Kapitel aus der Tschechischen Geschichte Mai 1946: Die Hinrichtung von Karl Hermann Frank und das Schicksal von Kamil Rössler
Die Tschechoslowakei erlebte vor 60 Jahren eine große Genugtuung für das Kriegsleiden: Der Naziverbrecher Karl Hermann Frank wurde in Prag zum Tode verurteilt und öffentlich hingerichtet. Der Gerichtsprozess hatte aber auch noch ein anderes Opfer. Mehr dazu im heutigen Geschichtskapitel von Jakub Siska.
Karl Hermann Frank (rechts) mit Reinhard Heydrich
Der Karlsbader Buchhändler Karl Hermann Frank war der tschechischen
Öffentlichkeit schon lange bekannt. 1935 wurde er Abgeordneter für die
Sudetendeutsche Partei im tschechoslowakischen Parlament und setzte sich
eifrig für die Zerstörung der Republik ein. Kurz vor dem Münchner Abkommen
lenkte er die bewaffneten Provokationen im Sudetenland. Hitler hat ihn für
seine "Verdienste" zunächst zum Sudetengauleiter und dann zum
Staatssekretär im Protektorat bestellt. Seine Aufgabe war es, die Polizei
im Protektorat zu überwachen. Seine Ziele waren damit aber immer noch
nicht erreicht. Die Politik des Reichsprotektors Konstantin von Neurath
war ihm zu weich, und er wollte seine Stelle einnehmen. Als
Reichsprotektor kam aber Reinhard Heydrich nach Prag. Als 1943 Josef
Goebbels den totalen Krieg ausgerufen hatte, stellte Frank diesen Plan auf
den tschechischen Raum ab:
"Manches Straßenbild böhmischer und mährischer Städte wird sich in den nächsten Wochen verändern! Überflüssige Geschäfte und Auslagefenster werden geschlossen. Faulenzer wie Kaffeehaushocker, Kartenspieler und Taugenichtse aller Art werden verschwinden! Auch tschechische Mädchen und Frauen und der tschechische junge Mann werden und müssen heute erkennen, dass es für sie und das ganze tschechische Volk besser ist, unter Verzicht auf Luxuskleidung, Modefrisuren, Tanz und manche Bequemlichkeiten mittelbar an der Vernichtung des Bolschewismus mitzuhelfen, als bei einem bolschewistischen Sieg über Europa in sibirischen Zwangsarbeitslagern voll von Millionen europäischen Arbeitssklaven mitzumachen!"
Lidice
Am Ende des Krieges versuchte Frank, in die amerikanische Militärzone zu
flüchten, wurde aber bei Pilsen verhaftet und an die tschechischen Organe
ausgeliefert. Der Jurist und Publizist Milan Hulik erklärt weiter:
"In Prag wurde er in einem ungefähr dreimonatigen Prozess für die Verbrechen an der tschechischen Nation verurteilt. Es betraf hauptsächlich Lidice - das ist ein heute weltberühmtes Dorf unweit von Prag, wo alle Männer erschossen und die Kinder und Frauen in Konzentrationslager gebracht wurden. Von zirka 200 Kindern sind nur etwa fünf oder sechs nach Hause zurückgekehrt. Karl Hermann Frank spielte dort eine führende Rolle, weil er viele Befehle für Gestapo und SS ausgegeben hat. Das war nach der Ermordung von Reichsprotektor Reinhard Heydrich. In dieser Zeit, in der es keinen Reichprotektor im Protektorat Böhmen und Mähren gab, stellte Karl Hermann Frank die Hauptfigur dar und trug die größte Verantwortung für diese Befehle."
Karl Hermann Frank wurde verhaftet (Foto: CTK)
An der Schuld von Karl Hermann Frank zweifelte in der Tschechoslowakei
kaum jemand. Auch das Urteil war von Anfang an eigentlich klar. Aber wie
alle Angeklagten musste auch Frank beim Prozess seinen Verteidiger haben.
Und da entstand ein Problem:
"Das war sehr unangenehm für die tschechische Justiz und hauptsächlich für die tschechische Anwaltskammer. Sie musste einen Anwalt auswählen. Der Anwalt musste selbstverständlich sehr gut deutsch sprechen. Alle tschechischen Anwälte waren gegen Frank selbstverständlich sehr feindlich gesinnt. Schließlich wurde der tschechische Anwalt Dr. Kamil Rössler ausgewählt. Er har das zunächst abgelehnt, aber später wurde er von der Anwaltskammer zu dieser Verteidigung gezwungen. Und ich muss sagen, er verteidigte sehr gut. Frank war mit seiner Verteidigung sehr zufrieden. Dazu ist folgendes interessant zu erwähnen: Beim ersten Treffen von beiden Männern im Gefängnis, als Kamil Rössler dort angekommen ist, sagte Frank zu ihm: Ich will keinen tschechischen Anwalt. Und Dr. Rössler antwortete: Ja, das ist möglich, aber ich muss Ihnen sagen, dass das Gericht kein Recht hat, über Sie zu urteilen. Denn Sie sind bis heute tschechoslowakischer Abgeordneter und genießen Immunität. Karl Hermann Frank schwieg eine Weile und dann sagte: Ja, das stimmt. Und seit diesem Moment hatte Dr. Rössler das Vertrauen von Karl Hermann Frank."
Dr. Kamil Rössler hat die Verteidigung nicht nur auf der vermuteten
Immunität aufgebaut. Er versuchte z. B. darauf hinzuweisen, dass sein
Klient keine Verantwortlichkeit für das Verhalten einzelner Deutscher
tragen konnte. Das war aber sehr schwierig zu behaupten. Alle Untergebenen
von Karl Hermann Frank, die sich natürlich aus ihrer eigenen Schuld
herausreden wollten, sagten gegen ihn aus. Und es kamen auch überlebende
Frauen aus Lidice mit sehr emotionalen Aussagen bei dem Prozess zu Wort.
"Kamil Rössler hatte große Schwierigkeiten mit diesem Prozess. Sein Bruder wurde während der Heydrichiade hingerichtet - das war die Zeit, in der die Naziorgane nach den Attentätern gefahndet hatten und in der Tausende Tschechen hingerichtet wurden. Obwohl Dr. Rössler einen Märtyrer in der eigenen Familie hatte, verteidigte er Karl Hermann Frank. Er selbst und seine Familie hatten deswegen große Probleme, sie wurden von den Tschechen gehasst und angegriffen."
Der Prozess endete wie erwartet: Karl Hermann Frank wurde am 22. Mai 1946
vor den Augen von ungefähr 500 Leuten im Prager Gefängnis aufgehängt. Es
handelte sich um die letzte Hinrichtung eines nazistischen Funktionärs in
Prag. Mit ihr aber endete auch die Karriere von Dr. Rössler. Viele Leute
hielten ihn für einen Volksverräter und Verteidiger der Nazis. Als Anwalt
bekam er keine Arbeit mehr, nach dem kommunistischen Umsturz 1948 wurde er
aus der Anwaltskammer ausgeschlossen. Man kann ihn also als letztes Opfer
von Karl Hermann Frank betrachten.





