Kapitel aus der Tschechischen Geschichte Prager Straßenbahnen seit 120 Jahren in Betrieb
Am vergangenen Montag erlebten die Prager und die Prag-Besucher einen großen Korso auf dem städtischen Schienenstrang. Elf Straßenbahnen verschiedenster Bauart zuckelten durch die Innenstadt, um symbolisch ein großes Jubiläum zu dokumentieren: Den 120. Jahrestag seit der Inbetriebnahme der ersten so genannten Elektrischen in Prag. Und die Ingenieure, Fahrer und weiteren Beschäftigten der Prager Verkehrsbetriebe (DPP) hatten wirklich allen Grund zu feiern, denn seit 1891 haben die Straßenbahnen in der tschechischen Hauptstadt weit über 36 Milliarden Menschen befördert – mehr als fünfmal soviel, wie unsere Erde heute Bewohner hat.
Wagen mit der Nummer 500 aus dem Jahre 1913 (Foto: ČTK)
Sie machen nicht nur mit ihren unterschiedlichen Klingeltönen auf sich
aufmerksam, sondern erzählen auch von einer langen Geschichte – die
Straßenbahnen der Prager Verkehrsbetriebe, von denen gegenwärtig knapp
1000 aus fünf verschiedenen Baureihen im Liniennetz des Moldaustadt
verkehren. Nicht mehr zu ihnen gehört freilich der älteste Schienenesel,
den die Verkehrsbetriebe noch in ihrem Museum stehen haben: der Wagen mit
der Nummer 500 aus dem Jahre 1913. Er wurde nur zum Zweck von
Ausflugsfahrten gebaut und kommt daher heute nur noch zu ähnlichen
Anlässen wie dem Jubiläumskorso zum Einsatz. Mit seinem fast dachlosen
Aufbau aber sieht er der ersten elektrischen Straßenbahn von Prag ziemlich
ähnlich. Wie diese in etwa aussah, beschreibt Verkehrshistoriker Pavel
Fojtík:
Foto: ČTK
„Es waren ganz einfache und an den Seiten offene Wagen ohne Wände. Sie
hatten nur ein Fahrgestell, Stützen, ein Dach und einen kleinen Motor. An
der Frontseite wurde die Bahn durch eine einfache, mittelhohe Stirnwand
begrenzt, darüber war aber keine Verglasung. Der Fahrer war damit dem
Wetter fast schutzlos ausgesetzt. Wenn es regnete, dann regnete es auch in
die Straßenbahn. Das war auch der Grund dafür, weshalb die erste
Elektrische nie im Winter fuhr.“
František Křižík
Die erste elektrische Straßenbahn in Prag nahm ihren Betrieb am 18. Juli
1891 auf, sie war zugleich die erste tschechische elektrische Bahn
überhaupt. Sie wurde als echte Neuheit für die Große Allgemeine
Landesjubiläumsausstellung gebaut, ihr Erfinder war der tschechische
Elektro-Ingenieur František Křižík.
„Die erste elektrische Straßenbahn fuhr im heutigen Stadtteil Letná. Außer an den Endhaltestellen war die gesamte Strecke nur eingleisig. Gegenüber dem Gebäude des heutigen Technischen Museums stand ein großer, aus Holz gebauter Betriebshof, der gleichzeitig als Warteraum für die Fahrgäste diente. Im Jahr 1893 wurde die Bahnstrecke bis zum örtlichen Lustschloss verlängert. Die Streckenlänge war zunächst rund 800 Meter, und nach einer Verlängerung dann 1,4 Kilometer“, erzählt Historiker Fojtík.
Heutzutage ist aber fast in Vergessenheit geraten, dass Ingenieur
Křižík seine erste elektrische Straßenbahn an einem ganz anderen Ort im
damaligen Prag errichten wollte. Diese Geschichte kennt aber noch der
Amateurhistoriker Filip Jančík:
„Křižík hatte nämlich die Idee, die Straßenbahn von der Moldaufähre in Prag-Bubny bis zum Ausstellungsgelände fahren zu lassen. Ein Prager Ratsherr und Freund von Křižík aber flüsterte dem Ingenieur ins Ohr, dass es doch ganz schön wäre, wenn diese Bahn im Ortsteil Letná verkehren würde, wo er ein Grundstück habe. Der Hintergedanke des Ratsherren war logisch: Die Grundstücke von Letná sollten durch die Straßenbahnlinie aufgewertet werden. Daraufhin hat Křižík seine Pläne noch einmal überdacht und die Bahnstrecke tatsächlich im Ortsteil Letná gebaut.“
Pavel Fojtík
Die so entstandene „Elektrická dráha na Letné v Praze“ oder auch
„Letenská elektrická dráha“, also die Letná-Straßenbahn, war im
Sommer 1891 eine große Attraktion und ein Besuchermagnet zugleich. Dafür
sorgte in großem Maße die bereits erwähnte Landesjubiläumsausstellung,
doch nach ihr ebbte das Interesse merklich ab. Mit ihren typischen
„Sommerwagen“ fuhr die Bahn schließlich nur in der warmen Jahreszeit.
Zudem war der Stadtteil Letná damals noch recht dünn besiedelt, was auch
dazu beitrug, dass sich das Passagier-Aufkommen in bescheidenen Grenzen
hielt. Die stets privat betriebene Straßenbahn verkehrte bis zum Schluss
zwar mit stabilen Fahrgastzahlen, die Stadt hatte an einem Weiterbetrieb
allerdings kein Interesse mehr. Auch war die Bahn bald schon technisch
überholt. Deshalb wurde sie schon im Spätsommer 1900 endgültig
eingestellt. Für František Křižík, den Vater der öffentlichen
Beleuchtung Prags, war das allerdings kein Beinbruch, sagt Historiker
Fojtík:
Straßenbahn auf der Strecke Florenc - Libeň - Vysočany
„Mit dieser elektrischen Straßenbahn erfüllte sich Křižík seinen
großen Traum, die Elektrizität für den Verkehr zu nutzen. Křižík war
nämlich in erster Linie Elektrotechniker und kein Erfinder oder einer, der
nur darauf aus war, die Beleuchtung Prags zu installieren. Auch am Verkehr
war ihm viel gelegen. Mit der Errichtung der Letná-Straßenbahn hatte er
neue Maßstäbe für die Nutzung des elektrischen Stroms gesetzt und
relativ kurz danach haben sich auch schon die Stadtväter des Prager
Ortsteils Libeň an ihn mit der Bitte gewandt, eine elektrische
Straßenbahn von Libeň in den benachbarten Vorort Vysočany zu
errichten.“
Straßenbahnlinie von Prag-Smíchov nach Košíře
1896 begann dann der erste regelmäßige Verkehr einer elektrischen Bahn
auf der Strecke Florenc - Libeň - Vysočany auf einer 2,2 km langen
Strecke mit 12 Triebwagen und 5 Beiwagen, die im zehnminütigen Intervall
fuhren. Diese Bahn hatte in Karlín Anschluss an die Pferdebahn. Im Jahr
1897 ließ der Bürgermeister des Vororts Košíře, Matěj Hlaváček,
zudem die elektrische Straßenbahnlinie von Prag-Smíchov nach Košíře
erbauen. Damit wurde allen klar, wohin die weitere Entwicklung des
innerstädtischen Verkehrs in Prag gehen wird, bedeutet Pavel Fojtík:
Straßenbahn im Stadtteil Vinohrady
„In Prag kam etwas in Bewegung, denn ab dem Jahr 1890, als Křižík
begann, eine elektrische Bahn zu installieren, verfolgten die Stadtväter
bereits die Idee, ein Netz von elektrischen Straßenbahnlinien zu
errichten. Das dauerte jedoch noch einige Jahre, so dass die
Verantwortlichen im Stadtteil Vinohrady bereits ungeduldig wurden und hier
eine eigene Straßenbahnstrecke erbauen ließen. Am 1. September des Jahres
1897 aber war es dann soweit: Es wurde die neue städtische
Transportgesellschaft Elektrische Betriebe der königlichen Hauptstadt Prag
(tschechisch: Elektrické podniky královského hlavního města Prahy)
gegründet. Das Unternehmen begann sofort damit, das elektrische
Straßenbahnnetz in Prag aufzubauen. Zudem kaufte die Firma nach und nach
die Pferde der anderen Transportgesellschaften auf, so dass sie schon bald
eine Monopolstellung im innerstädtischen Personentransport von Prag
einnahm.“
In den Jahren von 1905 bis 1908 fuhr sogar eine elektrische Straßenbahn über die Karlsbrücke
Ab da gab es keinen Halt mehr und die Prager mussten sich auch ziemlich
schnell an das neue Geräusch gewöhnen, wenn eine Straßenbahn quietschend
durch die Kurve fuhr. In den Jahren von 1905 bis 1908 fuhr sogar eine
elektrische Straßenbahn über die Karlsbrücke. Aus städtebaulichen
Gründen bestand dort aber keine Oberleitung, sondern sie erhielt den Strom
über eine zusätzliche Stromschiene. Ab 1908 wurden die Wagen rot lackiert
– vorher waren sie dunkelgrün. Außerdem erhielten die Linien Nummern,
anstatt der bisherigen Kennbuchstaben. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges
fuhren 14 Linien auf einem 102 Kilometer langen Linienetz. 1922 wurden 36
Umlandgemeinden eingemeindet, deshalb war ein weiterer Ausbau des
Streckennetzes nötig. Bereits 1927 wurde der 100. Streckenkilometer
fertiggestellt – was mit der Errichtung eines kleinen Denkmals
dokumentiert wurde.
Und heute? Heute zeichnet sich das Liniennetz der Prager Straßenbahn
durch seine hohe Dichte aus. In einem großzügigen Umkreis um die
Innenstadt gibt es praktisch keinen Stadtteil, der nicht durch die Bahn
angefahren wird. Auf einigen Straßen im Stadtkern fahren sechs bis sieben
Linien, so dass dort praktisch im Fünfzig-Sekunden-Takt (in der Verkehrsspitze) ein Zug in jede
Richtung fährt. Mit 141 Kilometern Streckenlänge und 991 Fahrzeugen, die
auf 26 Tages- und 9 Nachtlinien unterwegs sind, ist das Prager
Straßenbahnnetz das umfangreichste der Tschechischen Republik. Und in
diesem Netz wurde bis heute auch schon sehr viel bewegt, betont Historiker
Fojtík nicht ohne Stolz:
„Alle elektrischen Straßenbahnen von Prag haben vom 18. Juli 1891 bis
zum Ende des Jahres 2010 über 36 Milliarden Fahrgäste befördert. Die
Straßenbahnen der städtischen Verkehrsbetriebe haben in dieser Zeit über
5,7 Milliarden Fahrkilometer zurückgelegt. Ich habe das mal nachgerechnet:
Das ist eine Strecke, die 15.000 Mal der Entfernung von der Erde zum Mond
entspricht.“
Na, wenn das kein Grund zum feiern ist! Das sagten sich auch die Beschäftigten der Prager Verkehrsbetriebe, weshalb man beim Bahnkorso am Montag auf den historischen Wagenzügen auch noch so manch einen Schaffner antreffen konnte, der bei den Melodien zum Klang des Akkordeons fröhlich mitgesungen hat.





