er 13 Jahre jünger ist als Lorenz Knorr. Bedřich Dědek stammt aus einer deutsch-tschechischen Familie, die Mutter ist Tschechin, der Vater Deutscher. Als Bedřichs Heimatstadt Aussig im Oktober 1938 von den deutschen Truppen besetzt wird, ist er erst vier Jahre alt.

„Mein Vater war Sozialdemokrat und war in Aussig organisiert. Als kleiner Junge ging ich mit zu den Sitzungen. Er sagte aber: Du musst die Schnauze halten, du darfst nicht sagen, was besprochen wurde. Da habe ich eben die Schnauze gehalten.“

Trotzdem wird Bedřich im Laufe des Krieges zum Akteur bei einigen antifaschistischen Taten. Im Krieg wohnt die Familie in einem Aussiger Randbezirk unterhalb der Runie Schreckenstein.

„Unter der Burg war damals eine Gärtnerei, in der russische Gefangene arbeiteten. Die aßen die Rinde von den Bäumen. Dann war einmal Fliegeralarm und die meisten Leute flüchteten in die Luftschutzkeller. Meine Mutter hat gerade Kuchen gebacken. Sie sagte: ´Schau, dass du denen was bringst.´“

Mit dem Kuchen und dem halben Brot rennt der kleine Bedřich also zur Gärtnerei los, doch die parteitreuen Nachbarn sehen dies.

„Sie haben das der Gestapo gemeldet. Ich wurde dann mit dem Motorrad nach Aussig gebracht. Da sind dann die Ohrfeigen wie Schwalben geflogen.“

Als Minderjähriger muss Bedřich allerdings nicht ins Gefängnis. Stattdessen wird sein Vater mit mehreren Monaten Zwangsarbeit in Saaz bestraft.

Anfang Mai 1945, kurz vor Ende des Kriegs, arbeitet der Vater erneut im Stauwerk von Aussig. Deutsche Truppen verminen nun beim Rückzug die Stauanlage. Bedřichs Vater Joseph versucht SS und Soldaten von einer Sprengung abzuhalten. Es kommt der große Moment des damals elfjährigen Bedřich: Er soll die Kneifzange bringen, um die Sprengkabel durchtrennen zu können. Die Aktion gelingt und Bedřich trägt dazu bei, viel Schaden zu verhindern und vielleicht sogar Menschenleben zu retten.

 

Nach dem Krieg müssen auch die deutschen Antifaschisten die danmalige Tschechoslowakei verlassen, soweit sie keine offizielle Anerkennung bekommen. Die deutschen Sozialdemokraten überlegen zu bleiben oder zu gehen. Lorenz Knorr gehört zu jenen, die zur freiwilligen Aussiedlung aufrufen und diese mitorganisieren. 1946 gehen so viele nach Bayern, wo bereits weitere Aussiedler, auch ehemals nazifreundliche, eine neue Heimat gefunden haben. Knorr wird Sekretär der sozialistischen Jugend in Bayern und das mit Erfolg:

„Es zeigte sich, dass die sozialistische Jugend bis 1933 in 30 Orten in Bayern ihre Organisationen hatte. 1946 gab es bereits in 100 Orten die Möglichkeit, eine sozialistische Jugendorganisation zu gründen. Von den 10.000 Mitgliedern kamen 5000 aus den deutschen Gebieten der Tschechoslowakei.“

Ganz anders erlebt die Aussiedlung Bedřich Dědek. Seine Familie erhält zwar die offizielle Anerkennung als antifaschistische Widerstandskämpfer und kann in der Tschechoslowakei bleiben. Doch um ihn herum müssen alle gehen.

„Meine Kameraden wurden abgeschoben, auch die meisten Bekannten. Insgesamt musste die Mehrheit gehen.“

Unter ihnen, so Dědek auch Deutsche mit antifaschistischer Gesinnung. Besonders das Schicksal eines deutschstämmigen Judens nimmt Bedřich Dědek bis heute sehr mit.

„Die ersten, die gehen mussten, bei denen schaute neimand genau hin. Ein Österreicher, der Jude war und in der Hitlerzeit eingesperrt war, wurde entlassen und dann abgeschoben. Niemand schaute, was seine Vergangenheit war, denen war das ganz egal.“

 

 Václav Houfek (Foto: www.collegium bohemicum.cz) Václav Houfek (Foto: www.collegium bohemicum.cz) Mit rund 100 Deutschen, die in der damaligen Tschechoslowakei Widerstand gegen Hitler und Henlein leisteten, haben die Mitarbeiter des Projektes „Vergessene Helden“ gesprochen. Die Aussagen der Zeitzeugen bilden einen Teil der Forschungsarbeit und sind eine Ergänzung zum Quellenstudium, wie Václav Houfek vom Museum der Stadt Ústí nad Labem / Aussig sagt:

„Die Quellen geben uns die Fakten wieder und lassen uns die technische Seite der Geschichte begreifen: Also wie viele Leute von hier nach dort gingen und was sie gemacht haben. Was uns die Quellen aber nicht mitteilen, sind die Motive der Leute. Warum sie also so oder so gehandelt haben, warum sie auf die eine oder andere Weise reagiert haben. Dabei geht es um ihre Gefühle, ob sie etwas als gerecht oder ungerecht, als Befreiung, Anspannung oder Bedrohung empfunden haben. Deswegen sind die Aussagen von Zeitzeugen unersetzlich. Und sie können nicht anders als durch Gespräche mit den Betroffenen gewonnen werden.“

Das Forschungsprojekt der tschechischen Regierung und auch die Gespräche mit den Zeitzeugen werden noch bis September 2008 weitergeführt.