Ordnen, überwachen, rekrutieren: Die Geschichte der Hausnummern in Böhmen und Mähren

Menschen haben heute oft eine Vielzahl von Adressen: eine Wohnadresse, eine Büroadresse, eine Internetadresse, eine oder mehrere E-Mail-Adressen. Vor gar nicht allzu langer Zeit jedoch gab es noch nicht einmal Straßennamen oder Hausnummern. Wie ist sie eigentlich entstanden, die Adresse? Seit wann gibt es auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik Hausnummern, und von wem und warum wurden sie eingeführt? Gemeinsam mit dem Wiener Historiker Anton Tantner werfen wir einen Blick hinter die Kulissen der Alltagsgewohnheit und fragen nach dem Ursprung des vermeintlich Selbstverständlichen.

Anton TantnerAnton Tantner Herr Tantner, Sie sind gerade in Prag, weil Sie Recherchen für Ihr derzeitiges wissenschaftliches Hauptprojekt durchführen. Es geht dabei um Hausnummern. Wir haben uns an Hausnummern gewöhnt, sehen sie jeden Tag, wohnen und arbeiten an einer bestimmten Adresse. Aber eine Selbstverständlichkeit ist eine Hausnummer eigentlich nicht. Seit wann gibt es denn Hausnummern?

„Hausnummern sind eigentlich ein großes Projekt des 18. Jahrhunderts. Speziell was die Habsburgermonarchie, Wien und natürlich auch Prag betrifft, sind die Hausnummern 1770/1771 eingeführt worden.“

Was war dafür die Hauptmotivation?

„Man hat in der Habsburgermonarchie die Hausnummern nicht etwa eingeführt, um besonders zuvorkommend gegenüber fremden Reisenden oder gegenüber der einheimischen Bevölkerung zu sein, sondern vor allem aus militärischen Gründen. Man wollte ein neues Rekrutierungssystem installieren, und in diesem Zusammenhang hat man die Hausnummern gebraucht, um durch die Rekrutierungsoffiziere besser auf die Männer zugreifen zu können.“

Mir fällt da das Wort Seelenkonskription ein, das ich bei Ihnen gelesen habe. Hängt das damit zusammen?

„Ja, als in der Habsburgermonarchie die Hausnummern eingeführt wurden, wurde gleichzeitig eine so genannte Seelenkonskription durchgeführt. Man kann sich das so vorstellen, dass Kommissionen von zirka fünf Männern durch die verschiedensten Dörfer und Ortschaften der westlichen Länder der Monarchie gezogen sind, also durch Böhmen, Mähren, aber auch durch Oberösterreich oder Niederösterreich, und in den einzelnen Häusern die darin lebenden Menschen gefragt haben, wie sie heißen und wie alt sie sind. Das wurde dann in Tabellen eingetragen, und zugleich wurde auf jedes Haus eine Nummer gemalt.“

Wurde das von der Bevölkerung damals einfach so zur Kenntnis genommen, oder gab es so etwas wie Widerstand oder zivilen Ungehorsam?

„Es gab starke Befürchtungen vonseiten der Behörden, dass die Hausnummerierung, die wie gesagt aus militärischen Gründen durchgeführt wurde, auf Widerstand stoßen könnte. Tatsächlich gibt es in Böhmen und Mähren vereinzelt Städte, in denen es Widerstand gab. Zum Beispiel in Litomysl / Leitomischl wurden einmal über Nacht gleich mehrere Hausnummern – wie es heißt – ‚mit einem eisernen Zeug ausgekratzt’. Man hat versucht, die Übeltäter zu finden, aber sie wurden nicht ausgeforscht. In Mähren, in Jihlava / Iglau, wurde sogar die Nummer 1 ‚mit Unflat beworfen’. Auch da wurde am Tag danach die Bevölkerung zusammengetrommelt, und es wurde eine Belohnung für denjenigen ausgesetzt, der die Übeltäter denunziert. Aber es wurde niemand ausfindig gemacht, der die Nummer verunstaltet hat.“

Die Tatsache, dass wir uns kennen, verdanken wir einem Feuilleton, das ich vor einiger Zeit geschrieben habe. Ich habe es „Die Prager Hausnummerntautologie“ genannt. Dabei ging es darum, dass alle Prager Häuser zwei Nummern haben: Die eine ist die so genannte Konskriptionsnummer, die andere die so genannte Orientierungsnummer, die wir als ganz normale Hausnummer bezeichnen würden – das heißt, eine Straße wird durchnummeriert, die geraden Nummern auf der rechten Seite, die ungeraden auf der linken. Was ist denn der Unterschied zwischen beiden Nummerierungssystemen?

„Die Konskriptionsnummer, die 1770 eingeführt wurde, war eine ortschaftsbezogene Nummer. Das heißt, es wurden damals nicht die Straßen nummeriert, sondern der gesamte Ort, bzw. in Prag die einzelnen Teilstädte, also zum Beispiel Altstadt, Hradschin oder Kleinseite. Man begann bei der Nummer eins, und das zuletzt nummerierte Haus bekam die höchste Nummer. Das konnten recht hohe, bis zu vierstellige Nummern sein.“

Die Konskriptionsnummern gibt es auch in anderen Teilen der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie. Gehe ich aber recht in der Annahme, dass sie in Prag ein bisschen auffälliger an den Häusern prangt als in Wien oder in anderen Städten, in denen Sie recherchiert haben?

„Ja. Das faszinierende an der Tschechischen Republik und speziell an Prag ist, dass sich hier die Konskriptionsnummern bis heute, also über weit mehr als 200 Jahre, erhalten haben und bei den Behörden immer noch Verwendung finden.“

Mir persönlich ist es neulich sogar passiert, dass ich bei Bekannten zu Besuch war und mir dann ein Taxi rufen wollte. Zur Sicherheit habe ich nochmals nach der Adresse gefragt, und mir wurde ebenfalls die Konskriptionsnummer genannt, mit der der Taxifahrer ja rein gar nichts anfangen kann. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum sich in Tschechien dieses doppelte Nummerierungssystem, das ja auch Touristen auffallen muss, wenn sie aufmerksam durch die Stadt gehen, so viel länger hält?

„Vielleicht haben manche Dinge in Prag eine längere Beharrungskraft als anderswo. Es sind ja nicht nur die Konskriptionsnummern noch bis heute an den Wänden, zum Teil in alter Ausführung, aber vor allem mit neuen Beschilderungen. Es gibt auch immer noch sehr viele Hauszeichen und Hausnamen, die an den Wänden angeschrieben oder kenntlich gemacht sind. Vielleicht haben die alten Adressierungstechniken hier also eine stärkere Beharrungskraft, durch die verschiedensten politischen Systeme hindurch.“

Zum Abschluss zu Ihnen persönlich: Wie kommt man denn dazu, sich so intensiv mit Hausnummern zu beschäftigen?

„Mein Zugang war von theoretischer Seite her motiviert. Ich habe mich sehr bald nach meiner Diplomarbeit mit Michel Foucault und seinem Buch Überwachen und Strafen auseinandergesetzt. Dort habe ich über die Geschichte des Gefängnisses und der Disziplinartechniken gelesen. Davon ausgehend habe ich mich dann für Registrierungs- und Identifizierungstechniken interessiert. Speziell hat mich das 18. Jahrhundert fasziniert, und dabei habe ich entdeckt, dass im 18. Jahrhundert europaweit, auch in der Habsburgermonarchie, über Jahrzehnte hindurch die Häuser nummeriert wurden. Ich habe dann in den Archiven nachgesehen, ob sich dazu etwa finden lässt – und bin fündig geworden.“

Foto: Autor

 

Von Anton Tantner gibt es zwei Bücher zu diesem Thema:
„Die Hausnummer. Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung“, Jonas Verlag, 2007
„Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen“, Studien Verlag, 2008

Eine Galerie der Hausnummern und vieles mehr finden Sie unter http://tantner.net/