Die vergessene Geschichte des Böhmerwalds

Johann Matthäus Klimesch war einer der eifrigsten Chronisten des Böhmerwaldes. Jetzt findet sein Werk wieder Beachtung.

Johann Mathäus Klimesch Gedenktafel (Foto: Ewald Judt, CC BY 4.0)Johann Mathäus Klimesch Gedenktafel (Foto: Ewald Judt, CC BY 4.0) Am Haus in der Grundsteingasse 7 in Wien hängt eine Tafel, die folgende Inschrift trägt:

„Hier wohnte des Böhmerwaldes großer Gelehrter und Heimatforscher Prof. Dr. Johann Matthäus Klimesch von 1924 bis 1938. Errichtet vom Verein der Österreicher aus dem Böhmerwald ‚Hochwald‘´ im Oktober 1952.“

Der Name des erwähnten Gelehrten ist heute kaum noch bekannt – weder in Wien noch im Böhmerwald. Er war jedoch eine der wichtigsten Persönlichkeiten aus der Region. Klimesch wurde 1850 im südböhmischen Dorf Rozpoutí / Roßboden bei Kaplice / Kaplitz geboren, das damals an der tschechisch-deutschen Sprachgrenze lag. Das Wort Rozpoutí lässt sich übrigens als Weggabelung übersetzen, erläutert Bernhard Riepl. Der in Kaplice lebende Österreicher engagiert sich für die Wiederentdeckung der dortigen Regionalgeschichte und hat sich mit Johann Matthäus Klimesch beschäftigt.

Johann Matthäus KlimeschJohann Matthäus Klimesch „Er war tschechisch-stämmig, ging zunächst in Rozpoutí in die Grundschule, später aber dann in Kaplice, wo die Unterrichtsprache natürlich deutsch war. Das war vermutlich auch der Grund, warum er deutsch publiziert hat – abgesehen davon, dass das Lesepublikum in Deutsch damals größer war als in Tschechisch.“

Aus dem Böhmerwald in die Metropolen der Monarchie

Klimesch ging aufs Gymnasium in České Budějovice / Budweis, im oberösterreichischen Seitenstellen und im steirischen Graz. An der Universität in dieser Landeshauptstadt nahm er auch ein Studium auf und promovierte zum Gymnasiallehrer für Geographie, Geschichte und Deutsch. Er unterrichtete dann in Graz, Prag, Wien und Ljubljana / Laibach. Jeden Sommer kehrte er aber in seine Heimat zurück, streifte kreuz und quer durch die Gegend und grub nach historischen Spuren. Die Geschichte seiner Heimat wurde zu seiner größten Leidenschaft.

Schon als Student veröffentlichte Johann Matthäus Klimesch im Budweiser Kreisblatt einige Artikel, darunter „Die Burg Poreschin“ und „Zur Geschichte der Burg Weleschin“. Der Hobbyforscher fand zum Beispiel heraus, dass das böhmisch-österreichische Adelsgeschlecht Harrach aus der kleinen Ortschaft „Hora“ nahe der Burg Rosenberg stammte. Bis sich der Name des Geschlechtes in seiner heutigen Form durchsetzte, dauerte es jedoch. In den Urkunden aus dem 13. und 14. Jahrhundert findet man hingegen die Formen Horach, Hora oder Hor. Ganz sicher ist also der Name Harrach slawischen Ursprungs, höchstwahrscheinlich handelt es sich um eine Verstümmelung des Ausdrucks „v horách“, also „in den Bergen“. Bernhard Riepl:

Bernhard Riepl (Foto: Archiv von Bernhard Riepl)Bernhard Riepl (Foto: Archiv von Bernhard Riepl) „Die Familie war erstaunlich früh schon weitverzweigt. Danach spielte sie in der Geschichte jedoch erst einmal kaum noch eine Rolle. Erst ab 1700 war sie wieder groß da. Wie es dazu gekommen ist, und was die Harrachs damit zu tun haben, dass plötzlich aus Nordböhmen die Hinterglasmaler in Richtung Südostböhmen vordringen, das hat Johann Matthäus Klimesch am saubersten aufgearbeitet. Ich denke, es wird einfach vieles noch zu entdecken sein.“

Vom industriellen Zentrum zur Provinz

Die Gegend zwischen Budweis und böhmisch-österreichischer Grenze gilt heute als relativ abgelegen. Sie ist vergleichsweise dünn besiedelt und hat kaum wichtige Industrie. Die Stadt Kaplitz verlor nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung und wurde zu einem Provinznest. Zu Klimeschs Zeiten war das aber anders:

„Geboren ist er 1850 und das ist ungefähr die Zeit, in der nach den Revolutionswirren von 1848 eben auch der Bezirk Kaplitz als Verwaltungseinheit auf dem Gebiet des historischen Königreiches Böhmen entsteht. Dieser Bezirk umfasste die Gegend von Nové Hrady / Gratzen im Nordosten bis ungefähr Vyšší Brod / Hohenfurth im Westen. Plötzlich ist die Stadt, die eigentlich nicht besonders war, ein Verwaltungszentrum. Dank Klimeschs Forschungen kann man heute nachvollziehen, dass diese Gegend auch um 1300 oder 1400 so etwas wie eine eigene Verwaltungseinheit gebildet hat, etwa eben von Velešín bis an die österreichische Grenze.“

Kaplice / KaplitzKaplice / Kaplitz Der große Gelehrte des Böhmerwaldes, wie ihn später seine Landsleute in Wien genannt haben, versuchte die Geschichte des Bezirkes Kaplitz niederzuschreiben. An dem Buch arbeitete er viele Jahre lang, vor allem nach seiner Pensionierung. Laut einem Bericht der Zeitschrift „Waldheimat“ aus dem Jahr 1932 saß Klimesch immer in einem Gasthaus nahe seiner Wohnung in Wien und schrieb. Er soll in seine Gedanken vertieft gewesen sein und habe nicht über seine Arbeit sprechen wollen. „Ach, was weiß ich, was ich schon geschrieben habe. Wen interessiert das auch schon“, soll er gesagt haben. Er sei dabei nur ein Sammler archivalischer Daten, namentlich solcher von Rittergeschlechtern des Böhmerwaldes.

Johann Matthäus KlimeschJohann Matthäus Klimesch Klimesch soll sogar die Befürchtung geäußert haben, dass kein Interesse mehr bestünde an der Veröffentlichung seines Werkes. Das hing wahrscheinlich damit zusammen, dass sich die politischen und gesellschaftlichen Umstände in der Tschechoslowakei nach 1918 massiv geändert hatten. Die Regierung in Prag wollte das Grenzgebiet „tschechisieren“, über die deutsche Geschichte der Gegend sollte nicht mehr so viel gesprochen werden. Die Thesen von Klimesch gerieten so in Vergessenheit. Tatsächlich wurde sein eigentlich größtes Werk, „Die Geschichte des Bezirkes Kaplitz“, nie verlegt. Bernhard Riepl:

Geschichte, die in Vergessenheit gerät

Die offizielle Version ist: Er lebte bei seinem Sohn in Wien, der eine Druckerei besaß. Als Klimesch 1940 starb, war das Manuskript dieses Werkes war im Wesentlichen fertig, aber es war eben noch nicht gedruckt. Dann gab es im Laufe des Krieges einen Bombenanschlag, sodass die Gebäude in der Gegend zerstört wurden. Dabei sollen das Manuskript verloren gegangen sein. Ich fürchte, dass sich es so ähnlich zugetragen hat, aber vielleicht lässt sich dazu noch etwas herausfinden. Es gibt in Deutschland noch entfernte Verwandte von Klimesch: eine Dame, die manche Manuskripte von ihm besitzt, die in Kurrent geschrieben sind. Vielleicht lässt sich dort noch etwas finden.“

Tschechisches Bildungsministerium (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Tschechisches Bildungsministerium (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Ein weiteres Rätsel in Klimeschs Leben ist seine Tätigkeit in Laibach. Bis 1895 hatte er in Prag gearbeitet. Dort war er etwa vier Jahre lang an der k .u k. deutschen Lehrerinnenbildungsanstalt angestellt. Das Gebäude ist heute Teil des tschechischen Bildungsministeriums. Ob Klimesch dann freiwillig nach Laibach ging oder als Staatsangestellter dorthin verlegt wurde, ist bis heute unklar. Viel wichtiger ist aber, dass er sich dort kritisch zu den Problemen des Geschichtsunterrichts geäußert haben soll. Klimesch orientierte sich streng an historische Quellen und lehnte ab, diese politisch zu desinterpretieren. Dieses Problem war damals in Laibach sehr aktuell, so Bernhard Riepl:

„Das war die Hauptstadt der Region Krain. Heute ist Slowenien aus mehreren historischen Regionen zusammengesetzt, worunter die Krain die größte und einzige war, in der Slowenisch als Sprache dominierte. Die anderen Regionen, die heute zu Slowenien gehören, waren teilweise deutsch-, italienisch-, ungarisch- oder kroatischsprachig. Klimesch kam also in das politische Zentrum dieser Region. Die Slowenen wollten zwar eine Universität, bekamen sie aber bis 1918 von den Habsburgern nicht. Klimesch unterrichtete also am Gymnasium, das die wichtigste Schule in der Region war, und die Schulzeitung wurde lange Zeit von ihm redigiert. Manche Texte habe ich im Internet gefunden, und manche will ich bei meinem nächsten Besuch dort ausgraben. Vielleicht mache ich sie dem tschechischen Publikum zugänglich, indem wir sie gemeinsam mit den Schülern des Gymnasiums in Kaplice ins Tschechische übersetzen.“

In seiner südböhmischen Heimat wird also Johann Matthäus Klimesch gerade wiederentdeckt. Sein Nachname, wenn auch heute mit einem tschechischen Haken über dem „s“, ist dort übrigens relativ häufig. Es gibt auch indirekte Nachfahren des Historikers.

Die Stadt Kaplice will nun ein Klimesch-Institut gründen, das sich mit der Regionalgeschichte befassen soll. Eine der Aufgaben dort soll sein, deutschgeschriebene Texte aus verschieden Epochen ins Tschechische zu übersetzen. In einer Region, in der die deutschen Wurzeln nach dem Zweiten Weltkrieg abgekappt wurden, ist das von großer Bedeutung.

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