Kapitel aus der Tschechischen Geschichte „Die Jungs fielen wie die Fliegen“ – Tschechoslowaken im Vietnamkrieg
Fast drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, im Februar 1948, kamen in der damaligen Tschechoslowakei die Kommunisten an die Macht. Zehntausende Tschechoslowaken emigrierten. Viele träumten von einem Neustart im Westen, von einem Leben in Amerika oder Australien. Sie wollten die Gräuel des Krieges und das trostlose Leben im zerstörten Europa weit hinter sich lassen. Für viele junge Emigranten blieb dies ein Traum. Etwa 2000 von ihnen fanden sich gar wenige Jahre später auf einem Schlachtfeld fernab der Heimat wieder, als Soldaten in einem Krieg, der nicht der ihre war.
Rudolf Němček (2. von rechts) im Jahr 1951 (Foto: Post Bellum)
„Wir mussten die ganze Zeit Reis fressen. Immer nur Reis, Reis,
Reis. Wir
haben ihn bekommen und manchmal ein wenig davon weggekippt, wenn sie nicht
geguckt haben. Egal ob man Hunger hatte, morgens um acht haben wir Reis
bekommen und abends um fünf. Dazwischen gab es nichts zu Essen. Und
sonst… kein Brot, nichts, nur Reis.“
Bis heute kann Rudolf Němček Reis nicht ausstehen. 18 Monate lang hatte er nichts anderes gegessen, 18 lange Monate, die Němček in vietnamesischer Kriegsgefangenschaft verbracht hatte.
Landschaft bei Dong Khe
Als Vietnamkrieg bezeichnet man heute den Stellvertreterkrieg im Kontext
des Kalten Krieges vom Beginn der 1960er Jahre bis 1975. Er wurde vor
allem
durch das militärische Engagement der USA geprägt. Dies war jedoch nur
die letzte Phase - wenn auch eine besonders verlustreiche - in der
längsten kriegerischen Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts. 30 Jahre
lang war Vietnam der Schauplatz eines verheerenden Krieges, der 1946 mit
dem Widerstand vietnamesischer Guerillas gegen die Kolonialmacht
Frankreich
begann. Diese Guerillas, die so genannten Viet Minh unter ihrem
charismatischen Führer Ho Chi Minh, bekannten sich überwiegend zum
Kommunismus. Ihr Ziel war jedoch in erster Linie die Unabhängigkeit
Vietnams, das als französische Kolonie damals noch Indochina hieß.
Zunächst konnten sie gegen die militärische Übermacht der Franzosen
wenig ausrichten. Das Blatt wendete sich, als 1949 Mao Tse-tung in China
an
die Macht kam und eine Volksrepublik ausrief. Das kommunistische China
unterstützte die Viet Minh mit Waffen. Ein Schlüsselereignis war die
Schlacht um die französische Festung Dong Khe in Nordvietnam, die im
September 1950 von den Guerillas erobert wurde. Auf französischer Seite
kämpfte auch Rudolf Němček:
Rudolf Němček (Foto: Post Bellum)
„Die Jungs fielen wie die Fliegen. Es waren da schrecklich viele
von
diesen Vietnamesen. Von der einen Seite kamen sie nicht an uns ran, da war
ein steiler Hang. Also schossen sie uns von unten ab. Ich war zum Glück
an
der anderen Seite des Bunkers, da sind nicht so viele gefallen. Aber es
war
schrecklich. Ich wurde verwundet durch Splitter einer Mörsergranate,
zwölf kleine Splitter und einen großen. Das geschah an dem Tag, als ich
in Gefangenschaft geriet.“
Němček war Mitglied der französischen Fremdenlegion, so wie etwa 2000 weitere Tschechoslowaken, die in Vietnam gekämpft haben; etwa 500 von ihnen sind dort gefallen. Im 20. Jahrhundert standen nur während des Zweiten Weltkriegs mehr Tschechoslowaken unter Waffen. Über dieses bisher wenig bekannte Kapitel der tschechoslowakischen Geschichte des 20. Jahrhunderts hat der Historiker Ladislav Kudrna ein Buch geschrieben: „Sie kämpften und starben in Indochina“ (Bojovali a umírali v Indočíně). Kudrna beleuchtet darin vor allem die Einzelschicksale tschechoslowakischer Vietnamveteranen wie Rudolf Němček. Ihr Weg in die französische Fremdenlegion und damit auf das Schlachtfeld in Südostasien begann laut Kudrna bereits im Jahr 1948 mit der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei. In den folgenden Jahren emigrierten Schätzungen zufolge rund 40.000 bis 100.000 Tschechen und Slowaken. Viele von ihnen fanden einen ersten Unterschlupf in Flüchtlingslagern in den Westzonen des besetzten Deutschland. Ladislav Kudrna:
Ladislav Kudrna
„Die Bedingungen in den Flüchtlingslagern waren sehr trist. Es war
ja
erst kurz nach dem Krieg. Es herrschten dort schlechte hygienische
Bedingungen und es gab nicht genug zu essen. Und das haben die Agenten der
französischen Fremdenlegion ausgenutzt. Sie besuchten diese Lager und
lockten junge Kerle, häufig Minderjährige, unter falschen Versprechungen
in die Fremdenlegion.“
Die Agenten versprachen gute Verpflegung und viel Geld und stellten den Jugendlichen ein relativ sorgenfreies Leben in Nordafrika in Aussicht. Dort, im algerischen Sidi bel Abbès, erwartete die neuen Legionäre jedoch eine harte mehrmonatige militärische Ausbildung. Danach wurde es noch schlimmer. Mit dem Schiff ging es nach Indochina - direkt in die Kampfhandlungen. Der damals 20-jährige Otakar Hašek erinnert sich:
Otakar Hašek (Foto: Post Bellum)
„Man hatte Angst und schoss einfach, ohne zu wissen wohin. Man
schoss,
um sich zu beruhigen. Das war ein merkwürdiger Krieg. Am schlimmsten war,
dass man niemandem trauen konnte. Man sah in einem Dorf eine alte Frau,
die
eine schwere Tasche schleppte. Entweder überprüfte man sie oder man
ließ
sie einfach gehen. Denn es konnte sein, dass ihre Tasche voller Granaten
war. Das war riskant. Oder aber man hielt Nachtwache, und im Dschungel
raschelte es, dann schoss man. Am Morgen stellte man fest, dass eine Frau
und ein Kind erschossen wurden. Es war halt dunkel und man wollte sich
doch
nur verteidigen. Man war jung, dumm und trug den Colt tief.“
Otakar Hašek diente ebenso wie Rudolf Němček und viele weitere Tschechoslowaken im Norden Vietnams, den die Viet Minh im Herbst 1950 nach dem Fall einiger französischer Festungen unter ihre Kontrolle brachten. Viele Fremdenlegionäre desertierten in dieser Zeit. Andere - wie Hašek - gerieten in vietnamesische Kriegsgefangenschaft.
Otakar Hašek im Jahr 1949 (Foto: Post Bellum)
„Die Bedingungen in den Kriegsgefangenenlagern seien schrecklich
gewesen. Meine Nachforschungen haben ergeben, dass die Sterberate etwa 80
Prozent betragen hat“, so Ladislav Kudrna. Grund für die hohe
Sterblichkeitsrate waren vor allem das für Mitteleuropäer extreme Klima,
Krankheiten, Lebensmittelknappheit und Ähnliches. Den Legionären war
zwar
erzählt worden, die Vietnamesen würden ihren Gefangenen mit Macheten die
Köpfe abschlagen, doch das stimmte nicht. Die französische Armeeführung
wollte damit lediglich sicherstellen, dass die Soldaten bis zum letzten
Blutstropfen kämpften. Die meisten Kriegsgefangenen berichteten, sie
seien
von ihren vietnamesischen Aufsehern anständig behandelt worden. Vietnam
hatte nämlich mit befreundeten Regierungen – also auch mit der
kommunistischen in der Tschechoslowakei – Verträge über die
Rückführung der Fremdenlegionäre abgeschlossen. Darin wurde garantiert,
dass den Rückkehrern in ihrer Heimat nichts angetan würde. Dies war den
Vietnamesen wichtig, sollte es doch weitere Legionäre zum Überlaufen
bewegen.
Indochinakrieg
Doch das tschechoslowakische Regime hielt sich nicht an die Abmachung. Der
zweite und größte von insgesamt vier Repatriierungstransporten kam im
Frühling 1952 in Prag an. In ihm saßen auch Hašek, Němček und 19
weitere Tschechoslowaken.
„Diese Männer wurden über ein Jahr lang im Gefängnis gehalten. Bei denjenigen, die zur vietnamesischen Seite übergelaufen waren, wurde die Strafverfolgung ausgesetzt und sie wurden in die Freiheit entlassen. Den anderen wurde der Prozess gemacht, der allerdings durch eine Amnestie beendet wurde. Die Gefangenen wurden im September 1953 entlassen“, so Kudrna. Viele Veteranen mussten jedoch im Anschluss jahrelang Zwangsarbeit leisten, zum Beispiel in Kohle- und Urangruben.
Ladislav Kudrna: „Sie kämpften und starben in Indochina“
Otakar Hašek kehrte der Tschechoslowakei noch ein zweites Mal den
Rücken. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 floh er nach
Kanada und lebte dann jahrzehntelang in den USA. Erst im Jahr 2003 kehrte
er zurück ins nun demokratische Tschechien. Heute lebt der 81-jährige
Hašek in Luhačovice in Südostmähren.
Rudolf Němček, ebenfalls 81 Jahre alt, erntet noch heute erschreckte Blicke, wenn ein Arzt bei der Untersuchung auf seine Kriegsverletzungen aus Vietnam stößt. Eine Kriegsversehrtenrente vom französischen Staat hat er nie bekommen. Man teilte ihm mit, dass er in den Unterlagen der Fremdenlegion als gefallen geführt werde – genauso wie sämtliche weitere Mitglieder seiner damaligen Kompanie.
Die Aussagen von Rudolf Němček und Otakar Hašek sind der Sammlung der
gemeinnützigen Agentur Post Bellum entnommen, die sich seit 2001 der
Befragung von Zeitzeugen widmet. Mehr Informationen über Post Bellum
finden Sie unter dieser Internetadresse:
http://www.postbellum.cz.
Dieser Beitrag wurde am 24. Juli 2010 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.







