Einmal um die Welt - Josef Kořenský reiste der Bildung wegen

Ende des 19. Jahrhunderts reiste Josef Kořenský einmal um die Welt, wenige Jahre später unternahm er eine weitere lange Fahrt. Doch es ging ihm nicht wie seinen berühmten Vorgängern – also zum Beispiel Alexander von Humboldt – um die Erforschung der Erde. Viel mehr sah er dies als Lehrauftrag an, um andere Menschen über ferne Länder zu berichten. Zudem brachte er viele Gegenstände mit, die heute im Besitz des Prager Náprstek-Museums sind. Und dort ist zurzeit auch eine Ausstellung zum 170. Geburtstags des Weltreisenden zu sehen.

Josef KořenskýJosef Kořenský Josef Kořenský (1847-1938) stammte aus der mittelböhmischen Gemeinde Sušno. Er studierte an der Lehrerbildungsanstalt in Prag. 1867 begann er als Lehrer zu arbeiten. Doch Kořenský sehnte sich nach einer tieferen Bildung, erzählt Jiřina Todorovová vom Prager Náprstek-Museum:

„Er hat sich dann selbst weitergebildet. Sein Spezialgebiet waren die Naturwissenschaften. Vor allem hat er sich mit Paläontologie, Mineralogie und später auch Botanik, Zoologie und Insektenkunde beschäftigt. 1927 wurde ihm für seine Verdienste um die Popularisierung der Naturwissenschaften der Ehrendoktortitel der Karlsuniversität verliehen.“

Nachdem er einige ergänzende Examen erfolgreich abgelegt hatte, begann er 1874 an der Bürgerschule im Prager Stadtteil Smíchov zu unterrichten. Später übernahm er die Leitung der Lehranstalt und blieb dort bis zu seiner Berentung im Jahr 1908. Allerdings hat Kořenský zwischendurch Prag mehrmals für längere Zeit verlassen – und zwar für ausgedehnte Forschungsreisen. Jiřina Todorovová:

„Er war fest davon überzeugt, dass er selbst das sehen und erleben sollte, worüber er als Lehrer den Schülern erzählt. Dies war einer der Gründe für seine Reisen. Schon als Student ist er viel gereist. Er bereiste ganze Europa, vor allem die Balkan-Länder und Skandinavien, besuchte auch die Türkei und unternahm eine Fahrt in den Kaukasus. Kořenský bereitete sich gründlich auf seine Weltreise vor. Es heißt, er sei der erste tschechische Forschungsreisende der Neuzeit gewesen, der eine derartige Reise unternahm. Auf seiner Fahrt begleitete ihn ein Freund – der reiche Gutsbesitzer Karel Řezníček. Kořenský musste sparen, um die Reise finanzieren zu können. Er bekam aber auch Geld von einigen Mäzenen und Institutionen, darunter dem Kultur- und Bildungsministerium.“

Von Chicago über Japan nach Ägypten

Haus „U Halánků“ (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Haus „U Halánků“ (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Josef Kořenský war seit der Jugend regelmäßig im Haus „U Halánků“, das dem Philanthropen und Ethnologen Vojtěch Náprstek gehörte. Das Haus war ein beliebter Treffpunkt tschechischer Wissenschaftler, Künstler und Politiker. Náprstek gründete 1862 in seinem Haus das sogenannte „Tschechische Industrie-Museum“, in dem auch umfangreiche ethnographische Bestände aufbewahrt wurden. Das Museum trägt seit den 1960er Jahren Náprsteks Namen. Kořenský versprach damals Náprstek, von seinen Reisen Gegenstände für das Museum mitzubringen.

„Kořenský und Řezníček brachen 1893 zu ihrer Reise um die Welt auf. Denn sie wollten die Kolumbianische Weltausstellung in Chicago besuchen. Sie fuhren quer durch die Vereinigten Staaten und dann mit dem Schiff nach Hawaii. Von dort verlief die Strecke über Japan, China, Ceylon und Indien nach Ägypten. Aus Ägypten kehrten sie dann nach Europa zurück. Náprstek organisierte am 14. März 1894 im Lesesaal des heutigen Náprstek-Museums einen Festabend, um Kořenský in der Heimat zu empfangen.“

Geishas singen tschechische Nationalhymne

Der Saal war damals wie ein indisch-japanisch-chinesischer Tempel gestaltet. Auch war ein Gemälde aufgehängt, das Kořenský dabei zeigte, wie er den japanischen Geishas das Lied „Kde domov můj“ (Wo ist mein Heim) beibringt. Das Lied ist später zur tschechoslowakischen und tschechischen Nationalhymne geworden. Die Erfahrungen von seiner Weltreise versuchte Kořenský auch anderen Menschen zu vermitteln.

„Kořenský bearbeitete seine Weltreise literarisch. Zuerst erschien ein zweibändiges Buch über die Fahrt. Zudem hielt er viele Vorträge. Interessanterweise hat Kořenský im Unterschied zu anderen Forschungsreisenden der damaligen Zeit keine Fotos geschossen. Stattdessen kaufte er viele Fotografien. Denn er besuchte bekannte Orte mit Baudenkmälern, archäologischen Sehenswürdigkeiten sowie interessanter Natur. Die befreundeten Forschungsreisenden Enrique Stanko Vráz und A.V. Frič nannten ihn scherzhaft den ,Hotel-Reisenden‘.“

Kořenský wollte aber gar nichts Neues entdecken, sondern der Öffentlichkeit von seinen Erlebnissen erzählen. Die Gegenstände, die er von seiner Weltreise mitbrachte, stellte er zunächst in den Räumen der Mädchenschule in Prag-Smíchov aus. Die Schülerinnen sahen also als erste die Exponate.

Fotos von den Antipoden

Einige Jahre nach der Rückkehr bereitete sich Josef Kořenský auf eine weitere große Fahrt vor. Er bezeichnete sie als „Reise zu den Antipoden“. Sie führte ihn 1900 und 1901 nach Australien, Tasmanien, Neuseeland, Togo, die Fidschi-Inseln, Samoa, Malaysia und zum zweiten Mal nach Japan. Jiřina Todorovová:

„Für Kurzes hielt er sich auch in Korea auf und kehrte über Sibirien zurück. Zu dem Zeitpunkt war sein Freund Náprstek nicht mehr am Leben. Josef Kořenský war aber mit dessen Witwe Josefa in Kontakt und brachte mehrere ethnographische Gegenstände und viele Fotografien mit. Diese Fotos bilden heute die Grundlage der historischen Fotosammlung in unserem Museum.“

Die Erlebnisse von seiner Reise bearbeitete Kořenský erneut für einige Bücher. Zudem veröffentlichte er mehrere naturwissenschaftliche und historiographische Aufsätze. Seine Reisebeschreibungen waren vor allem für Jugendliche bestimmt. Außerdem verfasste Kořenský mehrere Hundert Artikel für Zeitungen und Zeitschriften. Und wieder trat er auch öffentlich auf, erzählt die Expertin.

Jiřina Todorová (Foto: Tschechisches Fernsehen)Jiřina Todorová (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Er hielt viele Vorträge. Angeblich waren diese sehr beliebt, weil er ein charmanter und geistreicher Erzähler war. Seine Vorträge waren also sehr gefragt und wurden viel besucht.“

Die Reiseberichte von Josef Kořenský verkauften sich zu seinen Lebzeiten gut und wurden häufig gelesen. In der Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik gehörte er neben Enrique Stanko Vráz und Emil Holub zu den populärsten tschechischen Forschungsreisenden. Seine Berichte halfen dabei, den Horizont der damals jungen tschechischen Gesellschaft zu erweitern. Kořenský hielt auch enge Kontakte zu den im Ausland lebenden Tschechen. Der Forschungsreisende war zudem Mitglied des Verwaltungsrates des Nationalmuseums und vieler renommierter Institutionen, darunter des Orientalischen Instituts und der Tschechoslowakischen Geographischen Gesellschaft.

Ehrendoktortitel für den Weltreisenden

Josef Kořenský (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)Josef Kořenský (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks) Für seine Verdienste in den Naturwissenschaften wurde ihm 1927 die größte Anerkennung zuteil: Da erhielt er den Ehrendoktortitel der Prager Karlsuniversität. Heute ist Josef Kořenský jedoch nicht so bekannt wie etwa die Forschungsreisenden Vráz oder A.V. Frič. Dazu Jiřina Todorovová:

„Vráz und Frič haben auf ihren Reisen auch Entdeckungen gemacht. Sie waren Abenteurer. Sie bemühten sich, an Orte zu gelangen, die noch niemand gesehen hatte. Kořenský hat seine Reisen im Voraus präzise geplant und vorbereitet. Er war Pädagoge mit Leib und Seele und wollte seine Erkenntnisse weitergeben. Im Unterricht soll er gerne gesagt haben: ,Sie haben etwas über diese Region gelesen, und ich kann aus meiner eigenen Erfahrung bestätigen, dass dies stimmt.’ Er beschrieb dann das entfernte Land mit seinen eigenen Worten. Für die Schüler war dies sehr spannend. Seine Reisen dienten also Bildungszwecken. Anders als heute war es damals nicht so üblich, viel herumzureisen. Darum weckten seine Bücher und Zeitungsartikel großes Interesse.”

Die Ausstellung über Josef Kořenský ist bis 3. September im Náprstek-Museum zu sehen. Das Museum ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Neben den Gegenständen, die Josef Kořenský von seinen Fahrten mitbrachte, befindet sich auch sein Nachlass heute in den Sammlungen des Náprstek-Museums. Zudem erinnern zwei Gedenktafeln an den Weltreisenden: eine in seinem Geburtsort Sušno und die andere in Radnice, wo er Lehrer gewesen ist. Nicht zuletzt ist eine Straße in Prag-Smíchov nach ihm benannt sowie die Schule in demselben Stadtteil, an der er viele Jahre lang unterrichtet hat.

Das Náprstek-Museum hat anlässlich des 170. Geburtstags von Josef Kořenský eine Ausstellung zusammengestellt, in dieser werden ethnographische Gegenstände, Fotos, Dokumente sowie einige persönliche Gegenstände aus dem Nachlass des Forschungsreiseden gezeigt.