Feuilleton Sternminuten der Hinterbänkler

27-01-2007 | Martina Schneibergová

Download: MP3

"Mama, Papa, morgen bin ich endlich im Fernsehen! Guckt euch das an, und sagt auch der Oma, sie soll aufpassen, wie ich es der Möchtegernregierung zeigen werde!" Eine solche Nachricht erhielten wahrscheinlich die nächsten Verwandten vieler tschechischer Parlamentarier kurz vor der mit Spannung erwarteten Vertrauensabstimmung, die sich am 19. Januar im Prager Abgeordnetenhaus abspielte. Die erwähnte Nachricht wird es wohl in verschiedenen Varianten gegeben haben - entsprechend dem Alter der oder des Abgeordneten und der Größe des Verwandten- und Bekanntenkreises. Denn der eigentlichen Abstimmung ging wie üblich eine Debatte voraus - in voller Länge live übertragen vom Tschechischen Fernsehen. Die Gelegenheit, mal im Rampenlicht zu stehen, wollten recht viele Parlamentarier nicht verpassen.

Es war zu erwarten, dass sich einige der alten politischen Profis aus den Oppositionsreihen zu Wort melden werden. In ihren erzkritischen Erklärungen war wenigstens hie und da ein witziger Spruch zu hören. Für die Verlängerung der so genannten Debatte auf mehr als zehn Stunden sorgten jedoch nicht die alten Hasen der Politszene, sondern die unzähligen Abgeordneten, von denen bislang niemand gehört hat und von denen man wohl auch in Zukunft nichts mehr hören wird. Denn sie haben die Chance erkannt, ihre Sternstunde oder zumindest einige Sternminuten vor den laufenden Kameras zu erleben. Es dürfte kaum Zuschauer geben, die imstande waren, die elfstündige Polit-Show ununterbrochen zu verfolgen. Eine Ausnahme bilden vielleicht eben die oben erwähnten Verwandten all der oft miserablen Rednerinnen und Redner. Denn sie warteten darauf, bis ihr Jirka oder ihre Kacenka an die Reihe kommen, und schön alles runterleiern, was sie da auf dem Papier stehen haben. Für den außen stehenden Durchschnittsbürger oder -zuschauer war das wenn nicht peinlich, so doch zumindest höchst langweilig. Bevor all diese Nebenrollendarsteller in der Polit-Show wieder einmal eine Chance bekommen, sich vor den Kameras zu präsentieren, sollten sie ein wenig üben - vielleicht auch einen Sketch oder ein Kabarettlied lernen - denn so etwas würde die erschöpften Zuschauer wachrütteln. Wird jemand aber ein solches Fernsehopus das nächste Mal noch sehen wollen?

Artikel bookmarken

Nicht verpassen

Ähnliche Artikel

mehr...

Rubrikenarchiv

mehr...

Aktuelle Sendung in Deutsch