Die Karlsbrücke in Prag: "Aus der besten Zeit der tschechischenGeschichte"

Was wäre Paris ohne den Eifelturm und was wäre Prag ohne die Karlsbrücke. Vor 650 Jahren wurde der Grundstein für diese weltberühmte Brücke gelegt. Für das heutige Geschichtskapitel hat sich Andreas Wiedemann mit dem Architekten Jaroslav Vokoun, der lange Mitglied im Klub für das alte Prag war, über die Geschichte dieser weltberühmten Brücke unterhalten.

KarlsbrückeKarlsbrücke Die Karlsbrücke ist eines der Touristenmagneten in Prag. Sie führt über die Moldau und verbindet die Stadtteile Stare Mesto/Altstadt und die Kleinseite/Mala Strana miteinander. Sie ist eine der ältesten erhaltenen Steinbrücken Europas. Mit dem Bau der Karlsbrücke wurde im Jahr 1357 unter Kaiser Karl IV. begonnen. Aber weder der Name noch die Skulpturen, die die Brücke zieren, stammen aus der Gründungszeit der Brücke. Sie kamen später hinzu. Der Name Karlsbrücke ist etwa seit 1870 geläufig. Früher wurde die Brücke einfach nur Steinerne Brücke (Kamenny most) genannt. Als Vorbild diente die Steinerne Brücke in Regensburg. Die Karlsbrücke wurde gebaut, weil ihre Vorgängerbrücke, die Judithbrücke zerstört worden war. Jaroslav Vokoun:

"Die Brücke wurde Juditbrücke genannt, weil die Gattin des zweiten Königs von Böhmen, Vladislav II, sich sehr dafür eingesetzt hat. Judith von Thüringen war sehr beliebt und eine schöne Frau, sagt man. Die Brücke ist bei der Moldauflut im Jahr 1342 fast zerstört worden. Es wurde dann eine Ersatzbrücke aus Holz errichtet und erst 15 Jahre nach der Zerstörung der Brücke ist mit dem Bau der Karlsbrücke begonnen worden."

Die Judithbrücke befand sich ein kleines Stück weiter flussabwärts. Sie war ebenfalls aus Stein und für das damalige Prag von großer Bedeutung. Hier überquerten nicht nur viele Handelsleute die Moldau, sondern die Brücke war gleichzeitig die einzige direkte Verbindung zwischen den einzelnen Stadtteilen Prags. Für die neue Brücke wurden aber Teile der alten Judithbrücke verwendet:

Pfeiler der JudithbrückePfeiler der Judithbrücke "Die Brückenköpfe der Vorgängerbrücke sind für die Karlsbrücke verwendet worden. Der kleinere Turm auf der Kleinseite ist im Grunde genommen der ehemalige Turm der Judithbrücke", so Vokoun.

Der Baumeister der Karlsbrücke war Peter Parler, der auch für den Veitsdom verantwortlich zeichnete. Er entwarf die Karlsbrücke, die von 16 Pfeilern getragen wird, 520 Metern lang und neun Meter breit ist.

Um die Gefährdung der neuen Brücke zu verringern, wurden für die Karlsbrücke im Vergleich zur Juditbrücke einige Änderungen vorgenommen.

"Die Judithbrücke wurde durch eine Flut von Eis und Stämmen zerstört. Die war sehr niedrig. Die Bögen sollten dann bei der neuen Brücke wesentlich höher sein. Die größte Gefahr für die Brücke war nämlich nicht das Wasser, sondern das, was das Wasser mit sich bringt", erklärt Vokoun.

Um die neue Brücke fester und haltbarer als ihre Vorgängerbrücke zu machen, wurde angeblich der Mörtel mit Eidotter angereichert, um seine Bindekraft zu erhöhen.

KarlsbrückeKarlsbrücke "Das ist wahr. Das war ein Brauch und Eier sind ein richtiges Bindemittel. Das hat man nicht nur bei der Karlsbrücke gemacht. Eier hat man nicht immer, aber überall, wo es wichtig war, dass der Mörtel fest ist, hat man das gemacht", so Vokoun.

Der Sage nach hat der König seine Untertanten in allen Landesteilen aufgerufen, für den Bau der Karlsbrücke Eier nach Prag zu bringen. In diesem Zusammenhang gibt es noch eine weitere Legende:

"Velvary ist eine Stadt bei Prag und eine Legende besagt, dass die Bürger von Velvary gedacht haben, dass hart gekochte Eier besser transportiert werden können. Sie haben also gekochter Eier nach Prag gebracht und wurden dann ausgelacht."

Fertig gestellt wurde die Karlsbrücke erst rund 50 Jahre nach der Grundsteinlegung, im Jahr 1402. Berühmt ist die Karlsbrücke vor allem wegen der 30 Heiligenstatuen, von denen die ersten aus der Barockzeit stammen und im 17. Jahrhundert aufgestellt wurden.

"Die erste Skulptur ist die des Heiligen Johannes von Nepomuk. Das war eine Stiftung eines gewissen Freiherrn von Brunschwitz", erläutert Vokoun.

Johannes von Nepomuk war seit 1389 Generalvikar des Prager Erzbischofs. Nach einer Legende soll er 1393 auf Befehl Wenzels IV. von dieser Brücke in die Moldau geworfen worden sein. Nepomuk hatte sich angeblich auf das Beichtgeheimnis berufen und wollte die Inhalte dem König die Beichten seiner Frau nicht verraten.

KarlsbrückeKarlsbrücke Im 18. Jahrhundert wurden weitere Skulpturen auf der Karlsbrücke aufgestellt. Als Vorbild für das Skulpturenensemble diente die Engelsbrücke in Rom. Heute sind die meisten der Skulpturen auf der Karlsbrücke nur noch Kopien. Die Originale befinden sich im Lapidarium des Nationalmuseums

Die Karlsbrücke hat seit ihrem Bau mehr oder weniger allen Bedrohungen Stand gehalten. Die Idee mit dem Eidotter hat sich also offenbar bezahlt gemacht. Die größten Schäden an der Brücke gab es im Jahr 1890, als drei Brückenpfeiler vom Hochwasser aus ihren Halterungen gerissen wurden. Das Hochwasser im Jahr 2002 hat die Brücke ohne Schäden überstanden.

"Bei der letzten Hochwasserkatastrophe im Jahr 2002 hat die Brücke alles überstanden. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hat man eine große Betonplatte in die Brücke eingebaut, unter die Fahrbahn. Die hat ein guter Statiker entworfen. Und diese Platte hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Brücke das Hochwasser ohne Schäden überstanden hat", sagt Vokoun.

KarlsbrückeKarlsbrücke Vor einigen Jahren wollten Befürworter einer radikalen Reparatur diese Platte entfernen und die ganze Brücke vollständig Stück für Stück sanieren. Dagegen regte sich Widerstand. Auch der "Klub für das alte Prag" setzte sich für eine zwar ständige aber behutsame Reparatur der Brücke ein. Er erhielt dabei Unterstützung aus Regensburg. Letztendlich konnte sich der Klub durchsetzen.

Heute bestimmen die Touristen das Leben auf der Karlsbrücke. Kaum zu glauben, dass noch vor rund 100 Jahren eine Straßenbahn über die Brücke fuhr und noch bis in die 60erJahre des 20. Jahrhunderts Autos und Busse die Brücke passieren konnten.

Jaroslav Vokoun erklärt abschließend, was die Karlsbrücke für ihn und für Prag bedeutet.

"Die Brücke ist wirklich ein Stolz von Prag. Sie stammt auch aus der besten Zeit der tschechischen Geschichte, aus der Zeit Karls IV. In einer Umfrage danach, wer der größte Tscheche sei, wurde Karl IV. auf den ersten Platz gewählt. Das ist erstaunlich. Bei anderen Nationen waren das Menschen aus der jüngeren Geschichte. Ich meine dass das richtig ist, weil gerade Karl IV ist unumstritten."