Böhmen im Mittelalter: Schmelztiegel der Kulturen?

Das heutige Tschechien war immer Durchzugsgebiet verschiedenster Völker. Mal mit kleineren, mal mit größeren Konflikten.

Martin Nodl (Foto: Hynek Bulíř, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Martin Nodl (Foto: Hynek Bulíř, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Die Tschechische Republik zählt zu den ethnisch homogensten Staaten Europas. Der Anteil der Minderheiten liegt laut der Volkszählung von 2011 bei knapp fünf Prozent, ebenso groß ist der Anteil der Ausländer. Auch die neueste Flüchtlingswelle nach Europa führt an Tschechien praktisch vorbei. In früheren Zeiten war das aber anders.

Denn auch die Tschechen seien einst auch Zuwanderer gewesen, betonen manche Historiker in der aktuellen Migrationsdebatte. Im 5. und 6. Jahrhundert seien slawische Stämme aus der heutigen Ukraine nach Mitteleuropa gekommen, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen. Die Region hat aber auch später weitere Zuwanderungswellen erlebt. Die größte fällt ins 13. Jahrhundert, als Kolonisten aus mehreren deutschen Gebieten nach Böhmen kommen. Sie lassen sich sowohl in neu gegründeten Städten als auch auf klösterlichen Ländereien nieder. Diese Kolonisierung sei wohl friedlich verlaufen, sagt Martin Nodl. Er ist Historiker an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften:

Karte der deutsche Ostkolonisation (Quelle: Ziegelbrenner, CC BY-SA 3.0)Karte der deutsche Ostkolonisation (Quelle: Ziegelbrenner, CC BY-SA 3.0) „Es gibt keine Berichte darüber, dass es irgendwelche Konflikte zwischen den Einheimischen und den Neusiedlern gegeben hätte. Letztere lebten eher für sich. Um die nötigen Geschäfte abzuwickeln, reichten wenige Worte. Auf dem Lande entstand daher zunächst nur ein einziges Problem: Die deutschen Kolonisten brachten ihre eigene Rechtsregeln mit, die sich vom tschechischen Gewohnheitsrecht unterschieden. Im Laufe des 14. Jahrhunderts übernahmen jedoch die Tschechen das deutsche Recht. Wie freiwillig dies geschah, darüber ist nichts bekannt. Wahrscheinlich aber gewährte das deutsche Recht mehr Sicherheit im Alltag als das ursprüngliche tschechische Recht.“

Die Sprachbarriere wird erst später in den neu gegründeten königlichen Städten zum Problem. Obwohl die Deutschen in diesen Städten nur selten die Mehrheit bilden, gehören sie zur reicheren und gebildeteren Schicht. Paradoxerweise gibt dazu die Politik des böhmischen Königs Přemysl Otakar II. den Anlass: Mitte des 13. Jahrhunderts wurde er Herrscher von Österreich. Die Folge war, dass viele Adelige von dort nach Böhmen kommen und Kontakte knüpfen mit dem hiesigen Adel. An immer mehreren Fürstenhöfen wird Deutsch gesprochen, und die deutsche Kultur wird übernommen. Wer zur Elite gehören will, der macht mit – die anderen bleiben außen vor. So wird anfangs der damals sehr beliebte Minnesang ausschließlich deutsch geschrieben, erst im 14. Jahrhundert erscheinen auch tschechische Übersetzungen.

Bewunderung und Neid: die Juden in Böhmen

JudenJuden Eine weitere wichtige Zuwanderergruppe sind die Juden. Ihre Ansiedelung in Prag ist bereits für das 10. Jahrhundert belegt. Woher sie aber kamen, ist nicht so genau bekannt. Martin Nodl:

„Höchstwahrscheinlich kamen die ersten Juden aus Städten in Spanien oder Südfrankreich, sie zogen durch Deutschland nach Böhmen. Über ihre Sprache wissen wir gar nichts, bis ins 13. Jahrhundert bestehen auch keine Informationen über das Leben in den jüdischen Gemeinschaften hierzulande. Die überlieferte Vorstellung, dass die Juden Deutsch gesprochen hätten, trifft erst ab dem 18. und 19. Jahrhundert zu. Im Mittelalter haben sie vielleicht Jiddisch oder Hebräisch gesprochen.“

Wie überall in Europa waren sie auch hier antisemitischer Stimmung ausgesetzt, denn sie seien ja für den Tod des „Erlösers“ Jesus Christus verantwortlich gewesen. Zum Beispiel durften sie an christlichen Feiertagen ihre Häuser nicht verlassen, und sie mussten ein bestimmtes Zeichen an ihrer Kleidung tragen. Die Stellung der Juden in Böhmen war in Vergleich zu anderen Ländern schwieriger, weil hierzulande relativ viele lebten. König Přemysl Otakar II. wollte Konflikte verhindern, indem er die sogenannte Statuta Judaeorum erließ. Dieses Privileg machte die Juden zu Kammerknechten, sie waren also direkt dem König unterstellt. Es bestimmte die Bedingungen, die die Juden erfüllen mussten, um in der christlichen Gesellschaft leben zu dürfen.

Martin Chadima (Foto: Adriana Krobová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Martin Chadima (Foto: Adriana Krobová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Das Privileg setzte auch Regeln für das Gewerbe, die Steuern, aber auch für die religiösen Rituale fest. In Böhmen mussten die Juden dem König immer mehr Steuern zahlen, sagt Martin Chadima, Historiker an der Karlsuniversität:

„Ursprünglich mussten die Juden eine pauschale Steuer an die königliche Kammer zahlen. Schrittweise wurden sie mit weiteren Zahlungen belastet, zum Beispiel für Bekleidung, Lebensmittel, Schmuck, für religiöse Rituale und natürlich für die Waren, mit ihr sie handelten. Die Juden durften nämlich nur Berufe ausüben, die entweder als „neutral“ galten oder die den Christen untersagt waren, zum Beispiel Leder verarbeiten oder Geld leihen. Schließlich standen praktisch alle einflussreichen Menschen bei jüdischen Kreditgebern in der Kreide, vom Bürger über die Adeligen bis hin zum König. Die Zinsen für die Kredite lagen dabei manchmal auch über 10%.“

Pogrom in Prag (14. Jahrhundert)Pogrom in Prag (14. Jahrhundert) Dadurch gab es genug Potenzial für neue Konflikte. Als es 1379 zum ersten großen Pogrom kam, wurde den Juden vorgeworfen, dass sie den Christen die Geschäfte wegnehmen. Darüber hinaus befand sich das Prager jüdische Ghetto mitten der Stadt. Den Reichtum der Juden konnten die christlichen Bürger der Stadt also nicht übersehen. Soll schließlich ein Priester mit einem Juden in Streit geraten sein. In der Nacht darauf stürmte ein wütender Mob das Ghetto, wobei rund 3000 Juden ums Leben kamen.

Der schwierige Begriff der Nation

Doch zurück zur Zuwanderung: Obwohl der Begriff „Nation“ damals anders als heute verstanden wurde, kam es manchmal zu starken Spannungen zwischen den „Hiesigen“ und den „Fremden“. Für die tschechischsprachigen Böhmen waren nicht nur die Deutschen Rivalen, sondern auch die Ungarn oder Polen. In Böhmen war jedoch die Lage sehr spezifisch, meint Martin Nodl:

Jan Hus (Foto: ŠJů, CC BY-SA 3.0)Jan Hus (Foto: ŠJů, CC BY-SA 3.0) „Bereits im 14. Jahrhundert gibt es hierzulande etwas, was sich im Deutschen als ‚Wir-Bewusstsein‘ bezeichnen ließe. Es ist nicht nur ein bloßer Widerstand gegen die anderen, aber ein Versuch um eine Definition der Nation auf sprachlicher Basis. So etwas war auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands nicht möglich, es gab noch keine einheitliche deutsche Sprache. Ein anderes Verbindungselement war die Kultur beziehungsweise die Reformation, die mit Jan Hus aufkam und im 15. Jahrhundert noch an Bedeutung zunahm. Schließlich spielt auch die soziale Abgrenzung eine Rolle. In einer Chronik aus dem 14. Jahrhundert, die später als Dalimil-Chronik bekannt wurde, kamen für damals ungewöhnliche Thesen auf: zur Nation sollen alle Menschen gehören, nicht nur Adelige oder Priester. Dort wurde sogar ziemlich provokant empfohlen, dass der künftige böhmische König lieber eine einfache Bauerntochter aus Böhmen anstatt eine reiche bayerische Prinzessin heiraten sollte. Dieses Verständnis der Nation hatte auch Hieronymus von Prag, ein Mitstreiter von Jan Hus.“

Sprache als Zankapfel

Auszug der deutschen Studenten aus Prag (Foto: Public Domain)Auszug der deutschen Studenten aus Prag (Foto: Public Domain) Diese Entwicklung lässt sich durch Ereignisse an der Prager Universität verdeutlichen. Der Begriff „Nation“ wird damals an allen europäischen Hochschulen benutzt, aber er bezieht sich auf die territoriale Herkunft. In Prag setzt sich zu Beginn des 15. Jahrhunderts das sprachliche Kriterium durch, es ist im Kuttenberger Dekret von 1409 verankert. Aus der heutigen tschechischen Sicht handelte es sich damals um einen Kampf der Tschechen gegen die Deutschen. Martin Chadima betont jedoch, es ging um einen rein politischen, nicht aber nationalen Konflikt:

„Wenzel IV. verlor den Boden unter seinen Beinen und träumte davon, Kaiser des Römischen Reiches zu werden. Dazu brauchte er die Unterstützung des Papstes, die Kirche steckte damals aber im Doppelpapstum und wollte den Konflikt durch die Wahl eines dritten Kandidaten zu lösen. Das Wort der Prager Universität spielte dabei eine große Rolle. Dort waren jedoch vier Völker vertreten: das böhmische, sächsische, bayerische und polnische. Während die böhmischen Magister praktisch alle reformorientiert waren, blieben die ausländischen Rom treu. Mit ihrer Hilfe konnte also Wenzel nicht rechnen. Deshalb ließ er die Stimmen an der Universität zugunsten der Böhmen ändern. 800 deutschsprachige Studenten und Professoren verlassen aus Protest ihre Alma Mater, sie gehen an die Universitäten in Wien, Heidelberg oder Leipzig. Erst später wird darüber diskutiert, ob die Universität und mit ihr Prag an Bedeutung verlor oder ob es zur Blütezeit im Rahmen der hussitischen Bewegung kam.“