Kapitel aus der Tschechischen Geschichte Sieben Tage Krieg: Als Tschechen und Polen 1919 aufeinander schossen

21-02-2009 02:55 | Till Janzer

Der tschechoslowakische Staat war noch nicht einmal ein halbes Jahr alt, da zog er bereits in einen bewaffneten Konflikt. Ende Januar 1919 kam es zu dem so genannten Siebentagekrieg zwischen der Tschechoslowakei und Polen. Beide Seiten kämpften um das Gebiet Teschener Schlesien. Wie kam es vor 90 Jahren zu dem Waffengang und was bedeutete er für die polnisch-tschechoslowakischen Beziehungen?

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Český Těšín (Foto: www.info.tesin.cz)Český Těšín (Foto: www.info.tesin.cz) Der Erste Weltkrieg war zu Ende und neue Staaten erschienen auf der Europa-Karte. Sie entstanden, weil die Vielvölkerstaaten Habsburger Monarchie und Russisches Reich auseinander fielen. Doch die Ziehung der Grenzen gelang häufig nur schlecht. Und dort entstanden neue Konfliktherde. So auch im „Teschener Schlesien“, das bis ins 19. Jahrhundert als Herzogtum Teschen eine eigene Verwaltung gehabt hatte. Die Tschechoslowakei und Polen, beide neu entstanden, erhoben jeweils Ansprüche auf diesen Landstrich am Oberlauf der Oder. Jiří Friedl ist Fachmann für tschechisch-polnische Beziehungen am Historischen Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften:

„Das Herzogtum Teschen gehörte historisch betrachtet zur böhmischen Königskrone. Und die Regierung in Prag ging davon aus, dass das Gebiet automatisch der Tschechoslowakei zugeschlagen wird. Die polnische Regierung behauptete, dass aufgrund der ethnischen Aufteilung der größte Teil des Gebiets zu Polen gehört. Die meisten Bewohner waren Polen“, so Riedl.

Für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und vor dem Siebentagekrieg gibt es keine genauen demographischen Daten. Die aktuellsten Zahlen für diese Zeit stammen von 1910. Damals lebten rund 180.000 Menschen im Gebiet Teschen. Davon waren mehr als zwei Drittel Polen, 18 Prozent Tschechen und 12 Prozent Deutsche. Doch die Feindseligkeiten kamen laut Friedl bereits an der Jahrhundertwende auf:

Sieben-Tage-KriegSieben-Tage-Krieg „Noch bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts traten Tschechen und Polen gemeinsam für ihre nationalen Rechte ein und für das Recht, ihre jeweilige Muttersprache zu nutzen. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gehen die Interessen jedoch bereits auseinander. Es kommt nun immer häufiger zu immer heftigeren Anfeindungen polnischer und tschechischer Politiker im Gebiet Teschen.“

Während sich die Beziehungen innerhalb der Bevölkerung vor Ort verschlechterten, stieg jedoch die wirtschaftliche und strategische Bedeutung des Gebiets. Es entwickelte sich zu einem Zentrum des Steinkohlebergbaus und der Eisenverhüttung. Zudem führte hier die einzige Bahnlinie durch, welche die tschechischen Gebiete mit der Slowakei verband. Das befeuerte nach dem Ersten Weltkrieg die Ansprüche der Regierung in Prag zusätzlich.

Doch unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg legten Warschau und Prag erstmal im Gebiet Teschen eine vorläufige Demarkationslinie fest. Diese folgte im Groben den ethnischen Trennungslinien. Die endgültige Grenzziehung sollte erst noch ausgehandelt werden.

„Die tschechoslowakische Regierung erkannte die Demarkationslinie vom 5. November 1918 nicht an. Beide Seiten beschuldigten sich zudem gegenseitig, diese Linie nicht zu beachten. Im Januar 1919 schrieb dann Polen auch im Gebiet Teschen Wahlen zum verfassungsgebenden Sejm aus. In Prag wurde das so interpretiert, dass Warschau damit seinen Anspruch auf das Gebiet deklariert. Deswegen entschloss sich die Tschechoslowakei zu einer militärischen Besetzung des Gebiets“, beschreibt Historiker Jiří Friedl die Entwicklung.

Die tschechoslowakischen Truppen begannen die Landnahme am 23. Januar 1919. Die polnische Armee hatte ihnen nicht viel entgegenzusetzen. So geriet praktisch das gesamte Teschener Gebiet unter tschechoslowakische Besatzung. Die Kämpfe dauerten bis zum 31. Januar. Wie die Quellen berichten, kamen dabei auf tschechoslowakischer Seite 53 Menschen ums Leben und auf polnischer 92. Dazu wurden insgesamt fast 1000 Menschen verletzt. Einen Sieger, den gab es dennoch nicht, wie Historiker Friedl betont:

„Beide Seiten litten. Der tschechoslowakische Streifzug in Teschen, wie das die polnischen Historiker nennen, verschlechterte die Beziehungen zwischen Warschau und Prag massiv. Die Polen warfen den Tschechoslowaken vor, dass sie feige angegriffen hätten, als Polen im Osten schwere Kämpfe um Lemberg ausfechten musste. Während des Siebentagekrieges töteten tschechoslowakische Soldaten sogar polnische Gefangene, das ist auf Fotos dokumentiert. Einige Quellen sagen, dass die Gefangenen mit Bajonetten erstochen wurden. Auf jeden Fall bedeutete der Siebentagekrieg eine Eskalation der ethnischen Spannungen im Teschener Gebiet und trug zur Lösung der Situation nicht im Geringsten bei. In dieser Hinsicht gab es keinen Sieger.“

Antitschechisches FlugblattAntitschechisches Flugblatt Zu einem Ende der Kampfhandlungen kam es nur auf Druck der westlichen Mächte. Am 3. Februar unterzeichneten Polen und die Tschechoslowakei ein Waffenstillstandsabkommen. Das Gebiet Teschen wurde unter internationale Kontrolle gestellt, die Truppen beider Seiten mussten abziehen. Soldaten aus Frankreich, Großbritannien, Japan und weiteren Ländern sollten über die Einhaltung des Friedens in der Region wachen. Die hatten aber selbst genug vom gerade zu Ende gegangenen Ersten Weltkrieg und konnten die Spannungen zwischen den Ethnien nicht wirklich entschärfen. Ab der zweiten Hälfte 1919 wurde dann eine Volksabstimmung vorbereitet über die Zugehörigkeit des Gebiets. Diese sollte rein informativen Charakter haben und nicht schon die Zugehörigkeit zur Tschechoslowakei oder Polen festlegen. Doch letztlich bekam die polnische Regierung kalte Füße, wie Friedl erläutert:

„Polen kam im April 1920 zur Ansicht, dass die Volksabstimmung für das Land negativ enden könnte. Deswegen gab Warschau bekannt, dass man von einer Abstimmung absehen sollte und schlug ein internationales Schiedsgerichtsverfahren vor. Einige Wochen später stimmte die Tschechoslowakei dem Vorschlag zu. Und so kam es zur Konferenz im belgischen Spa, die dann über die endgültige Demarkationslinie entschied.“

Denkmal für die polnischen Opfer des Sieben-Tage-Krieges in ZebrzydowiceDenkmal für die polnischen Opfer des Sieben-Tage-Krieges in Zebrzydowice Die Konferenz in Spa fand Ende Juli 1920 statt. Es beteiligten sich die wichtigsten Siegermächte des Ersten Weltkriegs: die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan. Das Gebiet Teschen wurde in zwei fast gleich große Teile zerlegt. Ruhe brachte die Lösung indes nicht. Denn die Entscheidung von Spa bevorteilte vor allem die tschechoslowakische Seite:

„Die Tschechoslowakei bekam sowohl die strategisch wichtige Bahnlinie aus Košice nach Bohumín, als auch so gut wie alle Kohlegruben, vor allem in Třinec und Karviná. Die Entscheidung der Siegermächte wurden auch durch die Interessen einiger Wirtschaftskonzerne beeinflusst“, so der Historiker Friedl.

Auf der anderen Seite lebte auf diesem Gebiet nun eine starke polnische Minderheit, die national sehr bewusst dachte. Dies zeigte sich im Oktober 1938. Das Münchner Abkommen schlug Teschen wieder Polen zu. Als die polnischen Truppen einmarschierten, wurden sie von den Bewohnern stürmisch begrüßt.

Die Lösung des Problems wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg gefunden – allerdings nicht sofort. Im Juni 1945 schien es, als ob sich die Geschichte wiederholen sollte. Nur knapp schrammten Polen und Tschechoslowakei an einem weiteren bewaffneten Konflikt vorbei – und das erneut nach einem Weltkrieg. Da sich bilateral das Problem nicht lösen ließ, griff die Sowjetunion ein. Sie nötigte beide Seiten im Jahr 1947 zu einem gemeinsamen Abkommen. Wichtiger wurde jedoch die politische Entwicklung in der Tschechoslowakei, wie Jiří Friedl erläutert:

„Die gewandelte politische Situation in der Tschechoslowakei nach der kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948 und der Wunsch der Sowjetunion, dass zwischen ihren Satellitenstaaten keine Streitigkeiten bestehen, ließ den Streit um das Teschener Gebiet langsam verpuffen. Man muss sagen, dass er verpuffte, das geschah nicht per Zauberstab und mit einem Mal. Aber beide Seiten hatten kein Interesse mehr daran, die gemeinsamen Beziehungen durch Grenzstreitigkeiten zu belasten.“

Der Schlussstrich wurde dann mit einem endgültigen Grenzvertrag gesetzt. Dieser trat am 14. Februar 1959 in Kraft – also vor ziemlich genau 50 Jahren.

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