Kapitel aus der Tschechischen Geschichte Vor 20 Jahren begann der Abzug der Sowjetarmee aus der Tschechoslowakei
Im August 1968 hatten die Sowjets mit ihren Panzern die Reformbewegung des Prager Frühlings niedergewalzt. Die Sowjettruppen blieben danach in der Tschechoslowakei - übergangsweise, wie es hieß, als so genannte „Bruderhilfe“. Fast 23 Jahre lang „half“ dann der große Bruder Sowjetunion, ganz zum Unwillen all der kleinen Brüder in der Tschechoslowakei. Erst mit dem politischen Umbruch durch die Samtene Revolution wurde auch der Abzug der Sowjetarmee möglich. Dieser Truppenabzug begann vor 20 Jahren.
Foto: Pavel Macháček, www.rozhlas.cz/1968
Sie kamen mit Waffen in der Hand und waren bei den meisten Tschechen nicht
erwünscht: die sowjetischen Truppen. Weder als sie 1968 einmarschierten
und das zarte Pflänzchen der Reformen erdrückten, noch später, als in
Russland der Reformer Gorbatschow an die Macht gekommen war. Sie galten als
Symbol für die politische Unterdrückung der 70er und 80er Jahre. Viele
Leute setzten sie sogar gleich mit den gesamten 40 Jahren kommunistischer
Herrschaft in der Tschechoslowakei.
Ihre militärische Zentrale eröffneten die Sowjets im mittelböhmischen Städtchen Milovice. Die heute 85-jährige Vlasta Šulcová erinnert sich:
„Ihre Panzer verluden sie in Lysá nad Labem, der Bahnhof war deswegen allein ihnen vorbehalten. Danach sind sie in Dreierformationen immer vorbeigefahren. Man gewöhnte sich daran. Mal hatten wir Angst, mal nicht.“
Michail Gorbatschow
Insgesamt 73.500 Militärs und 40.000 Angehörige aus der Sowjetunion
wurden in der Tschechoslowakei stationiert. In Milovice entstand eine
komplette sowjetische Kleinstadt mit Tausenden Wohnungen. Auch wenn
gegenseitige Zuneigung in weiter Ferne lag, gab es ab und zu menschliche
Momente. Vlasta Šulcová:
„An unserem Haus hatten sie eine Mauer eingerissen. Dann kamen wohl so drei Soldaten und besserten die Mauer wieder aus. Ich schmierte ihnen Brötchen, kochte Tee und lud sie ein. Als sie in die Wohnung kamen, haben sie nur so geschaut, alles hat sie überrascht. Ich hatte Angst, als ich sie einlud. Wäre ein Offizier gekommen, dann hätten sie bestraft werden können.“
Dann kam 1989 und die Samtene Revolution. Und damit auch der Wunsch, dass
die Sowjettruppen so schnell wie möglich den tschechoslowakischen Boden
verlassen. Eine der treibenden Kräfte wurde der Rockmusiker Michael
Kocáb, der sich nun politisch engagierte und ein enger Vertrauter des
angehenden Staatspräsidenten Václav Havel war:
Václav Havel
„Unser erster Schritt war, dass wir eine Woche nach der Samtenen Revolution vom 17. November 1989 einen Brief des Bürgerforums an die sowjetische Botschaft übergaben. Den hatten wir zu fünft unterschrieben, an der Spitze natürlich Václav Havel. In dem Brief baten wir Gorbatschow darum, Verhandlungen über einen Abzug zu beginnen und den Vertrag über den zeitweiligen Aufenthalt offiziell zu annullieren. Das war der Durchbruch. Innerhalb von einer Woche oder zehn Tagen kam die Antwort, dass Gorbatschow die Verhandlungen unterstützt. Damals haben wir uns gesagt: Das scheint wirklich zu funktionieren, vielleicht werden wir nach 50 Jahren endlich wieder frei, wenn man die deutsche Besatzung unter Hitler hinzurechnet.“
Die erste nachkommunistische Regierung in Prag nahm gleich nach ihrer Vereidigung die Gespräche über den Abzug auf. Außenminister Dienstbier besuchte dazu seinen sowjetischen Amtskollegen:
Foto: www.rozhlas.cz/1968
„In Moskau sagte ich Schewardnadse ohne Umschweife, dass wir zuerst den
Abzug der Sowjettruppen aushandeln müssen. Schewardnadse verstand dies,
aber all die Bürokraten, die dort saßen, machten große Augen, was sich
dieser Mensch aus dem Satellitenstaat da erlaubt. Nach und nach stellte
sich als größtes Problem heraus, dass sie nicht wussten, wo sie die
Soldaten unterbringen können.“
Über die Hälfte der Soldatenfamilien hatte kein Zuhause in der Sowjetunion. Während Deutschland aus diesem Grund Häuser in Russland baute, fiel dieses Thema beim Truppenabzug aus der Tschechoslowakei unter den Tisch. Zwar war die Lieferung von Fertighäusern erwogen worden, aber dies ging unter angesichts des engen Zeitfensters, das die Regierung in Prag für den Abzug setzte:
„Es kam dann zu dem Kompromiss, dass die Kampfeinheiten bis zum 30. Juni 1990 die Tschechoslowakei verlassen und der Rest spätestens ein Jahr später. Damit war der Vertrag fertig.“
Jiří Dientsbier
Dienstbier und Schewardnadse unterzeichneten den Vertrag am 26. Februar
1990. Doch immer wieder kam es zu Störfeuern von der Moskauer
Nomenklatura. Michael Kocáb war nach seiner Wahl in das
tschechoslowakische Abgeordnetenhaus im Dezember 1989 zum Vorsitzenden der
parlamentarischen Kommission für den Abzug der Sowjettruppen bestimmt
worden. Er erzählt:
„Mit den Falken aus dem Kreml haben wir uns zweimal getroffen. Einmal kamen sie hier ins Land und bestellten uns zu Gesprächen in die sowjetische Botschaft. Da haben sie uns ziemlich arrogant zusammengestaucht. Sie haben sich gegen den Abzug als solchen gestemmt und gegen die Schritte von Michail Gorbatschow. Sie sagten: Entweder stoppen wir das oder für den Abzug müssten fünf Jahre Zeit gewährt werden.“
Kocáb, dessen Kommission über den Abzug wachte, bekam Hilfe von
unerwarteter Seite: ausgerechnet vom Generaloberst der russischen
Streitkräfte in der Tschechoslowakei, Eduard Worobjow. Dieser hatte 1968
am Einmarsch teilgenommen, und begann genau aus diesem Wissen heraus die
Invasion zu verurteilen. Worobjow sicherte den rechtzeitigen Abzug zu.
Während immer mehr sowjetische Armeeangehörige tschechischen und
slowakischen Boden verließen, kam ein weiteres Problem zutage: die enormen
Umweltschäden, vor allem auf und an den großen Militärbasen in Milovice,
im nordböhmischen Ralsko und im mittelmährischen Libavá. Michael Kocáb
sagt dazu aus der heutigen Perspektive:
Michael Kocáb
„Was sie in der kurzen Zeit beseitigen konnten, das haben sie weggeschafft. Doch viele Flächen blieben verseucht mit ölhaltigen Stoffen und Chemikalien. Die Beseitigung der Altlasten hat noch bis vor kurzem angedauert.“
Der tschechische Staat bezifferte die Schäden auf seinem Boden auf sechs Milliarden Kronen, das entspricht heute 230 Millionen Euro. Insgesamt 60 der 110 von der Sowjetarmee genutzten Orte mussten ökologisch saniert werden.
Abgesehen von den Problemen beim Abzug der Truppen gab es auch durchaus komische Momente. Kocáb erinnert sich noch heute mit einem Schmunzeln an einen solchen:
„Von irgendwoher kam die Forderung auf, dass wir uns von den sowjetischen Soldaten verabschieden und ihnen Geschenktüten mit Orangen überreichen sollten. Wir haben dann in der parlamentarischen Kommission beraten, ob wir ihnen für die 20 Jahre Okkupation auch noch Orangen schenken sollen. Ich war damals dagegen.“
Der letzte Transportzug mit sowjetischen Soldaten verließ die Tschechoslowakei sogar einige Tage früher als geplant: am 21. Juni 1991.






