„Nicht nur die Herrschaftsfunktion wahrnehmen“ – Historiker Weger über die Geschichte Prags

Tobias Weger

Ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch der letzten tausend Jahre europäischer Geschichte – so bezeichnet der Historiker Tobias Weger die tschechische Hautstadt Prag. Obwohl es schwer ist, dies in eine knappe Form zu bringen, hat sich Weger herangewagt und eine „Kleine Geschichte Prags“ geschrieben. Über das Buch haben wir in dieser Woche bereits in unserem Tagesecho ein Interview mit ihm ausgestrahlt. Dies ergänzen wir in unserer Sendereihe „Kapitel aus der Tschechischen Geschichte“ um ein weiteres Gespräch mit dem Historiker vom Oldenburger Bundesinstitut für Kultur und Geschichte im östlichen Europa. Es geht um unterschiedliche Aspekte der Prager Geschichte.

Tobias Weger: „Kleine Geschichte Prags“
Herr Weger, Sie haben eine Kleine Geschichte Prags geschrieben, über die wir in dieser Woche bereits schon einmal kurz gesprochen haben. Prag ist ja eng mit der Geschichte des gesamten Landes verbunden. Eine Geschichte Prags ist irgendwie daher immer auch eine Geschichte der böhmischen Länder, der Tschechoslowakei oder heute Tschechiens. Wie haben Sie dieses Problem in ihrem Buch gelöst? Oder: Wie viel Prag ist in Ihrer Darstellung und wie viel böhmische Geschichte?

„Das Buch trägt ja den ´Eine kleine Geschichte Prags´. Insofern habe ich mich natürlich schon in allererster Linie bemüht, eine Stadtgeschichte zu verfassen. Allerdings ist es richtig, dass die Prager Geschichte und die böhmische Geschichte im Grunde seit dem frühen Mittelalter so eng miteinander verbunden sind, dass man an manchen Stellen das schwer voneinander trennen kann. Allein schon die Geschichte der Prager Burg, die ja eigentlich immer das Machtzentrum des Landes war: Ganz egal, ob da die böhmischen Herzöge, später Könige, sogar einige Kaiser oder dann auch später die Staatspräsidenten der Tschechoslowakei beziehungsweise heute der Tschechischen Republik residierten und residieren – sie ist ein ganz wichtiges Machtzentrum des Landes. Insofern sind bereits auf der politischen Ebene die Geschichte der Stadt und des Landes aufs Engste miteinander verbunden. Das betrifft aber natürlich auch wichtige kulturelle Einrichtungen, lange Zeit war beispielsweise die Universität in Prag die einzige große Hochschule im Lande. Deswegen kamen Menschen beispielsweise auch aus dem östlichen Mähren nach Prag um zu studieren. Und viele, die dann später wissenschaftlich tätig waren, sind in der Stadt hängen geblieben. Auf diese Weise hat Prag immer wieder aus den anderen Teilen der böhmischen Länder einen gewissen Zuzug erfahren – und damit letztlich auch eine kulturelle Bereicherung. Da sieht man, dass auf verschiedenen Ebenen Land und Stadt miteinander verbunden sind. Übrigens war sich dieser Tatsache im 19. Jahrhundert der damals bedeutendste tschechische Landeshistoriograph, František Palacký, bewusst. Er schrieb einmal, die Besonderheit der böhmischen Geschichte bestünde eben darin, dass keine andere Stadt außer Prag eine vergleichbare Bedeutung erlangt hat, und sich deswegen die böhmische Geschichte immer gewissermaßen im Brennglas Prags wiederfinde.“

Umgebung der Straße Na Poříčí - archäologische Funde  (Foto: Klub für das alte Prag)
Um die Gründung Prags rankt sich ja die Legende der Prinzessin Libuše. Was ist aber über die wahre Gründungsgeschichte Prags bekannt und wie ist dort die Quellenlage?

„Über eine ganz genaue Stadtgründung weiß man eigentlich nichts. Aus verschiedensten historischen Quellen und vor allem aus historischen Befunden, die in den letzten Jahrzehnten gemacht wurden, wurde aber herausgefunden, dass sich Prag zunächst aus verschiedensten Siedlungskernen gebildet hat. Ganz sicher war einer der wichtigsten dieser Siedlungskerne oben auf der Prager Burg, aber es gibt heute noch die Straße Na Poříčí, die auf eine alte Fischer- und Handwerkeransiedlung hindeutet. Zudem gab es in dem Bereich, der dann später unter Karl IV. als Neustadt zusammengefasst wurde, schon dörfliche Siedlungskerne, die dann ebenfalls in das Stadtgebiet Prags eingeflossen sind. Das Besondere an Prag ist ja, dass man im Grunde bis zum Jahr 1784 nicht von einer großen Stadt sprechen kann, sondern die Altstadt, die Neustadt, die Kleinseite und der Hradschin als vier selbständige Städte nebeneinander existierten und erst Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der Josephinischen Reformen eine einheitliche Stadtverwaltung eingeführt wurde. Das wäre noch vielleicht so ein modernes Gründungsdatum der großen Hauptstadt Prag, die damals erst wirklich errichtet wurde.“

Prinzessin Libuše
Wie sind Sie überhaupt mit den vielen Legenden Prags umgegangen. Haben Sie diese auch in ihrer Kleinen Geschichte verarbeitet?

„Ich habe gerade die von Ihnen vorher zitierte Geschichte der Libuše in der Tat an den Beginn des Mittelalter-Kapitels gestellt. Zum einen weil ich sie für eine schöne Geschichte halte, zum anderen aber weil das Buch den Anspruch hat, gerade auch Reisenden, die nach Prag kommen, das Verständnis der Kultur und der Geschichte dieser Stadt zu erleichtern. Es ist einfach so, dass man in Prag auch heute noch an verschiedenen Stellen – nicht nur wenn man in die Oper geht und sich zufällig die Libuše ansieht, aber auch zum Beispiel in Form von Historiengemälden oder in verschiedensten Zitaten - immer wieder auf diese Legenden gestoßen wird. Sie gehören deshalb auch zum historischen Verständnis der Stadt.“

Karl IV.
Prag war im Mittelalter bereits ziemlich groß, obwohl Sie gesagt haben, dass es ja nicht nur ein Prag gab, sondern mehrere Teile. Wie muss man sich die Stadt von damals vorstellen?

„Die Stadt war damals schon zu beiden Seiten der Moldau angelegt. Es gab also die Altstadt, im Grunde der mittelalterliche Kaufmannskern der Stadt. Ihr gegenüber lag die Kleinseite, auf der sich traditionell auch viele ausländische Siedler niederließen. Das waren im Mittelalter vor allen Dingen deutsche Kaufleute, aber dann auch sehr viele italienische und französische, so dass damals Prag schon ein internationales Gepräge hatte. Es gab dann oberhalb der Kleinseite den Burgbereich, der traditionell sowohl der kirchlichen wie auch der weltlichen Herrschaft vorbehalten war. Und Karl IV. hat dann im Zuge seiner großen Stadterweiterung ab 1348 die Prager Neustadt anlegen lassen. Dadurch ist dann Prag – wenn man es doch als Gesamtheit begreift – zu einer der größten Städte Mitteleuropas in der damaligen Zeit geworden.“

Prag im Mittelalter
Heute bewegt sich die Bedeutung der Stadt sicher nicht mehr auf demselben Niveau wie noch im Mittelalter. Wann hat Prag an Bedeutung verloren – mit dem Dreißigjährigen Krieg oder vorher?

„Da besteht die Frage, welche Maßstäbe man ansetzt. Wenn man an die mittelalterliche Bedeutung denkt, denkt man vor allem daran, dass Prag in der Zeit Kaiser Karls IV. eigentlich das Herrschaftszentrum war. Karl IV. hat sich in der Stadt häufig aufgehalten, hat sie zu seiner Residenzstadt gemacht, hat dort die Universität gegründet und dort die Reichskleinodien eine zeitlang aufbewahrt. Eine vergleichbare Phase hat dann Prag noch einmal unter Kaiser Rudolf II. Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts erlebt. In der Regel sagt man deswegen, dass mit dem Ende des Ständeaufstandes und der Rekatholisierung – der Wiedererrichtung der strengen Habsburger-Herrschaft – eigentlich Prag an Bedeutung verloren habe. Gleichzeitig ist die Stadt aber immer das kulturelle Zentrum des Landes geblieben. So ist zum Beispiel die Geschichte der tschechischen nationalen Wiedergeburt im 19. Jahrhundert ohne Prag nicht vorstellbar und die Stadt war durchaus attraktiv für eine Reihe von Künstlern. Zudem hatte Prag auch im 20. Jahrhundert noch eine wichtige Bedeutung - vor allem in den 20er und 30er Jahren als Hauptstadt der damals neu errichteten Tschechoslowakischen Republik. Die Republik war ja damals nicht nur eine der wichtigsten Industrienationen Europas oder sogar weltweit, sondern durchaus auch ein wichtiges kulturelles Zentrum für das Theaterleben, für die Architektur, für die Literatur und für verschiedene andere Aspekte. Ich würde also hier gerne ein bisschen von dem reinen Blick auf die Herrschaftsfunktion Prags wegkommen. Diese Funktion bestand natürlich unter Karl IV. und Rudolf II., als Prag in der Tat ein wichtiges Kristallisationszentrum war. Aber man muss darauf hinweisen, dass andere Phasen der Geschichte ebenfalls wichtig gewesen sind, wenn man eben andere Kriterien ansetzt.“

Sie haben im ersten Interview bereits gesagt, dass Sie auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit ihren Umbrüchen dargestellt haben. Wie machen sich denn die Umbrüche Ihrer Meinung nach heute im Stadtbild oder in der Stadt bemerkbar?

„Es ist das, was ich bereits im ersten Interview gesagt habe: dieses interessante Nebeneinander von verschiedenen Baustilen. An diesen Baustilen kann man unterschiedliche, auch historische und politische Verhältnisse ablesen, wenn man dafür einen Blick hat. Und es ist neben dem Prag der frühen Neuzeit dann das Prag des 19. Jahrhunderts, wo gewissermaßen der Anspruch eines habsburgischen Machtzentrums konkurriert mit der Architektur der tschechischen nationalen Wiedergeburt. Ich denke da an das Nationaltheater, das Nationalmuseum, das Rudolfinum und andere repräsentative Bauten, die gerade aus tschechischer Sicht eben Prag wieder zu einer bedeutenden europäischen Metropole machen sollten. Und dann ist ja nach dem Ersten Weltkrieg mit der Errichtung der Tschechoslowakei auch im Stadtbild ein Bruch passiert, indem man sich ganz bewusst modernen Formen der Architektur zugewandt hat. Wenn man unten auf dem Wenzelsplatz steht, hat man auf der rechten Seite das Baťa Gebäude, das ein typisches Kaufhaus der 20er oder 30er Jahre im funktionalistischen Stil ist. Man sieht aber dann, wenn man den Platz hinaufgeht, auch noch durchaus Bauten aus der Zeit der Habsburger neben ganz modernen Gebäuden. Und oben wird der Platz gekrönt vom Nationalmuseum, einem der wichtigsten Gebäude der tschechischen nationalen Architektur. Natürlich wird das Ganze auch unterbrochen von Bauten aus der kommunistischen Zeit, die auf ganz besondere Weise die Stadt ebenso geprägt hat. Das sticht einem sofort ins Auge, wenn man auf einem erhöhten Punkt steht, beispielsweise unterhalb der Burg, und dort die Stadt auf sich wirken lässt. Prag wird an seinen Randzonen von diesem Ring von Plattenbauten beeinträchtigt oder beispielsweise vom großen Fernsehturm, das hat das Stadtbild massiv geprägt.“

Petřín / Laurenziberg
Prag ist also eine sehr vielfältige Stadt. Haben Sie denn einen Lieblingsort in Prag?

„Ich habe eigentlich verschiedene Lieblingsorte, das sind nicht unbedingt die großen Touristenzentren. Es ist zum Beispiel der Petřín oder auf Deutsch Laurenziberg, wo man sich abseits der Touristenströme auf eine Wiese setzen kann, sich ein schönes Buch zur Hand nimmt und den Blick auf die Dächer und Türme der Stadt genießt. Es sind aber auch einige der Kaffeehäuser, wobei es auch hier nicht unbedingt die bekanntesten sind. Es sind aber auch Privathäuser, zum Beispiel von Freunden, die teilweise in Vororten liegen, von denen man einen ganz anderen Blick auf die Stadt gewinnt und vor allem auch Einblicke bekommt in das Alltagsleben der Bewohner von Prag. Denn das war mir ein wichtiges Anliegen: nicht nur eine Geschichte der Stadt als Kulisse zu schreiben, sondern auch die Menschen immer wieder zu berücksichtigen. Für die heutigen Bewohner von Prag haben die letzten zwanzig Jahre mit den kolossalen Umbrüchen ja gewisse Beeinträchtigungen mit sich gebracht. So zum Beispiel wenn man sich die Veränderungen in der Altstadt ansieht, wo es vor 20 Jahren noch eine normale Geschäfts- und Kneipenstruktur gegeben hat, und heute das Bild weitgehend von Souvenirgeschäften und touristischen Einrichtungen geprägt wird. In diesem Zusammenhang hat auch eine Art Entfremdung stattgefunden, die es zu berücksichtigen gilt, wenn man heute als Besucher nach Prag kommt und gewisse Verhaltensweisen und Haltungen der Prager verstehen will.“

Autor: Till Janzer
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