Die Geschichte der Tschechoslowakei und ihre Teilung vor 10 Jahren

Jahrzehnte lang war das Wort ein Begriff: Tschechoslowakei. Vor 10 Jahren verschwand dieser Staat kurz nach seinem 74. Geburtstag von der Landkarte. An seine Stelle traten die Tschechische Republik und die Slowakische Republik. Heute, 10 Jahre später, haben wir uns an die Existenz dieser zwei Staaten in Mitteleuropa gewöhnt, doch im Sommer 1992 sorgte der Gedanke, dass Tschechen und Slowaken getrennte Wege gehen könnten, für viel Wirbel, hitzige Diskussionen und Emotionen. Aber woran lag es, dass Tschechen und Slowaken nicht mehr in einem Staat leben wollten? In den folgenden Minuten erfahren Sie mehr über die Tschechen und Slowaken und deren nicht immer gemeinsame Geschichte.

Tschechen und Slowaken verweilten historisch gesehen eigentlich nur eine relativ kurze Zeit in einem eigenen gemeisamen Staat, genau gesagt 68 Jahre. Die Böhmischen Länder bildeten im Mittelalter einige Jahrhunderte lang ein eigenes Königreich. Mitte des 16. Jahrhunderts wurden sie dann Bestandteil der Habsburger Monarchie. Die östlich gelegene Slowakei dagegen gehörte bereits seit dem frühen 11. Jahrhundert zum ungarischen Königreich. Ein selbständiges slowakisches Fürstentum oder Königreich hatte es nie gegeben. Bekannt war die heutige Slowakei als Oberungarn, die heutige slowakische Hauptstadt Bratislava war einige Zeitlang sogar ungarische Hauptstadt. Tschechen und Slowaken waren zwar seit dem 16. Jahrhundert Untertanen des Habsburger Kaisers, doch den Tschechen ging es im österreichischen Teil des Reiches um einiges besser als den Slowaken im ungarischen. Während die Tschechen im 19. Jahrhundert ihre nationale Wiedergeburt erlebten, wurden die Slowaken und alles Slowakische unterdrückt und verboten.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, begannen einige Tschechen, für die Schaffung eines eigenen, unabhängigen Staates zu kämpfen. Ihnen schlossen sich Slowaken an und so wurde bereits 1915 im amerikanischen Cleveland ein Abkommen unterzeichnet, in dem die Bildung eines zukünftigen tschecho-slowakischen föderativen Staates als gemeinsames Ziel deklariert wurde. Am 28. Oktober 1918 war es dann soweit. In Prag wurde die Unabhängigkeit des Staates der Tschechen und Slowaken ausgerufen. Nur die Slowaken wussten vorerst noch nichts von ihrem Glück. Erst einige Tage später erreichte sie die Nachricht. Für die Tschechen endete an jenem Tag ihre knapp 400jährige Zugehörigkeit zum Habsburgerreich. Ungarn wollte sich aber nach rund 1000 Jahren nicht ohne Kampf von seinen slowakischen Untertanen trennen. Acht Monate wurde mit Waffengewalt um die Slowakei gekämpft, bis die Pariser Friedenskonferenz im Sommer 1919 zugunsten Prags entschied. Die unterschiedlichen Voraussetzungen der beiden Völker brachten von Anfang an Probleme für den neuen, tschechoslowakischen Staat.

Die Slowaken hatten viel schlechtere Startbedingungen als die Tschechen. Für die Tschechen war die Bildung eines eigenen Staates der Endpunkt eines jahrzehntelangen Prozesses, die Slowaken jedoch standen erst am Beginn dieses Prozesses, noch gab es weder slowakische Mittel- oder Hochschulen noch einen Beamtenapparat. Kein Wunder also, dass Tschechen dem nötigen Know How in die Slowakei kamen, um dort beim Aufbau des Schulwesens und der Verwaltung zu helfen. Doch viele Slowaken sahen in der tschechischen Hilfe ein Zeichen der tschechischen Vorherrschaft und Überlegenheit.

Die Tschechoslowakei hatte Anfang der 20er Jahre knapp 14 Millionen Einwohner. Rund 7 Millionen waren Tschechen, 2 Millionen Slowaken und über 3 Millionen Deutsche. In der 1920 verabschiedeten Verfassung ist die Rede von einer tschechoslowakischen Nation und einer tschechoslowakischen Sprache - beides Erfindungen, die dafür sorgten, dass sich die Slowaken als Staatsvolk betrachten, die zahlenmässig stärkeren Deutschen jedoch als nationale Minderheit gelten konnten. Theoretisch waren Tschechen und Slowaken in der neuen Republik gleichgestellt, doch ohne Zweifel dominierten die Tschechen in allen Bereichen. Und dies blieb nicht ohne Folgen.

In der Slowakei wuchs die Unzufriedenheit mit der angeblichen und wirklichen tschechischen Arroganz und Dominanz. Die Forderung nach Autonomie nahm zu, insbesondere nach der Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre, von der die Slowakei stärker betroffen war als der tschechische Landesteil. 1938 erfüllte sich die Forderung der slowakischen Nationalisten nach Autonomie - die Umstände waren aber alles andere als günstig: die Autonomie erfolgte nach dem Münchner Abkommen im Herbst 1938.

Am 14. März 1939, einen Tag vor der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren entstand ein slowakischer Staat - zwar auf Druck Hitlers und völlig vom Dritten Reich abhängig, doch für viele Slowaken erfüllte sich damit ein Traum: zum ersten Mal in der Geschichte existierte ein slowakischer Staat. Dummerweise war dieser faschistisch und ein Vasallenstaat des Dritten Reiches.

CSSRCSSR Nach Kriegsende entstand die Tschechoslowakei erneut, die Grenzen hatten sich verändert, es fehlte die Karpatenukraine im Osten und auch die Bevölkerung hatte sich geändert: es fehlten 3 Millionen Deutsche, die vertrieben worden waren und einige Tausend Ungarn, die ebenfalls gezwungen waren, das Land zu verlassen. 1948 kamen die Kommunisten an die Macht. Mit deren Zentralismus verschwand jede Hoffnung der Slowaken auf Autonomie. Dies änderte sich während der Reformzeit der 60er Jahre. Zum 1. Janaur 1969 wurde die Tschechoslowakei eine Föderation, aus der CSR wurde die CSSR. Es entstand eine föderative Regierung und Parlament sowie ein slowakisches und ein tschechisches Parlament mit den jeweiligen Regierungen.

Tschechische und Slowakische Föderative RepublikTschechische und Slowakische Föderative Republik Die Samtene Revolution von 1989 brachte die Möglichkeit, offen über die zukünftige staatsrechtliche Ordnung der Tschechoslowakei zu diskutieren. Erneut forderten die Slowaken nationale Autonomie. Monatelang wurde über den neuen Landesnamen gestritten, bis man sich auf Tschechische und Slowakische Föderative Republik einigte. Doch die Diskussionen darüber, welche Rechte die Teilrepubliken erhalten sollten, nahmen mit dem neuen Staatsnamen kein Ende und gipfelten im Sommer 1992 nach den Parlamentswahlen.

In diesen hatte im tschechischen Landesteil die Demokratische Bürgerpartei ODS von Vaclav Klaus gewonnen, im slowakischen die Bewegung für eine demokratische Slowakei HZDS von Vladimir Meciar. Damit waren die Weichen gestellt: eine gemeinsame Regierung der beiden Parteien, die im föderativen Parlament die Mehrheit stellten, kam angesichts der unterschiedlichen Ansichten nicht in Frage. Bereits 10 Tage nach den Wahlen hatten Vertreter der beiden Siegerparteien beschlossen, in die neue föderative Regierung nicht ihre besten Männer zu schicken, da diese sowieso nur eine Regierung von kurzer Zeit sein werde. Vaclav Klaus wurde tschechischer Premier, Vladimir Meciar slowakischer Regierungschef. Damit war klar, dass die letzten Stunden der Tschechoslowakei geschlagen hatten.

Im Juli 1992 wurde der einzige Kandidat bei der Wahl zum tschechoslowakischen Präsidenten, Vaclav Havel, nicht von den beiden Kammern des Föderativen Parlaments gewählt - ihm fehlten die Stimmen der slowakischen Abgeordneten. Zwei Wochen nach dieser gescheiterten Präsidentenwahl verkündete das Parlament der Slowakischen Teilrepublik feierlich die Souveränität des Landes. Eine Reaktion erfolgte prompt: der noch amtierende tschechoslowakische Präsident Vaclav Havel legte sein Amt nieder.

Von nun an ging alles ganz schnell: zwei Tage nach Havels Rücktritt verabschiedeten die tschechische ODS und die slowakische HZDS ein Abkommen über die Teilung des Landes, im August einigte man sich auf ein Harmonogram der Teilung, im Oktober bestätigte die tschechoslowakische Regierung das bevorstehende Ende der Tschechoslowakei zum 31. Dezember 1992. Ende November verabschiedete das föderative Parlament das entsprechende Gesetz, einen Monat später löste es sich auf.

Slowakische FlaggeSlowakische Flagge Am 1. Januar 1993 war es soweit: zwei neue Staaten entstanden: die Tschechische Republik und die Slowakische Republik. In seiner ersten Ansprache als erster Premier der neu entstandenen Tschechischen Republik warnte Vaclav Klaus davor, die zu bewältigenden Aufgaben zu unterschätzen.

Nach 74 Jahren ging das Experiment eines gemeinsamen Staates der Tschechen und Slowaken zu Ende. Lange wurde noch über Folgen der Teilung diskutiert und verhandelt. Eines jedoch haben Tschechen und Slowaken geschafft: eine friedliche Trennung, ohne jegliche Gewaltanwendung.