Kapitel aus der Tschechischen Geschichte Propaganda-Coup vor 40 Jahren: Agent Minařík kehrt zurück in die Tschechoslowakei

30-01-2016 02:01 | Annette Kraus

Der Kalte Krieg war auch ein Medienkrieg. 1951 ging in München das US-amerikanische Radio Freies Europa (RFE) auf Sendung – zunächst mit einem Programm für die Tschechoslowakei, später auch für weitere Ostblockländer. Den sozialistischen Staaten war der Sender ein Dorn im Auge – mit Spionen versuchten sie ihn zu sabotieren. Einer davon war Agent Minařík. Nach seiner Mission im Westen kehrte er vor 40 Jahren in die Tschechoslowakei zurück. Er wurde gefeiert wie ein Popstar.

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Pavel Minařík (Foto: ČT24)Pavel Minařík (Foto: ČT24) Die Rückkehr war groß inszeniert. Am 29. Januar 1976 präsentierte sich der Agent Pavel Minařík auf einer Pressekonferenz in Prag, organisiert vom tschechoslowakischen Innenministerium.

„Seit 1968 bis vor einigen Tagen war ich Sprecher bei dem berüchtigten Münchner Hetz-Sender, den man Radio Freies Europa nennt, obwohl er doch wenig mit Europa zu tun hat und überhaupt nichts mit Freiheit.“

Prokop Tomek (Foto: Jana Chládková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Prokop Tomek (Foto: Jana Chládková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Pünktlich zu seiner Rückkehr hatte man den damals 30-jährigen Minařík zum „Kapitän“ ernannt. Nun sprach er mit viel Pathos zu den Journalisten, ein blasser Mann mit hoher Stirn, großer Brille und karierter Krawatte. Seine Mission als Agent der tschechischen Staatssicherheit war beendet – es begann der zweite Teil: die Propaganda. Der Historiker Prokop Tomek vom Militärhistorischen Institut in Prag forscht seit langem über den Sender Freies Europa:

„Die Staatssicherheit (StB) wollte mit der Aktion vor allem die Exilanten treffen, wollte sie in der öffentlichen Meinung der Tschechoslowakei diskreditieren. Ziel war es, die tschechoslowakischen Exilanten anzugreifen und auch Radio Freies Europa. Denn dieser Sender war so eine Art Symbol, der personifizierte Feind für das tschechoslowakische Regime.“

Plattform für das tschechoslowakische Exil in München

Pavel Tigrid (Foto: Fousek.apple, CC BY-SA 3.0)Pavel Tigrid (Foto: Fousek.apple, CC BY-SA 3.0) Gegründet vom anti-kommunistischen „National Committee for a free Europe“ aus den USA sendete RFE ab 1951. Zu Beginn gab es ein Programm für die Tschechoslowakei, später kamen weitere Ostblockländer hinzu. Gesendet wurde in den jeweiligen Landessprachen. Die Zentrale in München war eine Plattform für das tschechoslowakische Exil und versammelte bedeutende Emigranten wie Ferdinand Peroutka, Pavel Tigrid, später auch Karel Kryl. Ziel der Journalisten war es, ihre Landsleute in der Heimat zu informieren – jenseits der offiziellen Parteilinie. Mit Störsendern versuchten das die Ostblockländer zu verhindern – und mit Spionen. Pavel Minařík aus Brno / Brünn brach im September 1968 auf, kurz nach dem Prager Frühling. Prokop Tomek:

„Pavel Minařík wurde schon 1967 Agent des StB. Weil er von Beruf Rundfunksprecher war, wurde seine Entsendung ins Ausland geplant – im besten Fall nach München. Im September 1968 ist das schließlich gelungen. Er hat ziemlich schnell eine Stelle bei Radio Freies Europa bekommen und wurde Sprecher. Seine Aufgabe war es, so viele Informationen wie möglich über RFE zu gewinnen – über die Angestellten, Sendepläne und so weiter.“

RFE in München (Foto: Archiv RFE)RFE in München (Foto: Archiv RFE) Minařík, geführt unter den Decknamen „Ulyxes“ und „Pley“, hatte jedoch keinen Zugang zu den wirklich heißen Informationen. Zwar schrieb der junge Rundfunksprecher in seiner Freizeit fleißig Berichte, doch meistens waren es belanglose Dinge, die er in der Kantine aufschnappte.

„Das Problem war, dass er eine relativ niedrige Position hatte. Er war ja nur Sprecher und hatte keine Möglichkeit ins Programm einzugreifen. Das wäre aus der Sicht des StB mit Sicherheit am interessantesten gewesen. Minářík hatte keinen Zugang zur Organisation und zu den inhaltlichen Plänen. Allerdings ist er auch an Informationen über verschiedene Exilorganisationen gekommen, da gab es eine ganze Reihe. Das war für die Staatssicherheit genauso interessant. Er bespitzelte also nicht nur Radio Freies Europa, sondern auch die ganze Exilszene drumherum.“

Jahrelange Planungen für einen Anschlag

Gebäude von RFE beim Englischen Garten in München (Foto: Archiv RFE)Gebäude von RFE beim Englischen Garten in München (Foto: Archiv RFE) Einmal pro Monat übergab Minařík den Mittelsmännern vom Geheimdienst seine Berichte. Dem Agenten fiel es dabei schwer, „das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen“, hieß es in einer Beurteilung der Staatssicherheit. Für Fortbildungen reiste Minářík regelmäßig nach Wien, und sogar in die Tschechoslowakei kam er mehrere Male. Unterwegs im geteilten Europa war Minařík meistens mit einem gefälschten Diplomatenausweis. Ab 1972 plante er einen Bombenanschlag auf das Gebäude von RFE beim Englischen Garten in München. Doch 1976 beorderte ihn die Staatssicherheit zurück und machte aus Agent Minařík eine öffentliche Figur. Prokop Tomek:

„Das war tatsächlich so eine Art Propaganda-Show, und nicht nur diese Pressekonferenz. Minařík hatte wiederholte Auftritte im Rundfunk und im Fernsehen, sogar in anderen osteuropäischen Ländern. Es gab sehr viele Artikel und Interviews in Zeitungen und Zeitschriften. Es war wirklich eine große Kampagne. Sie hatte den Decknamen ‚Infektion‘. Denn das war das Ziel: Misstrauen zu säen gegenüber RFE, und dem Sender nicht nur weltweit zu schaden, sondern ihn auch bei den Hörern in der Tschechoslowakei zu diskreditieren.“

RFE in München (Foto: Archiv RFE)RFE in München (Foto: Archiv RFE) Die Journalisten von RFE wurden als Verräter gebrandmarkt. Bei der inszenierten Pressekonferenz lautete die erste Frage, ob der Sender verantwortlich sei für Spionage in den sozialistischen Ländern. Minářík stellte vor den Journalisten seine Ex-Kollegen an den Pranger:

„Eine meiner Hauptaufgaben war die Enthüllung dieser Tätigkeit gegen die Tschechoslowakei und alle Länder der sozialistischen Gesellschaft und gegen das friedliche Zusammenleben der Nationen. Es ist mir gelungen, das Vertrauen der tschechoslowakischen Mitarbeiter von Radio Freies Europa zu erlangen.“

Auch die angebliche Verstrickung mit der CIA sollte Radio Freies Europa in Misskredit bringen. Das Thema wurde in den darauffolgenden Tagen auch in den Systemmedien des gesamten Ostblocks groß behandelt. Doch der Vorwurf traf zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr ins Schwarze, sagt Prokop Tomek:

„Radio Freies Europa wurde nur bis zu Beginn der 1970er Jahre aus dem Haushalt des CIA finanziert. Man berichtete darüber auch im Westen schon in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre. Deshalb wurde diese Praxis abgeschafft, und die amerikanische Regierung richtete ein völlig neues System ein, das auch angewandt wurde zu der Zeit, als Minařík in die Tschechoslowakei zurückkehrte. Es war sehr transparent: In den USA entstand ein Ausschuss für internationale Sendungen, der sowohl für RFE als auch für Radio Svoboda zuständig war – das war ein Sender, der RFE sehr ähnlich war, dessen Programm aber in die Sowjetunion ausgestrahlt wurde. Der Rat für Auslandssendungen garantierte die Finanzierung dieser Sender, direkt aus dem Haushaltsetat der USA.“

Josef Laufer (Foto: Tschechisches Fernsehen)Josef Laufer (Foto: Tschechisches Fernsehen) Dass der Vorwurf der Grundlage entbehrte, war dem Propagandaapparat gleichgültig. Pavel Minářík ging auf Tour und berichtete von seinen heroischen Erfahrungen im feindlichen Ausland.

“Sie spielen die Partitur der CIA“

Sogar mit einem Popsong wurde dem „anständigen Jungen“, Kapitän Minařík gedankt – und gegen die Exilanten bei Radio Free Europe gehetzt. „Sie verloren ihr Gesicht, ihre Sprache, ihre Wurzeln und spielen uns nun die Partitur der CIA“, heißt es in dem Lied, gesungen von Josef Laufer. Der gepriesene Kapitän stieg nach seiner Rückkehr auf vom Rundfunksprecher zum Journalisten. Er wurde Stasi-Funktionär und Parteimitglied. Nach einem Studium in Moskau und Kiew leitete er die Zeitschrift „Signal“, die vom Innenministerium herausgeben wurde. Prokop Tomek:

Bombenanschlag auf den Sender in München 1981 (Foto: Olga Kopecká, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Bombenanschlag auf den Sender in München 1981 (Foto: Olga Kopecká, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Dort blieb er bis 1989, als er formal auf eigenen Antrag sowohl diese Zeitschrift als auch die Staatssicherheit verließ. Danach war er als Unternehmer tätig, vor allem in der ehemaligen Sowjetunion. Später wurde er wegen Versicherungsbetrug verurteilt, das hing mit seiner Unternehmertätigkeit zusammen. Es gab auch wiederholte Forderungen, man solle ihn vor Gericht stellen für seinen Stasi-Einsatz bei Radio Freies Europa, vor allem wegen seiner Pläne für einen Bombenanschlag. Doch dazu ist es nie gekommen.“

Einen Bombenanschlag auf den Sender in München verübte 1981 schließlich die rumänische Securitate, acht Menschen wurden dabei verletzt. International ist Agent Minářík kaum ein Begriff. Doch in Tschechien ist er als Protagonist im Propagandatheater der Normalisierung bis heute bekannt. Minářik lebt heute zurückgezogen, vermutlich in Prag. Dort ist mittlerweile auch Radio Freies Europa ansässig, 1995 zog der Sender von München in die tschechische Hauptstadt. Heute sendet er in 28 Sprachen und versteht sich weiterhin als Informationsquelle für Länder mit eingeschränkter Pressefreiheit.

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