Kunst in Ostmitteleuropa von 400 bis 1000

Es ist einzigartiges Editionsprojekt, das vom Leipziger Leibniz-Institut für die Geschichte und Kultur Osteuropas ins Leben gerufen wurde und an dem auch die Prager Nationalgalerie beteiligt ist. In neun Bildbänden wird das gemeinsame Kulturerbe der Völker vom Baltikum bis zur Adria vorgestellt. Ein Gespräch mit Professor Christian Lübke, der den ersten Band als Herausgeber vor kurzem in Prag vorgestellt hat.

Christian Lübke (Foto: Martina Schneibergová)Christian Lübke (Foto: Martina Schneibergová) Herr Lübke, mit welchem Zeitraum beschäftigt sich der erste Band dieser Reihe?

„Der erste Band bezieht sich auf die Jahre 400 bis 1000. Wir zeigen damit, dass wir an spätantike Traditionen anknüpfen wollen, die vor allem in dem Gebiet zwischen der Donau und der Adria vertreten waren. Das Buch beginnt mit dem Römischen Reich um 400 und endet mit dem Jahr 1000, wo ein wichtiges Ereignis stattfand. Der damalige Kaiser Otto III. hatte in Gnesen ein wegweisendes Treffen mit dem polnischen Fürsten. Vieles, was wir in dem Buch darstellen, ist zunächst nur in Teilgebieten Osteuropas wirksam geworden. Denn wir wissen nur sehr wenig über die Regionen an der Ostseeküste, das heutige Polen und Böhmen oder die Tschechische Republik. Diese Gebiete kommen erst nach und nach in den Blick der historischen Quellen. Dennoch haben wir dieses Wagnis auf uns genommen, den ganzen Raum als Einheit zu sehen. Ich glaube, es ist uns gelungen, die Entwicklung der Kultur in den sechs Jahrhunderten darzustellen.“

Warägergarde (Illustrationsfoto: Public Domain)Warägergarde (Illustrationsfoto: Public Domain) Haben sich die dortigen Völker gegenseitig beeinflusst?

„Darüber wissen wir recht wenig. Man kann sagen, je weiter man in den Osten kommt, desto geringer waren die Unterschiede. Dort hat es eine sehr einheitliche Lebensweise gegeben – man spricht hier sogar von einem slawischen Kulturmodell. Die Bewohner dieses Raumes betrieben zum Beispiel Ackerbau, um sich ihren Lebensunterhalt sichern zu können. Bis in das 8. oder 9. Jahrhundert hinein weiß man jedoch wenig über die Völker. Danach kamen immer mehr Fremde aus den Grenzregionen dorthin. Das beste Beispiel sind die Waräger, die von der Ostsee zum Schwarzen Meer gezogen sind. Auf diese Weise haben sie ein weitreichendes Handelsnetz organisiert, wovon auch die Nachbargebiete profitiert haben. Aber insgesamt ist es im Vergleich zu unserer schnelllebigen Gegenwart ein sehr langsamer Prozess gewesen.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Warum beginnen Sie ausgerechnet mit dem Jahr 400?

„Wir knüpfen an eine Entwicklung in den Geschichtswissenschaften an. Früher gab es keine Überschneidungen bei der Arbeit von Professoren für die Antike, für die römische Geschichte, für die Spätantike und für das Frühmittelalter. Heutzutage versucht man aber, die Epochengrenze zu überwinden. Und das ist eigentlich ein sehr nützliches Konzept. Denn dadurch sieht man, wie sich Kunstgegenstände in der Zeit weiterentwickeln. Zum Beispiel wurden Techniken, die in der Römerzeit entwickelt wurden, danach in andere Gesellschaften weitergetragen. Deswegen war es wichtig, an die Spätantike anzuknüpfen.“

Welche Kunstgegenstände aus dieser Zeit sind erhalten geblieben?

Schüssel von Nagyszentmiklós (Foto: Archiv des Kunsthistorischen Museums Wien)Schüssel von Nagyszentmiklós (Foto: Archiv des Kunsthistorischen Museums Wien) „Wir haben einen sehr weiten Begriff von Kunst. Denn wir wollen keinen bloßen Katalog von Kunstgegenständen, sondern auch die Begleitumstände ihrer Entstehung aufzeigen. Wir wollen sozusagen die Sozialgeschichte der Kunst aufführen. Und insofern berücksichtigen wir somit alles, was mit Formen und Gestaltung zu tun hat. Betrachtet man zum Beispiel die slawische Keramik, dann nimmt man die Entwicklung deutlich wahr. Es beginnt mit der handgemachten Keramik, dem sogenannten Prager Typ, weiter auf einer Drehscheibe angefertigte Keramik bis zur Verzierung dieser Gegenstände. Das sind zwar keine Dinge, die wir heute in einem Kunstauktionshaus finden würden, aber wir sehen daran, dass die Menschen einen Gefallen daran gefunden haben, solche künstlerischen Ideen weiterzuentwickeln. Das hat dann wiederrum etwas mit der sozialgeschichtlichen Entwicklung dieser Gesellschaften zu tun.

Kann dieses große Werk dazu beitragen, dass sich die traditionelle Sicht ändert, die Kunst des Nordens und des Südens sowie die Kunst West- und Osteuropas voneinander zu unterscheiden?

„Ich bin der festen Überzeugung, dass es gelingen wird. Denn wenn wir den Menschen zeigen können, was für hochwertige Gegenstände in der Zeit entstanden sind. Wenn wir einen Blick in die nächsten Bände werfen, die das 12., 13., 14. und 15. Jahrhundert betreffen, dann sehen wir, dass sich in der Region ein hohes Niveau des Kunsthandwerkes entwickelt hat, wie zum Beispiel die Holzschnitzerei. Dieses Handwerk kann durchaus mit dem aus dem Westen und Süden mithalten. Natürlich wird man nicht ganz davon wegkommen, immer wieder Vergleiche zu ziehen. Aber wir werden dazu beitragen, diesen Kunstraum auf ganz Europa auszudehnen und zu schauen, wie die Beziehungen untereinander waren. Wir werden sehen, dass der Austausch zwischen den verschiedenen Regionen in Europa viel größer war als früher angenommen. Es handelt sich also nicht um einen bloßen Export von einer Region in die andere. Es ist vielmehr ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Es ist wirklich erstaunlich, wie das über weite Entfernungen funktioniert hat.“