„Juden wurden ab 1945 ausgeklammert“ – Historiker Hallama über die tschechische Erinnerung an den Holocaust

Wie wurde in der Tschechoslowakei an den Holocaust erinnert? In der Forschung dominiert die Annahme, dass kommunistische Regime die jüdischen Schicksale bewusst an den Rand gedrängt haben – zugunsten einer „antifaschistischen“ Heldengeschichtsschreibung. Ob es wirklich ein „Tabu“ der jüdischen Erinnerung gab, und welche Faktoren nach 1945 mithineinspielten, damit hat sich der österreichische Historiker Peter Hallama beschäftigt.

“Ich wollte das oft beschriebene Tabu des Holocaust während des Kommunismus hinterfragen.“

Herr Hallama, in diesem Jahr ist Ihre Dissertation mit dem Titel „"Nationale Helden und jüdische Opfer. Tschechische Repräsentationen des Holocaust" erschienen. Sie haben einen sehr langen Untersuchungszeitraum ausgewählt, von 1945 bis in die frühen 1990er Jahre hinein. Was hat Sie dazu bewogen?

„Ich habe versucht, Kontinuitäten über diese etwa 50 Jahre hinweg zu untersuchen. Denn ich wollte mir nicht nur die tschechische Erinnerung während des Kommunismus ansehen, sondern auch die Dritte Republik, das heißt die Zeit von 1945 bis 1948, und auch Kontinuitäten bis in die Gegenwart hinein. Ich habe also versucht, den politischen Zäsuren – der kommunistischen Machtübernahme von 1948 und der politischen Wende von 1989 – nicht die alleinige Erklärungskraft zukommen zu lassen. Das Ziel dahinter war, das oft beschriebene Tabu des Holocaust während des Kommunismus zu hinterfragen.“

Peter Hallama (Foto: Archiv der Uni Freiburg)Peter Hallama (Foto: Archiv der Uni Freiburg) Damit stellen Sie also gängige Thesen der Erinnerungsforschung in Frage, etwa Aleida Assmanns Postulat von der „eingefrorenen Erinnerung“ während des Kommunismus?

„Genau – ich habe vor allem versucht, die Behauptung zu nuancieren, dass allein der kommunistische Staat mit seiner antifaschistischen Ideologie dafür verantwortlich sei, dass die Erinnerung an den Holocaust, an die jüdische Vergangenheit des Landes unterdrückt und tabuisiert wurde, und dass der kommunistische Staat ein Monopol auf die Vergangenheitsdeutung errichtet hätte. Mein Ziel war es nicht so sehr, die kommunistische Partei und den Staat zu untersuchen, sondern gesellschaftliche Einstellungen, Stereotypen und auch antisemitische Sichtweisen zu betrachten. Damit wollte ich eine breitere Sicht auf die Erinnerungskultur in Tschechien und der Tschechoslowakei, in der die Gesellschaft und der Staat gleichermaßen betrachtet werden.“

Holocaust (Foto: Archiv United States Holocaust Memorial Museum)Holocaust (Foto: Archiv United States Holocaust Memorial Museum) Wenn wir uns nun den ersten Zeitabschnitt ansehen. Wie war die Situation 1945? Sie schreiben, dass in der Tschechoslowakei in den 1930er Jahren bis zu 370.000 Juden zuhause waren. Wie viele überlebten den Holocaust und kehrten zurück?

„Es kursieren unterschiedliche Zahlen, gerade was die unmittelbare Nachkriegszeit betrifft. Man muss die unmittelbaren Nachkriegsjahre außer Acht lassen, als viele Juden für kurze Zeit zurückkehrten, bevor sie neuerlich emigrierten. Wenn man die Nachkriegszeit in der Tschechoslowakei betrachtet, als sich die jüdische Gemeinde mit ihren Institutionen und Zeitschriften wiedergründet – das war für mich ein wichtiges Objekt meiner Untersuchung –, dann bleiben etwa 40.000 bis 45.000 Juden, die wieder in der Tschechoslowakei lebten.“

“Gleich nach dem Krieg wurde der Holocaust als Angelegenheit der Deutschen und der Juden betrachtet und aus der tschechoslowakischen Nation ausgeklammert.“

Das Land, in das sie zurückkehrten, formierte sich in den Jahren 1945 bis 1948 neu unter Staatspräsident Beneš. Welchen Platz hatte die Erinnerung dieser kleinen Gruppe in der neuen Tschechoslowakei?

„Das war ein wichtiger Punkt meiner Arbeit. Ich wollte zeigen, dass die sich wiedergründende jüdische Gemeinde und eben die Erinnerung innerhalb dieser Gemeinde schon direkt 1945 sozusagen marginalisiert wurde. Das Wort unterdrücken gefällt mir nicht, unterdrückt wurde die Erinnerung nicht. Vielmehr würde ich sagen, dass die Erinnerung schon von 1945 bis 1948 gewissermaßen externalisiert wurde. Sie wurde nicht als Sache der Tschechen gesehen, stattdessen wurde der Holocaust schon damals als alleinige Angelegenheit der Deutschen und der Juden betrachtet. Die Juden wurden sozusagen aus der tschechoslowakischen Nation ausgeklammert. Ganz deutlich zu erkennen ist das in den Reden von damaligen Politikern. Sehr schön zeigen kann man es auch anhand der Gedenkstätte Theresienstadt, die schon 1945 entstanden ist, als ein sogenannter Nationalfriedhof errichtet wurde. In den darauffolgenden Jahren wurde dieser ausgebaut, die Gedenkstätte Theresienstadt entstand 1947. Wenn man aus Westeuropa kommt, verbindet man mit Theresienstadt ja eher das Ghetto und die jüdischen Opfer. In der Tschechoslowakei – und auch heute noch in Tschechien – ist Theresienstadt aber genauso mit dem Widerstand und der Unterdrückung der tschechischen Nation verbunden. Direkt nach dem Krieg und 1947, als die Gedenkstätte errichtet wurde, war eben diese nationale Erinnerung an die tschechischen Opfer viel stärker präsent als die Erinnerung an die Juden. Gerade auf diese drei noch relativ demokratischen Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gehe ich stark ein, um zu zeigen, dass damals bereits die Erinnerung an den Holocaust und die jüdischen Opfer marginalisiert und externalisiert wurde.“

Prag während der Besatzung durch die NationalsozialistenPrag während der Besatzung durch die Nationalsozialisten Darum stellen Sie in ihrer Arbeit auch die Begriffe „Weltkrieg“ und „Holocaust“ einander gegenüber…

„Genau. Da sieht man Kontinuitäten bis heute – dass Begriffe, die in Westeuropa oder Deutschland eine bestimmte Bedeutung haben, in Tschechien und der früheren Tschechoslowakei nicht unbedingt die gleiche Bedeutung besitzen. Wenn von Krieg und Zweitem Weltkrieg die Rede ist, werden zumeist wirklich die Kriegshandlungen betrachtet, oder es wird eben an die deutsche, aggressive Politik gegenüber den östlichen Ländern, vor allem gegen die Tschechoslowakei und Polen gedacht. So ist es auch in Tschechien, und das war eigentlich auch der ursprüngliche Titel meiner Dissertation. Er vielleicht ein wenig provokanter als der jetzige Titel, er lautete ‚Die Endlösung der tschechischen oder der jüdischen Frage‘. Denn in Tschechien wird bis heute von der ‚Endlösung‘ der tschechischen Frage gesprochen. Das ist wirklich ein Quellenbegriff aus der Zeit des Nationalsozialismus, und es gab Überlegungen von Seiten der Nationalsozialisten, sozusagen auch die ‚tschechische Frage‘ zu lösen oder eben einer ‚Endlösung‘ zuzuführen. Der Unterschied ist natürlich, dass es bei Überlegungen blieb, während die ‚Endlösung‘ der jüdischen Frage in die Realität umgesetzt wurde. Aber eben dieser Vergleich oder sogar oft die Gleichstellung der Politik der Nationalsozialisten gegenüber Juden und Tschechen ist sehr häufig, und das ist auch eine Kontinuität, die man von 1945 bis in die Gegenwart sehen kann.“

“Häufig wird die nationalsozialistische Politik gegenüber Juden und Tschechen verglichen – eine Kontinuität von 1945 bis heute.“

Außerdem spielt auch die Annahme mit hinein, Juden seien alle Deutsche gewesen…

„Das war vor allem unmittelbar nach 1945. Da wurde der Erinnerung an den Holocaust auch weniger Bedeutung zugeschrieben, weil Juden nicht als Tschechen betrachtet wurden. Das heißt, es wurde eine wirklich sehr nationalistische Sichtweise auf die Gesellschaft und auf die Geschichte geworfen. Das bedeutet eben, dass Juden sozusagen nicht nur nicht als Tschechen, sondern als Deutsche betrachtet wurden – weil eben ein Teil der tschechischen Juden Deutsch als Muttersprache hatte. Damit wurde den Juden indirekt sogar Schuld am Zweiten Weltkrieg zugeschoben, weil sie als Deutsche sozusagen die Politik gegen die Tschechen mitgetragen hätten.“

Pinkas-Synagoge (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Pinkas-Synagoge (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Zuletzt blicken Sie noch über 1989 hinaus. Das Tabu des Holocaust hätte damit ein Ende haben können, andererseits stellen Sie in ihrer Arbeit in Abrede, dass der Kommunismus dafür allein verantwortlich war. Zu welchem Ergebnis kommen Sie, war nach 1989 alles anders?

„Ja und Nein. Ich denke, eine Kontinuität ist wirklich, dass die Verfolgung der Juden und der Holocaust in der tschechischen Nationalgeschichte marginalisiert und externalisiert wird. Heute wird der Holocaust natürlich nicht mehr unterdrückt. Es gibt extrem viele Publikationen. Wenn ausländische Touristen nach Prag und Theresienstadt kommen, finden sie sehr viele Manifestationen von Holocaust-Erinnerungen vor. Es gibt inzwischen ein Ghetto-Museum in Theresienstadt; die Pinkas-Synagoge in Prag, die eigentlich schon in den 1950er Jahren als Holocaust-Mahnmal errichtet wurde, ist seit den 1990er Jahren wieder zugänglich. Die Kontinuität zeigt sich, wenn gefragt wird, welche Ereignisse zur tschechischen Nationalgeschichte gehören. Da gibt es nach wie vor die alte Sichtweise, dass der Holocaust eben nicht dazugehört. Als Beispiel dafür könnte man die mehrbändigen ‚Velké dějiny zemí Koruny české‘ nehmen. Darin wird in zwei Bänden auf über 1000 Seiten über den Zweiten Weltkrieg im Protektorat Böhmen und Mähren berichtet – und in einem Nebenkapitel auf knapp über zehn Seiten wird über den Holocaust gesprochen. Noch dazu wird der Holocaust der Juden und Roma gemeinsam behandelt. Das ist für mich nur ein Beispiel dafür, dass der Holocaust weiterhin als Thema der Deutschen und der Juden betrachtet wird – und dass er eben nicht als selbstverständlicher Teil der tschechoslowakischen oder tschechischen Nation gedacht wurde und gedacht wird. Das ist wirklich eine wichtige Kontinuität über die gesamte Nachkriegszeit hinweg.“

 

Peter Hallamas Dissertation „Nationale Helden und jüdische Opfer. Tschechische Repräsentationen des Holocaust" ist bei Vandenhoeck und Ruprecht erschienen.