Vor 70 Jahren besetzten deutsche Truppen Böhmen und Mähren

Am 29. September 1938 gaben die Großmächte Frankreich, Großbritannien und Italien Adolf Hitler grünes Licht für die Eingliederung der Sudetengebiete in das Deutsche Reich. Doch dieses Münchner Abkommen war nur der erste Schritt zur vollständigen Okkupation Böhmens und Mährens: Am 14. März 1939 rückten Soldaten der Wehrmacht auf das Gebiet der Tschechoslowakei vor, am nächsten Morgen marschierten sie in der Hauptstadt Prag ein. Aus den von Deutschland „Rest-Tschechei“ genannten Gebieten wurde das Protektorat Böhmen und Mähren, die Slowakei spaltete sich in einen eigenen Staat ab; der aber kaum mehr war als ein Satellit des Deutschen Reichs. Während die so genannten „volksdeutschen“ Einwohner zu Bürgern des Deutschen Reiches erklärt wurden, mussten sich die übrigen Bewohner des Landes Schikanen aller Art gefallen lassen. Hunderttausende wurden in die Konzentrationslager deportiert oder zur Zwangsarbeit verpflichtet. In unserem „Kapitel aus der tschechischen Geschichte“ erfahren Sie heute mehr über diesen weiteren Meilenstein in der tschechischen Geschichte im „9er-Gedenkjahr“.

Am 15. März 1939 marschierten die Soldaten der deutschen Wehrmacht in Prag ein. Ein hörbar aufgeregter Reporter des Prager Rundfunks berichtete direkt aus dem Stadtzentrum.

Eben geschehe nicht viel. Es marschierten keine Truppen. Als Pausenfüller berichtet der Reporter von seinem Besuch in Berlin im Jahr 1937: Auch knapp zwei Jahre später ist er noch beeindruckt von der feierlichen Stimmung, die beim Staatsbesuch von Benito Mussolini herrschte. Und auch für einen Ausflug ins wunderschöne Potsdam mit seinem Schloss und den Gärten sei ihm Zeit geblieben, erzählt der Rundfunkmann seinen Hörern. Die dortige Idylle stehe in scharfem Kontrast zum Geschehen in der heutigen Zeit. Dort in Potsdam habe er beobachten können, wie die deutschen Truppen einen Aufmarsch musikalisch begleiten: Unvorstellbar diszipliniert, ja geradezu mechanisch, so, wie es hierzulande undenkbar wäre, verkündet der Reporter euphorisch.

Dann bricht er seine Rückblende ab. Gerade in diesem Moment schreiten neue Einheiten vorbei. Motorisierte sind es nun, wie der Reporter in hastigen Worten schildert. Riesige Fahrzeuge, die Fliegerabwehrkanonen transportieren. Mit unvorstellbaren 18 Rädern. Der Radiojournalist kann es kaum glauben, fragt einen Kollegen: Ja, neun Räder an jeder Seite, tatsächlich, er habe nachgezählt. Zwölf Mann Besatzung weise jedes dieser Ungetüme auf. Auf einem Anhänger – vier Gummiräder hat er, Zwillingsreifen sogar – ruhen die riesigen Fliegerabwehrgeschütze. Viel größer als die heimischen. Vielen Dank an den Herrn Ingenieur Morgenstern, der hier als Übersetzer zwischen tschechischen Reportern und dem Herrn Feldmarschall arbeitet. Er habe ihm auch mit fachlichem Rat und Tat zur Seite gestanden, berichtet der Reporter.

Und jetzt kommen kleinere Traktoren, ja Lastwagen. Darauf kleinere Geschütze. Nur sechs Räder. Dahinter Wagen mit Beleuchtungs- und Aufklärungstechnik aller Art. Am Schluss des Zuges Truppentransporter.

Aber nicht nur der tschechische Rundfunk berichtet von diesem Ereignis. Auch deutschsprachige Reporter sind an diesem denkwürdigen Tag vor Ort:

„Hier ist der volksdeutsche Sender Prag 2. Das Mikrofon auf der Galerie des Museums am Wenzelsplatz. Eben hat sich der untere Teil des Wenzelsplatzes mit Menschenmassen gefüllt, die ein uns unverständliches Lied singen. Aber es ist – das hört man – ein Lied der Begeisterung. Die deutschen Truppen haben den Wenzelsplatz betreten. Rechts vom Wilson-Bahnhof hier oben kommend sind deutsche Panzerwagen und Motorradwagen eben eingebogen und der tschechische Schupo lenkt, als komme eine Straßenbahn daher, so selbstverständlich die deutsche Kolonne der Panzerwagen und der Motorradwagen auf den Wenzelsplatz ein. Überall fliegen die Hände hoch. Hoch zum Hitlergruß. Ein historischer Augenblick hat seine Erfüllung gefunden. 15. März 1939, 10 Uhr 40: Die Truppen Adolf Hitlers sind auf dem Wenzelsplatz, im Herzen der Stadt angelangt. Und Sankt Wenzel blickt von seiner Reiterstatue hernieder auf diese deutschen Soldaten, die in feldgrauer Uniform daher schreiten und die feldgrauen deutschen Wagen…“

Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen am 14. und 15. März 1939 endete die 1918 erlangte Unabhängigkeit der Tschechoslowakei nach rund 20 Jahren wieder. Ein Jahr nach dem so genannten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und wenige Monate nach der Abtretung der Sudetengebiete mit dem Ende September 1938 geschlossenen Münchner Abkommen hatte Adolf Hitler auch die im Nazi-Jargon „Rest-Tschechei“ genannten Gebiete unter seine Kontrolle gebracht.

Noch am 14. März 1939 verhandelte Staatspräsident Emil Hácha in München mit Hitler über die Zukunft der Tschechoslowakei. Unter massivem Druck Hitlers und in der irrigen Annahme, eine Kollaboration würde die Konsequenzen für die tschechische Bevölkerung mildern, stimmte Hácha – am Rande des physischen und psychischen Zusammenbruchs – der Entstehung des Protektorats Böhmen und Mähren zu. Dafür wurde er von Adolf Hitler zum Präsidenten des Protektorats-Staates Böhmen und Mähren ernannt. Am 16. März 1939 rief Hitler offiziell das Protektorat Böhmen und Mähren aus. Am selben Tag trat auch Staatspräsident Hácha vor sein Volk.

Emil Hácha und Adolf HitlerEmil Hácha und Adolf Hitler „Tschechische Bürger! Vor 20 Jahren jubelte das ganze Land. Wir waren uns sicher, dass wir nun in eine glückliche Zeit unserer nationalen Geschichte eintreten, die uns eine völlige und dauerhafte Souveränität garantiert. Ich habe aber stets davor gewarnt, dass die außen- und die innenpolitischen Umstände nicht dazu geeignet waren, unsere Unabhängigkeit zu garantieren. Nun, nach 20 Jahren, sehe ich mit Kummer, dass meine damaligen Befürchtungen nicht unbegründet waren. Es hat sich gezeigt, dass das, was wir für eine Lösung gehalten haben, die über Generationen hinweg Bestand haben werde, nur eine kurze Episode unserer Geschichte war.“

Er habe lange über die richtige Vorgangsweise nachgedacht und schließlich seine Entscheidung getroffen. Er sei sich trotz aller Zweifel sicher, dass der eingeschlagene Weg der richtige sei, um ein Maximum der Freiheiten und Reichtümer des tschechischen Volkes zu bewahren. Daher habe er auch eine Reihe von Forderungen an Adolf Hitler gestellt.

Doch von einer Selbstbestimmung des tschechischen Volkes war in den darauf folgenden sechs Monaten keine Rede. Bereits im Herbst 1939 wurden nach Protesten der tschechischen Professoren und Studenten alle Universitäten und Hochschulen geschlossen. Tausende tschechische Studenten wurden verhaftet. Präsident Hácha pochte immer wieder auf die Einhaltung der Unabhängigkeits-Garantien. Dabei konnte er auch durchaus einzelne Erfolge erzielen, etwa die Freilassung einiger der verhafteten Studenten. Doch gegen den systematischen Terror der Nazis, gegen Schikanen, Enteignungen, Verhaftungen und die Deportation Hunderttausender Bürger konnte Emil Hácha letztlich nur wenig ausrichten.