Kapitel aus der Tschechischen Geschichte „Um 180 Grad gedreht“ – Sporthistoriker Waic zum deutschen Sport in der Tschechoslowakei

03-09-2011 | Till Janzer

Die Tschechoslowakei war bei ihrer Gründung am Ende des Ersten Weltkriegs ein multiethnischer Staat. Der moderne Sport indes und besonders die Turnbewegung sind eher national geprägt. In der Tschechoslowakei lebten auch mehr als drei Millionen Deutsche. Ihr sportliches Aushängeschild war vor allem der Skilauf. In welchem Verhältnis standen aber der tschechische und der deutsche Sport in der Tschechoslowakei zueinander? Wie wurden die Nationalmannschaften zusammengesetzt? Der Sporthistoriker Marek Waic von der Prager Karlsuniversität antwortet im Folgenden auf diese und weitere Fragen.

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Jiří Guth-JarkovskýJiří Guth-Jarkovský Herr Waic, heute soll es bei dem Interview vor allem um den deutschen Sport in der Ersten Tschechoslowakischen Republik gehen und auch um das Verhältnis zwischen tschechischem Sport und deutschem Sport. Aber mit Sicherheit sollten wir klären, wie die Lage während der Donaumonarchie war. Tschechen und Deutsche hatten ja jeweils eigene Sportorganisationen und eigene Klubs. Und wie sah dann die Bildung von Nationalteams aus?

„Dazu muss man erstmal sagen, dass der moderne Sport in den böhmischen Ländern in der Mitte des 19. Jahrhunderts oder besser gegen Ende des 19. Jahrhunderts seine Anfänge hat. Und zwar sowohl der tschechische wie der deutsche. Die tschechisch-deutschen Beziehungen im Sport werden damals zu einem vergleichsweise großen politischen und nationalen Thema. Die Tschechen bemühen sich um eine eigene Repräsentation in den internationalen Sportverbänden. Das gelingt ihnen vor allem im Internationalen Olympischen Komitee. Einer der Gründer des Komitees ist schließlich Jiří Guth-Jarkovský, der auch zum Mitglied des IOC wird. Das war nicht nur den österreichischen Sportverbänden ein Dorn im Auge, sondern auch der österreichischen Diplomatie, weil die Tschechen auf oberster internationaler Ebene eigenständig auftraten – aber ohne eigene Staatlichkeit. Die österreichischen Sportverbände und die österreichische Sportdiplomatie – ab 1908 war ihr Vertreter ein Nachkomme des Fürsten Windischgrätz, der entfernt auch mit dem Herrscherhaus verwandt war – sie versuchen dieses eigenständige tschechische Vorgehen im Sport zu unterbinden.“

Tschechischer Turnverband SokolTschechischer Turnverband Sokol Wie ändert sich dann die Lage, als es zur Entstehung der Ersten Tschechoslowakischen Republik kommt? Wir haben ja auf der tschechischen Seite den Sokol, wir haben auf der deutschen Seite den Deutschen Turnverband. In welcher Weise versucht man, diese Doppelorganisation und die Frage der Nationalmannschaften zu lösen?

„Hier muss man auf einige interessante Sachen hinweisen. Zum einen müssen wir zwischen den Turnvereinen unterscheiden, also dem Sokol und dem Deutschen Turnverband in der Tschechoslowakei und den Sportklubs. Interessant ist dabei, dass die Tschechen vor dem Ersten Weltkrieg ihre sportliche Unabhängigkeit mit den Leistungen des tschechischen Sports verteidigt haben und nach dem Entstehen der Tschechoslowakei sich beide Seiten –die tschechische wie die deutsche –um 180 Grad in ihren Ansichten gedreht haben. Jetzt verteidigten die Sudetendeutschen ihre sportliche Unabhängigkeit und ihre unabhängige Teilnahme an internationalen Wettbewerben mit Hinweis auf ihre sportlichen Leistungen. Da hatten sie recht, vor allem bei den Skifahrern. Auf der anderen Seite haben die tschechoslowakischen Sportverbände und das tschechoslowakische Olympische Komitee darauf gedrängt, dass die Sudetendeutschen in tschechoslowakischen Nationalteams antraten. Das gelingt zum Teil auch. Bei den Olympischen Winterspielen gehören vor allem die sudetendeutschen Skiläufer immer zum tschechoslowakischen Team. Auch schon wegen der geographischen Lage der Sudeten brachten sie gute Leistungen und waren eine Stütze für das Team. Bei den inoffiziellen Weltmeisterschaften in anderen Disziplinen ist das etwas anders. Dort repräsentieren sie jeweils ihren Sportverband. Was den Sokol und die Turner anbetrifft, dort kam es nur in geringem Umfang zu Kontakten, aber bis Mitte der 30er Jahre waren die Beziehungen wenigstens korrekt. Was den deutschen Sport betrifft, muss man noch eine wichtige organisatorische Veränderung in der Tschechoslowakei erwähnen. Während die deutschen Sportvereine bis zur Entstehung der Tschechoslowakei Teil vor allem der österreichischen Verbände waren, ging dies zu tschechoslowakischen Zeiten nicht mehr. Kein Verein konnte zu einem ausländischen Verband gehören. Folglich waren auch die deutschen Turner organisatorisch und rechtlich unabhängig, aber sie standen verständlicherweise in engem Kontakt mit den Turnern aus dem Deutschen Reich.“

Karel Koželuh (Foto: „Mein Leben in Sport“ von Karel Koželuh)Karel Koželuh (Foto: „Mein Leben in Sport“ von Karel Koželuh) Vielleicht können Sie zur Illustration ein, zwei Beispiele nennen von deutschen Sportlern, die in tschechoslowakischen Nationalteams große Erfolge gefeiert haben…

„Es gibt einige interessante Fälle. Man muss aber sagen, dass außer bei den Skiläufern es nicht so sehr zu Kontakten zwischen tschechischen und deutschen Sportlern kommt. Zumindest nicht auf der Ebene der tschechoslowakischen Nationalteams. Interessant ist das Beispiel des Fußballs. Da entsteht bereits vor dem Ersten Weltkrieg als Gegengewicht zur ethnischen Identität auch die Vereinszugehörigkeit. So spielt zum Beispiel Josef Bican - als wohl berühmtester tschechischer Stürmer - in den 20er Jahren in Wien, während nach dem Ersten Weltkrieg österreichische Spieler zu tschechischen Vereinen gehen. Und das aus dem einfachen Grund, dass die tschechische Krone stabiler war als die österreichische Währung, die von der Inflation erfasst war. Oder zum Beispiel Karel Koželuh, der hervorragend Tennis und Fußball spielte. Er nimmt an der ersten Reise eines tschechoslowakischen Teams nach Lateinamerika teil, die sehr erfolgreich ist. Interessant ist dabei, dass es der deutsche Klub Teplitzer FK ist, für den Koželuh bei der Reise spielt und der die Tschechoslowakei damit auch international in Lateinamerika repräsentiert.“

Olympische Winterspiele in St. Moritz (1928). Die erste tschechoslowakische Medaille von den Winterspielen ging an Rudolf Burkert, der aus den Sudeten stammte. Illustrationsfoto: Deutsches BundesarchivOlympische Winterspiele in St. Moritz (1928). Die erste tschechoslowakische Medaille von den Winterspielen ging an Rudolf Burkert, der aus den Sudeten stammte. Illustrationsfoto: Deutsches Bundesarchiv Im Fußball, da kennen wir ja die Geschichte des ersten Endspiels um die deutsche Meisterschaft. Damals, 1903, gewann der VfB Leipzig gegen ein Team aus Prag, gegen den Deutschen FC Prag. Wie sah es dann aus in der Ersten Republik mit den Versuchen der Deutschen, dann vielleicht sogar Teil des deutschen Sportes zu werden. Das heißt später dann auch aus ideologischen Gründen zu versuchen, in den nationalsozialistischen Sport hineinzukommen?

„Die Beziehungen der deutschen Sportler zu Deutschland nach Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933 und zum Nationalsozialismus sind den bisherigen Kenntnissen nach nicht besonders herzlich. Außer beim Deutschen Turnverband in der Tschechoslowakei, der steht bereits seit den 20er Jahren unter dem Einfluss von Konrad Henlein, und dort sind die Beziehungen - wie gesagt – sehr eng, wenn auch noch nicht nationalsozialistisch geprägt. Nach Hitlers Machtübernahme kommt es zur paradoxen Situation, dass man praktisch nicht mehr von Beziehungen zwischen tschechischen und deutschen Turnern sprechen kann. 1934/35 wird im Deutschen Reich eine einheitliche staatliche Organisation für den Sport gegründet. Das heißt, die Turner in Deutschland sind nicht mehr eigenständig, die in der Tschechoslowakei aber schon. Ab 1935 oder 1936, das ist noch nicht ganz erforscht, existieren aber Kontakte von Konrad Henlein und weiteren Spitzenfunktionären des Deutschen Turnverbandes direkt zur nationalsozialistischen Verwaltung und zu den Spitzen des Nazi-Regimes.“

 

Dieser Beitrag wurde am 15. Januar 2011 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.

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