Versteckte Bunker – Die geheime Verteidigung des Eisernen Vorhangs

Vor zwei Jahren starteten die Online-Redaktion des Tschechischen Rundfunks gemeinsam mit der Redaktion des Wissenschaftssender Leonardo das Projekt „Do hlubin historie“ („In die Tiefen der Geschichte“). Die Redakteure begaben sich auf die Suche nach einem deutschen Panzer im Elbe-Schlamm. Zur Mithilfe wurden auch die Hörer und die Besucher der Internetseiten des Tschechischen Rundfunks aufgefordert. Den Panzer aber hat man bis heute nicht gefunden. Erfolgreicher sind die beiden Redaktionen bei ihrem neuen Projekt. Es beschäftigt sich ebenfalls mit der Militärgeschichte, genauer mit der streng geheim gehaltenen Verteidigung des Eisernen Vorhangs durch ein ausgedehntes Bunkersystem.

Grenzbefestigung der Ersten Tschechoslowakischen Republik - Festung Hanička im AdlergebirgeGrenzbefestigung der Ersten Tschechoslowakischen Republik - Festung Hanička im Adlergebirge In Erwartung einer deutschen Aggression befestigte die damalige Tschechoslowakei in den 1930er Jahren ihre Grenze zum deutschen Reich durch Bunker, Schützengräben und Maschinengewehrstellungen. Vergebens. Denn die Grenzgebiete, das Sudetenland, waren überwiegend deutsch besiedelt. Nach dem Münchener Abkommen 1938 fielen diese Gebiete an Hitlerdeutschland und mit ihnen tausende militärische Objekte. Die Grenzbefestigungen der Ersten Tschechoslowakischen Republik von 1918 bis 1938 sind heute sehr gut dokumentiert. Zahlreiche Interessensvereinigungen pflegen einige dieser Anlagen. In manchen wurden sogar Museen eingerichtet. Sie erzählen jedoch nicht nur etwas über die Geschichte der Ersten Republik, sondern auch über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, denn viele Grenzbefestigungen wurden nach 1945 – nachdem die Sudetengebiete wieder Teil der Tschechoslowakei geworden waren – reaktiviert und modernisiert. Nach der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei im Jahre 1948 und während des Kalten Krieges bekamen diese Objekte eine neue Aufgabe.

Foto: Khalil Baalbaki, Tschechischer RundfunkFoto: Khalil Baalbaki, Tschechischer Rundfunk „Die Objekte aus der Ersten Republik, die reaktiviert wurden, dienten zur Verteidigung des Warschauer Paktes – in Abstimmung mit den anderen Armeen des Paktes. Von den etwa 10.000 dieser Objekte aus der Ersten Republik wurden ungefähr 2000 noch bis etwa 1968 und 1970 verwendet, manche sogar bis ins Jahr 1989 wie zum Beispiel in Südmähren“, sagt Petr Slavík aus der Online-Redaktion des Tschechischen Rundfunks. Er und seine Kollegen haben sich gemeinsam mit Redakteuren von Radio Leonardo, dem Wissenschaftssender des Tschechischen Rundfunks eingehend mit den tschechoslowakischen Befestigungen an den Grenzen zur Bundesrepublik Deutschland und zu Österreich beschäftigt. Dabei ging es ihnen in erster Linie nicht um die bereits bekannten, zum Teil reaktivierten Objekte aus der Zeit der Ersten Republik, sondern um die während des Kalten Krieges neu errichteten. „Die geheime Verteidigung des Eisernen Vorhangs“, so heißt das umfangreiche Projekt. Warum geheim? Petr Slavík:

Petr Slavík (Foto: Miroslav Bobek, Tschechischer Rundfunk)Petr Slavík (Foto: Miroslav Bobek, Tschechischer Rundfunk) „Diese Verteidigungsanlagen wurden geheim gehalten gegenüber dem Feind, also damals den ´Kapitalisten´. Und die Objekte waren so perfekt versteckt, dass weder der Feind noch die eigene Bevölkerung etwas von ihnen wussten - bis heute. Außer den Leuten, die die Objekte selbst errichtet hatten, wissen wohl 99 Prozent der Bevölkerung nicht, dass es in der Šumava / Böhmerwald über 2000 versteckte Bunker gibt. Nicht einmal die Naturschützer im Nationalpark, die direkt in dieser Grenzregion arbeiten, wissen darüber Bescheid.“

Dies soll sich nach dem Willen von Slavík und seinem Team ändern. Zu ihrem Projekt wurde eine Internetseite (Tschechisch: www2.rozhlas.cz/bunkry, Englisch: www2.rozhlas.cz/bunkry_eng) ins Leben gerufen, zu der auch die Radiohörer und Internetuser Inhalte beisteuern können und sollen, so Petr Slavík:

Foto: ČT24Foto: ČT24 „Wir bemühen uns nicht nur bisher unveröffentlichte Materialien aus Militärarchiven zugänglich zu machen. Die sind zwar interessant. Aber in einem zweiten interaktiven Teil können Interessierte unsere Angaben über die Lage der Bunker einsehen. Das richtet sich auch an Deutsche und Österreicher, denn die Grenze war von Aš / Asch im Westen bis Znojmo / Znaim in Südmähren mit Bunkern ausgestattet. Und wir haben eine ganze Reihe von Bunkern aufgeführt, die für Wanderer gut erreichbar sind. Aber wir haben im Internet auch Informationen über noch nicht gefundene Bunker veröffentlicht und wo sie ungefähr sein könnten. Wenn also jemand einen solchen Bunker findet, dann soll er uns Fotos davon schicken und die GPS-Koordinaten, und das veröffentlichen wir dann in der Internetpräsentation. Bisher haben Hörer etwa 100 Bunker gefunden. Wenn wir die Zahl 1000 erreichen würde, wäre das fantastisch.“

„Versteckter“ Eintritt in den Bunker (Foto: Naďa Reviláková, Tschechischer Rundfunk)„Versteckter“ Eintritt in den Bunker (Foto: Naďa Reviláková, Tschechischer Rundfunk) Einen Bunker zu suchen sei gar nicht so einfach, wie viele annehmen, sagt Petr Slavík, der natürlich selbst auch auf die Suche gegangen ist:

„Die Objekte, um die es uns in der Hauptsache geht – also die neuen, erst nach dem Krieg entstandenen Bunker – wurden so perfekt versteckt und getarnt, dass viele Leute nicht einmal wissen, was sie in ihrem eigenen Garten haben. Es gab einen Fall, da sind wir zu einem Grundstücksbesitzer gekommen, weil wir dort einen Bunker fotografieren wollten, dessen Lage wir aus Militärdokumenten kannten. Der Mann wusste bereits von einem Bunker in seinem Garten, aber von dem zweiten, den wir gesucht haben, hatte er überhaupt keine Ahnung.“

Bunkerüberreste (Foto: Naďa Reviláková, Tschechischer Rundfunk)Bunkerüberreste (Foto: Naďa Reviláková, Tschechischer Rundfunk) In dem Projekt „Die geheime Verteidigung des Eisernen Vorhangs“ geht es natürlich nicht nur um die spannende Suche, sondern auch darum eine Typologie der Verteidigungsobjekte des Kalten Krieges zu erstellen, die besonders für Militärhistoriker von Interesse ist. In Armeedokumenten ist zwar aufgeführt ob es sich etwa um eine kleine Maschinengewehrstellung oder um einen größeren Bunker gehandelt hat. Um mehr zu erfahren, muss man das Objekt aber direkt ausfindig machen und untersuchen. Und es gibt noch einiges zu entdecken. Weit über 2000 Anlagen sind in den Dokumenten aufgelistet. Bis zu 300 befinden sich in den Schutzzonen des Nationalparks Šumava, in die nur Naturschützer hinein dürfen. Nur rund 150 sind bereits entdeckt und im Internet aufgelistet. Ein satellitengestütztes Navigationssystem wie GPS hat es während des Kalten Krieges nicht gegeben, so dass die Militärdokumente die Lage der Bunker nur ungenau an nahe stehenden Bäumen oder Häusern festmachen. Diese könnten aber bis heute schon verschwunden sein. Findet man einen Bunker, ist das also ein großes Erfolgserlebnis, erzählt Petr Slavík. Besonders faszinieren Slavík die „vorfabrizierten Bunker“, wie er sie nennt:

Foto: Petr Slavík, Tschechischer Rundfunk)Foto: Petr Slavík, Tschechischer Rundfunk) „Das sind so etwas wie Einzimmerwohnungen. Aus ihrer Produktion entstanden übrigens auch die Fabriken zur Herstellung der Plattenbauten. Die haben vorher diese Bunker, sozusagen Kleinwohnungen, aus Stahlbeton gebaut, die komplett unter der Erdoberfläche versteckt sind.“

Diese Bunker sollten auch atomaren Explosionen in ihrer Nähe standhalten können, denn sämtliche militärischen Pläne der 50er, 60er und 70er Jahre rechneten im Kriegsfall mit dem Einsatz von Atomwaffen. Die Vorstellung vom Kampfablauf im Ernstfall ist so kurios wie erschreckend:

Bunker Pod Ostrým in Böhmerwald (Foto: M. Dolejší, Vojensko.cz)Bunker Pod Ostrým in Böhmerwald (Foto: M. Dolejší, Vojensko.cz) „Die Idee der Planer war, dass die Soldaten nach einer atomaren Explosion die erste Druckwelle abwarten, um dann aus dem Bunker herauszulaufen und eventuell nachrückende kapitalistische Panzer zurückzudrängen.“

Zu diesem Ernstfall ist es zum Glück nie gekommen. Über den tatsächlichen Nutzen der „geheimen Verteidigung des Eisernen Vorhangs“ kann man also nur spekulieren. In einem Punkt aber ist sich Petr Slavík sicher:

„Ein potentieller Aggressor wäre sicher sehr überrascht gewesen. Wir wissen zum Beispiel aus Archivmaterialien aus Westdeutschland, dass dem dortigen Nachrichtendienst nur 85 Maschinengewehrstellungen an der Grenze von Aš bis Znojmo bekannt waren. Zu dieser Zeit waren es aber schon weit mehr als 2000.“

Tausende von ihnen sowie über 1500 Bunker warten noch auf ihre Finder.