„Ludwig Salvator hatte immer enge Beziehungen zu Böhmen“ – Historikerin Schwendiger im Gespräch

Er war vor allem Forschungsreisender und Naturwissenschaftler, aber auch ein begabter Zeichner: Erzherzog Ludwig Salvator. Der Adlige stammte aus dem toskanischen Zweig des Hauses Habsburg-Lothringen. Der unruhige Geist hatte eine besondere Beziehung zu Böhmen, auch wenn er fast 40 Jahre auf Mallorca verbrachte: Ludwig Salvator hatte in Prag studiert. Und im nördlich von Prag gelegenen Brandýs nad Labem / Brandeis war sein Stammschloss. Dort ist Ludwig Salvator auch am 12. Oktober 1915 gestorben. Anlässlich des 100. Todestags von Ludwig Salvator wird an jenen Orten an ihn erinnert, wo er gelebt hat. In Brandýs wurde ein Symposium über ihn veranstaltet. Die österreichische Historikerin Helga Schwendinger hat bei den Veranstaltungen mitgeholfen, sie hat auch ein Buch über Ludwig Salvator geschrieben.

Helga Schwendinger, photo: Martina SchneibergováHelga Schwendinger, photo: Martina Schneibergová Frau Schwendinger, Erzherzog Ludwig Salvator ist vor 100 Jahren gestorben. Voriges Jahr wurde während eines Symposiums über ihn im Schloss Brandýs gesagt, man versuche, die einzelnen Städte, in denen er lebte und arbeitete, miteinander zu verbinden. Neben Brandýs gehören dazu sein Sitz auf Mallorca sowie Wien und Triest. Ist diese Verbindung gelungen?

„Ja, man kann sagen, dass dies gelungen ist. Denn an verschiedenen Orten finden Veranstaltungen statt wie Symposien oder Vorträge, die sich mit dem Erzherzog beschäftigen. Erstmals ist beispielsweise auch eine Veranstaltung in Wien geplant. Am 26. November wird in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ein Symposium abgehalten, zudem wird eine kleine Ausstellung gezeigt. Bisher ist sich in Österreich überhaupt noch nicht mit dem Erzherzog beschäftigt worden. Es ist ein sehr schöner Erfolg, auch wenn nur eine kleine Gruppe von Menschen erreicht wird, denn in die Akademie passen 200 Personen. Bei dem Symposium setzen sich Wissenschaftler, darunter Professoren von der Universität Wien und Mitglieder der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, deren Ehrenmitglied Ludwig Salvator ja war, mit ihm auseinander. Und auf Mallorca, wo Salvator fast 40 Jahre seines Lebens verbracht hat, habe ihn die Bewohner das ganze Jahr über immer wieder für Veranstaltungen sozusagen zum Leben erweckt. Begonnen hat es mit einer Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Nationalarchiv.“

Worin bestand die Zusammenarbeit?

Ludwig SalvatorLudwig Salvator „Meine nette Kollegin Eva Gregorovičová vom Tschechischen Nationalarchiv hat uns erlaubt, eine Ausstellung, die sie für das italienische Kulturinstitut in Prag zusammengestellt hat, mit nach Palma de Mallorca zu nehmen. Dort haben wir die Ausstellung etwas erweitert und damit den Mallorquinern 122 Jahre Habsburg-Lothringen in der Toskana näher gebracht. Denn die Mallorquiner haben sich nie gefragt, woher dieser Erzherzog gekommen ist, er war einfach irgendwann auf Mallorca. Aber dass er ein Toskaner Prinz war, hat niemand gewusst. Diese Ausstellung bestand in digitalisierter Form, was es einfach machte, sie nach Mallorca zu bringen. Die Tafeln haben wir kombiniert mit einer großen Sammlung von Büchern, Fotografien, Manuskripten und Briefen. Die zweiteilige Ausstellung haben wir im Stadtarchiv gezeigt. Es war eine Ausstellung des Nationalarchivs Prag für das Stadtarchiv von Palma de Mallorca. Sie ist sehr gut angekommen, viele Menschen haben sie besucht. Wir haben die Ausstellung viersprachig gestaltet: deutsch, englisch, katalanisch und spanisch, was auf Mallorca nicht selbstverständlich ist. Die Ausstellung war bereits im September 2014 eröffnet worden, weil wir gesagt haben, dass sie die Leute auf das Ludwig-Salvator-Gedenkjahr einstimmen soll. Sie ist bis Februar gelaufen. Im Juni wurde sie in etwas veränderter Form in der Kartause Valldemossa eröffnet, wo sie bis zum Jahresende zu sehen ist. Ins Stadtarchiv gehen ja nicht so viele Touristen, aber durch diesen Klostergang ziehen Tausende von ihnen. Selbst wenn sich dieses Publikum nicht für Ludwig interessieren wird, bleibt der eine oder andere stehen und nimmt doch etwas mit. Diese Ausstellung wird in einer etwas geänderten Form auch in Brandeis gezeigt, im Mai 2016 geht sie dann nach Schlaggenwerth (Ostrov nad Ohří, Anm. d. Red.) in Nordwestböhmen, weil die Familie des Erzherzogs das dortige Schloss besaß. Die Ausstellung stellt die Verbindung der verschiedenen Orte dar. Bis nach Österreich haben wir es leider nicht geschafft. Aber man sieht, dass das Zusammenspiel der verschiedenen Länder beginnt.“

„Die Ausstellung des Tschechischen Nationalarchivs bildet die Verbindung zwischen Salvators Lebensorten.“

Auf Mallorca ist Ludwig Salvator eine bekannte Persönlichkeit, dort wurde er vermutlich mehr gefeiert als anderswo?

„Ja, auf Mallorca wurden auch viele kleinere Projekte initiiert, die zu Ludwig Salvator passen: Ein Kalender wurde zusammengestellt, mehrere Bücher wurden herausgegeben, und ein Kinderprogramme ist zusammengestellt worden. Geplant ist noch eine Ausstellung geplant, aber wir müssen warten, bis sich die neue Regierung geformt hat. Es geht uns darum, die Balearen in 100 Bildern von Salvator zu zeigen. 100 Jahre, 100 Bilder – so der Grundgedanke. Sein großes Werk ‚Die Balearen‘ enthält Hunderte von Zeichnungen und Chromolithographien. Wir wollen zeigen, wie diese Chromolithographien entstanden sind, denn sie sind alle in Böhmen angefertigt worden. 'Die Balearen''Die Balearen'Ludwig hat auf seinen Wanderungen und Reisen gezeichnet, und die besten Kupferstecher, Lithographen und Maler der Zeit haben sie dann in Prag und zum Teil auch in Wien als Vorlage genutzt. Auch die Bücher wurden in Böhmen gedruckt. Ludwig Salvator hat sein ganzes Leben lang die Verbindung zu Prag und zu Brandeis gepflegt, auch wenn er kreuz und quer durchs Mittelmeer gefahren ist. Er hat die Künstler und Handwerker in Böhmen sehr geschätzt und hat bis zu seinem Tod immer wieder auf sie zurückgegriffen.“

Wer gehörte beispielsweise zu diesen Künstlern?

„Unter anderem Emil Lauffer und Bedřich Havránek. Sie haben an der Kunstakademie in Prag und in Wien studiert, arbeiteten später auch bei Eduard Hölzel in Wien. Unter den Illustratoren befanden sich die besten Landschaftsmaler der Zeit. Auch die Buchbinder gehörten zur absoluten Spitze. Die Ausstellung ist bereits zusammengestellt, wir warten nur noch auf die neue Regierung und das Budget, um sie in die Tat umzusetzen.“

Wie ist es dazu gekommen, dass Ludwig Salvator, der ständig auf Reisen war, auf seinem Stammschloss Brandeis in Böhmen gestorben ist?

NixeNixe „Das ist ganz einfach zu erklären. Er war 1914 viel im dalmatinischen Bereich, wo er sich sehr gerne aufgehalten hat. Der Grund für die Rückkehr nach Böhmen war die politische Lage. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs kam die Order, dass die österreichischen Erzherzöge innerhalb der Monarchie bleiben mussten, wenig später befahl dann der Kaiser: Zurück auf das Stammschloss! Und Salvators Stammschloss war Brandeis an der Elbe. Der Weg nach Mallorca war sowieso schon abgeschnitten, weil sich Österreich und Italien schon im Krieg befanden. Dass seine Heimat Italien Krieg gegen die Monarchie führt, hat dem alten Erzherzog seinen Lebenswillen genommen. Er hat noch die ersten drei Isonzo-Schlachten miterleben müssen. Ludwig Salvator war nach Brandeis in der Meinung gegangen, dass er dort ein paar Wochen verbringen werde, dann sei der Krieg vorbei und er könne zurück. Seine Jacht Nixe blieb im Hafen Porto Pi, sie war zwar der Kriegsmarine unterstellt, wurde aber in den 1920er Jahren verschrottet.“

Ist es bekannt, wie es ihm und seinen Mitarbeitern in Brandeis erging?

„Der Krieg hat sie in Böhmen festgehalten.“

„Er hat nicht damit gerechnet, dass er nicht mehr nach Mallorca kommt, er hat nicht damit gerechnet, dass er nicht aus Brandeis wegkommt. Die Menschen, die mit ihm kamen, hatten nur Sommerkleidung mit. Es gibt den Bericht des Verlassenschaftskurators aus Wien (Ludwig Salvator starb am 12. Oktober 1915, Anm. d. Red.), der an das Obermarschallamt schreibt: ‚Die Kleidung dieser Menschen ist völlig ungeeignet für den böhmischen Winter, man muss ihnen Geld geben, sie müssen sich Kleider kaufen, da sie nur dünne Jäckchen anhaben und frieren.‘ In dem Moment, als der Erzherzog starb, wurde der Geldfluss gestoppt. Die Mitarbeiter sind dann völlig mittellos in Brandeis gesessen, haben gefroren, gehungert und wollten nur zurück nach Mallorca. Schloss Brandýs nad Labem am 1914Schloss Brandýs nad Labem am 1914Das aber wurde erst 1918 wieder möglich. Die ganze ‚Familie‘ – die ganze Gruppe, die mit dem Erzherzog unterwegs war – ist drei Jahre lang in Brandeis festgesessen. Der Erzherzog starb, sein Leichnam wurde in der Schlosskapelle aufbewahrt und erst 1918 nach Wien überführt. Ludwig Salvators Sekretär Antonio Vives starb ebenfalls noch in Brandeis. Er liegt auf dem örtlichen Friedhof begraben. Der Krieg hat sie in Böhmen festgehalten. Ludwig Salvator hatte eigentlich gar nicht nach Brandeis gehen wollen, sondern er wollte wegen seiner gesundheitlichen Lage im Mittelmeerbereich bleiben. Das kalte Klima in Böhmen tat ihm nicht gut getan. Aber in den Kriegszeiten bestimmt der Kaiser, wo die Familienmitglieder sich aufzuhalten haben.“

Erinnern irgendwelche Namen von Straßen oder Plätzen an Ludwig Salvator?

Straße ‚Arxiduc Lluis Salvador‘ in Palma de Mallorca (Foto: Google Maps)Straße ‚Arxiduc Lluis Salvador‘ in Palma de Mallorca (Foto: Google Maps) „In Mallorca schon. Es gibt in Palma eine breite Straße, die nach ihm benannt wurde. Auch in den Dörfern im Gebirge, wie in Valldemossa, heißt jeweils eine Straße ‚Arxiduc Lluis Salvador‘. Mittlerweile besteht auch ein Platz auf Zakynthos im Ionischen Meer, über die Insel hat Ludwig Salvator ein großes zweibändiges Werk geschrieben hat. Professor Wolfgang Löhnert, der auf Zakynthos eine Sommerakademie hat, ließ eine Plakette anfertigen und diesen Platz nach Ludwig Salvator benennen. Griechenland war ein sehr interessantes Gebiet für den Erzherzog. Vor allem für die Ionischen Inseln hat er sich interessiert. Seine großen Werke schrieb er über die Balearen, über die Liparischen Inseln und eben über die Ionischen Inseln. Auf Zakynthos wird die Erinnerung an Salvator wieder wach. Die Menschen dort haben sein Werk bislang nicht lesen können, weil es auf Deutsch geschrieben ist. Derzeit wird es erstmals ins Griechische übersetzt. Das ist aus dem Grund wichtig, weil auf der Insel 1953 ein starkes Erdbeben viel Bausubstanz zerstört hat. In den Büchern des Erzherzogs gibt es aber noch die Zeichnungen, die zeigen, wie die Häuser ausgesehen haben. Daher sind Salvators Werke wichtige Dokumente für die Menschen von heute.“

Wird auch Ludwig Salvators naturwissenschaftliches Werk immer noch geschätzt?

„Seine Arbeitsweise entsprach der von Humboldt.“

„Er hat natürlich in der Tradition der Zeit gearbeitet, er war ein Kind des 19. Jahrhunderts. Seine Erziehung war humanistisch geprägt und war allumfassend, sie hat wirklich von Geographie, Geschichte, Rechtswissenschaft über Naturwissenschaft bis zu Sprachen, Zeichnen, Religion, Literatur und Philosophie gereicht. Diese umfassende Bildung hat er dank der Prager Universität im Privatunterricht genossen. Seine Arbeitsweise entsprach der eines Humboldt: möglichst viel Informationen über eine Stadt, eine Insel oder ein Gebiet zusammenzutragen. Das reichte dann von der Geologie, über die Botanik und Zoologie, bis zu den Bräuchen, Tänzen, der Musik und den Redewendungen. Es handelte sich also um eine Bestandsaufnahme beispielsweise einer Insel zu einem gewissen Zeitpunkt, das war seine Idee. Er wollte immer das Wissen seiner Zeit bewahren und zusammenfassen.“

Kann man sagen, dass sein Werk vor allem einen dokumentarischen Wert hat?

Schloss Brandýs nad Labem (Foto: Martina Schneibergová)Schloss Brandýs nad Labem (Foto: Martina Schneibergová) „Er war nicht Wissenschaftler im akademischen Sinn, sondern er hat einfach zusammengetragen – und das mit der Hilfe vieler Menschen: Er hatte einen Botaniker und einen Zoologen gehabt, einen Archivar, der ihm Dokumente kopiert hat. Eine große Gruppe von gebildeten Menschen trug ihm also das Material zusammen. Ludwig Salvator blieb etwa drei Monate lang auf einer Insel und publizierte etwa eintausend Seiten. Das hätte er alleine nicht bewältigen können.“