„Es traf einen bis ins Innerste“ - Deutsche über den Prager Frühling 1968

Der Prager Frühling 1968 stellt nicht nur für Tschechen und Slowaken einen historischen Einschnitt dar. Auch Deutsche aus dem Westen, aber vor allem damalige DDR-Bürger wurden durch den Aufbruch in dem mitteleuropäischen Land entscheidend geprägt – und das sogar für das Leben. Es war schließlich der erste Versuch in Europa eine kommunistische Diktatur zu überwinden. Bei einer Veranstaltung der Brücke/Most-Stiftung anlässlich des Gedenkens an den Prager Frühling haben sich vor kurzem Zeitzeugen aus Deutschland getroffen. Einige Momente ihrer Erinnerungen hat Till Janzer hat für unsere Sendereihe „Kapitel aus der tschechischen Geschichte“ bei der Podiumsdiskussion der Zeitzeugen und in ergänzenden Gesprächen aufgezeichnet.

„Es muss Ende März, Anfang April 1967 gewesen sein, dass ich nach Prag fuhr. Ich wollte dort meine wissenschaftliche Arbeit über die wirtschaftlichen Reformen in der damaligen ČSSR fortsetzen, mit Blick auf die Manager, die künftigen Unternehmensführer“, erzählt Hans-Jürgen Fink, der damals Betriebswirtschaftslehre an der Universität in Köln studierte.

Die Ankunft des Studenten vom Rhein in der Stadt an der Moldau lag noch deutlich vor dem Moment, als Parteichef Alexander Dubček den neuen Kurs in der kommunistischen Tschechoslowakei verkündete. Fink:

„Ich bin dann in den Strudel des Prager politischen Frühlings geraten, der im Januar 1968 begann. Dann ist sozusagen alles über einen hergestürzt.“

Der Leipziger Sozialhistoriker Hartmut Zwahr erlebte die Aufbruchstimmung aus der Perspektive eines damaligen DDR-Bürgers:

„Ich bin am 10. April mit meiner Frau in Liberec / Reichenberg gewesen. Das war eine sehr frühe Reise – zu diesem Datum haben andere noch gar nicht gemerkt, was in der Tschechoslowakei vor sich ging. Und am 10. April wurde in Sonderdrucken das Aktionsprogramm der Kommunistischen Partei herausgegeben. Und das habe ich auf dem Heimweg verschlungen.“

Aus Bautzen stammend, hatte sich Hartmut Zwahr selbst Tschechisch beigebracht. Und das reichte, um die wichtigsten Parolen, die aus dem benachbarten Bruderstaat kamen, klar zu verstehen: Demokratisierung und Teilung der Macht. Dies seien Signale gewesen, die ihn „bis ins Innerste trafen“.

Noch vor seiner Fahrt nach Liberec hatte Hartmut Zwahr begonnen ein Tagebuch über den Prager Frühling zu schreiben – denn an der Universität in Leipzig fand er keine Gesprächspartner über das Geschehen:

„Ich habe am 11. März begonnen dieses Tagebuch zu schreiben. Aber da stand ich eigentlich schon in Flammen. Und ich habe es auch geschrieben, weil ich mich integriert sah in einen Panzer der Repression. Es gab keine offene Diskussion über das, was stattfand.“

Lutz Vogel ist jünger als Hartmut Zwahr, stammt aber auch aus der ehemaligen DDR und ist heute Oberbürgermeister von Dresden. Damals hatte er gerade sein Studium an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg aufgenommen.

„1968 war bei mir geprägt von laufenden Meldungen über die zunehmende Liberalisierung vor allem im kulturellen Bereich in der Tschechoslowakei. Das haben wir aufgenommen wie ein Schwamm, mit der Hoffnung, dass sich das weiter entwickeln würde - und das auch mit Blick auf die DDR, in der extrem verkrustete und starre Verhältnisse herrschten. Wenn man jung ist, mit 17, 18, 19, dann will man die Welt verändern will. Und das war auch unser Impetus“, erzählt Lutz Vogel.

Hans-Jürgen Fink als Westdeutscher, aber auch Hartmut Zwahr und Lutz Vogel als damalige DDR-Bürger haben den Prager Frühling unter unterschiedlichen Voraussetzungen und auf unterschiedliche Weisen erlebt. Am längsten war Hans-Jürgen Fink im Land: mit kleiner Unterbrechung fast anderthalb Jahre bis zum Sommer 1968. Selbst die Studentenrevolte in Westdeutschland verpasste er deswegen, obwohl er doch Student an der Universität in Köln war. Stattdessen hat sich bei ihm die Niederschlagung des Prager Frühlings tief ins Gedächtnis eingegraben. Hans-Jürgen Fink:

„Ich bin wie viele andere wenige Tage vor dem 21. August in Urlaub gefahren. Es war Sommer, die Ferienzeit war da und alle meine tschechischen und slowakischen Freunde waren auch im Urlaub. Entweder machten sie Praktika im Ausland oder sie waren wie viele weitere nach Mamaia an die rumänische Schwarzmeerküste gefahren, weil man das ohne Devisen konnte. In Mamaia hatten wir uns verabredet und dort habe ich sie dann getroffen. Zwischenrein geschah der 21. August und ich bin dann in diese schrecklichen Familiendiskussionen hineingeraten. Tag und Nacht überlegten meine Freunde: ´Was machen wir denn jetzt? Fahren wir nach Hause in unsere Heimat, wo wir alles kennen, oder fahren wir in die Ungewissheit des Westens?´“

Viele, die auch eine berufliche Chance im Westen gehabt hätten, sind dennoch in ihre Heimat zurückgekehrt. Hans-Jürgen Fink verlor viele seiner Freunde für lange Zeit aus den Augen:

„Ich bin dann noch mal im September in Prag gewesen und habe mich von den Freunden verabschiedet, nicht wissend, wann ich sie wieder sehen würde. 1972 war ich zudem auf der Durchreise noch mal in der Stadt bei einem Freund. Und kaum rufen wir einen anderen Freund an, knackt das Telefon. Mir war sofort klar warum und dass ich den Freund, bei dem ich wohnte, in Gefahr bringen würde. Insofern sind da viele Verbindungen plötzlich abgebrochen und erst 1990 erneuert worden.“

Es seien große persönliche Verluste gewesen. Nicht minder geschockt von dem Einmarsch war aber auch Lutz Vogel. Anders als Hans-Jürgen Fink führte ihn seine einzige Fahrt unmittelbar in die Niederschlagung des Prager Frühlings. Er kam zusammen mit einem Freund am Abend des 20. August in der Stadt an, wohnte im Studentenwohnheim und verbrachte einige Tage unmittelbar im Zentrum des Geschehens. Es habe bizarre Erlebnisse gegeben, wie ein Westberliner Student, der fünf Buttertorten bestellte, um sein Universitäts-Stipendium zu verprassen. Aber auch traurige:

August 1968 in PragAugust 1968 in Prag „Was mir nicht aus der Erinnerung geht, sind weinende Menschen auf der Karlsbrücke. Das teilt sich mit, das hat uns selber sehr getroffen.“

Weil schon bald keine Züge mehr in die DDR fuhren, kam Lutz Vogel nur etappenweise wieder nach Hause. Dort aber erst wurde ihm bewusst, was alles geschehen war. Vor allem als er regelmäßig Fernsehsendungen über die Tschechoslowakei sah, in denen ab dann bei jeder Gelegenheit versucht wurde, die Reformer in der Tschechoslowakei zu diskreditierten.

„Das war solch ein Ekel vor dieser offiziellen Berichterstattung. Für mich war klar, dass ich ab nun aufhöre nur friedlich hinter vorgehaltener Hand zu reden.“

Das Erlebnis habe ihn bis heute geprägt, sagt der Dresdener Oberbürgermeister. Das aber gilt auch für Hartmut Zwahr, der eine unmittelbare Parallele zieht – und zwar von seinen Erinnerungen an seinen Besuch 1968 in Liberec zum Mauerfall 1989:

„In Erinnerung habe ich die Bewegtheit in den Straßen, die Tische, hinter denen die Leute saßen und Unterschriften sammelten und eine Stimmung, die ich erst im Oktober 1989 bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig wieder gefunden habe. In dem Aufbruch in der DDR, als ich zu meiner Frau sagte: ´Du, Annett, es ist wie damals in Liberec.´“