Samtene Revolution: Ein Reportage-Dokument vom Dezember 1989 in der Tschechoslowakei

Der Dezember 1989 war in der Tschechoslowakei kein Monat, in dem man sich wie gewohnt auf das Weihnachtsfest vorbereitet hat. Das Land war damit beschäftigt, sich neu zu ordnen, nachdem die Macht des kommunistischen Regimes wenige Wochen zuvor zusammengebrochen war. Zu dieser Zeit war die in Deutschland lebende Tschechien und Radio-Bremen-Reporterin Libuše Černá in Prag und anderen Landesteilen mit dem Mikrofon unterwegs. Sie hat eingefangen, was die Tschechen zu dieser Zeit bewegte und wie ihre Hoffnungen für die Zukunft aussahen.Ihre Reportage wurde damals von 16 deutschen Rundfunkstationen übernommen. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin Libuše Černá sendet heute Radio Prag die 20 Jahre alte Reportage und versetzt Sie damit zurück in die Tschechoslowakei im Dezember 1989.

Junge Studentin: „Die Regierung wird bestimmt Probleme haben. Wir wissen, dass bei uns eine große Inflation ist, sechsprozentige Inflation. Und jetzt werden alle Waren teuer. Teurer als sie früher waren. Und wir glauben, dass die Opposition, dass die kommunistische Partei und die Leute, die mit der kommunistischen Partei sympathisieren Probleme machen werden. Sie werden sagen: ´Na ja, bei uns gab es das nicht´. Aber man muss beginnen. Und wir glauben unserer Regierung. Wir können unsere Regierung jetzt achten. Anders als früher. Früher konnten wir unsere Vertreter nicht achten. Gar nicht. Ich meine, dass wir geschlossen handeln müssen und dass die Leute nicht ihre Ideale verlieren dürfen. Das muss uns bleiben. Jetzt nimmt es uns niemand – darf es uns niemand mehr nehmen.“

Václav Havel (Foto: ČTK)Václav Havel (Foto: ČTK) Montag, der 11. Dezember 1989, zwölf Uhr mittags. Dem alten Regime läuten die Totenglocken. Sirenen jaulen, Autos hupen. Ganze fünf Minuten dauert der tränenlose Abschied. Wer kein Glöckchen zur Hand hat, der lässt seine Hausschlüssel tanzen. Václav Havel steht auf dem Balkon des Hauses, auf dem eine Woche zuvor das Bürgerforum seine neuen Räume bezogen hat. Er grüßt schon recht staatsmännisch die Prager, die sich in der Fußgängerzone, mitten in der Stadt versammelt haben. Auch ihm reicht sein Nachbar einen Schlüsselbund. Die neue Regierung, die „Regierung der nationalen Verständigung“, ist gerade 22 Stunden im Amt. Sie sind gegangen, fast widerstandslos, die großen und kleinen Husáks, Jakešs und Štěpáns. Nur ein leeres Brillen-Etui blieb liegen auf dem Sessel des Abgeordneten Milouš Jakeš im tschechoslowakischen Parlament. Die alten Machthaber wurden weggefegt. Sie verschwanden scheinbar spurlos, fast über Nacht. Waren sie selbst müde ob ihrer Macht, der sie nicht gewachsen waren? Waren sie verunsichert durch die Entwicklung in den Nachbarländern, verlassen von ihrem großen russischen Bruder? Oder: Verdankten sie ihre Macht seit 20 Jahren nur der Tatsache, dass sich das Volk aus dem gesellschaftlichen Leben verabschiedet hatte? Lebten sie von einem labilen Gleichgewicht, das plötzlich nicht mehr vorhanden war? Oder: Wirkten sich die Veränderungen, die in der Tschechoslowakei seit zwei Jahren ohne großes Aufsehen um sich gegriffen hatten schon so tief, dass nur noch der letzte Stoß fehlte?

 

Am Tag der Menschenrechte, am 10. Dezember 1989, ist die friedliche Revolution drei Wochen alt. In seiner Ansprache an diesem Tag sagt Václav Havel:

“Die Geschichte, die künstlich angehalten wurde, gerät plötzlich in Bewegung. Die atemberaubende Geschwindigkeit überrascht uns immer wieder. Die Historiker werden einmal diese Zeit analysieren und sie werden uns sagen, was es eigentlich war.“

Hunderttausende, die sich am 10. Dezember auf dem Prager Wenzelsplatz versammelt haben, lassen ihre Revolution hochleben. Sie alle sind von dem atemberaubenden Tempo der Ereignisse überrascht. Als einige Wochen zuvor – im September 1989 – ein paar tausend Demonstranten durch die Prager Innenstadt zogen und dabei riefen ´Freiheit unter den Weihnachtsbaum´, glaubte keiner ernsthaft daran, dass dieser Wunsch auch Wirklichkeit werden könnte. Dann kam der 17. November. Der Tag der Revolution, der Revolution der Studenten, der Revolution der Prager Kinder.

Begräbnis von Jan OpletalBegräbnis von Jan Opletal Die Demonstration am 17. November war offiziell angemeldet und genehmigt worden. Die Prager Studenten und Studentinnen wollten an diesem Tag an den Tod von Jan Opletal erinnern. Der Medizinstudent Jan Opletal wurde 1939 von den deutschen Besatzern bei einer Demonstration in Prag erschossen. Seine Beerdigung wurde wieder zu einer Demonstration, die die deutschen Machthaber gewaltsam niederschlugen. Am 17. November 1939 wurden die tschechischen Hochschulen geschlossen, die Rädelsführer der Stundentenbewegung erschossen, zahlreiche Studenten ins Reich verschleppt.

An all das sollte der Marsch der Prager Studenten genau 50 Jahre später am 17. November 1989 erinnern. Der Demonstrationszug, an dem 20.000 Menschen teilnahmen, bewegte sich von Albertov, dem Sitz der medizinischen Fakultät, Richtung Innenstadt. Dort auf der Nationalstraße warteten schon die Spezialeinheiten der Polizei. 2.000 Menschen, darunter auch viele 13-, 14-, 15-jährige, wurden zwischen den Gebäuden des Nationaltheaters und der Akademie der Wissenschaften eingekesselt und brutal zusammengeschlagen. Der Eingriff der Polizei sollte, wie schon mehrmals bei früheren Demonstrationen in Prag erprobt, er sollte nun endgültig die Systemgegner zum Schweigen bringen.

 

Warum gingen sie auf die Straße, die Prager Kinder? Es ging ihnen doch gut. Seit 20 Jahren wurden die Menschen in der Tschechoslowakei durch Wohlstandspolitik in einen lethargischen Schlaf gewiegelt. Junge Familien mit Kindern genossen sonst sogar in Westeuropa unbekannte Vorteile. Auch Reisefreiheit war kein Fremdwort. Die Führung unter Milouš Jakeš schlug sogar ganz vorsichtig mäßige Wirtschaftsreformen vor. Der Staatsapparat sollte reduziert werden, mit dem neuen Planungsgesetz verabschiedete man sich praktisch von der Planwirtschaft.

Milouš JakešMilouš Jakeš Warum gingen sie auf die Straße, wohl wissend, dass sie nur Prügel einstecken werden? Tomáš Drábek, 23 Jahre alt, Medizinstudent im zehnten Semester:

„Hier war schon seit dem Frühjahr, aber spätestens seit September so ein Situation, dass obwohl sich nichts geändert hatte und die Veränderungen erst nach dem 17. November kamen, dass schon seit September die ganze Atmosphäre in der Gesellschaft so war, dass ich zum Beispiel nicht mehr lernen konnte. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Etwas hin in der Luft. Der Druck wurde größer und es war klar, dass sich etwas ändern muss. Ungefähr eine Woche vor dem 17. November wurde ein Forum der Prager Hochschulstudenten organisiert. Jeder, der wollte, konnte auch kommen. Und dort hörte man schon ganz kritische Äußerungen zu der Situation in unserem Lande. Aber es zeigte sich, dass wir alle Mittel, die uns zur Verfügung standen, ausgeschöpft hatten. Unsere einzige Möglichkeit, um mehr Druck auszuüben, war der Streik und die Demonstration. Selbstverständlich hatten wir alle Angst. Keiner von den Leuten, die sich engagiert hatten, konnte in der ersten Woche zu Hause schlafen. Wir haben uns bei Freunden versteckt. Hätte der staatliche Apparat, so wie es üblich war, in den ersten Tagen nach dem 17. November hart durchgegriffen, dann wäre das Ergebnis dieser Bewegung gar nicht so sicher. Im Grunde genommen hätte all das hier umkippen können. Die Situation hätte wesentlich schlimmer als vorher werden können, und wir hätten Repressionen anstelle von Demokratie.“

 

Václav HavelVáclav Havel Václav Havel schrieb am 25. Juli 1989 seine Rede „Ein Wort über das Wort“. Der Anlass: Dem tschechischen Dramatiker wurde der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Bei der Preisverleihung am 15. Oktober 1989 wurde die Rede Havels von Maximilian Schell verlesen, da die tschechoslowakischen Behörden dem Preisträger die Ausreise verweigert haben. Václav Havel in seiner Rede „Ein Wort über das Wort“:

„Worte haben auch ihre Geschichte. Es gab zum Beispiel Zeiten, in denen das Wort ‚Sozialismus’ für ganze Generationen Erniedrigter und Unterdrückter ein magnetisches Synonym für eine gerechtere Welt war. In dem für die Ideale, die mit diesem Wort ausgedrückt werden, Menschen fähig waren, lange Jahre ihres Lebens zu opfern und vielleicht gar das Leben selbst. Ich weiß nicht, wie es sich in Ihrem Land verhält, doch in meiner Heimat ist aus demselben Wort, also aus dem Wort ‚Sozialismus’ schon längst ein ganz gewöhnlicher Gummiknüppel geworden, mit dem irgendwelche reich gewordenen und an nichts glaubenden Bürokraten alle ihre frei denkenden Mitbürger in den Rücken schlagen, wobei sie sie ‚Feinde des Sozialismus’ und ‚antisozialistische Kräfte’ nennen.“

Am 18. November 1989 begannen die Prager Schauspieler, die tschechischen und slowakischen Studenten und Schüler einen Streik. Die Schüler streikten eine Woche, die Schauspieler einen Monat, die Studenten zunächst unbegrenzt, schließlich bis zum 29. Dezember, dem Tag der Wahl Havels zum Staatspräsidenten. Ihre Forderungen: Bestrafung der Verantwortlichen für den Eingriff am 17. November, Rücktritt der Regierung und des Staatspräsidenten Gustáv Husák, freie Wahlen aber auch Reformen im Bildungswesen.

 

Während des Streiks vervielfältigten die Studenten und Studentinnen Informationstexte. Unzählige Male tippten sie die Statuten des Bürgerforums und den Lebenslauf von Václav Havel ab. Denn bis vor kurzem war der Schriftsteller und Bürgerrechtler fast nur unter den Intellektuellen bekannt. Seit 20 Jahren durften seine Texte in der Tschechoslowakei nicht veröffentlicht werden. In Pamphleten, die die tschechoslowakischen Zeitungen immer wieder zum letzten Mal im Frühjahr 1989 abdruckten, wurde er als kriminelles Element diffamiert.

Wer ist eigentlich Václav Havel? Auf diese Frage antworteten nun die Studenten mit ihren Texten. Die Menschen müssen endlich informiert werden, damit sie sich ihre Meinung auch bilden können, sagten sie. Und deswegen verbreiteten sie Kopien der Menschenrechtsdeklaration, Computerauszüge mit ihren eigenen Forderungen, Texte über die wirtschaftliche und ökologische Situation der Tschechoslowakei, aber auch philosophische Abhandlungen. Sie druckten und verteilten Plakate, organisierten Kundgebungen auf dem Lande.

Vier Wochen nach Beginn des Streiks waren von den 2500 Medizinstudenten in Prag immer noch 20 Prozent aktiv dabei. Einer von ihnen Eugen Vencovský:

„Wir haben Fahrten organisiert. Unsere Fakultät hat den Landkreis Rakovník zugeteilt bekommen. Dorthin bringen wir massenweise Flugblätter und die neuesten Informationen. Außerdem stehen wir für Kundgebungen und Gespräche zur Verfügung. Wir stellen studentische Delegationen zusammen. Ich als Mitglied des Streikausschusses habe keine Zeit irgendwo hinzufahren. Wir bemühen uns alle Anforderungen zu koordinieren, Menschen zur Verfügung zu stellen und in der ersten Woche war die Arbeit ganz anders. Jede Minute kamen von zwei verschiedenen Leuten zwei unterschiedliche Informationen und wir mussten ständig neue Probleme lösen. Wir hatten keine Zeit zum Schlafen und zum Essen. In der ersten Woche war unsere wichtigste Aufgabe die Organisation des Generalstreiks. Das ist uns gelungen. In der zweiten Woche mussten wir erst einmal das Bürgerforum und seine Statuten vorstellen. Und in dieser Woche bevorzugen wir persönliche Gespräche. Wir müssen ständig rausfahren.“

 

In den vergangenen 40 Jahren ist der Pro-Kopf-Anteil am Bruttosozialprodukt deutlich geringer geworden. In der Weltrangliste ist die Tschechoslowakei von Platz 10 auf Platz 40 abgerutscht. Die Ausgaben für Bildung und Gesundheitswesen wurden reduziert. Rangierte noch vor 20 Jahren die Tschechoslowakei, was die Bildungsangaben anbelangt, an 22. Stelle in der Welt, so ist das Land bis heute auf Platz 72 heruntergerutscht.

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Einen, wenn auch unrühmlichen, ersten Platz kann die Tschechoslowakei dennoch nachweisen: Sie ist das Land mit der am stärksten verschmutzten Umwelt in Europa. Auf einen Quadratkilometer fallen jährlich 25 Tonnen Staub, Asche und Emissionen. Von alldem hatten die meisten Menschen in der Tschechoslowakei keine Kenntnisse. Ihnen ging es mäßig gut, sie hatten sich arrangiert, kümmerten sich nur um ihre privaten Angelegenheiten. Rasche Veränderungen sahen sie nicht gern.

Und so hieß man nicht immer und vor allem nicht überall die studentischen Aufklärungsdelegationen willkommen. Man versuchte die Studenten einzuschüchtern, es kam zu Handgreiflichkeiten.

Ein Student: „Viele Leute wissen gar nicht, welche Schweinereien in den letzten 20 Jahren passiert sind. Vielleicht sind sie deswegen so passiv.“

Ein weiterer Student: „Ich denke, dass die meisten Menschen Interesse an Veränderungen haben. Aber viele haben auch Angst, dass sich vor allem unsere wirtschaftliche Lage so verändert wie in Polen. Dort ist doch die Situation wesentlich schlimmer. Hoffentlich kommt es bei uns nicht zu solch einer starken Inflation wie in Polen.“

Dritter Student: „Wir haben unseren Finanzminister, Ing. Klaus gefragt, ob wir bei den westlichen Ländern um Darlehen betteln müssen. Er antwortete dahingehend, dass es sich keinesfalls um große Summen handelt wird, die unsere Wirtschaft retten sollen. Es könnte sich um kurzfristige Kredite handeln, aber nicht einmal das erwäge man zurzeit.“

Und noch ein Student: „Im Grunde war immer nur Prag informiert. Hier gab es Samisdat-Zeitungen und Ähnliches. Hier waren die Informationen weiter verbreitet, auch unter uns Studenten. Wir wussten, was in diesem Staat passiert. Aber auf dem Land, und das fängt gleich hinter Prag an, wünscht man kaum Veränderungen, der Druck ist wesentlich geringer.“

 

15 Kilometer hinter Prag hört die Revolution auf, sagen die Studenten. Kann dies wahr sein? In jeder tschechoslowakischen Stadt, in jeder Institution, in jedem Betrieb gibt es heute doch ein Bürgerforum. Die Stadt Litoměřice / Leitmeritz liegt 60 Kilometer nördlich von Prag. Sie hat 25.000 Einwohner, einige Chemiebetriebe, eine große Kaserne und ein altes, traditionsreiches Gefängnis.

Bei uns fange die Revolution jetzt erst richtig an, sagt der Sprecher des Bürgerforums in der Stadt, Zdeněk Bárta. Bárta ist evangelischer Pfarrer, seit fast 20 Jahren wohnt er in dieser Gegend. Zehn Jahre lang durfte er in seiner Gemeinde offiziell nicht arbeiten, weil er die Charta 77 unterschrieben hatte. Zehn Jahre verdiente er als Wasseruhrableser das Brot für sich und seine fünfköpfige Familie. Die Gemeindemitglieder unterstützten ihren Pastor, er durfte weiter im Pfarrhaus wohnen bleiben, betreute in der Freizeit seine Mitmenschen. Schließlich gaben die Behörden nach. Seit zwei Jahren ist Zdeněk Bárta wieder als Pfarrer tätig. Als Sprecher des Bürgerforums hat er jetzt das Sagen in der ganzen Gegend.

Die Revolution fängt erst richtig an, sagt er. Denn erst jetzt kommt alles raus. Was man jahrelang nur ahnen konnte, wird nun tatsächlich bekannt. Das größte Problem dieser Gegend ist die Ökologie. Die Gegend um Litoměřice, ehemals der Garten Böhmens genannt, gleicht heute einer Mondlandschaft:

„Hier in der direkten Umgebung liegt das größte Papierwerk in Böhmen, das vor allem mit seinem Heizwerk, aber auch mit den anderen Werken ganz viele Schadstoffe produziert. Dann gibt es hier einen Chemiebetrieb, der sinnlos immer noch künstliche Düngemittel herstellt, die man gar nicht mehr braucht. Zudem gibt es ein altes Zementwerk, das mit alten Reifen beheizt wird. Selbstverständlich arbeiten alle diese Betriebe ohne jegliche Filter oder Kläranlagen. Das Abwasser geht direkt in die Elbe, der Rest in die Luft“, so Bárta.

Direkt am Stadtrand wird in Litoměřice radioaktiver Abfall gelagert. Die Folgen der Umweltbelastung, sagt Zdeněk Bárta, werden jetzt bekannt. Die Mediziner fangen an zu sprechen. Sie sprechen darüber, dass die Einwohner unter chronischen Erkrankungen der Atemwege leiden, dass die Zahl der Krebskranken steigt. 30 Prozent der Menschen, die in dieser Gegend sterben, sind keine 45 Jahre alt. Bárta schildert die Lage.

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission „Es gibt erschreckende Zahlen, zum Beispiel darüber, dass es nicht nur schwierig ist, in dieser Gegend schwanger zu werden, sondern dann auch das Kind auszutragen. 90 Prozent aller Schwangerschaften sind Risikoschwangerschaften. Erschreckend ist auch die steigende Zahl der Kinder mit Down-Syndrom.“

Bisher nahmen die Kritiker an, dass die gemessenen Emissionen, die Zahlen, die Statistiken geheim gehalten wurden. Das Bürgerforum in Litoměřice machte eine viel schlimmere Entdeckung: Die Umweltbelastung wurde bisher so gut wie gar nicht observiert, die Emissionen kaum gemessen. Es gibt ein einziges Messgerät für den gesamten Landkreis, das den heutigen Anforderungen keineswegs entspricht.

 

1983 sagte Václav Havel in einem Interview:

„Ich bekenne mich zu keiner konkreten Ideologie, zu keinen Doktrinen, aber auch zu keiner Partei oder Sekte. Ich diene keinem und noch weniger einer Macht. Wenn ich jemandem oder etwas diene, dann nur meinem Gewissen. Ich bin weder ein Kommunist, noch ein Antikommunist. Wenn ich die Regierung kritisiere, dann nicht deswegen, weil sie kommunistisch ist, sondern weil sie schlecht ist. Wenn es hier eine sozialdemokratische, eine christlich-demokratische oder eine andere Regierung gäbe und sie wäre schlecht, dann würde ich sie genauso kritisieren wie diese Regierung“; soweit Havel 1983.

1990 macht Václav Havel seine ersten Schritte als Staatspräsident mit Schlips und Kragen. An der Macht ist eine neue Regierung, die Regierung der nationalen Verständigung. Sie genießt zweifellos ein hohes Ansehen, aber sie muss auch noch beweisen, dass sie verdammt gut ist. Denn bei den akuten Problemen in der Tschechoslowakei sind schnelle und nicht selten schmerzhafte Lösungen notwendig. Schon heute spricht man von Arbeitslosigkeit. Als erste werden die Bergleute betroffen sein. Die Einführung einer bezahlten Krankenversicherung wird diskutiert, genauso wie eine zusätzliche Steuer für Landwirte. Intellektuelle unterstützen die neue Entwicklung. Sie können nur gewinnen. Kompetente Fachleute sind gefragt. Viele leitende Positionen sind zurzeit unbesetzt. Aber auch selbst bestimmte Arbeit ist eine neue interessante Berufsperspektive.

Lenka Procházková ist 38 Jahre alt. Sie ist Schriftstellerin. Doch ihre Werke waren schon verboten ehe sie geschrieben waren. Der Grund: Der Vater von Lenka Procházková war ein exponierter Kulturschaffender während des Prager Frühlings 1968. 20 Jahre lang schrieb Lenka ihre kleinen Liebesgeschichten für die Schublade, für Samisdat-Publikationen oder für Exil-Verlage. Und dennoch waren für sie die vergangenen 20 Jahre nicht verloren:

„Ich denke, dass ich in den vergangenen 20 Jahren die wichtigste Periode meines Lebens erlebt habe. Einerseits privat, und außerdem war es eine Zeit, in der ich intensiv geschrieben habe. Das war meine Reaktion auf den gesellschaftlichen und politischen Druck. Ich denke, in anderen Zeiten hätte ich weniger geschrieben, so dass ich jetzt aus meinem Buchlager auch etwas anzubieten habe, mit gutem Gefühl und ohne Eile. Ich muss mich nicht beeilen, schnell etwas Neues zu produzieren. Das ist wirklich ein gutes Gefühl.“

Die Zukunft sieht rosa aus für die Schriftstellerin Lenka Procházková. Es kommen Publikationsangebote, Anfragen nach Interviews. Doch die Öffnung in die Zukunft berührt Lenka Procházková noch in ganz anderer Weise. Praktisch zum ersten Mal in ihrem Leben darf die Schriftstellerin ins Ausland fahren. Da sie als politisch unzuverlässig galt, wurde ihr der Reisepass vor 20 Jahren entzogen.

„Wenn ich jetzt den Reisepass bekomme und zum ersten Mal nach so einer langen Zeit ins Ausland fahre, habe ich Angst. Das kommt daher, weil ich eigentlich gar nicht geglaubt habe, dass da draußen eine Welt existiert. Weil ich vielmehr geglaubt habe, dass die bunten Postkarten, die wir bekommen, eigentlich nur Schwindel sind. Und jetzt, wenn ich fahren darf, komme ich mir vor wie ein Kranker, der aus der Quarantäne entlassen und gleich ins kalte Wasser geschmissen wurde. Ich habe gemischte Gefühle“, sagt Procházková.

 

Die Tschechoslowakei befindet sich am Anfang des Weges zu einem demokratischen mitteleuropäischen Staat. Die Ökonomie des Landes soll sich nach den marktwirtschaftlichen Gesetzen orientieren, die sozialen Errungenschaften aber müssen beibehalten bleiben. So wünschen es die Politiker, die heute an der Macht sind, so wünschen es die Menschen. Ein schwedisches Modell schwebt ihnen vor. Dass eine Zeit lang auch Nachteile und Verschlechterungen in Kauf zu nehmen sind, das wissen (zumindest theoretisch) alle.

Die jungen Menschen blicken recht optimistisch in die Zukunft. Tomáš Drábek, ein angehender Mediziner, malt sich sein Berufsleben in zehn Jahren jetzt schon recht realistisch aus:

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission „In zehn Jahren – ich stelle mir mich selbst als einen Arzt vor, der seine Patienten pflegen wird, der auch die notwendigen Medikamente zur Verfügung haben wird, der sich – falls ich eine Abteilung leiten werde – im Krankenhaus seine Krankenschwestern aussuchen kann. Denen werde ich professionelles Verhalten den Patienten gegenüber abverlangen. Also nicht so, wie ich es jetzt im Krankenhaus beobachten kann, wo das moralische und professionelle Niveau sehr niedrig ist. Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass ich in zehn Jahren den Krankenschwestern, wenn ich ihnen mehr Arbeit abverlange, auch etwas bieten kann. Ich denke, dass wir alle arbeiten können. Aber den Leuten, die keinen moralischen Appell verspürt haben, wurden bisher bei uns auch keine ökonomischen Reize angeboten, wie dies im Westen der Fall ist.“

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