Das Münchner Abkommen

Im September 1938 stand Europa vor dem Abgrund eines neuen Krieges. Gespannt schaute man auf Prag und Berlin: würde man sich in der Sudetenfrage einigen? Paris und London hatten ihren tschechoslowakischen Verbündeten empfohlen, den Forderungen Hitlers nachzugeben und das überwiegend von Deutschen besiedelte Grenzgebiet Böhmens und Mährens ohne Blutvergießen abzutreten. Die Prager Regierung fühlte sich im Stich gelassen und stand vor einer schweren Entscheidung: allein gegen einen übermächtigen Gegner oder nachgeben? In dieser Situation unternahm der britische Premierminister Neville Chamberlain einen letzten Vermittlungsversuch: eine internationale Konferenz sollte über das Schicksal der Sudetengebiete entscheiden. Hitler stimmte dem Vorschlag zu, unter einer Bedingung: keine Teilnahme der Prager Regierung. So trafen sich am 29. September 1938 der britische Premier Chamberlain, sein französischer Kollege Eduard Daladier, der italienische Duce Mussolini sowie Hitler in München.

Adolf HitlerAdolf Hitler Nach mehrstündigen Verhandlungen verkündeten die vier Politiker gegen halb zwei morgens ihre Entscheidung: die Tschechoslowakei sollte bis zum 1. Oktober das von Deutschland geforderte Gebiet vom Militär räumen und an das Deutsche Reich abtreten. Die vier Staatsmänner waren zufrieden mit dem Resultat der Konferenz: Hitler bekam die von ihm geforderten Grenzgebiete, Chamberlain und Daladier waren überzeugt, den Frieden in Europa gerettet zu haben.

Die Prager Regierung akzeptierte schweren Herzens die deutschen Forderungen. Die tschechische Bevölkerung reagierte mit Empörung und Enttäuschung. Die meisten Tschechen waren bereit gewesen, mit der Waffe in der Hand die Grenzen ihres Landes zu verteidigen. In einer Ansprache erläuterte der tschechoslowakische Regierungschef, General Jan Syrovy am 30. September die Beweggründe der Regierung:

"Ich durchlebe die schwierigsten Augenblicke meines Lebens, denn ich erfülle eine so schmerzhafte Aufgabe, dass es leichter wäre zu sterben. Wir hatten die Wahl zwischen verzweifelter und aussichtsloser Verteidigung, die die Opferung nicht nur der gesamten erwachsenen männlichen Generation, sondern auch von Kindern und Frauen bedeutet hätte. Und zwischen der Annahme der Bedingungen, die in ihrer Rücksichtslosigkeit ohne Beispiel in der Geschichte sind. In tiefer Erregung haben alle Staatsführer gemeinsam mit der Armee und dem Präsidenten alle Möglichkeiten, die uns verblieben, abgewogen. Sie einigten sich darauf, dass in der Wahl zwischen einer Grenzverkleinerung und dem Untergang des Volkes, es die heilige Pflicht ist, das Leben unseres Volkes zu erhalten."

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H13160 / CC-BY-SA / Creative Commons 3.0Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H13160 / CC-BY-SA / Creative Commons 3.0 Bereits am folgenden Tag, dem 1.Oktober 1938, begann die Wehrmacht das Sudetengebiet zu besetzen. Josef Skrapek erlebte die Besetzung seines Städtchens Waltsch in Westböhmen als 10jähriger Junge:

"Die Spannung war ungeheuer groß. Zwei Tage bevor der Einmarsch der Wehrmacht war, saßen wir am Abend zu hause. Wir hatten ein bisschen Angst, sich zu melden, wir hatten kein Licht angemacht und waren ganz ruhig. Auf einmal hörten wir Töne oder was das war. Da kamen im Paradeschritt ein kleines Gässchen, welches zu unserem Haus führt, kamen drei Ordner, die haben auf die Tür gepocht und die Mutter ist rausgegangen: dort waren drei Waltsche Ordner mit diesen Armbändern mit Hakenkreuz und haben mit diesem Heil Hitler gegrüßt und haben also in einem Amtdeutsch, welches ich vorher nicht gekannt habe, haben gesagt, was für Beflaggung vorgeschrieben ist für die Begrüßung der siegreichen Wehrmacht.

Und wenn alles denn vorbereitet war, so haben wir diese Töne gehört und das Pochen an der Tür und es standen dort wieder dieselben drei Ordner in den Uniformen und haben gesagt, die Beflaggung zu der Begrüßung der Wehrmacht ist nur gestattet rein deutschen Familien, diese Beflaggung ist sofort zu entfernen, ja. Meine Mutter ist gegangen in den Hinterhof hat einen Rechen geholt und hat die Sachen alle wieder runtergerissen."

Überall im Sudetengebiet wurde die Wehrmacht als Befreier unter großem Jubel empfangen. Das südmährische Znojmo-Znaim "befreite" Hitler persönlich:

"Von heut ist dieses Gebiet endlich und unwiderruflich ein Reichsgau der deutschen Nation - Heil, heil - Und indem ich als Vertreter des Reiches hier stehe will ich bekunden, dass niemals mehr die Macht des Reiches von hier gehen wird. -Heil, heil - Vor wenigen Wochen standen wir alle vor dem schwersten Entschluss und ich brauche ihnen nicht zu versichern, dass die Entscheidungen darüber längst gefallen waren, heute kann ich es offen aussprechen. Am 2. Oktober morgens 8 Uhr wären wir hier einmarschiert, so oder so - Heil, heil."

Josef SkrabekJosef Skrabek Der 10jährige Josef Skrapek erlebte den Tag der "Befreiung des Sudetengebiets" in seinem Städtchen mit anderen Gefühlen:

"Und am nächsten Tag ist die Wehrmacht gekommen. Das war natürlich ein ungeheurer Jubel, denn man wusste schon, wann die ankommen, alles war in Waltsch vorbereitet, Waltsch war geschmückt, die Strassen waren sauber, die Leute feierlich angezogen und begeistert und wir waren zuhause, wir waren beängstigt, was wird da mit uns geschehen, und wir waren versteckt."

In seinem Buch "Vcerejsi Strach - die gestrige Angst" hat Josef Skrapek seine Gefühle nach dem Einmarsch der Wehrmacht in seinem Städtchen wie folgt beschrieben:

" Ein seltsames Gefühl. Wir sind immer noch in Waltsch, wir sind nirgends hin gegangen, aber mit einem Schlag sind wir wo anders, in einer anderen Welt - in Deutschland. Unsere Nachbarn und Bekannten zogen sicher noch begeistert durch die Strassen. Selbstverständlich waren auch wir neugierig. Am Morgen sind wir vorsichtig herausgegangen, als wollten wir einkaufen. Natürlich habe ich meine Altersgenossen beneidet, dass sie verschiedenste Fahrzeuge umlagerten und am Ende sogar in die Kabinen klettern konnten, sich ans Steuer oder hinter den Lenker der schönen Motorräder setzen konnten. Ich habe sie um ihre Freude beneidet, während wir so traurig waren, und um ihren Stolz, während wir uns erniedrigt fühlten."

Am 5. Oktober 1938 trat der tschechoslowakische Präsident Edvard Benes zurück. In einer Ansprache erläuterte er seine Beweggründe:

"Wir haben uns ehrlich darum bemüht, uns mit den anderen Nationalitäten zu verstehen. Wir sind mit unseren Zugeständnissen bis an die äußersten möglichen Grenzen gegangen. ... Sie wissen, dass sich die vier Großmächte getroffen haben und unter sich über die Opfer entschieden haben, die sie von uns für die Erhaltung des Friedens forderten und die wir gezwungen wurden zu akzeptieren. Ich möchte heute diese Angelegenheiten weder kommentieren, noch kritisieren, sondern nur das eine sagen: die Opfer, die von uns so nachdrücklich gefordert werden, sind unangemessen und ungerecht. In dieser Zeit habe ich die Interessen unseres Staates und unsere Position in Europa mit allen Kräften verteidigt. Die Kräfte, die gegen uns waren, waren stärker. Ich denke, dass unter diesen Umständen es gut ist, dass eine neue Entwicklung der europäischen Zusammenarbeit von unserer Seite nicht dadurch gestört wird, dass ein wichtiger Repräsentant wegen seiner persönlichen Einstellung dieser Entwicklung im Wege stehen könnte."

Der Vorsitzende der Sudetendeutschen Partei Konrad Henlein verkündete unterdessen im nordböhmischen Liberec - Reichenberg die Befreiung des gesamten Sudetengebiets:

" So kam die Zeit da der Führer uns heimholte und heimrief in das große deutsche Vaterland - heil, heil- Am 10. dieses Monats ist das ganze sudetendeutsche Gebiet besetzt - heil, heil - am 10. dieses Monats ist unsere sudetendeutsche Heimat Teil des Reiches geworden - heil"

Während die Deutschen in Böhmen und Mähren ihre Befreiung feierten, erlebten die Tschechen ihre schwersten Stunden. Der Regierungschef General Jan Syrovy wandte sich nach dem Rücktritt von Präsident Benes an die Bevölkerung:

"Bürger. Die Disziplin, die Sie in den vergangenen Tagen der heldenhaften Selbstverleugnung und Opferbereitschaft gezeigt haben, ist ein Beweis dafür, dass Sie sich alle bewusst sind, dass es nun unsere Aufgabe ist, den Staat umzubauen. Die Regierung wird die Entscheidung der vier Großmächte in München loyal erfüllen, in dem Glauben und Bemühen, dadurch die Lebensinteressen des neuen Staates zu sichern. Die Grundsätze der Außenpolitik lassen sich einfach ausdrücken: freundschaftliche Beziehung zu allen, insbesondere zu den Nachbarn, Beziehungen, die aus dem Bewusstsein stammen, dass, wenn wir sicher und zufrieden leben wollen, wir mit unseren Nachbarn zusammenarbeiten müssen."

Fünf Monate später marschierte die Wehrmacht in die so genannten Resttschechei ein. Die Tschechoslowakei hörte auf zu existieren. Weitere sechs Monate später begann der Zweite Weltkrieg. Die Folgen sind bekannt.