Die Schaleks – eine mitteleuropäische Familie

Familie Schalek hatte mehrere kulturhistorisch interessante Persönlichkeiten. Das Schicksal der Mitglieder der deutsch-tschechisch-jüdischen Familie beschreibt der Publizist Ralf Pasch in einem Ausstellungsprojekt. Beim diesjährigen Sudetendeutschen Tag in Augsburg hat Ralf Pasch sein Projekt vorgestellt.

Collage aus dem Film „Die Schaleks - Zwischen den Fronten“ (Quelle: © Die Kulturingenieure)Collage aus dem Film „Die Schaleks - Zwischen den Fronten“ (Quelle: © Die Kulturingenieure) Herr Pasch, Sie arbeiten an einem Projekt über die Familie Schalek. Bekannt ist vielleicht nur ein Name dieser Familie: Alice Schalek, eine Kriegsreporterin und eine sehr emanzipierte Frau zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Wer sind die anderen Schaleks, mit denen Sie sich beschäftigt haben?

„Es gibt in dieser Familie mehrere interessante Personen, die sowohl in Wien wie auch in Prag gelebt haben. Zum Beispiel den Großcousin von Alice Schalek, das ist Robert Schalek. Die beiden Großväter, also Roberts Opa und Alices Großvater waren Brüder, sie stammten aus Mělník bei Prag. Robert Schalek ist insofern eine interessante Figur, weil er als Richter für einen kurzen Moment in das Licht der Öffentlichkeit geraten ist. In den Jahren 1929 und 1930 hat er einen sehr Aufsehen erregenden Prozess als Vorsitzender Richter gegen den sogenannten Hellseher Hanussen geleitet. Roberts Sohn Fritz Schalek ist nach 1945 ein mehr oder weniger prominenter Aktivist in der deutschen Minderheit der Tschechoslowakei geworden. Er hat den Kulturverband der deutschen Minderheit im Jahr 1969 mitgegründet und war Chefredakteur der Prager Volkszeitung, so in der Zeit um den Prager Frühling herum. Er ist von den eigenen Genossen aus der Partei geworfen worden, ist dann aber nach 1989 wieder aktiv geworden. In dieser Zeit hat er nämlich die Landesversammlung mitgegründet. Zu erwähnen sind zudem zwei weitere Frauen. Interessant ist, dass es drei Frauen gibt und ,nur‘ zwei Männer, die faszinierend sind. Die zweite interessante Frau ist die Schwester von Robert, Malva Schalek. Sie war Anfang des 20. Jahrhunderts eine sehr bekannte Malerin in Prag und im jüdischen bürgerlichen Milieu Zuhause. Sie hat sehr viele Porträts gemalt und ist in den Kriegsjahren nach Theresienstadt deportiert worden. Dort hat sie aber ihr Schaffen als Malerin mit sehr vielen Zeichnungen fortgesetzt, die das Ghettoleben dokumentieren. Sie ist später nach Auschwitz gebracht worden und dann unter unbekannten Umständen gestorben. Des Weiteren gibt es die Cousine von Fritz Schalek, Lisa Fittko, die auch eine Widerstandskämpferin in der Zeit des Nationalsozialismus war. Sie war die Frau, die Walter Benjamin über die Pyrenäen geschleust hat.“

Wie haben Sie dieses Thema für sich entdeckt?

„Ich habe mir das angeschaut und eine für mich sehr interessante und spannende Parallele ist, dass Fritz Schalek im selben Jahr geboren ist wie mein böhmischer Großvater, aber eine komplett andere politische Entwicklung genommen hat.“

„Ich bin zu dem Thema wie die Jungfrau zum Kinde gekommen, kann man sagen, weil ich über meine eigene Familiengeschichte eine Zeit lang geforscht habe und mich damit beschäftigt habe. Später habe ich dann ein Buch über die dritte Generation der Sudetendeutschen, aber auch über Tschechen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, geschrieben sowie über Leute, die in der deutschen Minderheit aktiv sind. Im Zuge dieser ganzen Arbeit samt Recherchen habe ich mit dem Collegium Bohemicum in Ústí nad Labem Kontakt geknüpft. Dort liegen zwei Nachlässe, nämlich der von Robert Schalek und der von Fritz Schalek. Ich konnte mit diesem Material damals machen, was ich wollte. Man hat mir das auf den Tisch gestellt und gesagt: ,Hier schau dir das an, und wenn du was daraus machen willst, dann tu es.‘ Ich habe mir das angeschaut und eine für mich sehr interessante und spannende Parallele ist, dass Fritz Schalek im selben Jahr geboren ist wie mein böhmischer Großvater, aber eine komplett andere politische Entwicklung genommen hat. Das war ein wichtiger Ansatzpunkt für mich. Ich habe dann geschaut, was es eigentlich um diese Familie herum noch so zu berichten gibt. So habe ich dann Alice Schalek entdeckt, Lisa Fittko gefunden und auch über Malva einiges erfahren. Schritt für Schritt habe ich in verschiedenen Archiven und privaten Materialien sozusagen kleine Puzzlesteine gefunden, die dieses Bild dann immer mehr komplettiert haben.“

Ralf Pasch (Foto: Archiv von Ralf Pasch)Ralf Pasch (Foto: Archiv von Ralf Pasch) Sie stellen eine Wanderausstellung zusammen und dann gibt es noch diesen kurzen Dokumentarfilm, wo auch die Nachkommen der Familie zu Wort kommen. Die leben noch?

„Ja, also es gibt eine Tochter von Fritz Schalek. Das ist Eva Schalková, sie lebt in Prag. Sie hat als Dolmetscherin für Portugiesisch und Spanisch gearbeitet. Ich habe mit ihr auch mehrere Interviews über die Familie gemacht. Wir haben über Fotos gesprochen, sie hat mir etwas über ihren Vater und Großvater erzählt und auch das, was sie über die anderen Verwandten weiß. Wir haben uns entschieden, dass sie die Erzählerin in diesem kurzen Film wird, weil wir es spannend fanden, jemanden aus der Familie zu haben, der erzählt. Sie erzählt nicht selber, wir haben eine deutsche und eine tschechische professionelle Sprecherin gefunden. Ich habe einen Text geschrieben, der aus Bestandteilen des Interviews besteht und von Eva auch autorisiert worden ist. Wir haben sozusagen Sprecherinnen, die im Sinne von Eva die Geschichte ihrer Familie erzählen.“

In der Wanderausstellung gibt es Fotos, Kopien von Malvas Bildern, was kann man dort alles erfahren? Wann soll die Ausstellung zum ersten Mal gezeigt werden?

„Wir reden heute immer noch über Nationalismus, Rassismus, Migration, Flucht und Vertreibung. Ich denke, dass all diese Themen in dieser Familiengeschichte eine Rolle spielen.“

„Im November, im Rahmen der Deutsch-Tschechischen Kulturtage wird die Ausstellung an zwei Orten parallel zum ersten Mal zu sehen sein. Wir werden zwei Versionen der Ausstellung haben. Sie wird in Dresden und auch in Ústí nad Labem im Collegium Bohemicum, bzw. im dortigen Stadtmuseum zu sehen sein. Ab dann soll sie durch Tschechien, Österreich und Deutschland wandern. Sie ist komplett zweisprachig und wir suchen Kontakt zu allen möglichen Einrichtungen. Die Ausstellung soll nicht nur in Museen oder Archiven zu sehen sein. Für uns ist es nämlich ein sehr wichtiger Ansatz, dass wir sie auch in Schulen zeigen. Wir haben schon Interesse von einigen Schulen an verschiedenen Orten. Das Themenspektrum ist so breit, dass man dort viele Themen behandeln kann, die noch heute eine Rolle spielen. Wir reden heute immer noch über Nationalismus, Rassismus, Migration, Flucht und Vertreibung. Ich denke, dass all diese Themen in dieser Familiengeschichte eine Rolle spielen. Die können wir auf so eine Art und Weise auch mit Jugendlichen besprechen und wir wollen eben versuchen, über dieses kleine Element, diesen Comic, den wir auf den Tafeln haben, vielleicht auch einen etwas anderen Zugang zu finden, der noch ein wenig weggeht von Ausstellungen, wie man sie kennt, die nur aus Bildern und Texten bestehen. Der Film ist ein weiterer Versuch, eine neue Ebene zu schaffen.“

Präsentation des Ausstellungsprojektes in Augsburg (Foto: Martina Schneibergová)Präsentation des Ausstellungsprojektes in Augsburg (Foto: Martina Schneibergová) Haben sie vielleicht vor, ein Buch zu verfassen?

„Ich habe so viel Material, ich arbeite etwa seit 2011 an diesem Thema. Inzwischen könnte ich allein über eine Person eine Menge schreiben. Über Alice Schalek gibt es noch keine Biographie. Es gibt immer wieder Veröffentlichungen, Karl Kraus hat sie sehr breit verpackt. Ich denke, es gab schon den Versuch, in einer Ausstellung über ihre Fotos ein etwas anderes Bild von ihr zu zeigen, sie nicht nur als die kriegsgierige Reporterin, sondern auch als die Frau, die emanzipiert war, die für ihre Zeit auch sehr fortschrittliche Sachen gemacht hat, darzustellen. Diese Biographie in einem neuen Licht zu zeigen und etwas ausführlicher zu beschreiben, wäre mein Ziel für ein Buch. Im Moment suche ich noch finanzielle Unterstützung und einen Verlag und hoffe, dass ich das Buch auch irgendwann realisieren kann.“

 

An diesem Mittwoch, dem 27. Juni, wird im Rahmen des 24. Jüdischen Filmfestivals in Berlin der Dokumentarfilm „Die Schaleks. Zwischen den Fronten“ in einer Weltpremiere gezeigt. Die Filmvorstellung beginnt um 20 Uhr im Kino fsk am Oranienplatz.