Kapitel aus der Tschechischen Geschichte Die Protektoratsregierungen
Am frühen Morgen des 15. März 1939 überschritten deutsche Wehrmachtstruppen die tschechische Grenze. Bereits am Vormittag war das gesamte Land besetzt. Am 16. März wurde die Errichtung des Protektorats verkündet. Offiziell stand an dessen Spitze eine tschechische Regierung, mit tschechischen Ministern und einem Staatspräsidenten. Doch das Sagen hatte der von Hitler ernannte Reichsprotektor, dessen Vollmachten mit den Jahren zunahmen. Am 18. März 1939 wurde der ehemalige deutsche Außenminister Konstantin von Neurath zum ersten Reichsprotektor ernannt. Bereits zwei Tage zuvor, am 16. März, war die Protektoratsregierung zu ihrer ersten Sitzung zusammengekommen.
Emil Hacha
Was für Männer waren in den Protektoratsregierungen vertreten? Solche, die
mit der nationalsozialistischen Ideologie sympathisierten, oder
Pragmatiker, die sich jeder Situation anpassen, oder aber Patrioten, die
das Beste für ihr Volk wollten und in der Unterwanderung der Regierung
eine Möglichkeit sahen, Schlimmeres zu vermeiden?
Interessant ist, dass in den insgesamt vier Protektoratsregierungen viele Vertreter der tschechoslowakischen Legionen zu finden sind, die während des Ersten Weltkriegs für die Selbständigkeit der Tschechoslowakei gekämpft hatten. Einige der Protektoratspolitiker waren überzeugte tschechische Patrioten, die sich nun als Minister für ihr Volk einsetzen wollten. Andere wiederum, die noch im Ersten Weltkrieg für eine selbständige Tschechoslowakei gekämpft hatten, übernahmen nun die Ideologie der neuen Herren und wurden zum Inbegriff tschechischer Kollaborateure.
In den ersten zwei Protektoratsjahren versuchte die Regierung zunächst unter Rudolf Beran, dann unter General Alois Elias eine Verzögerungspolitik zu betreiben: immer wieder intervenierten die tschechischen Minister beim Reichsprotektor, immer wieder versuchten sie mit mehr oder weniger Erfolg die Verabschiedung von nationalsozialistischen Gesetzen zu verhindern. Im Laufe der Jahre wurde der Spielraum der Regierung jedoch kleiner, der Druck der Okkupanten und deren Macht immer größer.
General Alois Elias
Bereits kurz nach seinem Regierungsantritt im April 1939 ließ General
Elias der tschechoslowakischen Exilregierung in London mitteilen, dass er
ganz in deren Diensten stehe und den Regierungsposten nur übernommen habe,
um Schlimmeres zu vermeiden. Mit Hilfe von Geheimsendern war Elias in
ständigem Kontakt mit Exilpräsident Edvard Benes. Die Situation des
Generals war alles andere als beneidenswert: zum einen musste er den
deutschen Machthabern völlige Loyalität vorheucheln, zum anderen
unterhielt er im Geheimen Kontakt zur Widerstandsbewegung und
Exilregierung. Dies konnte nicht gut gehen.
Im Sommer 1941 traf der neue stellvertretende Reichsprotektor Reinhard Heydrich in Prag ein. Dieser ging hart gegen jeglichen Widerstand vor. Bereits im September 1941 wurde Elias verhaftet.
Am 2. Oktober 1941 verkündete der Rundfunk das Urteil über General Elias: die Todesstrafe. Drei Wochen nach dem Attentat auf Heydrich wurde Elias im Rahmen der Vergeltungsmassnahmen am 19. Juni 1942 hingerichtet. Sein Vorgänger, Rudolf Beran, wurde bereits im Juni 1941 von der Gestapo wegen seiner Kontakte zum Untergrund verhaftet. Nach Intervention von Karl Herman Frank wurde Beran 1943 entlassen, bis Kriegsende lebte der ehemalige Regierungschef zurückgezogen auf seinem Gut.
Der letzte Regierungsvorsitzende des Protektorat, Richard Bienert, versuchte in die Fußstapfen von General Elias zu treten, doch sein Handlungsspielraum war äußerst begrenzt - das Protektorat wurde in erster Linie vom Reichsprotektor und der SS regiert. Der ehemalige Prager Polizeichef Bienert war bereits 1939 von der Gestapo verhaftet, auf Initiative von Präsident Hacha aber wieder freigelassen worden - dies verpflichtete ihn in den Augen der Okkupanten zu Loyalität. Während des Ersten Weltkriegs hatte Richard Bienert im tschechischen Untergrund für die Entstehung eines unabhängigen Staates gekämpft, auch während seiner Zeit als Regierungschef von Januar bis Mai 1945 soll der allgemein "Vater Bienert" genannte Politiker als tschechischer Patriot gewirkt haben.
Emil Hacha
In einer im Rundfunkarchiv erhaltenen Aufnahme beklagt Richard Bienert im
Februar 1945 die ersten zivilen Bombenopfer eines Angriffs auf "
unser geliebtes Mütterchen Prag" - so Bienert. Geheimdienstberichte
der Nazis kritisierten wiederholt das lasche Verhalten und Vorgehen des
Regierungschefs. Am 5.Mai 1945 wurde Richard Bienert auf seinem Weg zum
Rundfunk verhaftet, wo er offiziell das Ende des Protektorats verkünden
wollte. Bienert wurde nach dem Krieg zwar verurteilt, doch erhielt er eine
lediglich dreijährige Haftstrafe - Dutzende von Tschechen hatten sich für
ihn eingesetzt und geschildert, wie er ihnen geholfen hatte. Richard
Bienert verstarb noch im Gefängnis im Februar 1949 im Alter von 67 Jahren.
Ein Kapitel für sich ist Emil Hacha, Präsident des Protektorats vom 15. März 1939 bis Mai 1945 - eine tragische Gestalt der tschechischen Geschichte. Nach dem Rücktritt von Präsident Edvard Benes im September 1938 wurde der damals 66jährige Jurist eher wider seinen Willen zum tschechoslowakischen Präsidenten gewählt. Als solcher hatte er im März 1939 die schwere Entscheidung zu treffen, ob er vor Hitlers Drohungen kapitulieren oder einen Krieg riskieren sollte. Hacha hatte sich damals für die Kapitulation entschieden. Auch nach der Okkupation des Landes fühlte sich Hacha verpflichtet, in dem ungeliebten Amt zu verharren, und bemühte sich, dieses so gut es ging zu erfüllen. In den ersten zwei Protektoratsjahren arbeitete Hacha eng mit General Elias zusammen. Auch er stand im Kontakt zur Exilregierung in London. Hunderte Male setzte sich Hacha erfolgreich für die Freilassung von Gefangenen ein. Nach der Verhaftung von General Elias brach der Präsident psychisch und physisch zusammen. Seinen Handlungsspielraum hatten die Nazis mit der Zeit so beschränkt, dass der gesundheitlich schwer angeschlagene Hacha nur noch als Marionette der Okkupanten auftreten konnte. In einer Aufnahme vom März 1945 ist zu hören, dass Hacha zu diesem Zeitpunkt längst ein gebrochener Mann war:
Emanuel Moravec
Nach Kriegsende wurde Emil Hacha verhaftet. Noch in Untersuchungshaft
starb der an Arteriosklerose leidende Hacha im Juni 1945 im Alter von 72
Jahren.
Ein ganz anderes Kapitel ist Emanuel Moravec, Minister für Schulwesen und Propaganda - der stellvertretend für alle tschechischen Kollaborateure stehen kann - denn auch diese gab es. Moravec war Offizier und hatte im Ersten Weltkrieg für die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei gekämpft, während des Zweiten Weltkriegs stand er allerdings auf der falschen Seite. Nach dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Heydrich Ende Mai 1942 organisierte Moravec Massenkundgebungen, auf denen das Attentat verurteilt und die Loyalität der Tschechen gegenüber dem Deutschen Reich unterstrichen wurde:
Minister der Protektoratsregierungen auf dem Hof des Gefängnisses in Pankrac im Mai 1945 - zweiter von links Hruby, weiter Kamenicky, Beran, Krejci, Bienert, Kalfus
In seiner Funktion als Schul- und Propagandaminister sorgte Emanuel
Moravec dafür, dass alle Medien gleichgeschaltet waren und die Kinder vom
frühsten Alter an in der gewünschten Ideologie erzogen wurden. Der im
Januar 1942 zum Minister ernannte Moravec war der engste und
verlässlichste tschechische Politiker der deutschen Okkupanten. Kurz vor
Kriegsende, am 5.Mai 1945, verübte Moravec Selbstmord und kam einer
Verhaftung und Verurteilung zuvor.
Weitere Protektoratsminister versuchten in dieser Funktion ihrem Volk so gut es ging zu helfen. Zu erwähnen ist z.B. Schulminister Jan Kapras, der sich nach der Schließung der tschechischen Hochschulen im November 1939 erfolgreich gegen eine Schließung der tschechischen Mittelschulen und Gymnasien eingesetzt hatte. Der ehemalige Landwirtschaftsminister Adolf Hruby unterhielt ebenfalls Kontakte zum Untergrund und unterstützte Partisanengruppen finanziell. Seinem Vorgänger Ladislav Feierabend war im Januar 1940 sogar die Flucht in den Westen geglückt, wo er Minister in der Exilregierung wurde.







