Feuilleton Tschau, Prag! Zeit, um Abschied zu nehmen und Bilanz zu ziehen

08-01-2011 02:01 | Daniel Kortschak

Wie Sie als Hörer unseres Hörerforums und Besucher unserer Internetseiten ja bereits wissen, stellt Radio Prag mit Ende Januar aus Kostengründen seine Sendungen über Kurzwelle ein. Zum gleichen Zeitpunkt geht auch meine mehr als zweieinhalbjährige Tätigkeit für den Sender zu Ende. Und damit wird auch ein vorläufiger Schlussstrich gezogen unter jene rund vier Jahre meines Lebens, die ich in der tschechischen Hauptstadt verbracht habe – als Student, Praktikant und Radioredakteur. Zeit also, um Bilanz zu ziehen über vier abwechslungsreiche Jahre und Zeit, um sich die Frage zu stellen, was ich denn so alles vermissen werde an Prag und was weniger.

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Prager Panorama mit der Karlsbrücke und dem BurgviertelPrager Panorama mit der Karlsbrücke und dem Burgviertel Am leichtesten und zugleich am schwersten fällt einem der Abschied bei einem Spaziergang durch die Prager Altstadt, über die Karlsbrücke, die Kleinseite und durch das Burgviertel. Da ist einmal das überwältigende Panorama mit seinen Dutzenden Türmen und den bunten Fassaden, das nach all den Jahren nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Und da ist auf der anderen Seite die nur sehr langsam schrumpfende Ansammlung von abstoßend hässlichen Souvenirläden, die allen erdenklichen und unerdeklichen Ramsch feilbieten. Da sind jene Cafés und Restaurants, die „Czech food“ und „Bohemian beer“ in zweifelhafter Qualität, mit schlechtem Service und zu weit überhöhten Preisen feilbieten. Und da ist das beinahe ganzjährige Geschiebe und Gedränge der Touristengruppen in den engen Gassen, das anlässlich der alljährlich wiederkehrenden, alles andere als romantischen Weihnachts-, Oster-, St. Martins-, Erntedank- und Einfach-So-Zwischendurch-Märkte bedrohliche Ausmaße annimmt.

Auch in Sachen Verkehr fällt die Bilanz durchwachsen aus: Da ist auf der einen Seite das hervorragend organisierte, zuverlässige und günstige Netz aus S-Bahn-, U-Bahn-, Straßenbahn-, Bus- und Schifffahrtslinien, mit denen man selbst in die entlegensten Winkel der Stadt kommt – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Da ist das dichte Netz an Radwegen entlang der Moldau und in den städtischen Wäldern. Da sind aber auf der anderen Seite auch die chronisch verstopften Prager Straßen, die für ein manchmal nur schwer erträgliches Maß an Lärm, Schmutz und Abgasen verantwortlich zeichnen. Da sind jene aggressiven Lenker von dunklen Mittelklasse- und Luxuswagen, die Fußgänger und Radfahrer als Freiwild betrachten und für die Zebrastreifen nicht mehr als ein nettes Muster auf der Fahrbahn sind. Und da ist die Unfähigkeit beziehungsweise der Unwillen der Stadtväter, das Fahrrad endlich auch als Transportmittel für die täglichen Wege in die Arbeit, in die Schule oder zum Einkaufen zu etablieren. So, wie es in vielen europäischen Großstädten längst Alltag ist.

Besonders schmerzlich fällt der Abschied vom Prager Kulturleben aus: Eine derartige Anzahl und Vielfalt an Programmkinos, großen, mittelgroßen, kleinen und winzigen Theaterbühnen, Museen, Ausstellungshäusern und Galerien hat wohl kaum eine andere mitteleuropäische Großstadt zu bieten. Nur eines werde ich vielleicht nicht vermissen: die ständige Frustration, sich an einem Abend zwischen fünf, sechs spannenden Veranstaltungen entscheiden zu müssen.

Und natürlich, wie könnte es auch anders sein, ich werde ein ganz besonderes tschechisches Kulturgut vermissen: das Bier. Zwar gibt es Pilsner, Budweiser und Co längst auch im Ausland zu kaufen. Aber all die kleinen, unbekannten Marken mit ihrem unverwechselbaren Geschmack gibt es nur hierzulande. Und natürlich schmeckt auch ein kühles Pilsner nirgendwo so gut, wie in einem Biergarten über den Dächern von Prag oder am Ufer der Moldau.

Gründe genug also, um wiederzukommen. Zumindest als Tourist. Inzwischen bleibt mir nur zu sagen: Sbohem, Praho! Mach’s gut, Prag!

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