Einige Sätze, die das kommunistische Regime vor 20 Jahren ins Schwanken brachten

Der Juni 1989: In Polen geht die Regierungsmacht an den Nicht-Kommunisten Mazowiecki über, in Ungarn durchtrennt Außenminister Gyula Horn zusammen mit seinem österreichischen Kollegen Mock symbolisch den Grenzzaun – und selbst in der Sowjetunion sorgt Gorbatschow mit Glasnost und Perestrojka für neuen Wind. Nur die tschechoslowakische Gesellschaft scheint noch in einer Art Totenstarre zu verharren. Das zumindest könnte man meinen. Doch dann taucht das Manifest mit dem Titel „Einige Sätze“ auf. Sein Autor ist Václav Havel. Dieser sagt später, dass mit dem Manifest erstmals die Isolation der Dissidenten vom Rest der Gesellschaft durchbrochen wurde.

„Ich hatte die Gelegenheit, das Manifest ´Einige Sätze´ zu lesen und deshalb habe ich es unterschrieben. Zudem habe ich zwei Kinder, die in diesem Staat aufwachsen. Ich will nicht, dass sie sich für ihren Staat schämen müssen“, so vor 20 Jahren der Schauspieler Jan Hrušínský.

Hrušínský war einer von insgesamt rund 40.000 Tschechoslowaken, die das Manifest bis zum November 1989 unterschrieben. Der Text war von den Mitgliedern der verbotenen Bürgerbewegung Charta 77 herausgegeben worden, eigentlich war er aber das Werk nur eines Autors: von Václav Havel. Erstmals veröffentlicht wurden Havels Sätze am 22. Juni des Jahres in der damals illegalen Zeitung „Lidové noviny“. Dort heißt es unter anderem:

„Wir rufen die Führung unseres Landes auf zu verstehen, dass die Zeit gekommen ist für wirkliche und systematische Reformen und dass dieser Wandel eine freie und demokratische Diskussion bedeutet. Der erste Schritt für jeglichen sinnvollen Wandel, der mit einer neuen Verfassung beginnt und bei Wirtschaftsreformen endet, muss jetzt ein Wandel des gesellschaftlichen Klimas in unserem Land sein. Der Geist von Freiheit, Vertrauen, Toleranz und Pluralismus muss zurückkehren.“

So formulierte Havel im Juni vor 1989. Nach dieser Einleitung zählte er sieben konkrete Forderungen auf. Dazu gehörten die Freilassung der politischen Gefangenen sowie die Garantie von Versammlungsfreiheit. Ein weiterer Punkt war die Forderung nach freier Diskussion unter anderem über den Prager Frühling und dessen Niederschlagung durch die Truppen des Warschauer Paktes. Das alles sprach viele Bürger an:

Foto - Repro: TýdenFoto - Repro: Týden „Auf ihre Art sind das alles vernünftige und logische Forderungen, die schon längst auf natürliche Weise hätten erfüllt werden müssen. Dass wir hier 20 Jahre vor uns rumfaulen, liegt an der derzeitigen Führung im Land. Unsere Forderungen kommen um fünf vor zwölf.“

So offen redete damals Ladislav Mrkvička, ein weiterer Schauspieler, der Havels Sätze unterschrieb. Dass es fünf vor zwölf war im Juni 1989, verdeutlicht die Lage in den anderen Ländern des Ostblocks: In Polen hatten erstmals halbfreie Wahlen stattgefunden und Ungarn öffnete seine Grenze Österreich. Selbst beim allergrößten Bruder, der Sowjetunion, atmete man wegen Gorbatschow freier als in der Tschechoslowakei. Doch die Partei- und Regierungschefs alten Schlags in Prag nahmen die Aufforderung zum Dialog nicht an, sie setzten vielmehr auf altbewährte Propaganda. Im Parteiorgan „Rudé právo“ erschien unter der Überschrift „Wer Wind säht…“ ein Beitrag, in dem sich die ganze Paranoia der kommunistischen Führung zeigte. So heißt es dort:

Milouš JakešMilouš Jakeš „Beim Text ´Einige Sätze´ handelt sich um einen Aufruf zur Konfrontation mit unserem sozialistischen Staat und mit unserer Gesellschaftsordnung.“

Während die Politiker also starr blieben, bewegte sich aber ein Teil der Gesellschaft – und zwar direkt auf die bisher größtenteils isolierten Dissidenten zu. Das zeigte sich, als das Manifest am 29. Juni vom Sender Radio Freies Europa“ verlesen wurde. Dort wurden als Unterzeichner auch einige äußerst beliebte Künstler genannt, die sich zuvor nicht mit dem Regime angelegt hatten – wie etwa die Sängerin Hana Zagorová.

Die Parteiführung wusste nicht, wie reagieren - und Parteichef Milouš Jakeš rang bei der Sitzung des Zentralkomitees der KPTsch sichtlich um die richtigen Worte. Letztlich griff Jakeš zu Formulierungen von unfreiwilliger Komik. Hinter der Hand wurde schon damals über den fehlgeleiteten Parteichef gelacht. Gar nicht lustig fand jedoch die tschechoslowakische Staatssicherheit StB die Vorgänge im Land. Unbekanntere Unterzeichner des Manifests versuchte sie bei Verhören einzuschüchtern. Doch niemand wurde mehr wegen seiner Unterschrift unter das inoffizielle Dokument ins Gefängnis gesperrt. Auch das zeigt, dass das Regime bereits auf äußerst wackligen Füßen stand.