Kapitel aus der Tschechischen Geschichte 70 Jahre Radio Prag: Aus dem Tonarchiv des Tschechischen Rundfunks
Radio Prag feiert in diesem Sommer 70 Jahre seines Bestehens. Am 31. August 1936 erklang die erste Auslandssendung des damaligen Tschechoslowakischen Rundfunks. Jakub Siska hat sich dieser Tage in unserem Archiv umgesehen und ein paar bemerkenswerte Aufnahmen gefunden.
Der Tschechoslowakische Rundfunk begann am 18. Mai 1923 regelmäßig zu
senden. Bereits in den zwanziger Jahren gab es deutsch gesprochene
Programme, die sich jedoch an die deutsche Minderheit innerhalb der
Tschechoslowakei richteten. Nachdem 1933 die Nazis in Deutschland Macht
ergriffen hatten, verschärfte sich die politische Lage in Mitteleuropa,
die Tschechoslowakei war der gehässigen medialen Propaganda aus Berlin
ausgesetzt.
Um der nazistischen Demagogie widerstehen zu können, entschied sich die tschechoslowakische Regierung, ihre Standpunkte auch über das Radio im Ausland zu verbreiten. Die Hauptrolle spielte dabei der damalige Außenminister Edvard Benes. Seine Eröffnungsrede blieb leider nicht bis heute erhalten. Lassen Sie uns aber einen Ausschnitt aus einer späteren Sendung hören. Im April 1938 sprach er, bereits als Präsident, über Krieg und Frieden.
"Ich verschließe vor der ernsten Situation nicht die Augen. Ich will nicht nur grundlos und vorübergehend beruhigend einwirken und offiziellen Optimismus verbreiten. Jeder verantwortliche Staatsmann und Politiker muss heute den Ernst der Situation sehen und danach seinen Staat leiten und vorbereiten. Das alles tun wir. Wir wollen unseren Staat vor allen Gefahren bewahren, wir bemühen uns, unsere Pflicht voll und ganz zu erfüllen und wir bereiten uns auf alles vor. Und wir sind tatsächlich auf alles vorbereitet. Aber wir unternehmen alles, wodurch wir zur Erhaltung des Friedens beitragen können. Wir bemühen uns, alles zu unterlassen, was die internationale Spannung zwischen den Großmächten fördern könnte. Wir suchen aufrichtig eine wahrhafte und dauerhafte Verständigung mit allen unseren Nachbarn. Gegen eine solche Verständigung liegen bei uns keine Einwendungen oder Hindernisse vor."
Radio Prag bemühte sich damals, auch Stimmen von Deutschen zu
präsentieren, die sich für die Tschechoslowakei aussprachen. Einer von
ihnen war Hans Schütz, ein sozialdemokratischer Abgeordneter des
tschechoslowakischen Parlaments. Hören Sie eine Kostprobe aus seinem
Vortrag "Die Aufgaben der Tschechen und Deutschen in unserem
Staat", aus dem Jahre 1937:
"Ich dürfte kein gläubiger Christ sein, um nicht hier am Mikrofon, zwei Tage vor dem Pfingstfest, in dem Bewusstsein zu tschechischen Mitbürgern Landsleuten sprechen zu dürfen, an das Pfingstwunder zu denken. Freilich, Petrus sprach nicht in das Mikrofon, aber er sprach zu Männern aus Midea, Judäa und Mesopotamien, zu Kretern und Persern und alle verstanden ihn. Wenn es doch in unserem Lande ein immer währendes Pfingstwunder gäbe. Auf dass wir uns alle immer verständen. Es liegt nicht in der Macht von uns Sterblichen, das Wunder des heiligen Geistes in unserem Lande zu setzen, aber es liegt in unserer Macht mit den Mitteln des menschlichen Geistes und des menschlichen Herzens versöhnende und Menschen verbindende Taten zu setzen. Wieder darf ich ein Bild der Bibel zitieren. "
Albert Einstein
Da geht ein Mensch von Jerusalem nach Jericho und fällt unterwegs in die
Hände der Räuber. Die berauben ihn, sie ziehen ihn aus und schlagen ihm
Wunden und lassen ihn liegen. An ihm geht vorbei ein Priester, ein Mann
seines Blutes und seines Glaubens. Er sieht den Verwundeten und geht
seines Weges. Und es geht vorüber ein Levit, einer aus der Kaste der
Frommen. Er sieht ihn und kümmert sich nicht um ihn. Und es reitet vorüber
ein Fremdling. Ein Mann fremden Glauben, fremden Blutes. Er sieht ihn,
steigt von seinem Reittier, gießt Öl in seien Wunden, verbindet sie.
Kurzum er hilft, wo er nur helfen kann. Und Christus sagt: "Der war
der Nächste, der dem Verwundeten half. Nicht Mann der gleichen Sprache,
nicht der Mann des gleichen Glaubens und gleichen Blutes. Der Mann der
werktätigen Hilfe, das ist unser Nächster."
Radio Prag nützte in der Krisenzeit kurz vor dem Zweitem Weltkrieg auch die Kontakte zu ausländischen Freunden der Tschechoslowakei. Zu ihnen zählte unter anderem der weltberühmte Physiker Albert Einstein. Zu Weihnachten 1937 verband er sich über den Rundfunk mit dem tschechischen Erfinder Frantisek Krizik, der für ihn eine Botschaft hatte:
"Professor Einstein, es ist mir wirklich eine große Freude, Sie im Namen der tschechoslowakischen Wissenschaft und Technik persönlich ansprechen zu dürfen. Wir sind voneinander entfernt und doch so nah. Der technische Fortschritt hat die Distanzen in aller Welt verkürzt. In 90 Jahren meines Lebens und in 70 Jahren Arbeit in der Elektrotechnik habe ich eine schwunghafte Entwicklung der Industrie miterlebt. "
Frantisek Krizik
"Ich möchte Ihnen, dem großen Wissenschaftler und Denker meine Überzeugung
zum Ausdruck bringen, dass die Wissenschaft die Menschen und Völker
einander näher bringt. Die Menschheit wird schließlich begreifen, dass sie
dem Guten und der Nächstenliebe verpflichtet ist. Das ist der Ausdruck
meines Glaubens an die Verständigung und an den Frieden zwischen Menschen
guten Willens."
Und Einstein antwortet aus den Vereinigten Staaten.
"Dieser Weihnachtsgruß aus Prag ist in Wahrheit an alle diejenigen gerichtet, denen in dieser Zeit der Verwirrung die Erhaltung der geistigen Güte am Herzen liegt. Wir alle wissen, dass die Tschechoslowakei unter schwierigen Bedingungen jene politischen Freiheiten und Menschenrechte schützt, ohne die eine Blüte des geistigen Lebens unmöglich ist. Deshalb sind die Hoffnungen und herzlichen Wünsch aller Freunde der Wahrheit, Menschlichkeit und Freiheit auf die im Herzen Zentraleuropas gelegene Tschechoslowakische Republik gerichtet, die unter der Führung ungewöhnlich weit blickender und weiser Männer imstande war und ist für eine bessere Zukunft Europas erfolgreich zu wirken.
Ich will nicht leugnen, dass das Verhalten der politischen Mächte auch
Personen von mäßigem Optimismus tief enttäuscht hat. Kaum wird es einer
noch wagen, seine Hoffnungen auf den Gerechtigkeitswillen der Menschen zu
legen. Es bleibt aber doch die Hoffnung, dass eine kommende Generation aus
nüchternem Egoismus heraus dahin kommen wird, die dauernde Befriedigung der
Welt durch kraftvolles und ehrliches Zusammenwirken zu erzwingen. Diese
Generation ersehne und beneide ich. Ich danke den Gesinnungsfreunden in
Prag herzlich für diesen Gruß und füge den tief gefühlten Wunsch bei, dass
das Euch gegebene Vorbild sich zum Heil aller auswirken möge."
Zur Zeit des Eisernen Vorhangs wurde Radio Prag Diener der kommunistischen Propaganda - mit einer einzigen Ausnahme: In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre kam es zur politischen Reform in der Tschechoslowakei, der Rundfunk sendete ohne Zensur. Die Störsender in der ehemaligen DDR wandten sich damals sogar von westlichen Stationen ab - und konzentrierten sich lieber auf Radio Prag.







