Vor 90 Jahren schlug die Geburtsstunde der Tschechoslowakei

Am Dienstag, dem 28. Oktober feiert Tschechien wie jedes Jahr die Geburtsstunde der unabhängigen Republik. Dieses Jahr gibt es einen besonderen Grund zum Feiern: Die Ausrufung der Ersten Tschechoslowakischen Republik jährt sich zum neunzigsten Mal. Ein weiteres Ereignis in der Reihe der Schicksalsjahre mit der Endziffer 8 nach dem vierzigsten Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 und dem Münchner Abkommen vom September 1938:

„Das Standrecht wurde über Sarajevo verhängt. Zwei Bomben sind gestern in den Straßen gegen Erzherzog geschleudert worden, Revolverschüsse haben ihn und die Herzogin von Hohenberg getötet, und heute kommt die Nachricht, daß ein drittes Sprenggeschoss auf das Pflaster geworfen und daß ein Mohammedaner verletzt wurde. Wie unzulänglich müssen die Einrichtungen der Polizei in einer Stadt sein, wo die Bomben nur so herumfliegen wie die Federbälle auf einem Spielplatze für Kinder. Attentate mit so vielen handelnden Personen, mit so vielen Mitwissern und Helfern sind nicht plötzlich zu veranstalten und brauchen lange Vorbereitungen. Es kann geschehen, daß in dem kranken Gehirne eines ganz vereinzelten Menschen der Plan reift, durch Schreckenstaten die Verwirklichung eines verworrenen gesellschaftlichen und politischen Ideals zu erzwingen. Die Sicherheitsbehörde kann in einem solchen Falle nur schwer hindern, daß eine frevelhafte Hand, bloß mit einem Dolche bewaffnet nach dem Herzen eines der Mächtigen der Erde zielt. Durch einen solchen Stoß ist der Präsident der französischen Republik Carnot getötet worden. Über dem Erzherzog Franz Ferdinand hat sich keineswegs ein einzelner, ohne Zusammenhang mit Andern, ohne Verabredung und aus dem eigenen Willen heraus entgegengestellt. Die Mörder sind förmlich in Gruppen aufgetreten. (…) Sarajevo ist zweifellos der Sitz einer Verschwörung und die gedungenen Mörder, die allesamt aus Belgrad kamen, waren der Polizei unbekannt, und sie hatte keine Ahnung von ihren Zusammenkünften, keine Nachricht über ihre reichen Geldmittel.“

So die Wiener Tageszeitung „Neue Freie Presse“ am 30. Juni 1914. Die Folgen dieses Attentats auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie Chotek sind bekannt: In einer wahren Kettenreaktion führte der Anschlag zunächst zu einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen und schließlich zu einem offenen Konflikt mit Serbien.

Franz Ferdinand in SarajevoFranz Ferdinand in Sarajevo „An Meine Völker: Es war mein sehnlichster Wunsch, die Jahre, die Mir durch Gottes Gnade noch beschieden sind, Werken des Friedens zu weihen und Meine Völker vor den schweren Opfern und Lasten des Krieges zu bewahren. Im Rate der Vorsehung ward es anders beschlossen. Die Umtriebe eines haßerfüllten Gegners zwingen Mich, zur Wahrung der Ehre meiner Monarchie, zum Schutze ihres Ansehens und ihrer Machtstellung, zur Sicherung ihres Besitzstandes nach langen Jahren des Friedens zum Schwerte zu greifen. Mit rasch vergessendem Undank hat das Königreich Serbien, das von seinen ersten Anfängen seiner staatlichen Selbständigkeit bis in die neueste Zeit von Meinen Vorfahren und Mir gestützt und gefördert worden war, schon vor Jahren den Weg offener Feindseligkeit gegen Österreich-Ungarn betreten.“

So der österreichische Kaiser Franz Joseph I. am 29. Juli 1914 in der „Wiener Zeitung“.

„Immer höher lodert der Haß gegen Mich und Mein Haus empor, immer unverhüllter tritt das Streben zutage, untrennbare Gebiete Österreich-Ungarns gewaltsam loszureißen. (…) Diesem unerträglichen Treiben muß Einhalt geboten, den unerträglichen Herausforderungen Serbiens ein Ende bereitet werden. (…) Ich habe alles geprüft und erwogen. Mit ruhigem Gewissen betrete ich den Weg, den die Pflicht mir weist. Ich vertraue auf meine Völker, die sich in allen Stürmen stets in Einigkeit und Treue um Meinen Thron geschart haben und für die Ehre, Größe und Macht des Vaterlandes zu schweren Opfern immer bereit waren. Ich vertraue auf Österreich-Ungarns tapfere und von hingebungsvoller Begeisterung erfüllte Wehrmacht. Und ich vertraue auf den Allmächtigen, daß er Meinen Waffen den Sieg verleihen werde.“

Franz Joseph I.Franz Joseph I. All das Vertrauen auf die Einheit der Monarchie und die Hoffnung auf die Unterstützung des Allmächtigen waren vergebens, die Erwartungen an den Einheitsgeist der Völker Österreich-Ungarns überzogen. Es folgten vier Jahre eines schrecklichen und bis dato beispiellosen Krieges, der Millionen Tote und unermessliche Schäden hinterließ. Am Ende des Ersten Weltkrieges erklärten sich die Staaten der österreichisch-ungarischen Monarchie einer nach dem anderen für unabhängig. Den Anfang machte am 28. Oktober 1918 die Tschechoslowakei

„Die Errichtung des tschechoslowakischen Staates. Völkerfreiheit! Die zerbrochenen Wappenbilder des alten Österreich wurden heute durch die Straßen Prags getragen. Eine neue Welt erhebt sich aus den Scherben der alten, im Blut und Rot des vierjährigen Krieges erstickten. Wir alle müssen unserem Blick eine neue Richtung geben, müssen unser Hirn einstellen auf eine neue Ordnung die himmelweit verschieden ist von jener, an die uns historische Traditionen, eine ins Gefühlsleben übergegangene historische Überlieferung gewöhnt haben.“

So titelte das „Prager Tagblatt“ am 29. Oktober 1918 und konstatierte:

„Das Beispiel des alten Oesterreich, über das die Tschechen gesiegt haben, ist der deutliche Beweis für die Unmöglichkeit einer Staatsbeschaffung, die einen beträchtlichen Teil der Bürger einem unerwünschten Herrschaftsverhältnis unterwirft. Die Tschechen haben kluge Staatsmänner genug, die nicht den Willen haben können, daß nun ein andersfarbiger Banner über dem alten Elend weht. Europa geht in ein neues Zeitalter, in eine Aera freier Betätigung des Volkstums, ein. Das Wort „Gewalt“ muss aus dem Wörterbuch der internationalen Beziehungen verschwinden“, schließt das „Prager Tagblatt“.

Die Wiener „Neue Freie Presse“ widmet dem Ereignis auch einen Großteil ihrer Titelseite, allerdings ist der Tonfall der Berichterstattung ein gänzlich anderer:

„Ein hoher Festtag war heute in Prag. Die nationale Sitte fordert, daß bei solchen Gelegenheiten das Wappen von Oesterreich beschimpft, der Doppeladler zu Boden geworfen und die Sinnbilder des Staates geschmäht werden. (…) Was in Wien schmerzt, nicht etwa aus nationalen Gründen, sondern in Erinnerung, daß unsere Monarchie oft sehr unglücklich, aber stets verlässlich war, ist für Prag eine große Freude, die sich in den Straßen austobt. Dieser Vorfall zeigt, daß in den Stimmungen und Empfindungen der Czechen kaum noch ein Zusammenhang mit Oesterreich ist.“

Nur einen Tag nach der Tschechoslowakei erklärte das Königreich Jugoslawien seine Unabhängigkeit, am 31. Oktober 1918 folgte Ungarn. Damit war das Schicksal der österreichisch-ungarischen Monarchie besiegelt. Der im Rahmen der Pariser Friedenskonferenz am 10. September 1919 geschlossene Friedensvertrag von St.-Germain-en-Laye reduzierte Österreich endgültig auf seine heutigen Staatsgrenzen. In den insgesamt 381 Artikeln des Friedensvertrags ist neben hohen Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs auch die Abtretung der Kronländer Böhmen, Mähren und Österreichisch Schlesien an die neu gegründete Tschechoslowakei geregelt. Auch einige niederösterreichische Gemeinden und der Bahnhof Gmünd gingen an das neue Nachbarland.

Die neu entstandene Tschechoslowakei wurde bereits kurz nach ihrer Gründung von vielen Ländern der Welt als souveräner Staat anerkannt. Wesentlichen Anteil daran hatte der tschechische Pädagoge und Philosoph Tomáš Garrigue Masaryk. 1915 emigrierte er in die Schweiz. Später übersiedelte er nach Frankreich und Großbritannien. Nach der Oktoberrevolution von 1917 ließ er sich in Russland nieder bevor er kurz vor Kriegsende über Sibirien und Japan in die USA reiste. In all diesen Staaten setzte sich Masaryk für einen selbstständigen tschechoslowakischen Staat ein und bemühte sich, auch die zahllosen Exil-Tschechen und –Slowaken in Amerika für die Idee des gemeinsamen Staates zu begeistern. Am 30. Mai 1918 unterzeichneten in Pittsburgh Vertreter verschiedener tschechischer und slowakischer Verbände mit Masaryk ein Abkommen zur Bildung eines gemeinsamen Staates. Nicht nur in zahlreichen Presseartikeln, Vorträgen und Seminaren, sondern auch direkt beim US-Präsidenten Wilson kämpfte Masaryk um internationale Aufmerksamkeit und Unterstützung für die Anliegen der Tschechen und Slowaken. Mit Erfolg. Am 14. November 1918 wurde Tomáš Garrigue Masaryk zu ersten tschechoslowakischen Präsidenten gewählt.

„Thomas Masaryk hat gesiegt. Einige Monate nach dem Ausbruche des Krieges hat er sich aus dem Lande geschlichen, ein Flüchtling, der fürchten mußte, entdeckt und mit dem Tode bestraft zu werden. Er wurde heute zum Präsidenten der czecho-slowakischen Republik gewählt und wird in Prag einziehen, begleitet vom Jubel des Volkes“, echauffierte sich die „Neue Freie Presse“ am Tag von Masaryks Wahl. Masaryk lenkte die Geschicke der Tschechoslowakei 18 Jahre lang. Im November 1935 trat er aus Gesundheitsgründen ab. Ein knappes Jahr nach seinem Tod ging in der Nacht zum 30. Oktober des Schicksalsjahres 1938 mit dem Münchner Abkommen auch die 20-jährige Ära der Ersten Tschechoslowakischen Republik zu Ende.