Kapitel aus der Tschechischen Geschichte Sokol-Kongresse: Die mehr als hundertjährige Geschichte einer sportlichen Megashow

01-07-2006 | Jakub Šiška

Anfang Juli gibt es in verschiedenen tschechischen Städten außergewöhnliches zu sehen: Der Sokol, die älteste böhmische Turnorganisation, wird ihren 14. allgemeinen Kongress feiern. Zur Geschichte dieses bemerkenswertes Phänomens ein Beitrag von Jakub Siska.

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In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhob sich das Nationalbewusstsein des tschechischen Volks. Die Zahl der Schriftsteller, Musiker und Maler nahm deutlich zu, das kulturelle Leben wurde trotz ständiger politischer Schwierigkeiten immer reicher. Da kam der Philosoph Miroslav Tyrs mit der Idee, die richtige Entwicklung der tschechischen Nation auch durch die körperliche Tüchtigkeit zu unterstützen. Mit seinem Partner Jindrich Fügner gründete er eine Organisation, die den Namen Sokol, das heißt: "der Falke" bekam. Die Höhepunkte von dessen Tätigkeit wurden die Kongresse, erklärt der Ausbilder der Sokolgemeinde Jiri Sobota:

"Der erste Kongress fand 1882 statt, als Fest anlässlich des zwanzigsten Gründungsjubiläums des Sokol. Im feierlich geschmückten Prag stellten sich Sportler aus ganz Böhmen vor, viele Persönlichkeiten des tschechischen kulturellen Lebens waren ebenfalls dabei. Der Erfolg war riesengroß, und den Aktivisten war klar, dass solche Aktionen die nationale Ermutigung festigen können. Die Kongresse entwickelten sich deshalb von einfachen Turnertreffen zu vielfältigen Kunstprogrammen."

Die Beliebtheit des Sokol war bald auch unter den Tschechen im Ausland zu finden. Bereits im 19. Jahrhundert arbeiteten Gruppen in den Vereinigten Staaten, in Frankreich und in den Balkanländern. 1912 kamen alle nach Prag zu einem "allslawischen" Sokolkongress. Dieses Auftreten bedeutete eine offene Demonstration für die Nationalrechte und gegen die Österreichisch-Ungarische Monarchie. Die Fortsetzung dieses Kampfes kam später während des Ersten Weltkriegs:

Sokol-Kongress 1912Sokol-Kongress 1912 "Die Mehrheit der Sokoln, die zum Wehrdienst eingezogen wurden, lief so bald wie möglich auf die andere Seite über. Die erste 1915 in Frankreich gegründete tschechoslowakische Fremdenlegion, das war eigentlich ein Pariser Sokol. Ebenso in Russland: Die dort entstandenen tschechoslowakischen Truppen, die die Transsibirische Eisenbahn bewachten, wurden von Sokoln angeführt. Aber auch in der Heimat spielten die Sokolmitglieder eine wichtige Rolle. Seit den Umsturztagen 1918 bis zur Entstehung der tschechoslowakischen Polizei dienten sie als Ordnungskräfte, und sie haben auch die Machtübernahme an die vorläufigen Ausschüsse vermittelt. Dass es damals kein Rauben und keine Gewalt gegeben hat, das ist gerade den Sokoln zu verdanken."

Als goldene Sokolzeit gelten die zwanziger und dreißiger Jahre. Beide tschechoslowakischen Präsidenten, Tomas Masaryk und Edvard Benes, übernahmen die Schirmherrschaft über den Verein, da sie persönlich in jüngeren Jahren ebenfalls seine Mitglieder waren. Der bedeutendste Sokolkongress fand nach der allgemeinen Mobilmachung 1938 statt.

Fahne von Sokol PragFahne von Sokol Prag "Es handelte sich um ein offenes Eintreten für die Verteidigung der Tschechoslowakei. 30.000 Männer turnten eine Übung namens 'Der Schwur der Republik', die gleiche Zahl von Frauen stellte einen großartigen Tanz vor. Insgesamt präsentierten sich 350.000 Turner und Turnerinnen, mehr als zwei Millionen Zuschauer kamen sich die Vorstellungen ansehen. Und alle waren bereit, für die Freiheit zu kämpfen. Die Obfrau Provaznikova schrieb in ihren Memoiren, wie ihre Tochter den Mann in die Kaserne begleitete, mit Tränen in den Augen nach Hause kam und sagte: Wir wissen doch alle, dass niemand von ihnen zurückkehren kann."

Zum Krieg zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei ist es schließlich nicht gekommen. Manche Sokoln engagierten sich nach der Besatzung des Landes im Volkswiderstand. Und die Rache seitens der Okkupanten war hart, erinnerte 1992 Boris Uher, dessen Vater als Sokolanführer hingerichtet wurde.

Sokol-Kongress 1938Sokol-Kongress 1938 "Die Sokolmitglieder verbanden sich sofort mit allen großen Widerstandsvereinen, wie z.B. der 'Verteidigung des Volkes' und dem Ausschuss 'Wir bleiben treu'. Der Sokol hatte aber auch seine eigenen Organe, die die Nazis in mehreren Verhaftungswellen zerschlugen. Die erste kam bereits im November 1939 und betraf die bekannten Sokolanführer. Die zweite kam 1941, als der Verein aufgelöst und sein Eigentum konfisziert wurde. Die Gestapo ließ damals mehr als 1200 Sokolfunktionäre aus dem ganzem Protektorat verhaften und schickte die meisten ins Konzentrationslager. Die Führung des Vereins wurde auf diese Art beseitigt."

Aber die Organisation voll zu vernichten, das schafften die Nazis nicht. Schon im Juni 1945 versammelten sich die überlebenden Sokoln in Prag, um ihre Tätigkeit wieder fortzusetzen. 1948, bald nach der kommunistischen Machtübernahme, fand der zehnte Sokolkongress statt. Es handelte sich um ein mächtiges Auftreten gegen die aufziehende Totalität. Jiri Sobota war als Nachwuchsturner dabei.

Sokol-Kongress 1948Sokol-Kongress 1948 "Als ich bei der Prozession durch Prag aus den vorderen Reihen den Ruf 'Es lebe Präsident Benes!' vernommen hatte, war ich ein wenig überrascht, denn Edvard Benes war damals nicht mehr Präsident. Den Ruf konnte man aber dann ganz oft hören. Meiner Erinnerung nach regte dazu auch der Vater meines Freundes an. Da kamen einige Polizisten in Zivil zu ihm und wollten ihn festnehmen. Die Jungen fingen an, ihren Leiter zu schützen, und sie verteidigten ihn! Das war eine mächtige Demonstration für die demokratischen Ideale, die aber nichts mehr ändern konnte. Sowohl 1938 als auch 1948 war die internationale politische Situation eigentlich hoffnungslos für uns."

An dem Sokolkongress 1948 nahmen mehr als eine halbe Million Turner und Turnerinnen teil. Die Männer führten die Übung namens "Wir bleiben treu" aus, die an alle gemarterten Sokolmitglieder erinnerte. Die Frauen stellten modernes Keulenschwingen vor, und wegen des großen Erfolgs mussten sie das mehrmals wiederholen. Für lange war es die letzte freie Massenaktion, die natürlich nicht ohne Folgen bleiben konnte.

"Es gab eine neue Verhaftungswelle, die unbequemen Anführer wurden ins Gefängnis gesteckt, tausende Leute mussten den Sokol verlassen. Eine wirklich heftige Aktion kam nach dem Tod von Edvard Benes im September 1948. Der damalige Parteisekretär Slansky, später von seinen eigenen Genossen zum Tode verurteilt, lobte, wie diese Aktion, im Unterschied zum Sokolkongress, gut geklappt hatte."

Sokol-Kongress 2000Sokol-Kongress 2000 Erst nach der Wende 1989 konnte der alte Verein seine Tätigkeit wieder aufnehmen. 40 Jahre Unterbrechung, das war eine sehr lange Zeit. Alles begann eigentlich wieder bei Null.

"Der Sokol verschwand aus dem nationalen Bewusstsein, und viele junge Leute nehmen uns nur als Vergangenheit wahr. Wir haben auch Meinungen gehört, denen zufolge die Zukunft in Fitness-Zentren und professionellen Sportvereinen liegt und dass die Zeiten kollektiver freiwilliger Turnübungen schon vorbei sind. Es stellt sich aber nun das Gegenteil heraus: Die Leute bewegen sich immer weniger, was Übergewicht, Krankheiten und Verweichlichung mit sich bringt. Und in aller Welt sagt man, dass sich das ohne freiwillige Sportaktivität nicht ändern lässt."

Trotz aller Schwierigkeiten ist der Sokol mit 190.000 Mitgliedern die größte freiwillige Organisation in Tschechien. Sein Ziel ist schon seit fast 150 Jahren immer das gleiche: die körperliche Tüchtigkeit zu erhöhen, zum ehrlichen Verhalten im alltäglichen Leben zu erziehen und zur Verbreitung von Demokratie, Humanismus und Nächstenliebe beizutragen. Dass ihm das gelingt, hat 2004 das UNECSO Fair-Play-Comitee mit dem Preis von Piere de Coubertin bestätigt.

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