Vor 25 Jahren: Wie die Stasi Frömmigkeit bei einem Begräbnis übte

Es war ein Ereignis, das man kaum vergisst - ein Begräbnis, von dem man nicht traurig nach Hause ging, sondern irgendwie ermuntert und voller Hoffnung: das Begräbnis des Dichters Jaroslav Seifert vor 25 Jahren, am 21. Januar 1986.

Begräbnis des Dichters Jaroslav SeifertBegräbnis des Dichters Jaroslav Seifert Jaroslav Seifert starb am 10. Januar 1986. In unserer weitverzweigten Familie hatte der Dichter drei große Bewunderer: meine Tante, meine Mutter und mich. Und wir durften daher auch beim Begräbnis nicht fehlen. Zur heiligen Margarethe in den Prager Břevnov, wo die Totenmesse gelesen wurde, haben wir uns entsprechend früh auf den weg gemacht. Denn es war klar, dass sich die Bestattung eines zwar nationalen, jedoch dem Regime höchst unbequemen Literaten in der Regie und unter strenger Aufsicht des Staates abspielen wird. Wir gehörten zu den Glücklicheren, denen es noch gelang, in die Basilika zu kommen. Wir standen in der Mitte zwischen den Reihen von Bänken, die voll besetzt waren - von Gläubigen, hätte man meinen können. Mit dem liturgischen Wissen vieler dieser Gläubigen war es aber schlecht bestellt, denn anstelle zu beten und den Liturgietext zu lesen, bewegten sie nur die Lippen. Das Aufstehen beim Gebet und das Wiederhinsetzen machten sie alle mit, aber erst mit einer bestimmten Verspätung: Die einander ähnlich aussehenden Männer in fast gleichen dick gefutterten Mänteln sahen sich oft um, drehten ständig den Kopf. Ab und zu winkten sie jemandem mit der Hand zu.

Kein Wunder, dass viele Leute nicht mehr in die geräumige Kirche reingepasst hatten. Nach einer genaueren Beobachtung des Publikums in den Bänken stellte ich fest, dass ein großer Teil des Publikums dienstlich da ist, mit einer höheren Mission, im Auftrag des Staates. Dabei bemühten sich einige der Stasi-Leute, die RBegräbnis des Dichters Jaroslav Seifertolle der Gläubigen so genau zu spielen, dass sie sogar manchmal auf die Knie gefallen sind. Nicht immer im richtigen Moment, aber doch. Die Versuche, die Frömmigkeit vorzutäuschen, wirkten jedoch unglaubwürdig. Und wir, die wir nicht im Staatsauftrag dort waren, haben uns darüber oft noch später amüsiert. Die Peinlichkeit dieser Bemühungen der kommunistischen Geheimdienstler hatte mir damals irgendwie Hoffnung verliehen, genauso wie das Gedicht von Seifert, das der Schauspieler Sklenčka vorlas. Als er zur Welt gekommen sei, sei ein Schmetterling durch das Fenster in den Raum hereingeflogen, schrieb darin der Dichter. Als plötzlich in einer Kirchenecke wirklich ein Schmetterling wach wurde und verwirrt über dem Altar zu fliegen begann, fingen wir alle drei, Gedichte liebenden Frauen unserer Familie an an ein Wunder zu glauben. Ein Schmetterling im Januar? Vor der Kirche begannen die Leute ganz leise die Nationalhymne zu singen. Da machten die Männer in den dicken Mänteln dann wirklich nicht mehr mit.