Kapitel aus der Tschechischen Geschichte Der Prager Fenstersturz

07-06-2003 | Katrin Bock

All diejenigen, die von der tschechischen Geschichte eigentlich keine Ahnung haben, kennen zumeist ein Ereignis, das mit der tschechischen Hauptstadt verknüpft ist: den Prager Fenstersturz. Der bekannteste Prager Fenstersturz ereignete sich vor 385 Jahren, genauer gesagt am 23. Mai 1618: zwei königlich-habsburgische Statthalter wurden damals aus einem Fenster der Prager Burg geworfen. In den Geschichtsbüchern steht, dass dies der Auslöser des 30jährigen Krieges zwischen Protestanten und Katholiken in ganz Europa war. Warum es zu jenem Fenstersturz kam und welche Folgen er hatte erfahren Sie heute von uns.

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Der Prager Fenstersturz, 1618Der Prager Fenstersturz, 1618 Der Prager Fenstersturz von 1618 ist wohl der bekannteste seiner Art, jedoch nicht der einzige. Es scheint, dass die Prager eine Vorliebe für diese Art der Problemlösung haben, für die sie auch ein Wort erfunden haben: Defenestrace sagt man auf Tschechisch zu diesem Ereignis - Defenestration heisst dieses eingedeutscht. Bereits am 30. Juli 1419 haben aufgebrachte Hussiten Vertreter der alten Glaubensrichtung aus dem Fenster des Neustädter Rathauses auf dem heutigen Karlsplatz geworfen. Dieser erste Prager Fenstersturz löste die Hussitenkriege aus, die zwei Jahrzehnte lang das Land und dessen Nachbarn zu Schauplätzen blutiger Schlachten werden ließen.

Es sei erwähnt, dass jene Vertreter der alten Ordnung ihren Fenstersturz aus dem Neustädter Rathaus nicht überlebt haben. Der Initiator der ersten Defenestration, Jan Zelivsky, wurde drei Jahre später für seine Tat bestraft und auf dem Altstädter Ring hingerichtet. Dort erinnert heute eine Gedenktafel an ihn und seine radikalen Mitstreiter der Hussitenbewegung.

Doch nun zurück zum zweiten Fenstersturz, dem vom Mai 1618. Der Anlass war ein ähnlicher wie knapp zwei Jahrhunderte zuvor: Glaubensfragen. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatten die Hussiten u.a. dafür gekämpft, dass das Abendmahl in beiderlei Form eingenommen werden darf, wie es der böhmische Reformator Jan Hus gefordert hatte. Knapp 200 Jahre später, und rund 100 Jahre nach der deutschen Reformation, forderten die Nachfahren des Jan Hus und Jan Zelivsky, dass die im 15. Jahrhundert erkämpften Glaubensfreiheiten weiterhin von der Habsburger Obrigkeit eingehalten werden sollten. Immerhin war in den Böhmischen Ländern die Bevölkerungsmehrheit im Gegensatz zu ihrem Habsburger Herrscher nicht katholisch.

1612 war der in Böhmen allseits beliebte Habsburger Kaiser Rudolf II. gestorben. Dessen Bruder Matthias scherte sich wenig um die von Rudolf gegebenen Versprechen und verletzte wiederholt die von seinem großen Bruder garantierte Glaubensfreiheit in den Böhmischen Ländern. Immer mehr Protestanten wurden aus ihren königlichen Ämtern entlassen. Der Einfluss der Katholiken nahm ebenso zu wie der Missmut der Protestanten. Diesen drückten sie zunächst in einem Protestschreiben an Kaiser Matthias aus. Als dieser nicht reagierte und dazu noch weitere Versammlungen der Protestanten verbot, war das Fass voll. Nach langen Diskussionen beschlossen am 21. Mai 1618 protestantische Adelige, eine radikale Aktion gegen die unbeliebten königlichen Statthalter auf der Prager Burg durchzuführen.

Und so zog am frühen Morgen des 23. Mai 1618 eine Delegation unzufriedener protestantischer Adeliger auf die Prager Burg - bestimmt ahnten sie nicht, dass sie wenige Minuten später den bis dahin größten gesamteuropäischen Konflikt auslösen würden, der ganz Europa in den folgenden 30 Jahren unsägliches Leid bringen sollte.

In einer improvisierten Gerichtsverhandlung warfen die unzufriedenen Protestanten den in der Hofkanzlei anwesenden Statthaltern Jaroslav von Martinic und Vilem Slavata vor, gegen die Landes- und von Kaiser Rudolf II. garantierte Religionsfreiheit verstoßen zu haben. Die Strafausführung war ebenso spontan wie der gesamte Akt: die beiden Statthalter wurden kurzerhand aus dem Fenster ihrer königlichen Kanzlei geworfen.

Ihnen folgte der ebenfalls anwesende Schreiber Johannes Fabricius, der später von Kaiser Matthias geadelt wurde und den treffenden Titel "von Hohenfall" erhielt. Die Tatsache, dass die drei ihren Sturz aus dem Fenster im zweiten Stock überlebten, erklärten die Protestanten mit deren Landung auf einem Misthaufen unterhalb besagten Fensters. Die Katholiken dagegen sahen darin ein direktes Eingreifen der Jungfrau Maria, die ihren Schutzmantel über die drei Märtyrer geworfen habe.

Der Fenstersturz löste den Aufstand der protestantischen böhmischen Stände gegen die katholischen Habsburger aus. Die Stände wählten flugs eine eigene Regierung, erklärten den König für abgesetzt und suchten internationale Verbündete für die bevorstehende kriegerische Auseinandersetzung mit den katholischen Habsburgern. Den protestantischen böhmischen Ständen schlossen sich bald die mährischen, die der Nieder- und Oberlausitz sowie Nieder- und Oberösterreichs an. Das Königreich Böhmen erklärten sie zu einer Konföderation gleichberechtigter Länder unter einem gewählten König. Diesen galt es nun zu suchen und zu finden.

Im Sommer 1619 wählten die aufständischen Stände den überzeugten Kalvinisten Friedrich von der Pfalz zum böhmischen König. Von ihm und seiner Gattin Elisabeth, der Tochter des englischen Königs, erhofften sich die Böhmer die Unterstützung Englands und der deutschen protestantischen Länder gegen die Habsburger. Diese wiederum konnten mit der Hilfe Spaniens, Polens, Bayerns und Sachsens rechnen.

Bereits im Sommer 1619 war es zu ersten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der protestantischen Union und der katholischen Liga gekommen. Ab Sommer 1620 zogen katholischen Truppen Richtung Prag. Dort kam es am 8. November 1620 zur Entscheidungsschlacht. Bei der Schlacht am Weißen Berg standen sich 21.000 protestantische und 28.000 katholische Soldaten gegenüber. In vielen Geschichtsbüchern liest man, dass dies eine Schlacht der tschechischen Protestanten gegen die deutschen Katholiken war - doch dies war nicht der Fall. Nicht die Nation war ausschlaggebend dafür, auf welcher Seite man kämpfte, sondern der Glaube - und so kämpften auf beiden Seiten Deutsche und Tschechen - gegeneinander und miteinander. Auf der Seite der aufständischen Protestanten kämpften übrigens auch Ungarn, auf Seiten der Katholiken waren Bayern, Wallonen, Spanier und Franzosen anzutreffen, so auch der später berühmt gewordene Philosoph Rene Descartes.

In der rund zwei Stunden dauernden Schlacht fielen 2.000 Soldaten. Die katholischen Habsburger siegten ohne größere Probleme. Grund für die Niederlage der Protestanten soll deren mangelnde Organisation und das Chaos in ihren Reihen gewesen sein. Dies hatte auch zur Folge, dass sich niemand für die Verteidigung Prags verantwortlich fühlte und so konnten die katholischen Truppen am folgenden Tag kampflos in die böhmische Hauptstadt einmarschieren. Zuvor war der als Winterkönig in die Geschichte eingegangene Friedrich von der Pfalz Hals über Kopf geflohen. Diesem zu Ehren findet übrigens noch bis November eine große Ausstellung im bayerischen Amberg statt.

Die Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg hatte für die Protestanten verheerende Folgen. Tausende von ihnen flohen, u.a. der bekannte Pädagoge Jan Amos Comenius. Wer es nicht schaffte, das Land rechtzeitig zu verlassen, wurde verhaftet. Am 21. Juni 1621 wurden auf dem Altstädter Ring in Prag 27 aufständische Adelige hingerichtet. An sie erinnern heute auf dem Altstädter Ring 27 in das Pflaster eingelassene Kreuze - übrigens liegen diese zu Füssen jener Gedenktafel, die an Jan Zelivsky, ihren revolutionären Vorkämpfers des 15. Jahrhunderts erinnert.

Als Folge der Niederlage wurden in den Böhmischen Ländern alle Protestanten zu Gunsten von Katholiken enteignet. Königliche Ratgeber und Heeresführer wurden mit Adelstiteln und Ländereien für ihre Treue belohnt. Der katholische Glaube wurde zur einzigen erlaubten Religion im Lande erklärt. Den böhmischen Ständen wurde das Recht zur Königswahl abgesprochen und das Erbrecht der Habsburger auf den böhmischen Thron eingeführt - Böhmen wurde nun unwiderruflich zu einem Bestandteil des Habsburger Reichs - und dies für die nächsten knapp 300 Jahre.

Doch etwas Gutes hat der Sieg der katholischen Habsburger - zumindest für die Liebhaber des Barocks - gebracht. Unzählige barocke Kirchen, Kapellen und Mariensäulen wurden von den Katholiken als Zeichen ihres Dankes für den Sieg gebaut und auch die neuen, einflussreichen Adelsfamilien ließen sich in Prag und anderswo prunkvolle barocke Paläste bauen, die aus dem heutigen Bild Böhmens und Mährens nicht mehr wegzudenken sind.

Wenn Sie das nächste Mal nach Prag kommen, können Sie einen Tag auf den Spuren des Weißen Berges und des Fenstersturzes verbringen - Auf dem Weißen Berg, der inzwischen bequem mit der Straßenbahn zu erreichen ist, erinnert ein Gedenkstein an die Schlacht vom November 1620, unweit liegt eine barocke Kirchenanlage, die als Dank für den Sieg über die Protestanten errichtet worden ist. Und das wohl berühmteste Prager Fenster können Sie auf der Prager Burg gleich neben dem Vladislav-Saal bewundern.

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