Čeněk Paclt – der erste Tscheche, der alle fünf bewohnten Kontinente bereiste

„Ich bummle wie Ahasver durch die Welt, viele Sorgen zeichnen mein Antlitz, mein Haar und Bart sind grau geworden. Und doch, wie schön es ist, wenn man so frei durch die göttliche Natur geht und nicht ahnt, wo mal die eigenen Knochen ruhen werden.“ So beschrieb Čeněk Paclt sein Leben. Er war ein Globetrotter und Goldgräber. Paclt wurde am 14. Juli vor genau 200 Jahren geboren.

Čeněk PacltČeněk Paclt Man schreibt den 26. September 1846. In Antwerpen legt ein Segelschiff ab in die Neue Welt, wie Nordamerika hoffnungsvoll genannt wird. An Bord befindet sich neben sechs Rindern und etwa 80 bayerischen, badischen und irischen Abenteurern auch ein Tscheche: Čeněk Paclt, Sohn eines Edelsteinhändlers aus dem nordböhmischen Turnov / Turnau. Zuvor hatte er sein Glück in Wien und in Warschau versucht, aber erfolglos. „Weg von hier“, ist sein einziger Gedanke, wobei mit „hier“ Europa gemeint ist. Das Schiff aus Antwerpen legt in New York an. Dort kann der 33-Jährige aber keine Arbeit finden, deshalb fährt er weiter, in Richtung Süden. Auf dem Schiff nach New Orleans bricht jedoch ein Feuer aus, und Paclt wird gemeinsam mit ein paar anderen Schiffbrüchigen durch eine Armeepatrouille gerettet. Eine Stunde später lässt er sich als Soldat anwerben.

„Reisen durch die Welt“ (Foto: Orbis Verlag)„Reisen durch die Welt“ (Foto: Orbis Verlag) „Ich schwöre, dass ich mit aller Kraft die Rechte und Freiheiten der Nordamerikanischen Republik verteidigen werde, zu Wasser und zu Land - überall, wo diese gefährdet sein könnten“, so notierte Paclt den Soldateneid in seinem Tagebuch.

Paclts Aufzeichnungen wurden erst nach seinem Tod unter dem Titel „Reisen durch die Welt“ veröffentlicht. Den Werbungsvertrag der Armee unterzeichnete Čeněk Paclt auf fünf Jahre, es war die Zeit des amerikanisch-mexikanischen Kriegs. Der tschechische Draufgänger kämpfte in Florida, zog durch Texas und half beim Aufbau von Fort Sumter in South Carolina. Als Sold erhielt er mehrere Hundert Dollar und einen Gutschein für 150 amerikanische Acker Fläche an einem beliebigen Ort in den USA. Doch Paclt ließ sich nieder. Über New York, London, Paris, Leipzig, Dresden und Zittau kehrte er vielmehr zurück nach Hause. Im September 1853 schrieb er:

USA (1850)USA (1850) „Einige begrüßen mich wie einen alten Bekannten, andere beobachten mich eher aus der Ferne. Es kursieren Gerüchte, ich hätte viel Geld in Amerika verdient und wäre nun reich. Das ist so beklemmend, dass ich fast nicht mehr atmen kann. In Amerika redet man über Freiheit und Menschenrechte, aber hier ist dies völlig tabu. Alles ist mit Anordnungen zugeschnürt, wenig Luft, überall Angst vor freiem Sprechen und Handeln. Der Wunsch nach der freien Welt beherrscht wieder mein Herzen und treibt mich mit unwiderstehlicher Kraft weg von Zuhause.“

Nach ein paar Wochen kehrt Paclt zurück nach Amerika. Mit zwei Kumpanen aus dem mexikanischen Krieg mietet er einen Hof und handelt mit allem Möglichen: Kartoffeln, Getreide, Gemüse, Aprikosen, Milch und Hühner. Zweimal täglich fährt er mit einem Pferdewagen auf den Markt nach Washington. Seine Kumpels sind aber faul und dazu noch Trinker. Paclt verkauft deshalb das Grundstück und geht zu Fuß quer durch Amerika. Ohne Eile und ohne Angst. Aber es kommt zu dem einen oder anderen Vorfall:

„Als ich einmal die Schuhe anzog, spürte ich einen starken Schmerz. Ein Skorpion hatte mich gestochen. Das Bein schwoll an und zwei Tage lang lag ich einfach nur so im Wald. Ein paar weitere Tage lang schleppte ich mich dann zum nächsten Bahnhof. Als ich dort ankam, war das Bein wieder gesund.“

Schlimmer als der Stich des Skorpions war indes der Schüttelfrost, den Paclt bekam. Wie er seinem Tagebuch anvertraute, wäre selbst eine Wanderschaft durch ganz Amerika noch besser, als so zu leiden. Nachdem er alle möglichen Heilmethoden probiert hatte, riet ihm ein Arzt, irgendwohin ganz weit wegzuziehen. Vielleicht wollte ihn der Doktor einfach nur loswerden. Paclt indes folgte diesem Rat:

Melbourne 1857 (Foto: Archiv Museum Victoria Natural Science)Melbourne 1857 (Foto: Archiv Museum Victoria Natural Science) „Schon mehrmals hatte ich überlegt, wieder auf Reisen zu gehen. Mich lockte Brasilien mit seinem Reichtum an Edelsteinen: Diamanten, Saphiren und Topasen. Und weil das Glück nicht zu mir kommen wollte, musste ich ihm entgegengehen.“

Für den Schüttelfrost war das Diamantenfieber jedoch keine Heilung. Glücklicherweise begegnete ihm in Rio de Janeiro ein Kamerad aus Kriegszeiten und nahm ihn mit nach New York. Als Paclt vom Schiff ging, war er mehr tot als lebendig. Aber was nun tun in New York? Am 1. Mai 1857 legte ein Schiff nach Australien ab – mit Paclt an Bord. Vier Monate war er unterwegs. Als er in Melbourne eintraf, war er gesund. Er wollte Gold schürfen. Doch es war kein Ruhmesblatt mit dem Goldschürfen in Australien, deshalb begab er sich nach Indien, wo angeblich reiche Goldvorräte sein sollten. Die Gerüchte stellten sich jedoch als falsch heraus. Paclt kehrte daher zurück nach Australien.

Sydney in den 1850er JahrenSydney in den 1850er Jahren „Die Reise brachte mich zunächst nach Hamburg, dann über London nach Sydney. Nach vier Monaten ankerte unser Schiff in Port Jackson, wo sich die Stadt stolz ausbreitet. Die Berichte über Goldfunde klangen nicht überzeugend, so dass manche Goldgräber gleich wieder zurück nach Amerika aufbrachen. Ich nahm mir jedoch vor, nach Norden zu gehen, obwohl dort große Räuberbanden die Gegend unsicher machten. Jeder zitterte vor ihnen, täglich wurden Morde und Überfälle gemeldet. Die Polizei bemühte sich sehr, aber es war nicht einfach, den Räubern das Handwerk zu legen. Es wurde sogar eine Belohnung im Wert von 1000 Pfund ausgeschrieben, jedoch vergeblich.“

Ureinwohner Australiens in den 1850er JahrenUreinwohner Australiens in den 1850er Jahren Paclt ging wirklich durch ganz Australien bis in den Norden und zurück. Unterwegs steuerte er einige Goldfundstellen an, er wurde mehrmals überfallen, dann erkrankte er an Malaria. Damals nahmen ihn die Einheimischen zu sich und behandelten ihn.

„Die Ureinwohner baten mich, dass ich ihnen von meiner Heimat erzähle. Sie hörten fasziniert zu und waren besonders beeindruckt von unserem Heeresführer Jan Žižka und unserem Märtyrer Jan Hus. Diese zwei Namen prägten sie sich ein und konnten sie sogar richtig aussprechen. Bei meinem Abschied begleiteten sie mich ein Stück auf meiner Reise und riefen Worte, die sie von mir gelernt hatten: Es lebe Hus, es lebe Žižka! Mich hat sehr beeindruckt, dass auch in so entfernten Einöden unseren Helden gehuldigt wird!“

Diamantengruben von Kimberley, SüdafrikaDiamantengruben von Kimberley, Südafrika Die Sehnsucht, wieder zurückzukehren, wuchs immer stärker bei ihm. Mit 53 Jahren kehrte er in seine Heimatstadt zurück, er hoffte für immer. Die Lage in Böhmen war jedoch sehr unruhig. Nach der Entstehung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn im Jahr 1867 kam es zu Demonstrationen, denn die Tschechen fühlten sich aufs Abstellgleis geschoben. Paclt blieb als echter böhmischer Patriot nicht unbeteiligt und kritisierte offen die Politik der Habsburger. 1868 wurde das Standrecht ausgerufen und gegen Paclt ein Haftbefehl erlassen. Er konnte nun nicht mehr bleiben. Über Berlin flüchtete er nach Südafrika, um dort Edelsteine zu suchen. Sein Gewinn war keine Rede wert:

Foto: Mario Sarto, Wikimedia CC BY-SA 3.0Foto: Mario Sarto, Wikimedia CC BY-SA 3.0 „Einen Edelstein zu finden, das ist purer Zufall. Wer nicht unter einem glücklichen Stern geboren ist, der sollte es erst gar nicht versuchen. Der eine gräbt einfach im Boden, und schon hat er ein schönes Exemplar in der Hand, der andere plagt sich mehrere Wochen lang und findet gar nichts. Ich arbeitete unglaublich hart, und am Ende hatte vier Stücke gesammelt mit insgesamt 13 Karat.“

Und an einem anderen Ort schrieb er in seinen Erinnerungen:

„Täglich gehe ich auf 120 Fuß Tiefe hinunter. Ich bin aufgerieben, der Rücken tut mir weh, ich spüre meine Hände nicht mehr. Man nennt mich hier „den alten Herrn“, ich bin wirklich unter allen Grabenden der Älteste.“

SüdafrikaSüdafrika 17 Jahre verbrachte Čeněk Paclt in Afrika. Alles, was er fand, schickte er nach Hause. Trotz Verletzungen, Krankheiten und Sorgen arbeitete er weiter, um die Sehnsucht nach seiner Heimat zu verdrängen. Bis 1877, als er bei einem Steinschlag verschüttet und verletzt wurde, pflegte er eine rege Korrespondenz mit seinen Freunden in Böhmen. Er wusste dadurch zum Beispiel, dass nahe von Prag ein Jan-Žižka-Denkmal gebaut werden sollte, worüber er sich sehr freute. Der letzte Husit lässt grüßen, so beendete er damals seine Briefe. Dann schrieb er jedoch immer weniger. In einem Brief aus dem Jahre 1887 teilte er mit, dass bei ihm in der Gegend eine Pockenepidemie ausgebrochen sei. Ein paar Wochen später erreichte eine kurze amtliche Nachricht seine Heimatstadt Turnov: Čeněk Paclt sei im Alter von 74 Jahren in seinem Zelt bei einem Fluss tot aufgefunden worden, er habe dort nach Edelsteinen gesucht.