Der 21. August 1968 und der Tschechoslowakische Rundfunk

Der Einmarsch der Warschauer Pakt Truppen in der Nacht zum 21. August 1968 kam sowohl für die führenden Politiker als auch die Bevölkerung völlig überraschend. Man wusste wohl, dass Moskau das Programm des Prager Frühlings missbilligte, doch mit einer gewaltsamen Beendigung der Reformen rechnete niemand. Gegen 23 Uhr des 20. August 1968 informierte der damalige sowjetische Botschafter in Prag Tschervonenko den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Svoboda über den Beginn der Invasion. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei kam sofort zu einer Sondersitzung zusammen. In einer gegen 1 Uhr morgens verabschiedeten Resolution wurde der Einmarsch als widerrechtliche Invasion verurteilt. Nun galt es, der Bevölkerung so schnell wie möglich die Stellungnahme der Partei- und Regierungsführung zu vermitteln. Und hier spielte der Tschechoslowakische Rundfunk eine entscheidende Rolle.

Gegen Mitternacht des 20. Augusts 1968 wurden viele Bewohner von Prag durch ungewohnten Lärm geweckt: zunächst war es Fluglärm - dann folgten das Scheppern und Klirren von Panzerketten.

In den Strassen in der Nähe des Prager Flughafens sah man aus den Fenstern die Panzerkolonnen Richtung Stadtzentrum rollen. Wer Zeuge dieser gespenstischen Vorgänge war, schaltete das Radiogerät ein - schließlich wollte man wissen, was da geschah. Und tatsächlich gegen 1 Uhr kündete der Tschechoslowakische Rundfunk Sondernachrichten an. Weitere 30 Minuten später wurde die Erklärung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei verlesen, doch nach wenigen Wörtern trat Funkstille ein.

Denn Rest jener Meldung hörten nur diejenigen, die den sog. Rundfunk per Draht eingeschaltet hatten, denn dieser wurde im Gegensatz zu allen anderen Sendern des Tschechoslowakischen Rundfunks nicht auf Befehl des für den Rundfunk zuständigen Funktionärs Karel Hoffmann abgestellt.

In jenen ersten Stunden der Okkupation spielte der Rundfunk eine entscheidende Rolle. Die Kommunisten, die die Warschauer Pakt Truppen ins Land gerufen und gehofft hatten, eine neue, Moskautreue Regierung einzusetzen, wollten über den Rundfunk ihre Sicht der Dinge verbreiten und die Bevölkerung von der Richtigkeit des Einmarsches überzeugen. In ihrer Erklärung hieß es unter anderem:

"Die Partei- und Staatsfunktionäre der Tschechoslowakischen Sozialistische Republik haben sich an die Sowjetunion und andere Bündnisstaaten mit der Bitte gewandt, dem tschechoslowakischen Brudervolk dringend Hilfe zu erweisen, einschließlich der Hilfe mit Streitkräften. Diese Bitte ist auf die Gefahr zurückzuführen, die der in der Tschechoslowakei bestehenden sozialistischen Ordnung von Seiten konterrevolutionärer Kräfte droht."

Doch als die zuständigen Funktionäre kurz nach Mitternacht das Funkhaus betraten, waren in diesem bereits Dutzende Redakteure und Techniker am Werk. Karel Hoffmann hatte zwar den Befehl zur Abstellung aller Sender gegeben, den Rundfunk per Draht, an dem immerhin 650.000 Geräte angeschlossen waren, hatte er aber schlichtweg vergessen. So konnten Tausende die wichtige Erklärung des Zentralkomitees in ihrer gesamten Länge hören:

"Gestern, am 20. August 1968, gegen 23 Uhr haben Truppen der Sowjetunion, der Polnischen Volksrepublik, der Deutschen Demokratischen Republik, der Ungarischen Volksrepublik und der Bulgarischen Volksrepublik die Staatsgrenzen der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik überschritten. Dies geschah ohne das Wissen des Präsidenten der Republik, des Vorsitzenden der Nationalversammlung, des Regierungsvorsitzenden und des Generalsekretärs des ZKs der Partei. Das Präsidium des ZK der KPC erachtet den Akt der Besetzung als widersprechend nicht nur den Grundprinzipien der Beziehungen zwischen den sozialistischen Staaten, sondern auch als eine Bestreitung der Grundnormen des internationalen Rechts."

Damit hatte der Rundfunk denjenigen, die den Prager Frühling beenden und eine neue, auf Moskauer Kurs eingeschworene Regierung einsetzen wollten, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die offizielle Version der Moskautreuen Kommunisten wurde nicht gesendet, die Ernennung einer neuen Regierung kam nun nicht mehr in Frage.

Karel Hoffmann, der damals den Befehl zum Abstellen der Sender gab, ist übrigens im Juni dieses Jahres für sein Vorgehen zu vier Jahren Gefängnis wegen Amtsmissbrauch verurteilt worden.

Am ersten Tag der Okkupation herrschte allgemein Verwirrung und Unklarheit. Wo war Dubcek, wo die führenden Parteifunktionäre, wo die Regierung? In dieser Situation ergriff der Tschechoslowakische Rundfunk die Initiative: ununterbrochen informierten seine Mitarbeiter über den Verlauf der Invasion, veröffentlichten 100e von Resolutionen von örtlichen Parteikomitees, Fabriken und Organisationen, die alle die Invasion ablehnten und sich geschlossen hinter Dubcek und den Reformkurs stellten. Die Redakteure versuchten, Kontakt zu führenden Politikern herzustellen und riefen die Bevölkerung wiederholt zur Ruhe auf. Gegen 6 Uhr früh am 21. August gelang es, wenn auch nur indirekt, eine Erklärung des Parteivorsitzenden Alexandr Dubcek zu senden.

"Mitbürger, Genossen, wir haben für euch von Genosse Dubcek eine Nachricht aus dem Gebäude des Zentralkomitees der Partei. Er bittet euch, ruhig zu sein, keine unüberlegten Dinge zu unternehmen. Er bittet euch, die entstandene Situation mit aller Würde zu tragen und grüsst euch alle."

Zwei Stunden später meldete sich Staatspräsident Ludvik Svoboda über Telefon im Rundfunk zu Wort:

"Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich Ihnen nur folgendes mitteilen: Als Präsident der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik wende ich mich mit der vollen Verantwortung, die ich mit dieser Funktion übernommen habe, an Sie und bitte Sie eindringlich, volle Besonnenheit und völlige Ruhe zu bewahren. Seien Sie sich Ihrer Bürgerpflicht und den Interessen unserer Republik bewusst und lassen Sie nicht zu, dass es zu unüberlegten Aktionen kommt."

Zu diesem Zeitpunkt wurden die Mitglieder der Parteiführung im Gebäude des Zentralkomitees von sowjetischen Soldaten festgehalten, einige Minister waren verhaftet und an unbekannte Orte verschleppt worden.

Eine Stunde nach dem abrupten Ende der Radiosendungen in der Nacht war der der Rundfunk wieder auf Sendung - die Untergebenen des Moskautreuen Hoffmann ignorierten seine Befehle und schalteten die Sender wieder ein. Bereits seit dem frühen Morgen versammelten sich immer mehr Menschen vor dem Funkhaus in der Vinohradska-Strasse in unmittelbarer Nähe des Prager Wenzelplatzes. Mit ihren Körpern bildeten sie Barrikaden gegen die anrückenden Panzer. Die Berichterstattung des Rundfunks erfolgte live: Man schaute aus dem Fenster, rannte in das Studio und berichtete.

"Dem Rundfunk nähern sich Einheiten, die anfangen scharf zu schießen. Langsam rücken sie die Vinohradska Strasse hinauf und sind nur einige Dutzend Meter vom Eingang des Rundfunks entfernt. Am Haus gegenüber sind Einschüsse zu sehen. In Richtung Wenzelplatz wurde eine Barrikade errichtet, einige hundert Menschen versuchen mit ihren Körpern das Vorrücken der Panzer zu verhindern. Über dem Rundfunkgebäude kreisen Antonov-Flugzeuge. Der Tschechoslowakische Rundfunk fordert alle auf, mit den Soldaten zu diskutieren, denn das ist unsere einzige Waffe."

Mindestens 10 Menschen starben am 21. August 1968 vor dem Rundfunkgebäude. Kurz vor 9 Uhr besetzten an jenem Morgen sowjetische Soldaten das Gebäude:

"Im Name der Rundfunkmitarbeiter bitte ich euch erneut - unternehmt nichts, was zu überflüssigen Blutvergießen führen könnte. Wartet darauf, dass sich unsere legale Regierung meldet. In der jetzigen Situation helfen wir niemanden, indem wir Barrikaden bauen oder andere Dinge unternehmen, die zu weiteren Zusammenstössen führen, die derzeit keinen Sinn haben. Das würde lediglich Opfer fordern. Darum bitten wir euch, Freunde, beruhigt euch, geht nach Hause, derzeit hat es hier vor dem Rundfunk wirklich keinen Sinn."

Die Redakteure verabschiedeten sich vorerst von ihren Zuhörern mit der tschechoslowakischen Hymne, die eine Technikerin gerade noch auflegen konnte, bevor Sowjetsoldaten mit Maschinengewehren in das Studio stürzten.

Dann verstummte der Rundfunk - doch nur für ein paar Stunden. Es scheint eine glückliche Fügung gewesen zu sein, dass sowjetische Truppen das Rundfunkgebäude besetzten, die keine Ahnung vom Rundfunk hatten, lediglich ein paar Drähte aus den Wänden zogen und eine große Sendezentrale suchten - und so wurde so zu sagen unter den Augen und Ohren der sowjetischen Soldaten munter weiter aus einem kleinen, etwas abseits gelegenen Studio gesendet - und das nicht nur in tschechisch, auch in anderen Sprachen wurde die Invasion verurteilt:

"Liebe Freunde, in der CSSR gibt es keine Konterrevolution. Die Interessen des Sozialismus wurden in unserem Lande durch nichts gefährdet, so dass es keinen Grund zur Intervention gibt."

Bereits am 21. August 1968, dem ersten Tag der Okkupation, zeigte sich die Stärke des Rundfunks: zum einen war es gelungen, den offiziellen Standpunkt der legitimen Regierung zu veröffentlichen. Zum anderen erfüllte der Rundfunk zwei weitere wichtige Aufgaben: er rief ununterbrochen zu Ruhe und Vernunft auf und informierte nicht nur die tschechoslowakische Bevölkerung, sondern die ganze Welt über die widerrechtliche Invasion der Warschauer Pakt Truppen - dabei half natürlich auch Radio Prag.

Aus heutiger Sicht bestätigt sich die wichtige, ja entscheidende Rolle, die der Rundfunk in den ersten Stunden und Tagen der Okkupation gespielt hat. Die Initiatoren des Einmarsches konnten ihren Plan nicht so einfach wie gedacht erfüllen und mussten umdenken. Am Ende siegte Moskau trotzdem und die Zeit der Normalisierung begann. Dutzende von Rundfunkmitarbeitern wurden entlassen. Doch der passive Widerstand jener Augusttage gehört noch heute zu den Kapiteln der tschechoslowakischen Geschichte, auf die man stolz ist.