Der dreifache Emigrant Vojta Beneš

Edvard Beneš ist einer der bekanntesten tschechischen Politiker des 20. Jahrhunderts. Weniger bekannt ist, dass auch sein Bruder Vojta politisch aktiv war. Und dass er mit Edvard, dem tschechoslowakischen Präsidenten, nicht in allem übereingestimmt hat. Im Folgenden mehr zum Schicksal von Vojta Beneš.

Vojta Beneš (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)Vojta Beneš (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks) Fleißig, ehrgeizig und zielstrebig, aber auch verschlossen, kalt und humorlos – so wurde Staatspräsident Edvard Beneš von seinen Zeitgenossen beschrieben. Sein sechs Jahre älterer Bruder Vojta wirkte fast wie das Gegenteil: offen, charmant und herzlich. Ein zeitgenössischer Politiker verglich sein Aussehen und Auftreten sogar mit dem eines Propheten aus dem Alten Testament.

Gemein waren beiden Brüdern jedoch vor allem Fleiß und Zielstrebigkeit. Das machte erst ihre Karrieren möglich. Bei Vojta kamen noch pädagogische Kompetenzen hinzu. Einige Jahre lang unterrichtete er als Lehrer an Grund- und Mittelschulen. 1911 bekam er die Möglichkeit, seine Erfahrungen in den USA weiterzugeben. Michal Pehr ist Historiker an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften:

Michal Pehr (Foto: Kamila Schusterová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Michal Pehr (Foto: Kamila Schusterová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Vojta Beneš wurde von tschechischen Auswanderern nach Amerika eingeladen, um dort ihr Schulnetz aufbauen zu helfen. Er unterrichtete und verfasste tschechische Lehrbücher für die Kinder der Exilanten, die nur wenig Kontakt zur Heimat ihrer Eltern hatten. Zum Beispiel war er Autor eines ‚tschechischen Lesebuches für die tschechoslowakische Jugend in Amerika‘. Dieses enthielt eine Auswahl an Werken der klassischen sowie der damaligen modernen tschechischen Literatur. Und Vojta Beneš nahm auch am kulturellen Leben der amerikanischen Tschechen teil.“

Spendensammlung in den USA

1914, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, kehrt Vojta Beneš in seine Heimat zurück. Aber nicht für lange: 1915 begibt er sich erneut auf die Reise über den Atlantik. Diesmal will er seine Landsleute für die Idee der tschechoslowakischen Selbständigkeit gewinnen. Sein Bruder Edvard wird zur selben Zeit eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Kampf für dieses Ziel, beide engagieren sich jedoch unabhängig voneinander. Während Edvard in Paris unter anderem die Zustimmung der Entente zur Gründung einer eigenen tschechoslowakischen Legion aushandelt, organisiert Vojta Spendenaktionen der amerikanischen Tschechen und Slowaken für diese Truppen.

Edvard Beneš (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)Edvard Beneš (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks) Nach dem Ersten Weltkrieg treffen sich beide Brüder in Prag wieder. Edvard übernimmt das Amt des Außenministers in der neu gegründeten Tschechoslowakei, Vojta wird Schulinspektor und Leiter des tschechoslowakischen Lehrerverbandes.

„Seine Vision war, die Schulen für den demokratischen Geist zu öffnen. Bei vielen Gelegenheiten sprach und schrieb er davon, dass der Jugend die Ideale von Humanität und Demokratie beigebracht werden müssten. Da war er zweifellos durch seine amerikanische Erfahrung beeinflusst. In diesem Sinne schlug Vojta Beneš eine ganzheitliche Reform des tschechoslowakischen Schulsystems vor. Diese wurde aber nur zum Teil umgesetzt. Meiner Meinung nach stieß er in Lehrerkreisen und in der tschechoslowakischen Gesellschaft auf einen bestimmten Konservativismus, außerdem mangelte es an Zeit. Welch langfristige Aufgabe eine Reform des Schulwesens sein kann, sieht man heute. Der ‚Ersten Republik‘ waren nur 20 Jahre Existenz vergönnt. Wir haben mittlerweile schon fast 30 Jahre seit der ‚Samtenen Revolution‘´ von 1989 hinter uns, trotzdem sind viele Teile der heutigen Schulreform noch nicht umgesetzt“, so Michal Pehr.

Kommunistische Machtübernahme von 1948 (Foto: ČT24)Kommunistische Machtübernahme von 1948 (Foto: ČT24) Vojta Beneš ist aber auch politisch aktiv. Bereits zu Zeiten der k. u k. Monarchie tritt er den Sozialdemokraten bei. Bis zur kommunistischen Machtübernahme von 1948 bleibt er Mitglied dieser Partei. 1925 wird er als Abgeordneter ins tschechoslowakische Parlament gewählt. Auch in dieser Rolle beschäftigt er sich vor allem mit der Bildungspolitik, in vielen Reden betont er dabei die Notwendigkeit eines demokratischen Erziehungskonzepts.

Kinder als Bürgerpflicht

Und er macht sich auch Gedanken über eine Familienpolitik. Dabei bezeichnet er es unter anderem als bürgerliche Pflicht, Kinder zu haben. Der Staat solle junge Menschen dazu motivieren, Familien zu gründen, sagt er beispielsweise im März 1938. Es ist die einzige Tonaufnahme von Vojta Beneš im Archiv des Tschechischen Rundfunks:

Vojta Beneš, seine Frau und Kinder (Foto: Archiv des Militärhistorischen Instituts)Vojta Beneš, seine Frau und Kinder (Foto: Archiv des Militärhistorischen Instituts) „Es geht uns nicht um einen expansiven Zuwachs der Bevölkerung durch künstliche politische Maßnahmen. Die Erfahrung aus anderen Staaten zeigt, dass diese nur beschränkt und einstweilig wirken. Es geht uns um eine natürliche, sozial und wirtschaftlich begründete Lösung des Problems, wie im Einklang mit modernen Erkenntnissen der Soziologen und Demographen ein gleichmäßiger Bevölkerungszuwachs erzielt werden kann. Ein Zuwachs, der den wirtschaftlichen, militärischen, sozialen, kulturellen und sittlichen Staatsinteressen entspricht.“

Dazu muss man sagen, dass Vojta Beneš und seine Frau vier Kinder hatten. Doch zurück zu seiner beruflichen Karriere. Als die Tschechoslowakei im Herbst 1938 infolge des Münchner Abkommens ihre Grenzgebiete an Hitler-Deutschland abtreten muss, weilt er dienstlich in London. Sein Bruder Edvard verzichtet auf den Posten des Staatspräsidenten und reist ebenfalls in die britische Hauptstadt, er will sich dort für die Erneuerung der Tschechoslowakei einsetzen. Vojta kehrt aber im Dezember 1938 nach Absprache mit seinem Bruder nach Prag zurück, er soll den Exilpräsidenten in London mit Informationen aus der Heimat versorgen. Im März 1939 besetzt jedoch Hitler den verbliebenen Rest der Tschechoslowakei. Edvard ersinnt für seinen Bruder daher eine neue Aufgabe: Vojta soll in die USA reisen und dort unter den Exilanten und ihren Nachkommen für die Befreiung des Landes werben. Historiker Pehr:

Exilregierung von London (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums)Exilregierung von London (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums) „Er warb für den Widerstand, den Edvard Beneš und seine Exilregierung von London aus organisierten. Erneut ging es um die finanzielle Unterstützung, denn mehrere Monate lang musste sich die Exilregierung selbst versorgen. Auch die Ausbildung und Ausrüstung tschechoslowakischer Soldaten bei der britischen Royal Air Force musste mitfinanziert werden. Die Gesamtlage musste dabei erst einmal der tschechischen und slowakischen Comunity in den USA und Kanada erklärt und eine Zusammenarbeit angeknüpft werden. Das war die Aufgabe von Vojta Beneš.“

Kritik an der Gewalt gegen Deutsche

Nach dem Kriegsende und der Heimkehr setzt Vojta seine politische Karriere fort. Wieder sieht er seine Rolle darin, sich für Humanität einzusetzen und Unrecht und Rachegelüste zu verurteilen. Besonders bemerkenswert ist seine Parlamentsrede im Juni 1947, in der er die Gewalt gegen Deutsche in der Tschechoslowakei kritisiert. Gerechtigkeit und der Wille zur Verständigung seien die Grundlagen der richtigen Politik, sagt er damals. Selbst hilft er deutschen demokratisch orientierten Lehrern, die nach dem Krieg in der Tschechoslowakei bleiben dürfen, aber keinen Anspruch auf eine Pension haben. Allerdings ist er damals nicht grundsätzlich gegen die Vertreibung der Deutschen aus dem Staat, wie Pehr betont:

Beerdigung von Edvard Beneš (Foto: Tschechisches Fernsehen)Beerdigung von Edvard Beneš (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Dass die Deutschen die Tschechoslowakei verlassen müssen, darin waren sich praktisch alle Politiker und die Öffentlichkeit einig. Vojta Beneš gehörte jedoch zu jenen, die zu Rücksicht und Menschlichkeit bei der Aussiedlung mahnten. Man kann aber nicht sagen, dass er da in einem Konflikt mit seinem Bruder gestanden wäre. Auch Edvard Beneš war dieser Meinung, obwohl ihm in diesem Bereich vieles vorgeworfen wird.“

Inzwischen spitzt sich jedoch die politische Lage in der Tschechoslowakei zu. Im Februar 1948 treten die demokratisch orientierten Regierungsmitglieder zurück – aus Protest gegen die aggressive Politik der Kommunistischen Partei. Vojta Beneš hält das für eine schlechte Lösung. Er setzt sich für eine Diskussion ein und glaubt, dass sich mit den Kommunisten ein Kompromiss aushandeln ließe. Nachdem die KPTsch ihre Alleinregierung etabliert hat, legt er sein Mandat als Abgeordneter nieder. Er bleibt bis zum Tod und der Beerdigung seines Bruders im September 1948 in der Tschechoslowakei. Kurz darauf aber geht er zum dritten und letzten Mal ins Exil. Vojta Beneš stirbt 1951 in den USA.