Flucht vor Hitler: Emigration der sudetendeutschen Sozialdemokraten 1938/39

Obwohl viele Menschen in den Sudetengebieten über den Einmarsch Hitlers im Oktober 1938 gejubelt haben – es gab auch die anderen: Zehntausende Menschen flohen vor den Nazis. Neben Juden waren es Mitglieder demokratischer Parteien, unter ihnen Sozialdemokraten. Für sie führte der Weg meist zuerst in die tschechoslowakischen Kerngebiete und danach ins Ausland. Erstaunlich ist, dass über die Emigrationsbewegung der Sozialdemokraten zwischen Oktober 1938 und März 1939 wenig bekannt ist. Dieser Beitrag soll ein wenig Licht in dieses Kapitel der tschechischen Geschichte bringen.

Konrad HenleinKonrad Henlein Als Konrad Henlein, der Vorsitzende der Sudetendeutschen Partei, Anfang Oktober 1938 den Einmarsch der Wehrmacht in die Sudetengebiete begrüßt, ist die politische Linke meist schon auf der Flucht - so wie der Vater von Olga Sippl, Mitglied der DSAP, der „Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei der Tschechoslowakischen Republik“. Ziel der Flucht ist für ihn wie für die anderen zunächst das noch freie Rest-Gebiet der Tschechoslowakei. Olga Sippls Vater verlässt das heute zu Karlsbad gehörende Porzellanindustriestädtchen Altrohlau noch im September 1938:

„Kurz vor der Abtretung ist mein Vater durch die tschechische Gendarmerie bewogen worden, einen der letzten Züge ins Innere Böhmens zu nehmen. Die Gefahr der Verfolgung, vor allem durch die nationalsozialistischen Jugendlichen, war zu groß.“

Das, weil Olga Sippls Vater damals Schulwart in der Volksschule war. Nicht nur er war aber rechtzeitig gewarnt worden. Die Nachricht, dass die Sudetengebiete abgetreten werden, erreicht die sozialdemokratische Parteiführung bei einem außerordentlichen Kongress in Prag. Noch einmal Olga Sippl:

„Dort wurde bereits entschieden, dass ein Teil in die Emigration gehen wird und gehen muss. Die deutsche und die österreichische Emigration von 1933 und 1934 hatte zum großen Teil in den Arbeitergemeinden des Sudetenlandes Zuflucht gefunden, und daher wussten wir über das Dritte Reich Bescheid – mehr zumindest als zuvor die Reichsdeutschen oder Österreicher. Deshalb haben wir uns keinerlei Illusionen hingegeben, dass man als leitender Funktionär oder bekannter Sozialdemokrat ungeschoren davonkommt.“

Historiker Thomas Oellermann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den sudetendeutschen Sozialdemokraten. Die Emigration sei in drei Wellen verlaufen, so Oellermann. Die erste beginnt noch im Oktober 1938.

„Dabei werden die wohl am stärksten gefährdeten Sozialdemokraten außer Landes gebracht – und das größtenteils nach Großbritannien. Die DSAP hatte vorher schon sehr gute Kontakte zur Labour Party oder auch zur so genannten Independent Labour Party, und über diese Kontakte gelingt es, eine nicht so zahlreiche Gruppe - etwa 70 Personen – nach Großbritannien zu bringen“, sagt Thomas Oellermann.

Die zweite Welle startet im November 1938 und erfolgt aus dem restlichen Teil der Tschechoslowakei, bis auch dieser am 15. März 1939 durch Hitler-Deutschland besetzt wird. Die sudetendeutschen Sozialdemokraten sind dort in teils improvisierten Flüchtlingslagern untergebracht. Es ist eine geplante Emigration, die Zielländer sind über die ganze Welt verteilt: Kanada, Schweden, Südamerika oder Israel und bis zur Besetzung auch Belgien. In Prag hat die sozialdemokratische Parteiführung eine Auswanderungsstelle eingerichtet. Olga Sippl arbeitet bereits seit Mai 1938 in Prag bei der Zentralen Sozialversicherung als Stenotypistin. Als die Auswanderungsstelle entsteht, hilft sie nach Büroschluss dort mit:

„Schon Anfang Oktober“, so Sippl, „begann die Parteiführung die gesamte Maschinerie in Bewegung zu setzen, man wusste ja nicht, wie viel Zeit bleiben würde. Man begann also einerseits Visa zu besorgen und auf der anderen Seite Geld. Dafür wurden die ganzen Parteigelder flüssig gemacht. Die waren in der Genossenschaft und anderswo angelegt worden. Die Menschen hatten ja kaum Geld und nur wenige konnten sich die eigene Ausreise leisten. Und so wurde also Tag und Nacht gearbeitet, um die Listen der Emigranten zu erstellen und die notwendigen Pässe und Unterlagen zu besorgen.“

Einer jener, der Papiere erhält ist Otto Seidl. Er war 1927 der DSAP beigetreten:

„Nach einigen Monaten Flüchtlingslager gelang es uns doch, eine Bewilligung zu bekommen und einen Pass, um nach Schweden ausreisen zu können. Das geschah legal mit Visum und allem, sonst kam man nicht aus dem Land, sonst wäre man der Gestapo überall in die Hände gefallen, in Deutschland und Österreich. Wir durften dann über Mährisch-Ostrau durch den polnischen Korridor mit dem Zug nach Danzig fahren. Dort fuhren wir mit einem schwedischen Zug über Lettland nach Stockholm, wo wir am 24. Dezember 1938 mit dem Schiff ankamen.“

Otto SeidlOtto Seidl Otto Seidl ist der letzte Zeitzeuge aus der damaligen Emigrationswelle sudetendeutscher Sozialdemokraten nach Schweden. Um die Parteimitglieder in Skandinavien oder anderswo unterzubringen, waren jedoch schwierige Verhandlungen nötig. So wurde Großbritannien die wichtigste Station, wie Thomas Oellermann sagt:

„Die Aufnahmekapazitäten der Länder waren begrenzt, zumal es auch weitere Flüchtlingsgruppen gab. Man weiß, dass etwa 3000 sudetendeutsche Sozialdemokraten nach England kamen, von denen dann 1000 weiter zogen nach Kanada. Es dürften noch weitere Sozialdemokraten in andere Länder gegangen sein. Das ist aber wahrscheinlich nur ein kleinerer Teil. Insgesamt lässt sich sagen, dass ungefähr 2000 sudetendeutsche Sozialdemokraten während des Krieges in England im Exil waren.“

Doch längst nicht alle gefährdeten Sozialdemokraten werden ins Ausland gebracht. Dazu kommt die Besetzung der restlichen Tschechoslowakei zu früh.

„Alle Lager mussten so schnell wie möglich geräumt werden“, erzählt Olga Sippl. „Die Menschen wurden versteckt, es waren vor allem Frauen mit Kindern, die Familienangehörigen der Funktionäre. Dafür verantwortlich waren vor allem Engländerinnen. Eine davon war Doreen Warriner. Sie hat in Gasthäusern im Umkreis von Prag eine ganze Menge Frauen mit Kindern versteckt. Und sie hat die Mittel dafür aufgebracht, um diese noch mit dem letzten Transport über Polen hinausschaffen zu können.“

Es ist die letzte und dritte Emigrationswelle der sudetendeutschen Sozialdemokraten aus der Tschechoslowakei. Historiker Oellermann:

„Diese Emigrationswelle verläuft im direkten Anschluss an die Besetzung des tschechoslowakischen Reststaates im März 1939. Die Flucht gelingt nur unter sehr turbulenten Bedingungen. Zu den Emigranten gehört auch der letzte Parteivorsitzende der DSAP, Wenzel Jaksch. Er flieht auf Skiern über die polnisch-slowakische Grenze und findet über Polen den Weg nach Großbritannien.“

Doch viele Menschen bleiben zurück. 1938 hatte die DSAP insgesamt 80.000 Mitglieder. Über 10.000 werden von den Nazis verhaftet und landen im KZ oder in Gefängnissen. Den Eltern von Olga Sippl gelingt mit dem kleinen Bruder die Flucht nach Großbritannien, doch ihr selbst nicht. Als Familienangehörige galt sie nicht mehr, da sie bereits über 18 Jahre alt war.

„Nachdem das so knapp wurde und ich bis zum 8. März keinerlei Zusicherung hatte, dass ich emigrieren konnte, habe ich mich entschieden, nach Karlsbad zurückzukehren“, schildert Olga Sippl.

In Karlsbad wohnt sie den Krieg über bei ihrer Großmutter. Sie arbeitet in einem Betrieb, in dem sie vor einer drohenden Verhaftung relativ sicher ist – und sagt:

„Ich hatte einen Schutzengel und ich habe großes Glück gehabt, dass ich im Dritten Reich außer einigen Schikanen gut über die Runden kam. Aber dafür hat man den jüngeren Bruder meines Vaters vier Jahre ins Zuchthaus geschickt unter dem Vorwand des Radio-Fremdhörens.“

Die Familie Sippl hat überlebt. Heute gehört Olga Sippl der Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten an, der Seliger-Gemeinde, die nach dem Krieg in der Bundesrepublik gegründet wurde.