Belogen und betrogen – Währungsreform 1953

Um die Tschechoslowakei vor dem Staatsbankrott zu bewahren, zog die kommunistische Führung im Juni 1953 eine Währungsreform durch. Diese Maßnahme brachte die Bevölkerung um große Teile ihrer Ersparnisse. Und in einigen Städten kam es zu unerwartet heftigen Protesten.

100 Kč nach der Währungsreform 1953100 Kč nach der Währungsreform 1953 Ein klein wenig Wohlstand – das war nach den Entbehrungen des Krieges auch der Traum der Menschen in der kommunistischen Tschechoslowakei. Dazu gehörten Dinge, die sich heute eigentlich jeder leisten kann. So erzählte vor kurzem etwa in einem Rundfunk-Feature dieser Mann aus Plzeň / Pilsen, wie er gerade dabei war, eine Familie zu gründen:

„Wir wollten im Jahr ´53 ein Kind haben. Deswegen haben wir auf einen Kinderwagen gespart. Dann kam die Währungsreform, und aus war es mit dem Kinderwagen. Eine kleine Sache nur, uns hat das damals aber sehr zugesetzt.“

Antonín Zápotocký (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)Antonín Zápotocký (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks) Dass die Währungsreform kommt, das versucht die kommunistische Führung möglichst lange geheim zu halten. Wenige Wochen vor dem Schnitt wiegt Staatspräsident Antonín Zapotocký die Bürger noch in vermeintlicher Sicherheit. In einer Rede betont er, die tschechoslowakische Krone sei stabil. Historiker halten dies heute für eine glatte Lüge. Denn die zentrale Lenkung der Wirtschaft schafft in den 1950er Jahren enorme Ungleichgewichte. Der Wirtschaftshistoriker Zdeněk Jirásek lehrt an der Universität im schlesischen Opava / Troppau:

„Die Staatsführung hatte die Wirtschaft in den Jahren 1949 bis 1952 in eine sehr schwierige Lage gebracht. Die Folge war eine profunde und weitreichende Krise. Dazu kam eine unglaublich hohe ungedeckte Kaufkraft der Bevölkerung, die durch die Löhne entstanden war. Diese konnte nur radikal beschnitten werden.“

Lukáš Kovanda (Foto: Draceane, CC BY-SA 4.0)Lukáš Kovanda (Foto: Draceane, CC BY-SA 4.0) Und der Volkswirt Lukáš Kovanda, der unter anderem an der Prager Wirtschaftsuniversität lehrt, meint:

„Die Tschechoslowakei war damals vor allem stark verschuldet. Dies war zum Teil eine Folge der Kriegswirtschaft, die die nationalsozialistischen Besatzer betrieben hatten. Die deutschen Truppen hinterließen einen Schuldenberg von 73 Milliarden damaligen Kronen. Zum anderen Teil ging dies auf die Erhöhung der staatlichen Ausgaben in den Nachkriegsjahren zurück. Das Geld floss in die soziale und die gesundheitliche Versorgung, aber auch in die Rüstungsindustrie. Außerdem war die zentrale Wirtschaftsleitung während des ersten Fünfjahresplans nur ineffizient.“

Verdeckter Staatsbankrott

Bereits im Oktober 1945, also noch vor der kommunistischen Machtübernahme, werden große Teile der Schlüsselindustrien verstaatlicht. Der Wiederaufbau der Wirtschaft wird von Anfang an zentral gelenkt. Doch der erste Fünfjahresplan unter kommunistischer Führung kopiert völlig undifferenziert das sowjetische Vorbild – auch in seinen Schwerpunkten. Diese sind eine weitere Industrialisierung in einem Land, das vor dem Krieg zu einem der modernsten in Europa gehört hat. Dazu kommt eine Kollektivierung ebenfalls nach bolschewistischem Vorbild. Vor allem aber wird die Schwerindustrie ausgebaut.

Rationierungssystem (Foto: Archiv des Staatlichen Bezirksarchivs České Budějovice)Rationierungssystem (Foto: Archiv des Staatlichen Bezirksarchivs České Budějovice) „Für die Wirtschaft war dies ein ziemlicher Schock. Die Fokussierung auf die Schwerindustrie und die zentrale Steuerung mündeten in Lücken bei der Versorgung der Menschen. Es fehlte an Waren, deswegen behielt man das Rationierungssystem aus Kriegszeiten bei. Bei einer Abschaffung der Gütermarken hätte aber eine enorme Teuerungswelle gedroht, die die Kommunisten nicht wollten. Deswegen entschieden sie sich für eine Währungsreform, die zu Teilen von Moskau unterstützt wurde. Und Experten aus der Sowjetunion beteiligten sich an den Planungen für die Reform“, so Lukáš Kovanda.

Die tschechoslowakische Regierung bezeichnet damals ihr Vorhaben natürlich nicht als Niederlage der bisherigen Politik. Ganz im Gegenteil, wie Ministerpräsident Viliam Široký zunächst am 30. Mai, einem Samstag, im Parlament ausführt:

„Die Durchführung der Währungsreform und die Abschaffung des Zuteilungssystems für Nahrungsmittel und Industriegüter ist ein deutlicher Beweis für die bedeutenden Erfolge bei der Entwicklung der Volkswirtschaft auf den neuen, sozialistischen Grundfesten. Und sie beweisen die effiziente Hilfe durch die Sowjetunion.“

Bis zur Reform ist die tschechoslowakische Krone noch an den amerikanischen Dollar gebunden. Das ist Moskau natürlich auch ein Dorn im Auge. Deswegen sagt Široký bei seinem Auftritt im Parlament auch:

Viliam Široký (Foto: Tschechisches Fernsehen)Viliam Široký (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Eine große Bedeutung hat der Umstand, dass unsere Krone in Zukunft fest an den sowjetischen Rubel gebunden sein wird – und damit an die härteste Währung weltweit. Das ist die Währung des Landes, das siegreich auf dem Weg zur höchsten Stufe des Kommunismus schreitet.“

Danach kündigt Široký auch im Tschechoslowakischen Rundfunk die Währungsreform an. Schon am übernächsten Tag müssen die Bürger ihre alten Kronen in neue tauschen, und das zu äußerst ungünstigen Konditionen.

Aufstand der Škoda-Arbeiter

Schon vorher ist auf den Straßen bereits darüber getuschelt worden. Das Regime will durch den knappen Termin eigentlich verhindern, dass sich Protest formieren kann. Doch genau dazu kommt es, und zwar spontan in vielen Dutzend Städten. Am größten sind die Proteste beim Maschinenbauer Škoda in Plzeň / Pilsen. Denn den Arbeitern dort sind zuvor 3000 Kronen Prämie versprochen worden. Ladislav Davidovič macht damals dort eine Lehre zum Werkzeugmacher. Vor einigen Jahren erinnerte er sich in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

Proteste in Pilsen 1953 (Foto: Archiv des Staatlichen Bezirksarchivs České Budějovice)Proteste in Pilsen 1953 (Foto: Archiv des Staatlichen Bezirksarchivs České Budějovice) „Am 1. Juni, einem Montag, sind wir vor den Sitz der Firmenleitung gezogen. Die Arbeiter wollten wissen, was mit ihrem Geld wird. Letztlich wurde es ihnen praktisch gestohlen. Denn 300 Kronen Bargeld konnte man zum Kurs von fünf zu eins umtauschen, man bekam also 60 Kronen heraus. Der Rest aber wurde im Verhältnis 50:1 umgetauscht. Von den 3000 Kronen blieben also nur noch 60 übrig.“

Die Arbeiter sind erbost und formieren sich zum Demonstrationszug. Der gelangt sogar bis ins Pilsner Rathaus. Die aufgebrachten Škoda-Beschäftigten plündern den Sitz des Bürgermeisters. Der Protest dauert allerdings nur wenige Stunden. Ein großes Aufgebot an Sicherheitskräften stoppt den Marsch. Außerdem beobachtet die Staatssicherheit das Geschehen. Und noch am Nachmittag starten die Verhaftungen. Auch Ladislav Davidovič wird später von der Arbeit abgeführt, genauso wie seine zwei Schwestern. Die Urteile werden zum Teil nach Adhoc-Verfahren gesprochen.

Miroslav Breitfelder (Foto: Ľubomír Smatana, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Miroslav Breitfelder (Foto: Ľubomír Smatana, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Vlasta bekam ein halbes Jahr, Lida ein dreiviertel Jahr und ich ein Jahr. Und das, obwohl ich erst 17 Jahre alt war“, so Davidovič.

Dabei hat er noch Glück im Unglück. Denn manche Beteiligten erwischt es äußerst hart. Es sind vor allem jene, die die Staatssicherheit ohnehin schon auf dem Kieker hat. Der Pilsner Historiker Miroslav Breitfelder:

„Bei über einem Dutzend großen Strafverfahren erhielten die Verurteilten bis zu 14 Jahre Gefängnis. Und sie wurden in die Uranstollen nach Jáchymov gebracht, ins Straflager Barbora. Dort wurden sie dann sogar noch in einer eigenen Baracke isoliert.“

Insgesamt werden den Quellen nach landesweit rund 650 Menschen im Zusammenhang mit den Protesten verhaftet. 200 von ihnen wird der Prozess gemacht. Der Rest muss auf Anordnung in ärmliche Verhältnisse aufs Land ziehen.

Verarmte Bevölkerung

Foto: YouTubeFoto: YouTube Bestraft fühlt sich aber auch die gesamte tschechoslowakische Bevölkerung – außer den Parteibonzen, die rechtzeitig ihre Ersparnisse zum Beispiel in den Kauf von Immobilien gesteckt haben. So werden auch die Ansprüche durch Staatsanleihen oder Lebensversicherungen und Sozialversicherungen völlig wertlos. Die Folge: eine Verarmung der Bevölkerung.

„Die Ausmaße hingen natürlich von der jeweiligen Bevölkerungsgruppe ab. Am stärksten verarmten Familien mit zwei oder mehr Kindern. Und allgemein: Bei Industriearbeitern sank der Lebensstandard um etwa 12 bis 14 Prozent, bei weiteren Teilen der Bevölkerung war es eher noch mehr. Denn zum einen wurden die Zuteilungen abgeschafft, zum anderen aber auch jeglicher freier Markt. Die Preise wurden irgendwo auf halber Höhe festgelegt, dadurch verteuerten sich besonders Lebensmittel. Die Löhne stiegen aber nicht in entsprechendem Umfang. Deswegen kam es eindeutig zu einer Verarmung der Bevölkerung“, so Breitfelder.

Das hat Auswirkungen bis weit in die 1960er Jahre. Tatsächlich muss das Regime mehrere Male bei bestimmten Gütern die Preise wieder heruntersetzen. Der Reformdruck bleibt jedoch bestehen. Und das in unterschiedlicher Intensität bis zum Zusammenbruch des Systems im Herbst 1989.