Kapitel aus der Tschechischen Geschichte Berta von Suttner

11-10-2003 | Katrin Bock

Heute wäre sie wohl in Antikriegsbewegungen, als Greenpeace-Kämpferin oder Entwicklungshelferin aktiv. Die Rede ist von Berta von Suttner, die Anfang des 20. Jahrhunderts eine der bekannteste Frauen der Welt war. Geboren wurde die Pazifistin und Schriftstellerin vor 160 Jahren übrigens in Prag. Anlässlich ihres 160. Geburtstages ist derzeit im Prager Pädagogischen Museum eine Ausstellung über die berühmte Tochter der Stadt zu sehen. Ende September fand dort ausserdem eine kleine wissenschaftliche Konferenz über das Leben und Wirken der Berta von Suttner statt.

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Am 9. Juni 1843 erblickte in Prag Berta Felicita Sophie Kinsky das Licht der Welt. Die zukünftige Friedensaktivistin wurde in einer Familie mit langen militärischen Traditionen geboren: ihr Vater war Feldmarschallleutnant und Regimentskommandeur, ihr Grossvater mütterlicherseits Kavalleriekapitän. Die ersten 30 Lebensjahre verbrachte Berta Kinsky wie es für eine Tochter aus ihren Kreisen typisch war: ein bisschen Kultur, ein bisschen Reisen, ein bisschen Gesangsunterricht. Die militärischen Traditionen ihrer Familie und Kreise stellte sie damals noch nicht in Frage. Nach dem Tode des Vaters zogen Mutter und Tochter Kinsky in das mährische Brünn, wo sie rund 20 Jahre lebten. Wie es damals im 19. Jahrhundert üblich war, lebten die Kinskys in den Böhmischen Ländern in einem rein deutschen Milieu. Dazu der tschechische Berta von Suttner-Experte, Dr. Jiri Vancura:

"Sie hat aber nie Tschechisch gelernt, nicht dass sie nicht sprachbegabt gewesen wäre, im Gegenteil - sie war begabt, sie sprach Italienisch, Französisch, Englisch, Deutsch natürlich. Aber weil sie in einem deutschen Milieu lebte, war es nicht nötig, Tschechisch zu lernen."

Alfred Nobel - Nobel-Preis, Foto: CTKAlfred Nobel - Nobel-Preis, Foto: CTK Mit 30 Jahren entschied sich Berta Baronin Kinsky, das erste Mal in ihrem Leben Geld zu verdienen. Sie wurde Gouvernante in der Familie von Suttner und zog nach Wien. Die Entscheidung war schicksalhaft. Denn im Hause Suttner lernte Berta ihren zukünftigen Gatten, den jüngsten Sohn der Familie, kennen und lieben. Doch ehe es zu einer Hochzeit kam, machte Berta Kinsky eine weitere wichtige Begegnung in ihrem Leben: für einige Zeit war sie 1875 Sekretärin von Alfred Nobel in Paris. Die beiden verband daraufhin bis zum Tode Alfred Nobels 1896 eine enge Freundschaft. Es soll der Einfluss Berta von Suttners gewesen sein, der den Erfinder des Dynamit dazu bewog, einen Preis an denjenigen zu erteilen, "der am meisten zur Verbrüderung der Völker und Zerstörung bzw. Dezimierung der Armeen beigetragen oder sich um die Organisation und Unterstützung von Friedenskongressen verdient gemacht hat" - so das Testament von Alfred Nobel.

Als 33jährige heiratete Berta 1876 den um sieben Jahre jüngeren Arthur von Suttner heimlich. Neun Jahre verbrachte das Paar daraufhin im selbst gewählten Exil in Georgien. Hier wandelte sich die Tochter aus Adelskreisen in eine Schriftstellerin, der das Schicksal und die Zukunft der Welt nicht mehr egal war. Nach seiner Rückkehr aus dem Kaukasus engagierte sich das Ehepaar Suttner in den bereits existieren Friedensbewegungen. Berta von Suttner verfasste Artikel und schrieb Bücher. 1889 erschien ihr elftes und bekanntestes Buch: "Die Waffen nieder", eine Anklageschrift gegen die Gräuel des Krieges. Der Roman wurde ein Bestseller und in 12 Sprachen übersetzt. Tschechisch erschien er 1896. Zu den bekanntesten Passagen des Gesellschaftsromans gehört die schonungslose Schilderung des Schlachtfeldes von Königgrätz, wo 1866 eine der blutigsten Schlachten des 19. Jahrhunderts stattfand. Der russische Schriftsteller Lev Tolstoj war beeindruckt von dem Buch und schrieb seiner Autorin:

"Ich schätze Ihr Werk sehr hoch und glaube, dass das Erscheinen Ihres Romans als eine glückliche Vorbedeutung gelten muss. Der Abschaffung der Sklaverei ging das berühmte Buch der Frau Beecher-Stowe "Onkel Toms Hütte" voraus, gebe Gott, dass Ihr Buch der Abschaffung des Krieges vorausgehen möge."

Nach 1889 widmete sich Berta von Suttner ganz der Friedensarbeit. Sie gründete die österreichische Friedensgesellschaft, war Herausgeberin einer pazifistischen Zeitung, setzte sich für die Schaffung eines internationalen Schiedsgerichtshofes ein und war Mitbegründerin des internationalen Friedensbüros in Bern. 1899 half sie bei der Organisation der ersten Friedenskonferenz in Den Haag. Berta von Suttner war zu jener Zeit die wohl bekannteste Frau Europas. Ihre Aktivitäten riefen jedoch nicht nur Bewunderung hervor, so Dr. Vancura:

Berta von SuttnerBerta von Suttner "Natürlich hat sie nicht nur Bewunderung und Interesse geweckt, sondern auch Kritik, oft zitiert ist ein Gedicht von Rainer Maria Rilke, in dem er sie lächerlich macht. Sie war oft Ziel humoristischer Zeitungen, in Wien, wo sie die "Friedensberta" genannt wurde - später nannten sie sie auch die "Judenberta", wegen ihrer Freundschaft mit Theodor Herzl. Ich glaube, Berta von Suttner war über die Kritik erhaben, auch wenn es sie im Inneren sicher getroffen hat."

Berta von Suttner hielt in ganz Europa und den USA Vorträge. Eine der Vortragsreisen führte sie Ende der 1890er Jahre in ihre Geburtsstadt Prag:

"Sie hat Prag Ende der 90er Jahre besucht - vielleicht war sie auch öfter hier, aber das ist der einzige Besuch, den sie in ihren Tagebüchern erwähnt - Grund für ihren Besuch war eine Vorlesung in der damaligen Gesellschaft Concordia, die sich im Deutschen Haus auf dem Graben in Prag traf. Thema der Vorlesung war die Friedensliteratur. Dort hat sie das Entsetzen des Publikums hervorgerufen, indem sie Verse von Svatopluk Cech und Vrchlicky zitierte. Das damalige deutsche Prag war an so etwas nicht gewöhnt, denn die tschechische Gesellschaft trennte sich konsequent von der deutschen und die deutsche von der tschechischen. Ich gebe zu, dass Berta von Suttner dieses zunächst nicht gewusst hat, aber als sie von der strikten Trennung erfahren hat, hat sie trotzdem nichts an ihrem Programm geändert. Am folgenden Tag hat sie sogar den Dichter Vrchlicky besucht - denn die beiden verbannt eine Freundschaft."

Wie überall in Europa sollte auch in den Böhmischen Ländern eine Friedensgesellschaft gegründet werden. Berta von Suttner wollte dabei mithelfen, stellte jedoch eine Bedingung: Deutsche und Tschechen sollten Mitglied der böhmischen Friedensgesellschaft sein - doch dies war angesichts der nationalen Spannungen zu jener Zeit unmöglich. Da sich Deutsche und Tschechen nicht einigen konnten, entstand in den Böhmischen Ländern damals keine Friedensgesellschaft.

1905 wurde die Arbeit Berta von Suttners international gewürdigt: als erste Frau erhielt sie den Friedensnobelpreis. Weder diese Auszeichnung noch der Tod ihres geliebten Mannes 1902 hielten sie davon ab, auch weiterhin in Sachen Frieden aktiv zu sein. Bis zu ihrem Tode am 21. Juni 1914 war die gebürtige Pragerin aktiv in Sachen Frieden unterwegs. Eine Woche nach ihrem Tode fielen die Schüsse von Sarajevo. Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat Berta von Suttner nicht mehr erlebt.

Doch was für eine Frau war diese Berta von Suttner, geborene Kinsky - dazu noch einmal ihr tschechischer Bewunderer, Dr. Jiri Vancura:

"Was mich fasziniert ist ihre Lebensgeschichte, nicht nur die Dramatik sondern auch ihre Unabhängigkeit, ihre Fähigkeit unkonventionell zu sein. Sie hat es geschafft, durch ihr eigenes Schicksal den Frauen ein Beispiel zu geben, sich frei zu fühlen. Sie war aber keine Suffragette, keine Feministin, wie wir sie heute definieren. Berta von Suttner war wirklich eine edle und destingierte Dame. Dann ihre Einstellung zu Unterdrückten, seien es nun Einzelne oder Völker - immer stand sie auf der Seite der Unterdrückten. So warf man ihr vor, keine echte Patriotin zu sein, weil sie z.B. die Interessen der Tschechen verstand. Durch ihre Lebenseinstellung, ihr unkonventionelles Verhalten in bestimmten Lebenssituationen gab sie ein Beispiel für andere."

Berta von Suttner geriet hierzulande in Vergessenheit. Bis vor ca. 15 Jahren war sie unbekannt, nur in grossen Enzyklopädien wurde sie in kurzen Passagen als Schriftstellerin erwähnt. Den Kommunisten war eine Adelige aus Zeiten der Habsburger Monarchie, die sich für Frieden und Völkerverständigung einsetzte, suspekt und so verschwieg man ihre Existenz lieber. Auch heute erinnert in ihrer Geburtsstadt Prag nichts an diese große Tochter der Stadt. Das Haus in der Nähe vom Wenzelplatz, in dem sie zur Welt gekommen ist, steht nicht mehr und auch am Familienpalast der Kinskys auf dem Altstädterring findet sich keine Gedenktafel. Dr. Vancura hofft, dass Berta von Suttner einmal die Anerkennung erfährt, die sie verdient:

"Persönlich hoffe ich, dass ich es noch erleben darf, dass es vielleicht eine Berta von Suttner Strasse in Prag geben wird oder vielleicht ein Denkmal, denn sie würde sich dies verdienen."

Soweit Dr. Jiri Vancura, der seit Jahren über Berta von Suttner forscht, und soweit auch das heutige Geschichtskapitel.

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