Feuilleton Tschau, Prag! Zeit, um Abschied zu nehmen und Bilanz zu ziehen
Wie Sie als Hörer unseres Hörerforums und Besucher unserer Internetseiten ja bereits wissen, stellt Radio Prag mit Ende Januar aus Kostengründen seine Sendungen über Kurzwelle ein. Zum gleichen Zeitpunkt geht auch meine mehr als zweieinhalbjährige Tätigkeit für den Sender zu Ende. Und damit wird auch ein vorläufiger Schlussstrich gezogen unter jene rund vier Jahre meines Lebens, die ich in der tschechischen Hauptstadt verbracht habe – als Student, Praktikant und Radioredakteur. Zeit also, um Bilanz zu ziehen über vier abwechslungsreiche Jahre und Zeit, um sich die Frage zu stellen, was ich denn so alles vermissen werde an Prag und was weniger.
Prager Panorama mit der Karlsbrücke und dem Burgviertel
Am leichtesten und zugleich am schwersten fällt einem der Abschied bei
einem Spaziergang durch die Prager Altstadt, über die Karlsbrücke, die
Kleinseite und durch das Burgviertel. Da ist einmal das überwältigende
Panorama mit seinen Dutzenden Türmen und den bunten Fassaden, das nach
all
den Jahren nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Und da ist auf
der anderen Seite die nur sehr langsam schrumpfende Ansammlung von
abstoßend hässlichen Souvenirläden, die allen erdenklichen und
unerdeklichen Ramsch feilbieten. Da sind jene Cafés und Restaurants, die
„Czech food“ und „Bohemian beer“ in zweifelhafter Qualität, mit
schlechtem Service und zu weit überhöhten Preisen feilbieten. Und da ist
das beinahe ganzjährige Geschiebe und Gedränge der Touristengruppen in
den engen Gassen, das anlässlich der alljährlich wiederkehrenden, alles
andere als romantischen Weihnachts-, Oster-, St. Martins-, Erntedank- und
Einfach-So-Zwischendurch-Märkte bedrohliche Ausmaße annimmt.
Auch in Sachen Verkehr fällt die Bilanz durchwachsen aus: Da ist auf der
einen Seite das hervorragend organisierte, zuverlässige und günstige
Netz
aus S-Bahn-, U-Bahn-, Straßenbahn-, Bus- und Schifffahrtslinien, mit
denen
man selbst in die entlegensten Winkel der Stadt kommt – 24 Stunden am
Tag, 365 Tage im Jahr. Da ist das dichte Netz an Radwegen entlang der
Moldau und in den städtischen Wäldern. Da sind aber auf der anderen
Seite
auch die chronisch verstopften Prager Straßen, die für ein manchmal nur
schwer erträgliches Maß an Lärm, Schmutz und Abgasen verantwortlich
zeichnen. Da sind jene aggressiven Lenker von dunklen Mittelklasse- und
Luxuswagen, die Fußgänger und Radfahrer als Freiwild betrachten und für
die Zebrastreifen nicht mehr als ein nettes Muster auf der Fahrbahn sind.
Und da ist die Unfähigkeit beziehungsweise der Unwillen der Stadtväter,
das Fahrrad endlich auch als Transportmittel für die täglichen Wege in
die Arbeit, in die Schule oder zum Einkaufen zu etablieren. So, wie es
in vielen europäischen Großstädten längst Alltag ist.
Besonders schmerzlich fällt der Abschied vom Prager Kulturleben aus: Eine
derartige Anzahl und Vielfalt an Programmkinos, großen, mittelgroßen,
kleinen und winzigen Theaterbühnen, Museen, Ausstellungshäusern und
Galerien hat wohl kaum eine andere mitteleuropäische Großstadt zu
bieten.
Nur eines werde ich vielleicht nicht vermissen: die ständige Frustration,
sich an einem Abend zwischen fünf, sechs spannenden Veranstaltungen
entscheiden zu müssen.
Und natürlich, wie könnte es auch anders sein, ich werde ein ganz
besonderes tschechisches Kulturgut vermissen: das Bier. Zwar gibt es
Pilsner, Budweiser und Co längst auch im Ausland zu kaufen. Aber all die
kleinen, unbekannten Marken mit ihrem unverwechselbaren Geschmack gibt es
nur hierzulande. Und natürlich schmeckt auch ein kühles Pilsner
nirgendwo
so gut, wie in einem Biergarten über den Dächern von Prag oder am Ufer
der Moldau.
Gründe genug also, um wiederzukommen. Zumindest als Tourist. Inzwischen bleibt mir nur zu sagen: Sbohem, Praho! Mach’s gut, Prag!






