Kapitel aus der Tschechischen Geschichte 19. Jahrhundert: Sudetendeutsche Auswanderungspioniere in Brasilien (2. Teil)
„Tschechische Spuren in Brasilien“ ist der Titel einer Ausstellung, die Mitte September auf der Prager Burg eröffnet wurde. Radio Prag berichtete darüber vor einer Woche in der Sendung „Kapitel aus der tschechischen Geschichte“. Die Rede war von Aussiedlern, die im 19. Jahrhundert aus überwiegend deutschsprachigen Gebieten Böhmens und Mährens nach Brasilien gingen. In die Neue Welt haben sie außer Mut und Phantasie auch viele Kenntnisse mitgebracht und dadurch ihre neue Heimat in bestimmten Dingen geprägt. Einen Einblick in Lebensgeschichten dieser Menschen bietet auch die erwähnte Ausstellung, so zum Beispiel durch authentische Dokumente, Photos und Texte. Dass dies alles nun auf der Prager Burg zu sehen ist, dafür ist in hohem Maße auch Petr Polakovič verantwortlich.
Petr Polakovič
Vor einigen Jahren hat Petr Polakovič den „Verein Náhlov im
Ralsko-Gebiet“ (Sdružení Náhlov v oblasti Ralsko) gegründet. Ziel
ist, ein Museum der Auswanderung nach Brasilien aufzubauen. Dieses
könnte,
wenn alles gut geht, 2012 eröffnet werden. Anfangs wollte Polakovič die
Spuren eigener Vorfahren in Brasilien suchen. Mittlerweile hat sich aber
sein Aktionsradius wesentlich erweitert:
„Im Jahr 2009 habe ich einen Monat in Brasilien verbracht, und das war der längste meiner bisherigen vier Aufenthalte. Im ersten Teil unseres Gesprächs habe ich über Menschen erzählt, die aus Nordböhmen stammten. Diesmal habe ich eine für mich neue deutschprachige Gemeinde in Brasilien besucht, deren Vorfahren aus dem Böhmerwald kamen. Auch dafür habe ich dort Beweise in Archiven gefunden.“
Kaiser Pedro II.
Nach dem Tod der Kaiserin Leopoldine, der österreichischen Ehefrau des
brasilianischen Kaisers Pedro I., lebte ihre Idee weiter, den Süden des
Landes mit Kolonisten aus Mitteleuropa zu besiedeln. Und zwar durch ihren
Sohn, Kaiser Pedro II., und ihre Tochter Franziska, der Erbin von
riesengroßer Ländereien im brasilianischen Gebiet Santa Catarina.
Franziska und ihr französischer Gemahl verkauften das Land an eine Gruppe
von Hamburger Kaufleuten. Ihr „spiritus agens“ war Senator Christian
Schröder, auf dessen Initiative hin der „Colonisations-Verein von 1849
in Hamburg“ - so der offizielle Titel - mit dem Ziel gegründet wurde,
eine Kolonie in Brasilien aufzubauen. Von Hamburg aus wurde das
Auswanderungsprojekt durch Agenten des Vereins bald auch in den
deutschsprachigen Gebieten Böhmens und Mährens propagiert. Petr
Polakovič:
Liberec in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
„Neben Leipzig und Dresden galt damals auch Reichenberg / Liberec
als
ein bedeutendes Zentrum, in dem die Auswanderung nach Brasilien in Form
von
fix geschnürten Paketen mit verschiedenen Begünstigungen angeboten
wurde.
Durch die Agenten gelangten die Informationen offenbar bis in den
Böhmerwald. Und so findet man in Brasilien noch heute die Spuren von
Siedlern, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Beispiel aus
Neuern / Nýrsko, Eisenstrass / Hojsova Stráž, Hammern / Hamry oder
Flecken / Fleky ausgewandert sind. Oder auch aus Rotbaum. Diese Gemeinde
gibt es aber heute nicht mehr. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie - wie
schließlich viele andere Gemeinden der Region - zum Verfall
verurteilt.“
Spuren kleinerer Auswanderergruppen muss man in brasilianischen Archiven suchen
In brasilianischen Archiven ist Petr Polakovič auch auf die Spuren
kleinerer Auswanderergruppen aus Mähren gestoßen wie zum Beispiel aus
Römerstadt / Rýmařov oder Schönberg / Šumperk. Es ist allgemein
bekannt, dass die Aussiedler ihre Standorte in der Neuen Welt gerne mit
Namen ihrer Geburts- oder Wohnorte in der alten Heimat benannt haben. Im
Bundesstaat São Paulo wurde zum Beispiel eine Kleinstadt nach dem
ostböhmischen Braunau / Broumov benannt. Ortsnamen, die auf böhmischen
Ursprung hindeuteten, hat Polakovič bei seinen ersten drei
Brasilien-Reisen in den von ihm besuchten Gebieten nicht viele gefunden.
2009 hörte er bei seinem Besuch in Venancio Aires eine plausible
Erklärung:
„Dort hat man mir Folgendes erzählt: 1930 kam Getúlio Vargas als Präsident Brasiliens an die Macht. Er war den deutschsprachig besiedelten Gebieten nicht besonders geneigt. Nach seinem Wunsch sollten alle Brasilianer portugiesisch sprechen. Mein brasilianischer Verwandter zum Beispiel wurde von Kindheit an Lothar genannt. Später aber musste er sich in Lotarius umnennen. Ähnlich sollten damals wohl auch die deutschen Ortsnamen aus dem Sprachgebrauch verschwinden. Dies durchzusetzen, ist Präsident Vargas mancherorts auch gelungen. Später, während des Zweiten Weltkrieges, haben unsere Landsleute sogar Dokumente aus dem Privatarchiv ihrer Familien aus Angst vor irgendwelchen Kontrollen verbrannt. Das ist schade, denn damit sind viele in den Archivalien enthaltene Informationen und Daten verloren gegangen.“
Getúlio Vargas
Dennoch sind auch heute in Brasiliens Städten immer noch Klingelschilder
zu finden, die Namen von Auswanderern aus Böhmen tragen – Greschl,
Großkopf, Zyperer und andere. Überlebt haben aber vor allem viele
Erinnerungen an sie.
„Am 5.Mai 1877 begann unsere Seefahrt mit dem Dampfschiff ´Montevideo´ nach Brasilien. Wir waren um die 150 böhmische Deutsche, zum Großteil verheiratet. Mit dabei waren nur ein paar junge unverheiratete Männer, die vor dem verhassten Wehrdienst fliehen wollten.“
So erinnerte sich einer der Auswanderer in seinen Memoiren, die 1938 unter dem Titel „Lebenslauf von Josef Umann“ zum ersten Mal in Santa Cruz do Sul als Druckschrift erschienen. 2008 erschienen sie in tschechischer Übersetzung unter dem Titel „Aus dem Isergebirge nach Brasilien“. Der 1850 in Rokytnice am Fuße des Erzgebirges geborene Umann beschreibt darin sein schweres Leben als Handwerker in Nordböhmen und anschließend auch den schwierigen Start in Brasilien. Dorthin gelangte ist er mit seiner Familie und anderen Schiffpassagieren nach 19 Tagen Seefahrt. An die böhmischen Aussiedler in Brasilien erinnern sich natürlich in erster Linie ihre Nachkommen in der vierten oder dritten Generation. Einer von ihnen ist:
Patrick Gschwend mit Ovidio Hillebrand
„Ovidio Hillebrand aus Rio Grande do Sul in Südbrasilien. Aus der
Stadt
Nova Petropolis.“
So stellte sich voriges Jahr der 70-jährige Herr Hillebrand meinem Kollegen Patrick Gschwend im ostböhmischen Dobruška vor. Nach Tschechien kam er zum Tschechischkurs, den die Prager Karlsuniversität jeden Sommer für Ausländer aus der ganzen Welt veranstaltet. Tschechisch lerne er deswegen, erzählte er, weil Tschechien das Land sei, aus dem seine Vorfahren stammen - aus Friedland, Blottendorf und Dittersbach im Sudetenland. Es war Hillebrands Urgroßvater, der nach Brasilien ging:
Spuren kleinerer Auswanderergruppen muss man in brasilianischen Archiven suchen
„Er kam 1877 im Alter von 30 Jahren dort an. Wir besitzen seine
Auswanderungsgenehmigung, die vom Militär ausgeliefert wurde. Dadurch
wissen wir, dass er eine Lizenz brauchte, um auszuwandern. Mein Vater hat
immer erzählt, dass sein Großvater, mein Urgroßvater also, fünf Jahre
lang Wehrpflichtdienst hätte leisten müssen. In der Zeit, als er zur
Welt
kam, gab es ja so viele Kriege in ganz Europa. Das war selbstverständlich
auch eine Motivation zur Auswanderung nach Brasilien.“
Die alten Dokumente seiner Vorfahren sind für Ovidio Hillebrand wahre Schätze, die er in seinem Privatmuseum in Nova Petropolis auch interessierten Besuchern gerne zeigt. Er spricht über sie mit unüberhörbarem Stolz. Manches der Archivalien erweckt in ihm die Neugier, mehr zu erfahren:
„Ein altes Dokument, das wir zu Hause in einem Koffer gefunden haben, ist ein Waffenpass - ´zbrojní pas´. In Deutsch und Tschechisch geschrieben. Man kann darauf beide Sprachen unserer Völker, die sieben Jahrhunderte zusammen gelebt haben, sehen. Später gab es aber Probleme, die Geschichte kennen wir ja alle. Der Waffenpass ist ein Dokument, das ich gerne zeige, weil es auch davon zeugt, dass damals hierzulande Tschechisch und Deutsch gesprochen wurde. Ein anderes Dokument, das meinem Großonkel gehörte, zeugt wiederum davon, dass er ein Jahr in Turnau / Turnov (Nordböhmen, A. d. R.) in einer tschechischen Schule war. Ich möchte gerne wissen, ob er auch später Tschechisch gelernt hat.“
Friedhof in Linha Imperial mit den Gräbern der Auswanderer aus dem Gebiet Gablonz, bzw. Friedland (Foto: http://remix.nicm.cz)
Ovidio Hillebrand, der einem Verein böhmischer Auswanderer in Nova
Petropolis angehört, ist auch aus Anlass der Ausstellung „Tschechische
Spuren in Brasilien“ nach Prag gekommen. In dieser Woche war er aber auf
Reisen in Nordmähren. Aus demselben Grund weilte dieser Tage in Prag auch
Flávio Seibt, der 1994 ein Museum der Auswanderung aus Böhmen nach
Brasilien in Venancion Aires, Bundesstaat Rio Grande do Sul, mitbegründet
hat. Über die Ausstellung „Tschechische Spuren“ hat er sich gefreut.
Ebenso wie sein Freund Petr Polakovič:
„Ich war begeistert, als sich die Möglichkeit ergab, diese Ausstellung auf der Prager Burg zu veranstalten. Für das Projekt unseres Vereins, 2012 ein Museum zur Auswanderung deutschsprachiger Böhmen nach Brasilien zu eröffnen, war es ein großartiger Impuls. Und auch eine große Hilfe. Wir haben uns nämlich zum Ziel gesetzt, etwas mehr bewusst zu machen, dass auch Menschen aus Böhmen, die fleißig, mutig und handwerklich geschickt waren, beim Aufbau des schönen Brasilien geholfen haben. Insbesondere im Süden des Landes, der bis dahin eine Einöde gewesen war, haben sie große Arbeit geleistet.“
Flávio Seibt (Foto: Janaína Zílio, Gazeta do Sul
Über das im Bau befindliche Museum in Ralsko wollen wir in nächster
Zeit auch in einem unserer Geschichtskapitel berichten. Sein Initiator hat
sich Inspirationen auch aus dem Museum in Venancio Aires und bei Flávio
Seibt geholt.







