Tod am mährischen Himmel vor 73 Jahren

Im Zweiten Weltkrieg spielten sich mehrere Luftschlachten über Tschechien. Eine davon auch über den Weißen Karpaten.

Foto: ČT24Foto: ČT24 Vyškovec, Krhov, Přečkovice, Rudice und Šanov sind kleine mährische Gemeinden nur einen Steinwurf von der Grenze zur Slowakei entfernt. Im dortigen Luftraum wurde am 29. August 1944 ein heftiger Luftkampf ausgetragen. Das Gefecht zweier feindlicher Formationen – Bomber der US-Armee trafen damals auf Jagdflugzeuge der deutschen Luftabwehr. Später ist das Gefecht als die „Schlacht über den Weißen Karpaten“ in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs eingegangen. Bei Historikern gilt sie als Fortsetzung des so genannten Benzinkriegs, den die Alliierten im Mai desselben Jahres mit einem massiven Bombenangriff auf die deutschen Leunawerke der IG Farben gestartet hatten.

Michael Žitník (Foto: Jitka Mládková)Michael Žitník (Foto: Jitka Mládková) Zwei Tage vor der Luftschlacht in Südostmähren gelang es einer US-Aufklärungsmaschine, deutsche Lastzüge mit Benzintanks, Panzern und weiterer Rüstungstechnik im Rangierbahnhof der nordmährischen Industriestadt Ostrava aufzudecken. Der Konvoi war für die deutsche Wehrmacht an der Ostfront bestimmt. Besonders die Kraftstofftanks weckten die Aufmerksamkeit der Amerikaner, denn sie ließen auf die Herstellung synthetischen Benzins mittels Kohleverflüssigung schließen. Die Führung der US-Air-Force fasste deshalb prompt einen Plan. Dem Thema widmet sich seit Jahren Michael Žitnik. Er ist in Šanov gebürtig und Mitglied der Flughistorischen Gruppe mit Sitz in Zlín:

„Am 29.August 1944 starteten fast 500 US- amerikanische Bomber und rund 300 Abfangjäger von den Stützpunkten Foggia und Amendola in Süditalien in Richtung Mährisch-Ostrau. Sie flogen in einer 30 Kilometer breiten und mindestens 200 Kilometer langen Formation. Unterwegs bombardierten einzelne Flugzeuggruppen Scheinziele der Operation, vor allem Brücken, um die Aufmerksamkeit der deutschen Aufklärungsflieger abzulenken. Das gelang ihnen aber nicht. Von den Fliegerhorsten zwischen Berlin und Leipzig sowie von Wien aus starteten am selben Tag rund 90 deutsche Jagdflugzeuge, die nach ihrer Betankung in Ungarn auf die Amerikaner warteten. Im Raum des Städtedreiecks Nové Zámky und Trenčín auf der slowakischen und Zlín auf der mährischen Seite griffen sie einen Teil der heranfliegenden US-Bomber an.“

Ungleicher Kampf über Südostmähren

Foto: Jitka MládkováFoto: Jitka Mládková Es waren insgesamt neun US-Maschinen ohne Begleitschutz am äußersten Ende der nordwärts fliegenden Verbände. Sie konnten die Geschwindigkeit der anderen nicht halten. Gerade diese zurückgefallene Bombergruppe blieb von der Aufklärung deutscher Jagdflieger nicht unbemerkt. Trotz der Unterstützung von zurückgekehrten US-Jagdmaschinen hatten die schwer beweglichen B-17-Bomber, die auch unter ihrem Spitznamen „fliegende Festungen“ bekannt sind, keine Chance gegen die überlegenen Gegner. Nach einem dramatischen Kampf stürzten die brennenden US-Kampfmaschinen auf der mährischen Seite der Karpaten im Raum Šanov und Umgebung ab. Alle bis auf eine, die schon auf slowakischem Gebiet abgeschossen wurde,. Ein Teil ihrer Besatzungen kam ums Leben. Einige erlagen ihren schweren Verletzungen nach ihrem Fallschirmabsprung. Im nahen Slavičín wurden insgesamt 28 Tote außerhalb der Friedhofmauer in einem Massengrab verscharrt. Der Luftkampf setzte sich aber noch weiter nordwärts fort, bis in den Gebirgsraum der Beskiden und nach Mittelmähren. Die Gesamtzahl der Amerikaner, die an diesem Tag umkamen, belief sich auf 41. Wer überlebt hatte, fiel in Gefangenschaft. Nur drei Crewmitgliedern gelang es, heil über die Grenze in die Slowakei zu fliehen. Bald nach dem Ausbruch des Slowakischen Nationalaufstandes am 29. August 1944 wurden sie von einem US-Militärflugzeug abgeholt.

Foto: Offizielle Webseite der Schacht (www.leteckabitvakarpaty.cz)Foto: Offizielle Webseite der Schacht (www.leteckabitvakarpaty.cz) Im September 1946 wurden die sterblichen Überreste der gefallenen US-Piloten aus dem Massengrab in Slavičín exhumiert. Bestattet wurden sie zum Großteil im französischen Saint-Avold, auf dem größten US-amerikanischen Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkrieges in Europa.

Heimliches Gedenken

Unmittelbar nach dem Krieg wurden nur kleine und eher unauffällige Denkmäler in der Nähe von Šanov und anderen Orten der Flugzeugabstürze errichtet. Heimlich und ohne offizielle Genehmigung also. Der Vater des Hobbyhistorikers Michael Žitník zum Beispiel befestigte 1976 eine kleine Metallplatte mit der eingravierten Bezeichnung „Gedenkbaum“ an einem Baumstamm. Es sei eine Art stiller Protest gegen das kommunistische Regime gewesen, dem das Thema der Luftkämpfe über den Weißen Karpaten nicht ins Konzept passte, so sein Sohn. Dass sich der gebürtige Šanover für die Ereignisse am 29. August 1944 zu interessieren begann, verdankt er gerade seinem Vater:

Foto: Offizielle Webseite der Schacht (www.leteckabitvakarpaty.cz)Foto: Offizielle Webseite der Schacht (www.leteckabitvakarpaty.cz) „Er selbst begann irgendwann Mitte der 1970er Jahre mit seinen Nachforschungen und bemühte sich, möglichst viel Informationsmaterial zu den damaligen Vorgängen zusammenzugetragen. Zum Beispiel auch aus US-Archiven. Im Briefwechsel half ihm die US-Botschaft in Prag. Unter den damaligen politischen Verhältnissen hierzulande war es selbstverständlich gewissermaßen gefährlich. Er unternahm aber auch Motorrad-Touren durch die Gegend, um Zeitzeugen zu befragen. Ich habe ihn manchmal dabei begleitetet. Als Erwachsener konnte ich in den 90er Jahren vieles aus seinem Notizbuch erfahren. Wertvolle Informationen, Fakten sowie wichtige Adressen. Dank dem konnten 2004 verschiedene Schriftdokumente, Fotoaufnahmen von abgestürzten US-Maschinen und Exhumierungen die Ausstellung in Šanov ergänzen, in der ich dann zum ersten Mal authentische Funde zeigen konnte. Den Großteil der Exponate fand ich mithilfe eines Metalldetektors in der umliegenden Berglandschaft. Oder aber auch in den Höfen mehrerer Privathäuser in der Umgebung. Mancher Einheimischer nutzte einen der Fund mittlerweile zu ganz anderen Zwecken. Vor allem in Vyškovec bestand so manche Hundebude aus amerikanischen Duralplatten.“

Shirley Temple (Foto: David S. Nolan, U.S. Air Force, Public Domain)Shirley Temple (Foto: David S. Nolan, U.S. Air Force, Public Domain) Žitník zufolge wurden die mit den Luftkämpfen verbundenen Orte nicht von vielen Inlandstouristen ausgesucht. Das sei vor allem auf das mangelnde Wissen der meisten Tschechen über das blutige Luftduell über den Weißen Karpaten zurückzuführen, so der Šanover. Häufig hingegen seien US-amerikanische Diplomaten gekommen. Anlässlich des 45. Jahrestages der Karpaten-Schlacht wurde Šanov von Shirley Temple besucht. Wenige Tage zuvor trat sie das Amt der US-Botschafterin in Prag an. Während der Visite wartete auf sie ein „besonderes“ Erlebnis:

Shirley Temple und versteckte Denkmäler

„Über Besuche der Diplomaten informierten in der Regel die Auslandssender Voice of Amerika und Freies Europa/Radio Liberty eine Woche im Voraus. Temple wollte damals auch Krhov besuchen, wo sich ein Denkmal auf einem privatem Grundstück befand. Die drei Gehwege dorthin wurden an dem Tag von der Polizei für die Öffentlichkeit gesperrt. Die Botschafterin konnte man natürlich nicht stoppen. Doch auf dem anliegenden Feld ließ die örtliche Landwirtschaftliche Genossenschaft eine Menge von Exkrementen aus dem Schweinestall ausschütten. Der Gehweg blieb davon nicht verschont. Aus der Fassung brachte das die US-Botschafterin jedoch nicht. Sie ließ sich Gummistiefel von ihrem Chauffeur bringen und ging weiter bis zum Denkmal.“

Loy DickinsonLoy Dickinson Ab den 1980er Jahren besuchte die Region auch Loy Dickinson, der ehemalige Navigator eines der US-Kampfflugzeuge. Er hatte den Absturz seiner Maschine bei Rudice überlebt. Damals versteckte er sich am Waldrand in einem kleinen Trockenlager für Obst und wurde von zwei Jungen gefunden. Um das Leben der Familien der beiden nicht zu gefährden, stellte sich Dickinson nach zwei Tagen freiwillig der Polizei in Slavičín. Den Krieg überlebte er in verschiedenen Gefangenenlagern. Nach seinem ersten Besuch in Mähren unterhielt er freundschaftliche Kontakte zu einer Familie aus Slavičín. 2014, als sich die „Schlacht über den Weißen Karpaten“ zum 70. Mal jährte, kam er zum 14. Mal.

Veteranen erinnern sich

Vor zehn Jahren trafen sich in Slavičín und Šanov zwei Kriegsveteranen und ehemalige Feinde, die in der Luftschlacht gegeneinander kämpften. Dem Rumpfschützen einer Boeing B-17 der US-Luftwaffe, Joseph Owsianik, gelang es in der Nähe von Rudice mit dem Fallschirm abzuspringen. Bei dem Treffen war auch das damalige As der Deutschen Flugwaffe, Willi Reschke:

Willi Reschke (Foto: YouTube)Willi Reschke (Foto: YouTube) „Er gehörte der Eliteeinheit JG-302 an, die sich ‚Wilde Sau‘ nannte. Später flog er mit Höhenjägern vom Typ Ta 152 H, darunter mit Focke-Wulf-Maschinen. Reschke wurde in Dutzenden von Flugmissionen eingesetzt. Im Gefecht über den Karpaten hatte er eine Panne, wegen einem Fehler seines Kollegen wurde fiel das Höhenruder seiner Maschine aus. Mit einem Manöver gelang es ihm letztlich auf einem Feld bei Bánov notzulanden. Kurz darauf reiste er mit dem Zug nach Wien ab. Bei unserem Treffen mit Kriegsveteranen in Slavičín entschuldigte er sich für den deutschen Nationalsozialismus. Nach dem Krieg lebte Reschke in der ehemaligen DDR und kehrte nicht mehr ins Cockpit eines Flugzeugs zurück.“

An die Luftschlacht über den Weißen Karpaten erinnern heutzutage anders als früher mehrere Denkmäler und Museen sowie Bücher sachkundiger Autoren. Eines bereitet auch Michael Žitník vor, der Museumsbesitzer aus Šanov, der unermüdlich nach Kriegsspuren mit dem Datum 29. August 1944 fahndet.