Moralische Instanz und Machtpolitiker: T.G. Masaryk

Vor 80 Jahren starb Tomáš Garrigue Masaryk, der Gründer und erste Staatspräsident der Tschechoslowakei.

Tomáš Garrigue Masaryk (Foto: George Grantham Bain Collection, Library of Congress, Public Domain)Tomáš Garrigue Masaryk (Foto: George Grantham Bain Collection, Library of Congress, Public Domain) Im Volk nannte man ihn „Papa“. Und noch heute berufen sich praktisch alle tschechischen Politiker auf sein Vermächtnis. Als Tomáš Garrigue Masaryk nach seinem Tod vom 14. September 1937 mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt wurde, stand das Leben im ganzen Land praktisch still. Für viele Menschen verband sich mit dem Verlust des Staatsgründers und Symbols der Eigenstaatlichkeit eine gewisse Angst vor der Zukunft. Hitlers Politik gegenüber dem Nachbarstaat wurde immer aggressiver, und zwischen den Tschechen und Deutschen in der Tschechoslowakei nahmen die Spannungen zu. Das mündete in der Sudetenkrise und dem Münchner Abkommen etwa ein Jahr später. Hitler zwang Prag, die Sudetengebiete an Deutschland abzutreten. Ein paar Monate danach besetzte Hitler auch den Rest des Landes.

Die politische Lage in der Ersten Tschechoslowakischen Republik war nicht ideal, es gab viele Konflikte und Skandale. Masaryk hatte auch eine Reihe von Gegnern, die ihn zwar respektierten, aber seinen Einfluss mindern wollten. Dies zeigte sich bereits 1918. Nach der triumphalen Rückkehr aus dem Exil und der Vereidigung als Staatspräsident lehnte er den Verfassungsentwurf ab, den der Nationalausschuss ausgearbeitet hatte. Nach Masaryks Ansicht hatten die Verfassungsgeber dem Staatspräsidenten zu wenige Kompetenzen eingeräumt. Der Streit dauerte mehr als ein Jahr lang, die Verfassung konnte erst 1920 verabschiedet werden. Jaroslav Šebek ist Historiker an der tschechischen Akademie der Wissenschaften:

„Pátečníci“ (Die Freitagsrunde): Tomáš Garrigue Masaryk und Karel Čapek (Foto: Public Domain)„Pátečníci“ (Die Freitagsrunde): Tomáš Garrigue Masaryk und Karel Čapek (Foto: Public Domain) „Tomáš Garrigue Masaryk hatte die Vorstellung eines aktivistischen Staatspräsidenten, die Parteien sahen in ihm aber vor allem eine repräsentative Persönlichkeit. Masaryk versuchte, vor allem die kulturelle und intellektuelle Elite auf seine Seite zu ziehen, zum Beispiel den Schriftsteller Karel Čapek oder den Philosophen Ferdinand Peroutka. Das Ergebnis dieses Streites war, dass der Staatspräsident eher wenige Kompetenzen hatte. Masaryk baute trotzdem ein Netz von Mitstreitern auf, zum Beispiel den Zirkel der sogenannten ‚Pátečníci‘ oder ‚die Burg‘ als größere Gruppierung.“

Der Einfluss informeller Kreise

Die „Pátečníci“ leiteten sich vom tschechischen Wort für Freitag ab – in diesem Zirkel trafen sich Politiker und Intellektuelle. „Die Burg“ spielt auf den Amtssitz des tschechoslowakischen Staatspräsidenten an, die Prager Burg (Hradschin). Auch in diesem Kreis traf Masaryk ihm nahe stehende Politiker aus verschieden Parteien, um das gemeinsame Vorgehen im Parlament abzustimmen. Neben dem Staatspräsidenten spielte dort Außenminister Edvard Beneš die wichtigste Rolle.

Jaroslav Šebek (Foto: Jakub Wojtovič, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Jaroslav Šebek (Foto: Jakub Wojtovič, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Masaryk stand aus heutiger Sicht eher links, und dort suchte er auch seine Verbündeten. Das waren vor allem zwei Parteien: die Nationaldemokraten und die Volkssozialisten. Da die Koalitionen in der Zwischenkriegszeit sehr instabil waren, hielt keine Regierung die gesamte Legislaturperiode durch. Masaryk griff in den Krisenmomenten dann ein, um seine Vorstellungen umzusetzen. Die zwei genannten Linksparteien konnten dabei auf seine Unterstützung bauen, sagt Historiker Šebek.

„Im Jahr 1929 gab es große Diskussionen über die Zukunft der bestehenden Regierungskoalition. Bei den Wahlen 1925 hatte es eine bürgerliche Mehrheit gegeben, und danach regierten für die nächsten vier Jahre rechtsorientierte Parteien. Auf Masaryks Wunsch repräsentierte aber Außenminister Edvard Beneš zumindest symbolisch die Linke. Der Staatspräsident unterstützte dann auch die Möglichkeit vorgezogener Neuwahlen mit dem Ziel, dass die sozialistischen Parteien in die Regierung zurückkehren mögen. Es kam wirklich zu diesen Wahlen, und aus der neuen Parlamentsmehrheit entstand eine neue Koalition mit unter anderem den Nationaldemokraten und den Volkssozialisten.“

Masaryk mit Švehla (Foto: Archiv Česká pošta)Masaryk mit Švehla (Foto: Archiv Česká pošta) Masaryks Politik war natürlich seinen Gegnern ein Dorn im Auge. Nur wenige wagten aber, sich offen gegen den Staatspräsidenten zu stellen. Ein Beispiel ist die Präsidentschaftswahl im Jahre 1927, also zur Zeit der bürgerlichen Koalition. Bei den Agrariern bestand ein starker Flügel, der den eigenen Parteivorsitzenden Antonín Švehla zu einer Kandidatur überreden wollte. In der Presse wurden auch noch weitere Namen genannt.

Übergroßer Respekt

Masaryk versuchte damals, Außenminister Edvard Beneš durchzusetzen, aus mehreren Gründen scheiterte dies aber. Švehla wiederum lehnte schließlich seine Kandidatur ab und unterstützte ganz klar Masaryk. Nur der Kommunist Václav Štrunc forderte den Amtsinhaber heraus. Obwohl dieser keine Chance hatte, wurde Masaryk in der ersten Runde nur relativ knapp gewählt. Antonín Švehla soll damals gesagt haben, zu Masaryk gebe es keine Alternative.

„Vor allem auf Seiten Švehlas war der Respekt vor der großen moralischen, politischen und allgemeinen Autorität von Masaryk zu spüren. Masaryk hatte aber auch Respekt vor seinem politischen Gegner, trotz seines eigenen schlechten Gesundheitszustands nahm er im Dezember 1930 an Švehlas Begräbnis teil. Ich denke aber, bei Švehla war der Respekt größer als bei Masaryk“, so Jaroslav Šebek.

Josef Pekař (Foto: Public Domain)Josef Pekař (Foto: Public Domain) Ein anderer bekannter Gegner des Staatspräsidenten war der Historiker Josef Pekař. Ihr Streit drehte sich aus heutiger Sicht um eine seltsame Frage: Was ist der Sinn der tschechischen Geschichte? Dabei stand dahinter nicht nur der Umstand, dass Masaryk die Geschichte von protestantischer und Pekař von katholischer Seite her interpretierte. Der Staatspräsident behauptete, die tschechische Nationalbewegung basiere auf humanistischen Idealen, und diese Idee zöge sich von der Zeit der Hussiten über die Reformation bis in die Gegenwart. „Tábor ist unser Programm“, sagte Masaryk mehrfach bei seinen öffentlichen Auftritten, Tábor stand dabei für das Hussitentum.

Dies brachte natürlich die Katholiken in Wallung. Pekař warf Masaryk vor, dass seine Thesen nicht mit den Erkenntnissen der Historiker vereinbar seien. Beide Persönlichkeiten trugen den Streit in ihren Schriften aus. Trotzdem erklärte Pekař 1935 anlässlich von Masaryks 85. Geburtstag, dass er sich vor seinem Staatswerk verbeugen müsse.

Deutsche aktivistische Parteien für Masaryk

Ein Extra-Kapitel ist das Verhältnis der Vertreter der deutschen Minderheit zu Masaryk. Bekanntermaßen wollten die meisten Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien anfangs gar nicht in der Tschechoslowakei leben. Sie setzten sich stattdessen dafür ein, dass die mehrheitlich deutsch besiedelten Grenzgebiete an Deutschland oder Österreich angeschlossen würden. Trotzdem bildeten sie schon für die ersten Parlamentswahlen im Jahr 1920 eigene Parteien und stellten in diesem Jahr auch einen eigenen Kandidaten für den Staatspräsidenten. Bei der folgenden Wahl von 1927 hatte sich die Stimmungslage aber bereits verändert. Jaroslav Šebek:

„In der ersten Hälfte der 1920er Jahre entstand eine sogenannte aktivistische Richtung unter den deutschsprachigen Politikern in der Tschechoslowakei. Diese Richtung wollte mit der tschechoslowakischen Regierung zusammenarbeiten. Ihre Repräsentanten, das heißt der Bund der Landwirte und die Deutsche Christlich-Soziale Volkspartei, waren auch in der bürgerlichen Regierungskoalition vertreten. Diese unterstützten Masaryk als Staatspräsidenten.“

Beerdigung von T. G. Masaryk (Foto: ČT24)Beerdigung von T. G. Masaryk (Foto: ČT24) Ab 1929 schwenkte auch die Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP) auf den aktivistischen Kurs.

Was die Beliebtheit von Masaryk in der Bevölkerung betrifft, sind sich die Historiker einig: Der Staatspräsident wurde bei seinen zahlreichen Reisen quer durch das Land meist freudig-spontan willkommen geheißen. Sein Geburtstag am 8. März wurde jedes Jahr wie ein Volksfest gefeiert: Die Schüler hatten frei, die Menschen versammelten sich zu verschieden Veranstaltungen, und die Massen strömten auf die Prager Burg. Entsprechend tief war die Trauer, als Masaryk 1937 im Alter von 87 Jahren starb.